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StartseiteKultur heuteNicht mehr Ich sein07.06.2019

Hermann Hesses "Siddhartha" am Schauspiel FrankfurtNicht mehr Ich sein

Hermann Hesses Roman "Siddhartha" gehört, fast hundert Jahre nach seinem Erscheinen, längst zu den meistgelesenen Texten des 20. Jahrhunderts. Taugt der Text über die ewige Suche nach sich selbst aber heute noch für die Bühne? Regisseurin Lisa Nielebock hat das in Frankfurt ausprobiert.

Von Christian Gampert

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"Siddhartha" am Schauspiel Frankfurt (Schauspiel Frankfurt / Robert Schittko)
Hermann Hesses "Siddhartha" in der Regie von Lisa Nielebock am Schauspiel Frankfurt (Schauspiel Frankfurt / Robert Schittko)
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Die einen lasen Marx und Brecht, die anderen C.G.Jung und Hermann Hesse. Manche lasen auch beides. Aber diese Fraktionen, die sich während der APO-Zeit bildeten, waren Antipoden: Gesellschaftsveränderung oder Selbstsuche, das war die Frage. Insofern ist es ein erstaunliches Symptom, das mitten in der gesellschaftlichen Krise nun allerorten Texte von Hermann Hesse aus den Schubladen gezogen werden. Überall der "Steppenwolf", in Frankfurt nun "Siddhartha". Ausgerechnet Hesse soll uns den Weg weisen aus den Wirrnissen der Globalisierung?

Die Regisseurin Lisa Nielebock geht mit dem Text sehr sorgfältig um, konzentriert sich aufs Wesentliche, treibt ihm über weite Strecken sogar sehr energisch das Hohltönende aus. Ihre Siddhartha-Darstellerin Jana Schulz ist eine knabenhafte Frau, ein weiblicher Jüngling, wissbegierig und abwartend und dann wieder hibbelig und trotzig: eine ganz heutige Figur. Schulz trägt auf der Suche nach Erleuchtung einen knallgelben Kapuzenpulli, Laufschuhe und, wie die Sannyasin der 70er Jahre, eine orangene weite Hose.

Bevor die Seele die Flügel ausbreitet

Siddhartha möchte "leer werden" von Freude und Leid, "nicht mehr Ich sein", aufgehen im "entselbsteten Denken". Auf ihrer Fahrt zur Erlösung wird Jana Schulz ihren Freund Govinda anpacken wie eine liebevolle Ringkämpferin, die Kurtisane Kamala schüchtern beschnüffeln wie ein junger Hund. Sie wird in erotischen Leidenschaften hin- und hergeschleudert werden und mit ihrem Sohn kämpfen und ihn schlagen. Es ist ein weiter Weg, den die grandiose Jana Schulz mit ihren vier Schauspielerkollegen in Frankfurt zurücklegt: ein Bildungsroman, eine klassische Katharsis, bevor die Seele weit ihre Flügel ausbreitet – oder jedenfalls ein bisschen.

Und Lisa Nielebock zieht das alles ganz weit weg vom alten Indien, von religiöser Emphase, von Selbstbetroffenheit. Die Figuren stehen ohne jedes Requisit in einem sich nach hinten verengenden, dunklen Tunnel: ein abstrakter Schlund, gegen dessen Wände die Schauspieler bisweilen anrennen und der am Ende ganz leicht aufgeht und den Blick freigibt. Nicht ins Offene, aber immerhin auf die Brandmauern des Theaters, auf die Realität.

Aber: Obwohl Hesse die richtigen Fragen stellt, sind seine sprachlichen Mittel begrenzt und haben einen starken Hang zum Kitschigen. Das ist im ersten Teil der Inszenierung noch nicht so auffällig, weil Nielebock hier das Tempo völlig herausnimmt und die Figuren erst einmal ganz meditativ um sich selbst kreisen lässt. Nach dem Aufenthalt in der Asketenschule der Samanas wird Siddhartha klar, dass man das richtige Leben nicht durch Wissen erlangen kann, dass man den eigenen Weg suchen muss. Jana Schulz kämpft sich nun durch erotische Verführungen, was im Zusammenspiel mit der Kamala (der großartigen Anna Kubin) immer noch etwas zärtlich Verspieltes hat. Dann, in der Geschäftswelt und in der Auseinandersetzung mit dem Sohn, wird es körperlich roher, oft aber auch pseudophilosophisch und geschwätzig.

Auf Sprache und Körper reduziertes Spiel

Jana Schulz mit ihrem kindlich-jungenhaften Fordern und Drängen trägt die Aufführung. Aber je länger man dem von der Regisseurin radikal entschlackten, auf Sprache und Körper reduzierten Spiel zusieht, desto mehr stellt sich auf der Bühne – leider – die Stimmung eines Selbstfindungs-Workshops ein, einer theatralischen Vor-Übung für etwas Größeres, das dann aber gar nicht stattfindet. Gerade weil die Aufführung selber etwas Asketisches hat, riecht man irgendwann dann doch – im übertragenen Sinn – die Räucherstäbchen und hört sehr deutlich Hesses Kalendersprüche und Allerweltsweisheiten.

Der Witz ist ja, dass Hesse mit seinem Wunsch nach der Überwindung des Ich, hinein in eine "Weltseele", etwas vorwegnahm, das die postmoderne Philosophie später – negativ – als Auflösung des Ich beschrieben hat. Beide Ansätze führen, im Sinne eines denkbaren gesellschaftlichen Fortschritts, nicht sehr weit. Auf der Bühne allerdings auch nicht.

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