Mittwoch, 01. Februar 2023

Hélène Cixous: "Gespräch mit dem Esel"
Schreiben gegen die Machtworte

Hélène Cixous schreibt feministisch gegen die Sprache des Patriarchats an, aber auch gegen die Festlegungen, die den Gebrauch von Sprache, Begriffen und Zuschreibungen bestimmen. Wie sie das tut, erklärt sie in ihrem Essay "Gespräch mit dem Esel".

Von Eberhard Falcke | 16.01.2023

Hélène Cixous: „Gespräch mit dem Esel“
In „Gespräch mit dem Esel“ kann man Hélène Cixous und ihre Kommentatorinnen in trauter Gemeinschaft kennenlernen. (Buchcover: Sonderzahl Verlag, Hintergrund: Gerda Bergs)
Wenn Hélène Cixous erzählt, dann werden zugleich ihre theoretischen Überlegungen zur Sprache und zum Schreiben vernehmbar. Und wenn sie theoretisiert, dann löst sie starre Begrifflichkeiten und Schlussfolgerungen am liebsten in flüssigere, bildhaft erzählerische Darlegungen auf. Cixous schreibt anders als in Philosophie und schöner Literatur gemeinhin üblich. Genau das ist ihr poetisch-philosophisches Ziel und ihr emanzipatorisches Projekt. Dafür ist sie berühmt, darum hat sie nicht nur ein Publikum, sondern eine Gemeinde. Dieser ist es zu verdanken, dass nun in einer schönen Neuausgabe ein Essay wieder erhältlich ist, der trotz seiner Kürze als ein Schlüsselwerk für das Denken und Schreiben von Hélène Cixous gelten kann. Er trägt den Titel "Gespräch mit dem Esel. Blind schreiben". Dort heißt es:
"Ich will unsere unterirdische Seele malen. Es gibt schon Wörter. Aber noch keine Eigennamen. Das ist der Grund warum meine Bücher ohne Titel sind. Einen Titel setzen kommt einer Geste des Besitzergreifens gleich. Die Bücher deren Schreiberin ich bin gehören aller Welt."

Den Pulsschlag des Lebens aufschreiben

Cixous will den nicht zuletzt patriarchalisch geprägten Diskurs mit seinen festgelegten Bezeichnungen und Zuschreibungen durch eine andere Schreibweise unterlaufen. Sie nennt das eine "Schreibweise des Körpers", weil dabei sinnliche Wahrnehmungen ebenso wichtig sind wie die unberechenbare Wechselhaftigkeit des Lebens oder der offene Austausch mit den beschriebenen Anderen, seien es Menschen, Tiere oder weltliche Gegebenheiten. Daher der Untertitel "Blind schreiben", weil dabei der Blick nicht vom Offensichtlichen gefangen genommen wird, sondern sich frei dem Entdecken, Erspüren und Erkunden des bislang noch Unausgesprochenen widmen kann. Wie alle, die sich gegen etablierte Sichtweisen stellen, verfolgt Hélène Cixous hohe Ansprüche. Das Schreiben, wie sie es sich wünscht, soll so beweglich und geschwind sein wie die Szenen und Ereignisse des Lebens, von denen sie sagt: 
"Wenn man sie nicht in dem Moment einfängt wo sie passieren, sind diese Pulsschläge für immer verloren. In dem Augenblick wo sie uns beim Passieren streifen, pfeifen sie uns in den Ohren, wecken sie in uns wenn sie an die Türen unserer Sinne klopfen, an unsere Ohren, an unsere Nasenflügel, noch nie geformte Gedanken."

Nicht abschreiben, sondern erfinden und forschen

Auf nie geformte Gedanken verweist auch der Titel des Essays "Gespräch mit dem Esel". Denn von einem solchen Gespräch zwischen Abraham und seinem Esel, als der Stammvater Israels sich anschickt auf Gottes Geheiß seinen Sohn Isaak zu opfern, steht in der Bibel kein Wort. Trotzdem wäre es denkbar: Die dramatische Situation gäbe dafür genug Anlass, jedenfalls dann, wenn man die Tiere wie Cixous und ihr Lebensfreund Jacques Derrida als gleichwertige Gegenüber anerkennt.
"Die Freiheit die sich mein Buch gibt ist nicht unsinnig. Sie macht das Recht auf Erfindung, auf Forschung geltend. Man forscht nur nach dem was noch niemand gefunden hat, was aber dennoch existiert. Gott steht für alle Namen die noch nie erfunden worden sind. Gott ist das Synonym."
In solchen Worten zeigt sich, wie sich bei Cixous die kritische Dekonstruktion geläufiger Ordnungen mit einer Neigung zur Mystik verbindet, die allerdings, wie die Philosophin betont, mit Religionen nichts im Sinn hat.

Die Prophetin und ihre Gefolgschaft

Weit über die Hälfte des vorliegenden Bandes füllt ein umfangreicher Anhang, dessen Anmerkungen und Beiträge die Herausgeberinnen jedoch als "Supplemente" bezeichnen. Damit wollen sie wohl zu verstehen geben, dass hier die Gedanken von Cixous weitergeschrieben werden. So wirken die Texte auch, sowohl die erklärenden Anmerkungen der Übersetzerin Claudia Simma als auch die vielteiligen essayistischen Ausführungen von Esther Hutfless, Elisabeth Schäfer und Gertrud Postl. Verbindungen zu der kulturell-geistigen Welt außerhalb des Cixous-Kosmos werden aber kaum hergestellt. Die Kommentatorinnen kreisen in engen Bahnen um ihr Idol. Dennoch und ein bisschen auch deshalb ist das ein gelungenes Buch. Denn man kann hier eine faszinierende Denkerin und ihre Gefolgschaft zugleich in trauter Gemeinschaft kennenlernen. 
Hélène Cixous: "Gespräch mit dem Esel. Blind schreiben"
Aus dem Französischen von Claudia Simma
Mit Supplementen versehen von Esther Hutfless und Elisabeth Schäfer
Sonderzahl Verlag, Wien. 128 Seiten, 18 Euro.