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StartseiteKalenderblattHerr der Dämonen20.08.2009

Herr der Dämonen

Vor 50 Jahren starb der Zeichner Alfred Kubin

Alfred Kubin stilisierte sich selbst zum Visionär und er tat es so gründlich und glaubhaft, dass diese Rolle zu seiner Identität wurde. Der weltweite Erfolg des Zeichners und die Anerkennung seiner Kollegen gaben dem Außenseiter Recht.

Von Carmela Thiele

Herr der Dämonen (Stock.XCHNG / George Crux)
Herr der Dämonen (Stock.XCHNG / George Crux)

"Ich war wie in einem Sturzbad von Einfällen, wie ich dieses Buch geschrieben hab'. Ich war körperlich herunter, meine Hände haben gezittert, aber schreiben konnte ich noch, zur Not, dass sich die Dinge, die Visionen, gehalten haben und - daraus entstand 'Die andere Seite'."

Noch als 75-jähriger erinnert sich Alfred Kubin an den Schaffensrausch, in dem sein fantastischer Roman "Die andere Seite" entstand. Das 1909 erschienene, von ihm selbst illustrierte Buch beeinflusste unter anderem Franz Kafka. Bis heute gehört die vielschichtige Fabel zur Weltliteratur. Die Geschichte eines Zeichners, der mit seiner Frau in ein rätselhaftes Traumreich reist und dort drei grauenvolle Jahre verbringt, versinnbildlicht zahlreiche Motive der literarischen Dekadenz der Jahrhundertwende: Leben als stetes Sterben, anstelle von Moral und Vernunft regieren Stimmungen, Empfindungen, dunkle Mächte des Verfalls.

"Stürzen wir nicht fortwährend?"

… fragte Friedrich Nietzsche, das große philosophische Vorbild des jungen Alfred Kubin. Der Zeichner mit literarischen Ambitionen personifizierte dieses Lebensgefühl wie kein anderer. Der Kunsthistoriker Gustav Friedrich Hartlaub erinnert sich:

"Sie müssen bedenken, 1898 kam er nach München. Fast im selben Jahr erschien Haeckels 'Welträtsel', das Dokument des Materialismus. Und im selben Jahr tauchte in München-Schwabing der Künstler der dunklen Hintergründe, der Künstler der Mystik und Magie, des Okkulten und des Verborgenen Tiefen des Seins auf mit all seinen gespenstischen und unheimlichen Eigenschaften. Das war Alfred Kubin. Dafür ist er berühmt geworden."

Über den Dichter Max Dauthendey wird damals der Kritiker Franz Blei auf den aus Österreich stammenden Künstler aufmerksam. Er beschreibt Kubin als:

" ... schmächtigen, immer schwarz gekleideten Jüngling mit blassem Knabengesicht, das sich zur Verdüsterung ein bisschen anstrengte und scheu tat wie ein junger Wolf, den man aus einer Grube ans Licht gezogen hat."

Schon kurz nach seiner Ankunft in München erlebte Kubin einen ersten "Sturz der Visionen", wie er in seiner Selbstbiografie berichtet. Schwankend zwischen Niedergeschlagenheit und Euphorie, zieht er aus der Beschäftigung mit Blättern von Max Klinger, James Ensor und Odilon Redon Mut zu eigenem Schaffen. Hunderte von düsteren Traumbildern bringt er zu Papier, die das kunstinteressierte Publikum zunächst verstörten.
Niemand konnte wissen, dass Kubins Apokalypsen Wirklichkeit werden sollten: So strömt auf einem Blatt von 1901 eine Kolonne nackter Menschen bereitwillig in das offene Maul eines riesigen Welses. Nur 13 Jahre später melden sich junge Männer freiwillig für den Ersten Weltkrieg, dessen rücksichtslose Materialschlachten ihr sicheres Verderben sein werden. Kubin erzählte in Bildern, lange blieb er ein Dichter ohne Buch:

"Wenn ich schon als guter Erzähler – mein Vater war schon ein guter Erzähler – für manche gelten mag: Ich weiß ganz genau, wo die Nachteile sind. Ich war ja niemals in dem Sinne ein Schriftsteller oder Dichter. Ich bin eine Naturbegabung gewissermaßen."

Jeglicher Zurichtung im klassisch-humanistischen Sinne widersetzte sich der 1877 in Leitmeritz, Böhmen geborene Knabe. Der Junge, der im Alter von zehn Jahren seine Mutter verloren hatte, scheiterte im Salzburger Gymnasium, dann in der dortigen staatlichen Gewerbeschule, und wurde in Klagenfurt in eine Fotografenlehre gezwungen. In München nahm er privaten Zeichenunterricht, die Malerakademie besuchte er dagegen nur auf Wunsch des Vaters und das nur sporadisch.

"Planlos werden die Sachen. Ich weiß es selbst nicht. Aber wenn ich dann eine Arbeit hab', so spinn ich daran fort, wissen Sie, dann werden die Ränder gezeichnet, dann nehm ich ein zweites Buch ... und da entstehen dann Kompositionen, die mich selbst heute überraschen."

Alfred Kubin stilisierte sich selbst zum Visionär und er tat es so gründlich und glaubhaft, dass diese Rolle zu seiner Identität wurde. Dabei erfüllte er Nietzsches Ideal des "tragischen Künstlers", der das Böse und Schreckliche ahnt und auch gestaltet, ohne Rücksicht auf sich und das Publikum. Der Einzelgänger erfand eine furiose Federzeichentechnik, in der er bis zu 140 Bücher illustrierte, unter anderem Werke von Edgar Allen Poe, E.T.A. Hoffmann und Fjodor Dostojewski. Mit zahlreichen Künstlern und Dichtern korrespondierte er über Jahrzehnte von Zwickledt aus, einem kleinen Landsitz am Inn. Dort lebte er von 1906 bis zu seinem Tode am 20. August 1959 über ein halbes Jahrhundert - abgesondert von der Welt und verehrt als "Herr der Dämonen".

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