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Hellhöriger Ozean

Umwelt. - Ein Teil der gewaltigen Kohlendioxid-Mengen, die die Menschheit in die Atmosphäre bläst, landet in den Weltmeeren – und macht sie immer saurer: Muscheln und Korallen könnten in Scharen sterben. Außerdem kann sich Schall in einem übersäuerten Ozean deutlich besser ausbreiten - mit fatalen Folgen.

Von Frank Grotelüschen | 13.01.2009

Der Gesang der Buckelwale. Für die Gestressten unter uns eine wohltuende Klangtapete auf CD, um die Nerven zu beruhigen. Für die Tiere selbst aber sind die Gesänge überlebenswichtig. Denn sie dienen der Kommunikation. Wale orientieren sich mit Hilfe von Schall, und die Töne helfen ihnen bei der Suche nach Geschlechtspartnern. Das Faszinierende: Schall pflanzt sich unter Wasser viel besser fort als in der Atmosphäre. Bis zu 3500 Kilometer weit können die ultratiefen Töne eines Blauwals durch den Ozean dringen. Doch die akustische Welt der Meeressäuger wird sich dramatisch verändern. Das jedenfalls glaubt Keith Hester, Chemiker am Forschungsinstitut des Monterey Bay Aquariums in Kalifornien.

"Wie sich Schall grundsätzlich im Ozean fortpflanzt, weiß man bereits von Experimenten aus den 60er und 70er Jahren. Im Laufe der 90er Jahre wurden dann systematisch die pH-Werte in den Weltmeeren gemessen. Diese beiden Datensätze haben wir nun miteinander kombiniert. Und dann haben wir ausgerechnet, wie sich ein sinkender pH-Wert auf die Schallausbreitung im Ozean auswirkt."

Der pH-Wert – man kennt ihn aus der Schule – gibt an, wie sauer eine Flüssigkeit ist. "pH 0" steht für eine ätzende Säure, pH 14 für eine starke Lauge. Die Mitte, also "pH 7" ist neutral. Gewöhnliches Meerwasser besitzt einen pH-Wert von etwa 8,1. Der Mensch bläst nun immer mehr Kohlendioxid in die Atmosphäre. Ein Teil davon landet in den Weltmeeren und wird zu Kohlensäure. Und das bedeutet: Der Ozean wird immer saurer. Und je saurer das Wasser, umso weiter dringt der Schall in ihm vor, sagt Hester.

"Im Ozean sind lauter Salze gelöst. Auf diese Salze trifft der Schall, der durchs Wasser eilt. Unter den Salzteilchen befinden sich auch Bor-Salze, und die haben die Eigenschaft, den Schall zu filtern. Nur: Wenn der Ozean immer saurer wird, ändern sich Konzentration und Zusammensetzung der Bor-Salze, und sie können den Schall nicht mehr so stark filtern. Also kommen die Schallwellen deutlich weiter."

Besonders gilt das für mittlere und tiefe Frequenzen unterhalb von 3000 Hertz – also für jenen Bereich, in dem Meeressäuger miteinander kommunizieren. Schon heute dürfte der Ozean saurer sein als noch vor 100 Jahren – und seine Schall-Leitfähigkeit wird um zehn Prozent gestiegen sein, meint Hester. Noch viel drastischer werde es in 40 Jahren aussehen:

"Der Weltklimarat der Vereinten Nationen schätzt, dass bis 2050 der pH-Wert in den Weltmeeren um mindestens 0,3 gesunken sein wird. Setzt man diesen Wert in unsere Gleichungen ein, kommt heraus, dass die Schallwellen im Jahre 2050 um bis zu 70 Prozent weiter durchs Wasser reisen werden als heute."

Der Lockruf eines Blauwals würde also nicht 3500 Kilometer weit durch die Ozeane schallen, sondern bis zu 6000 Kilometer. Aber auch andere Töne werden deutlich weiter kommen – menschgemachte Töne: Die Geräusche von militärischen Sonar-Geräten. Die Unterwasser-Explosionen bei der Erdöl-Suche. Die Sensortöne für die Ausmessung des Meeresbodens.

"Wenn sich der Schall besser ausbreiten kann, bedeutet das zwangsläufig, dass der Lärmpegel im Ozean steigt. Das heißt: wahrscheinlich werden die Weltmeere hellhöriger. Und zuviel Lärm ist schädlich für Meeressäuger."

Schon heute gehen Experten davon aus, dass manche Wale stranden, weil sie in einem lauten, von menschlichen Geräuschen überfrachteten Ozean die akustische Orientierung verlieren. Und behält Keith Hester Recht, wird der menschgemachte Meereslärm künftig noch mehr Opfer fordern.