Mittwoch, 05. Oktober 2022

Held oder Antagonist
Welche Rolle Sportidole im Krieg spielen

Vitali Klitschko in der Ukraine oder die russischen Eishockey-Mannschaften von Ska Neftyanik und Moscow Dynamo: Sport-Idole werden in Kriegen auch als Propagandamittel eingesetzt. Entweder für die Heroisierung oder in der Rolle des Antagonisten. Zu den aktuellen Bildern gibt es viele historische Parallelen.

Von Jessica Sturmberg | 20.03.2022

Ein Wandgemälde von den Klitschko-Brüdern in Danzig.
Ein Wandgemälde von den Klitschko-Brüdern in Danzig. (IMAGO/ZUMA Wire)
Der frühere Boxer und heutige Bürgermeister von Kiew, Vitali Klitschko, im Stahlhelm und mit Uniform oder der ukrainische Biathlet Dmytro Pidruchnyi, der ein Bild von sich in Kriegsmontur postet: Es sind Bilder, die aus den Sportlern heroische Kämpfer machen, denen die Verteidigung des Heimatlandes jetzt wichtiger ist. Diese Bilder entfalten eine große Wirkung auf die Betrachter, sie erzählen den Weg vom sportlichen Wett- zum heroischen Überlebenskampf.

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Bei Sporthistoriker Diethelm Blecking von der Universität Freiburg haben diese Bilder sofort eines ausgelöst: "Ich hatte meinen Klitschko-Moment", der darin bestand, dass ihm ein dicker Bildband aus Polen vom Warschauer Aufstand 1944 wieder ins Gedächtnis gerufen wurde. Bilder von den Menschen, die in einem aussichtslosen Kampf ihre Stadt von den Nazis befreien wollten, noch bevor die rote Armee vorrückte. "In dieser Phase wurde Warschau innerhalb von zwei Monaten fast völlig zerstört. Die Bilder von Warschau erinnern mich teilweise an das, was ich jetzt in Kiew sehe." 

Olympionike als Fotograf

Das Besondere an dem Bildband: "Es war ein Olympionike, ebenfalls mit Stahlhelm und in Uniform, der die Bilder gemacht hatte: Eugeniusz Lokajski. "Eugeniusz Lokajski war Olympiakämpfer 1936 bei den Spielen in Berlin und zwar im Speerwerfen. Er landete auf dem 7. Platz. Er trat verletzt an. Er trat in einer Disziplin an, die der Deutsche Gerhard Stöck gewonnen hat, quasi eine riefenstahlsche Ikone."
Rennende Aufständische während der Straßenkämpfe des Aufstandes der Heimatarmee in Warschau 1944.
Rennende Aufständische während der Straßenkämpfe des Aufstandes der Heimatarmee in Warschau 1944.
Mit der Kamera in der Hand
Vor siebzig Jahren endete der Warschauer Aufstand. 63 Tage konnten polnische Kämpfer ihre Stadt gegen die Übermacht der Nazis verteidigen. Danach wurde Warschau dem Erdboden gleichgemacht. Dass viele Sportler mitgekämpft haben, blieb meist unerwähnt.
Lokajski war nach den Spielen zunächst Sportlehrer. Als der Krieg zu ihm kam, hat er sich dem Widerstand in Warschau angeschlossen.
"Er wurde der Fotograf des Warschauer Aufstandes. Er hat hunderte von Fotos gemacht. Er hat den Aufstand dokumentiert. Es heißt, dass er umgekommen ist, als er dabei war, neue Filme zu besorgen. Lokajski ist ein polnischer Held, weil er für eine gute Sache, für einen gerechten Krieg gefochten hat. Man kennt ihn in Deutschland kaum."
Der Speerwerfer Eugeniusz Lokajski wurde zum Fotograf des Warschauer Aufstandes.
Der Speerwerfer Eugeniusz Lokajski wurde zum Fotograf des Warschauer Aufstandes. (privat)

"21 Olympiakämpfer von 1936 ums Leben gekommen"

Ebenso wenig ist bekannt über die weiteren Athleten, die noch wenige Jahre zuvor in Berlin von der deutschen Führung zu den Olympischen Propagandaspielen eingeladen waren und in diesem Krieg der Deutschen nun ihr Leben verloren.
"Allein 21 Olympiakämpfer von 1936 sind während dieses Krieges im Kontext Auschwitz, in Kontext Lagern, im Kontext Widerstand, im Kontext Kampf ums Leben gekommen, gefallen, ermordet worden. 25 Olympiakämpfer von Los Angeles 1932, über 250 Fußballer sind im Warschauer Aufstand getötet worden", erzählt Historiker Blecking.
Die Botschaft, die von den Bildern der Sportler in Uniform ausgeht: Sogar diese berühmten Idole reihen sich in das Heer ein zu Gunsten eines gemeinsamen Ziels, statt weiter dem persönlichen Ruhm auf dem sportlichen Podest hinterherzujagen.
Und sie lösen Respekt und Mitgefühl aus.

Nachlässe nur Puzzleteile in einem großem Bild

Doch sind das auch immer die Guten? Weder können die Bilder das aufdecken, was sich tatsächlich immer überall zugetragen hat beziehungsweise zuträgt, noch ist gewährleistet, dass Nachlässe es später verraten. Sie sind oft nur Puzzleteile in einem großen Bild, das lückenhaft bleibt.
Außerdem hat jede Zeit ihre eigene Ästhetik, die es einzuordnen gilt. Prominentestes Beispiel ist die Filmregisseurin und Kamerafrau Leni Riefenstahl in Diensten der nationalsozialistischen Propaganda. Sie prägte die im Dritten Reich innovative Darstellung von wohlgeformten und durchtrainierten Körpern, fotografierte sie aus der Bewegung und oft von unten – als damals modernes und bewusst gewähltes Stilmittel.

Riefenstahl hat Nachlass "selber bereinigt"

Annette Vowinkel ist Historikern an der HU Berlin Außerdem ist sie Mitglied im Beirat für den Nachlass von Leni Riefenstahl. Sie erklärt warum dieser mit Vorsicht zu bewerten sei, "weil sie ihn selber bereinigt hat. Sie hat offensichtlich recht gezielt herausgenommen, zum Beispiel Briefe von Hitler oder an Hitler. Vieles davon ist nicht mehr da. Um das Bild, was von ihr überliefert wird, selbst mitzugestalten. Dieser Nachlass ist ein Produkt von Leni Riefenstahl.!
Anna-Lena Forster bei der Para-Ski-Alpin-Abfahrt der Damen in Peking.
Anna-Lena Forster bei der Para-Ski-Alpin-Abfahrt der Damen in Peking.
"Ein Signal für die Ukraine"
Gerd Schönfelder muss sich seit neuestem den Rekord für die meisten Medaillen bei Winter-Paralympics teilen. Das stört ihn wenig. Erfreut zeigt er sich im Dlf über die starke Medaillen-Ausbeute ukrainischer Sportlerinnen und Sportler.
Und gleichermaßen wichtig wie heikel für die Forschung: "Das alles einzufangen und so zu kontextualisieren, dass man nicht selber in den Verdacht kommt, die faschistische Propaganda fortzuschreiben und andererseits das Zeug auch nicht wegzuschließen – diese Gratwanderung ist die ganz große Herausforderung."
Und das ist längst nicht mehr eine wissenschaftliche Aufgabe, die sich allein mit einer vergangenen Zeit beschäftigt, die abgeschlossen und nur noch etwas für die Geschichtsbücher ist.

Sportidole: Kriegspropaganda auf beiden Seiten

Sportidole damals wie heute werden auf beiden Seiten in die Kriegspropaganda einbezogen, aus Russland etwa die Eishockey-Mannschaften von Ska Neftyanik und Moscow Dynamo oder zahlreiche russische Judoka, Turner, die sich aufstellen, dass sie alle zusammen das Z bilden oder das Z auf der Brust tragen als Zeichen dafür, dass sie den russischen Krieg unterstützen.
Es gibt zu den aktuellen Bildern viele historische Parallelen. Beispielsweise erinnert das Einlaufen der ukrainischen Mannschaft bei den Paralympics mit dem besonderen Beifall an die Spiele in Melbourne 1956, als die Ungarn ins Stadion einliefen und damals auch besonderen Applaus bekamen, weil kurz zuvor sowjetische Panzer den Aufstand in Budapest blutig niedergeschlagen hatten.
Die ungarische Mannschaft läuft 1956 bei den Spielen in Melbourne ein.
Die ungarische Mannschaft läuft 1956 bei den Spielen in Melbourne ein. (imago sportfotodienst)
Der Unterschied damals: Die Sowjetunion war in Melbourne dabei und es gab Aufeinandertreffen sowjetischer und ungarischer Sportler. In besonderer Erinnerung bleibt das berühmte Wasserballspiel, das zu einer blutigen Schlacht wurde, erzählt Historikerin Jutta Braun, „bei dem sich aufgrund der Brutalität das Wasser rot färbte. Wir sehen den Ungarn Ervin Zádor, dem ein sowjetischer Sportler eine Wunde zugefügt hatte im heftigen Kampf, der damals eine politische Konnotation hatte. Die Ungarn gewannen das Spiel gegen die Sowjetunion damals mit 4:0. Es wurde zu einem Symbol des Widerstands. Tatsächlich unterlagen die Ungarn ihren sowjetischen Besatzern.“

Sportler-Biographien von Besatzern aus Archiven ausgeschlossen

Für viele Athletinnen und Athleten ging ihr Einsatz in den Kriegen, Krisen und Konflikten nicht gut aus. Neben den Gefallenen gab es auch viele, deren Biographien von den Besatzern aus den Archiven gelöscht wurden. Oder, wenn sie sich aus Sicht der Besatzer für die falsche Seite entschieden hatten, ausgeschlossen wurden. Wie Fünfkämpfer Gabor Benedek, der nach der Heimkehr aus Melbourne von den Spielen 1956 nie wieder in den Leistungssport zurückkehren durfte, wie er vor einigen Jahren dem DLF erzählte: „Die Verfolgung nachher saß tief, auch die besten Freunde haben nicht gewagt in Verbindung zu kommen.“
Weil er in Melbourne vorgeschlagen hatte, den sowjetischen Sportlern nicht die Hand zu schütteln. Die Niederlande, Spanien und die Schweiz boykottierten damals die Spiele. 1980 nach dem Einmarsch der Sowjets in Afghanistan boykottierten Deutschland, USA, Kanada, Norwegen, die Türkei und 15 weitere Nato-Staaten die Spiele in Moskau. Viele fuhren aber hin. Anders als beim Ausschluss der Russen jetzt in Peking, waren es knappe Entscheidungen gewesen. Der große Unterschied zu allen Boykotten zuvor ist jetzt die weitgehende Einmütigkeit.