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StartseiteHintergrundEin kleines Land startet durch01.04.2018

High Tech in IsraelEin kleines Land startet durch

In keinem anderen Staat der Welt gibt es - gemessen an der Einwohnerzahl - so viele Start-Ups wie in Israel. Zentrum ist die Region Tel Aviv. Die Gründer erklären ihren Erfolg damit, dass der Staat Israel noch jung sei und die Menschen hier sowieso ständig improvisieren müssten.

Von Benjamin Hammer

Ein Mann trägt eine VR-Brille in Jerusalem (imago/UPI Photo)
Mit Optimismus und Innovationsgeist: Israels Tech-Branche boomt (imago/UPI Photo)
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Start-up aus Israel Wie Autos vor Hacking geschützt werden können

Ein weißer Geländewagen fährt durch den Norden von Tel Aviv. Die Bedingungen auf den Straßen: Perfekt, die Sonne scheint. Doch plötzlich spielt das Auto verrückt. Der Blinker wird gesetzt, die Heizung bläst mit voller Kraft. Und dann fallen auch noch die Bremsen aus. Der Wagen rollt unkontrolliert auf einen Zaun zu. 

Auf all diese Ereignisse hatte der Fahrer keinen Einfluss. Das Auto wurde gehackt. Auf dem Beifahrersitz sitzt eine Mitarbeiterin des israelischen Start-Ups Argus. Mit ihrem Laptop ist sie tief in die Systeme des Geländewagens eingedrungen. Wäre das hier kein Test sondern der Hack eines Kriminellen, könnte die Fahrt tödlich enden.

In Israel gibt es, gemessen an der Bevölkerungszahl so viele Firmengründer, wie an keinem anderen Ort der Welt. Israel schlägt in der Statistik sogar das Silicon Valley in Kalifornien. Argus ist eines von tausenden Startups in Israel. Das Unternehmen aus Tel Aviv will Autokonzernen dabei helfen, ihre Fahrzeuge vor Cyber-Angriffen zu schützen. Yoni Heilbronn ist der Marketingchef des Unternehmens. 

"Stellen Sie sich vor, dass Sie sich auf der Autobahn befinden und plötzlich wird das Auto bis zum Stillstand abgebremst. Ohne, dass Sie das wollen. Das ist nicht nur furchteinflößend, sondern auch sehr gefährlich."

Das Unternehmen mischt auf einem Milliarden-Markt mit. Millionen Autos sind durch Cyber-Angriffe bedroht. Argus verspricht, die Angriffe zu analysieren und abzuwehren. Im vergangenen Jahr kaufte der deutsche Automobilzulieferer Continental das israelische Start-Up. Laut Medienberichten zahlte Continental rund 400 Millionen Euro. Dabei gibt es Argus erst seit fünf Jahren. Fast alle Mitarbeiter des jungen Unternehmens sind nicht älter als Anfang 40. 

"Was unser Unternehmen israelisch macht? Vieles hat dem jiddischen Wort "Chuzpe" zu tun. Damit meinen wir Mut, Dinge einfach auszuprobieren. Auch wenn sie noch nie umgesetzt wurden: Wir machen das einfach. Das Schlimmste, was passieren kann, ist dass man scheitert."

Scheitern erwünscht

Den meisten Gründern in Israel geht es wie ihren Kollegen auf der ganzen Welt: Ihre Projekte scheitern, werden von der Öffentlichkeit nicht einmal wahrgenommen. Doch in Israel, sagt der Manager Yoni Heilbronn, sei das Scheitern erwünscht. Fehler machen, sie akzeptieren und es das nächste Mal besser machen. Dieser Ansatz ist tief verwurzelt in der Geschichte des Landes. Israel ist ein junges Land. In diesem Jahr wird es 70 Jahre alt. Manche sagen: Das Land selbst ist ein Start-Up. Der Journalist Saul Singer hat ein Buch geschrieben, das den Titel "Start-Up-Nation" trägt. Es wurde in mehreren Ländern zum Bestseller. Singer wurde in den USA geboren und wanderte später nach Israel aus. Er sagt: Wer den Erfolg der Israelis verstehen will, müsse auf die Geschichte des Landes schauen. 

"Wir sind ein kleines Land. Wir haben keine natürlichen Ressourcen. Und wir leben in einer uns feindlich gesinnten Nachbarschaft. Damit mussten wir immer klarkommen. Wir mussten die Herausforderungen bewältigen. Mit Innovationen. Lange Jahre ging es dabei vor allem um unsere Verteidigung. Erst später wurden wir zur Start-Up-Nation. Es ist ganz einfach: Wir mussten erfinderisch sein, um zu überleben."

Drei Generationen von Israelis hätten das Land bisher geprägt, sagt Saul Singer. Zuerst, die Gründer des Staates, die Sümpfe trockengelegt und Kibbutze gegründet hätten. Dann ihre Kinder, die später in vielen Kriegen gegen die arabischen Nachbarländer kämpfen mussten. 

Saul Singer steht vor einem Haus. (Deutschlandradio / Benjamin Hammer)Saul Singer: Journalist und Autor des Buchs "Start-Up Nation" (Deutschlandradio / Benjamin Hammer)

"Und jetzt wird das Land von einer neuen Generation geführt. Sie leisten mit den Startups einen weiteren Beitrag für das Land. Das Schöne daran: Mit ihren Innovationen helfen sie nicht nur Israel, sie können damit die ganze Welt verändern."

Nicht nur Israel, sondern die ganze Welt. Bescheidenheit gehört nicht zur Erfolgsformel der Israelis. Die Bilanz der letzten Jahre: Der USB-Stick? Wurde in Israel erfunden. Die Gesichtserkennungssoftware des neuesten Smartphones von Apple? Stammt aus Israel. Wer einen Begriff in die Suchmaschine von Google eintippt, bekommt mögliche Ergebnisse angezeigt, noch bevor er oder sie zu Ende getippt hat. 

Auch diese Technologie kommt aus Israel. Ein Altbau auf dem Rothschild Boulevard in Tel Aviv. Im Labor von Healthy.io sieht es so gar nicht nach einem hippen Start up aus. Nur in der Küche ändert sich das Bild. Da schmieren junge Männer gerade Graubrote mit Avokado-Paste. Die Biologin Talia Schechter, die im Labor steht, hat für das Frühstück keine Zeit. 

"Ich habe hier eine Blutprobe. Ich versuche die Probe zu stabilisieren. Das ist ein Messgerät. Es liefert uns auf einem Messstreifen eine bestimmte Farbe für eine bestimmte Konzentration von Hämoglobin. Wenn der Test abgeschlossen ist, wiederhole ich ihn mit einem Smartphone."

Ein global Powerhouse

Die Gründer von Healthy.io wollen zeitaufwendige Laboruntersuchungen überflüssig machen. Die Idee: Patienten bekommen Teststreifen für Urinuntersuchungen nach Hause geschickt. Sie tunken die Teststreifen in die Urinprobe und fotografieren die Ergebnisse mit ihrem Smartphone. Dann übernimmt eine App des Unternehmens.  

"Hi and welcome to the dip test."

Die App gleicht das Foto mit einer riesigen Datenbank in der Cloud ab. Yonatan Adiri hat healthy.io gegründet. 

"Alle drei bis vier Jahre verbessert sich ein Smartphone exponentiell. Besonders die Kamera. Dadurch können wir immer mehr medizinische Prozesse digitalisieren. Wir wollen in diesem Bereich der globale Marktführer werden."

Ein "Global Power House". Da ist es wieder, das große Selbstbewusstsein israelischer Unternehmerinnen und Unternehmer. Yonatan Adiri hat sich das womöglich von einem ganz besonderen Israeli abgeschaut: Shimon Peres. Einer der Gründer Israels. Später Premierminister. Schließlich Präsident des Landes. Und Yonatan Adiri, damals Mitte 20, wurde zum Technologieberater des Mannes.

"Ich bin ganz ehrlich. Peres hat nie auf einer Tastatur herumgespielt, er war auch nie auf Facebook unterwegs. Aber er verstand das große Ganze sehr gut. Er verstand die philosophische Bedeutung von Technologie. Er begriff das besser als viele andere Anführer auf dieser Welt, die viel jünger waren als er."

Israel, sagt Yonatan Adiri, habe in den 50er-Jahren noch nicht einmal Autos bauen können. Da habe Shimon Peres schon an ein Luft- und Raumfahrtprogramm gedacht. Heute ist Israel eines der wenigen Länder der Welt, das eigene Satelliten mit eigenen Trägerraketen in den Weltraum schießen kann. Auch Yonatan Adiri wird oft gefragt, warum Israel eine Startup-Nation wurde.

Yonatan Adiri steht vor den Glasfasaden israelische Hochhäuser. (Deutschlandradio / Benjamin Hammer)Gründer von health.io: Yonatan Adiri (Deutschlandradio / Benjamin Hammer)

"Israel ist ein Land von unzufriedenen Menschen, hat Shimon Peres gesagt. Er wurde mal gefragt: Was macht einen Menschen jüdisch? Da hat er geantwortet: Ein Jude kann nie zufrieden sein. Wenn er zufrieden ist, dann ist er kein Jude mehr." 

Dass Israel so erfolgreich ist, weil dort vor allem Juden leben: Eine Hypothese, die nicht allen gefällt, weil sie ein Klischee bedient. Aber niemand bezweifelt, dass in den vergangenen 70 Jahren eine besondere jüdisch-israelische Kultur entstanden ist. Entstehen musste. 

"Israel ist ein Beta-Land. Ein Land im Teststadium also, das sich noch entwickeln muss. Wir sind noch nicht so weit, dass die Dinge funktionieren, dass alle glücklich sind. Diese Unzufriedenheit führt zu politischer Instabilität, die Menschen ringen und streiten miteinander. Aber das alles kreiert eine unglaubliche Atmosphäre für wissenschaftlichen Erfolg. Es ist die perfekte Basis, um den Status Quo in Frage zu stellen." 

Wettbewerb unter jungen Computerfreaks

Wer über die Gründe für den Erfolg der israelischen Start-ups recherchiert, landet irgendwann bei der Armee des Landes. In einem Bürogebäude in Beer Sheva ist es gerade ziemlich stickig. Kein Wunder: Die Soldatinnen und Soldaten im Großraumbüro arbeiten bereits seit 24 Stunden. Ohne Unterbrechung. Aus einem kleinen Lautsprecher dröhnt Musik. Die jungen Offiziersanwärter nehmen an einem Hackathon, also einem Wettbewerb unter jungen Computerfreaks, teil. Ihre Ausbilder haben ihnen Aufgaben gestellt, die sie mit ihren Programmierkenntnissen lösen sollen. An einem Computer sitzen ein Soldat und eine Soldatin. Beide Anfang 20. 

"Wir arbeiten an einer lebensrettenden Erkennungsmarke. In diese Marke fügen wir einen Chip ein. Darauf können wir die Krankenakte des Soldaten speichern. Ein Arzt weiß also sofort, wo die Probleme liegen und er kann den Soldaten richtig behandeln."

Beer Sheva liegt im Süden von Israel in der Negev-Wüste. Die Stadt hat sich neben Tel Aviv zu einem weiteren wichtigen Zentrum der Tech-Branche entwickelt. Die Ausbildung der jungen Soldaten in den Cyber-Einheiten ist gut. Sehr gut. Auch eine Offiziersanwärterin, die gerade vor einem Rechner mit Programmiercodes steht, muss sich um ihre Karriere nach der Armee wohl keine Sorgen machen.  

"Natürlich wollen wir später in die Tech-Branche. Wir sind Technologen. Ich bin zum Beispiel Elektroingenieurin. Wir alle streben in Richtung der Start-Ups."

Eine Einheit der israelischen Armee ist ganz besonders eng verknüpft mit Israels Start-Up- und IT-Sektor. Ihr Name: 8.200. Sie ist Teil des Militärgeheimdienstes, zuständig für die Cyber-Abwehr und Cyber-Angriffe. Was die Einheit macht, ist so geheim, dass die israelische Armee Besuchsanfragen von Journalisten kategorisch ablehnt. Wer nach dem Abitur Teil der Einheit werden will, muss ein hartes Auswahlverfahren überstehen. Gesucht werden Rekruten und Rekrutinnen, die sich selbst Dinge beibringen können und schnell lernen. Eigenschaften, die vielen Absolventen der Einheit später beim Gründen eines Unternehmens helfen. Auch Yoni Heilbronn, der Marketingchef des Startups Argus, arbeitete einst für die Einheit 8.200. Das Unternehmen, das Autos vor Cyber-Angriffen schützen soll, wurde von Absolventen der Einheit gegründet. 

"Wenn die Soldaten entlassen werden, nach mehreren Jahren, drängen sie auf den zivilen Markt. Die meisten haben schon in jungen Jahren Dinge gelernt, die man kaum in irgendwelchen anderen Bereichen weltweit finden wird." 

Eine Frau sieht in einen Laptop. (Deutschlandradio / Benjamin Hammer)Eine Offiziersanwärterin beim Hackathon (Deutschlandradio / Benjamin Hammer)

Yoni Heilbronn sagt, manche Dinge in der Einheit der israelischen Armee wirkten wie aus einem Science Fiction-Film. Mehr darf er nicht verraten. Nach dem Interview wird Yoni Heilbronn die Kaffeetassen aus dem Konferenzraum nehmen und in die Küche gehen. Und dann spült er, der Marketingchef, das Geschirr. Bei Argus gibt es niemanden, der hinter den Unternehmenschefs aufräumt. Die Hierarchien sind flach. Und auch diesen Ansatz haben die Gründer aus ihrer früheren Armeeeinheit 8.200 übernommen. 

"Wir wurden dort aufgefordert, offen zu sein, zu sagen, was wir auf dem Herzen haben. In dieser Einheit hat der Dienstgrad eine geringere Bedeutung als in anderen Einheiten. Bei uns konnte ein Gefreiter zum kommandierenden General gehen und ihm seine Meinung sagen."

Optimismus und Innovationsgeist

Ein Hochhaus im Zentrum von Tel Aviv. Unten vor dem Eingang stehen Autos von Mercedes-Benz. Oben im Hochhaus steht Daimler-Chef Dieter Zetsche vor einer Bühne und zeigt dem Publikum einen Werbefilm. In Tel Aviv wird an diesem Nachmittag im November ein neues Technologiezentrum des Konzerns eröffnet. Auch Daimler will nun in Israel nach interessanten Start-Ups suchen. 

"Was hier auffällig ist, von den Kontakten, die ich hier bisher hatte, ist unheimlich starke "Dedication", viel Optimismus, Innovationsgeist und auch die Bereitschaft Fehler zu machen und Rückschläge zu erleiden. Das sind Eigenschaften, die es natürlich auch alle in Deutschland gibt, aber nicht in dieser so stark ausgeprägten Form."

Das Interesse der Deutschen an israelischen Start-Ups, es ist in den vergangenen Jahren rasant gewachsen. Grisha-Alroi Arloser hat in diesen Zeiten viel zu tun. Er ist der Geschäftsführer der deutschen Auslandshandelskammer in Tel Aviv. 

"Wir haben, als ich vor zehn Jahren meine Funktion als Geschäftsführer dieser Kammer angetreten habe, vielleicht einmal im Jahr einen CEO eines deutschen DAX-Unternehmens hier gehabt, für 24 Stunden. Und dann haben wir alle strammgestanden. Mittlerweile ist fast wöchentlich einer da. Die möchten gerne wissen, was die Israelis morgens in den Kaffee tun, das so viel Innovation möglich ist." 

Eine Sache ist Grisha Alroi-Arloser wichtig: Die Israelis sollen israelisch bleiben und die Deutschen deutsch. 

"Es kann nicht darum gehen, das Ökosystem Israels zu kopieren und nach Deutschland zu transferieren. Das wird nie funktionieren. Das heißt: Es geht nicht so sehr darum, voneinander zu lernen. Sondern es geht darum, jeden das machen zu lassen, was er besser kann, als der andere."

Was der Geschäftsführer der deutschen Auslandshandelskammer meint, zeigt sich am Beispiel Argus: Das israelische Start-Up hatte eine gute Idee: Die Firewall für Autos. Was fehlte waren weltweite Kontakte und die Marktmacht eines global agierenden Konzerns. Die hat der Weltkonzern Continental. Beide Unternehmen profitieren also von der Zusammenarbeit. Profitiert haben auch die Gründer von Argus: Sie sind nach dem Verkauf ihres Unternehmens Multimillionäre. Zur Geschichte der israelischen Start-Ups gehört auch der Reichtum, den sie ins Land gebracht haben. Ein Reichtum, von dem jedoch längst nicht alle Israelis profitieren.

Die Hashalom Straße in Tel Aviv. Sechs Spuren, viele Ampeln, fast immer Stau. Hier zeigt sich der wirtschaftliche Erfolg der Start-Ups. Weil Israel heftige Importzölle erhebt, sind Autos in Israel doppelt so teuer wie in Europa. Trotzdem fahren auf der Straße viele teure Geländewagen. In der Nähe der Haschalom-Straße im Osten der Stadt befinden sich die Büros von vielen IT-Unternehmen. Auf einem Boulevard in der Nähe sitzt Dubi, ein kräftiger Mann, etwa 70 Jahre alt. Weil seine Rente nicht ausreicht, hat Dubi noch zwei Nebenjobs. Hier im Osten von Tel Aviv lebt er seit über 30 Jahren. 

"Als ich hierher gezogen bin, lag hier alles brach; keine Pflanzen, keine Bäume, gar nichts. Und plötzlich begannen die Hochhäuser aus dem Boden zu sprießen. Sie nehmen mir die Sonne."

Acht Prozent der israelischen Arbeitskraft

Tel Aviv ist für Mieter zu einem der teuersten Orte der Welt geworden. Das liegt nicht nur, aber auch am Boom der IT-Branche. Schlomo Swirski ist der wissenschaftliche Leiter des Adva-Zentrums in Tel Aviv. Seine Organisation forscht über die soziale Ungleichheit in Israel. 

"Der gesamte High Tech-Zweig, mit seinen Dienstleistungen und der Industrie, steht nur für acht Prozent der israelischen Arbeitskraft . Diese acht Prozent verdienen mehr, als die anderen Israelis.  Und diejenigen, die sich hier besonders bereichern, das sind die Start-Ups." 

Yoni Heilbronn steht in seinem Unternehmen (Deutschlandradio / Benjamin Hammer)Argus-Marketingchef: Yoni Heilbronn (Deutschlandradio / Benjamin Hammer)

Swirski macht sich Sorgen. Unternehmen, die in Israel gegründet wurden, würden viel zu schnell ins Ausland verkauft. Dort werde dann das Geld verdient, dort werde die Hardware produziert. Die Konsequenz: Israelische Arbeiter hätten nichts von dem Erfolg der Start-Ups. 

"Mir wäre es lieber, wenn die Start-Ups im Land blieben und hier Produkte herstellen würden. Die Frage lautet: Wie können wir den Anteil des High-Tech-Sektors von aktuell acht Prozent viel mehr ausweiten? Und: Wie können wir schwächere Bevölkerungsschichten integrieren?"

Israels Bevölkerung ist extrem vielfältig. Zwei Gruppen sind in den Start-Ups kaum vertreten: Die ultra-orthodoxen Juden und die arabischen Israelis. Die Branche selbst hat ein großes Interesse, diese beiden so unterschiedlichen Gruppen zu integrieren. Denn im IT-Bereich herrscht längst ein Fachkräftemangel. Saul Singer, der Journalist, sieht dringenden Handlungsbedarf. 

"Am Ende des Tages ist das Humankapital der begrenzende Faktor. Es gibt viele Talente, sowohl bei den Arabern als auch bei den Ultra-orthodoxen. Wir müssen jeden und jede einbeziehen. Wenn wir das nicht machen, geht viel Potenzial verloren."

Saul Singer sitzt in seinem Wohnzimmer in einem alten Steinhaus im Westteil von Jerusalem. Bis nach Ramallah in den palästinensischen Gebieten sind es nur 20 Kilometer. Bis nach Amman, der Hauptstadt von Jordanien gerade einmal 70 Kilometer Luftlinie. Doch die Start-Ups in Israel und den arabischen Nachbarländern: Sie ignorieren sich. Viele palästinensische Unternehmer begründen ihre Ablehnung mit der israelischen Besatzung des Westjordanlandes. Saul Singer ist dennoch überzeugt: Die Start-Up und Tech-Branche im Nahen Osten kann gemeinsam neue Brücken schlagen.

"Es gibt hier ein unglaubliches Potential. Viele Unternehmer in der arabischen Welt würden sehr gerne mit Israelis zusammenarbeiten. Die Politik verhindert das. Es ist noch immer ein Tabu, mit Israel zu arbeiten. Aber schauen Sie auf den Tech-Sektor in Ramallah: Die wollen gerne mit uns zusammenarbeiten."

Schlechter Ruf, enormes Innovationspotential

Wer mit Israelis spricht, merkt schnell: Dieses kleine, im Nahen Osten isolierte Land, sehnt sich nach Anerkennung, nach Kontakten in die Welt. Die Start-Ups sollen dabei helfen. Saul Singer sagt: Israels Ruf in der Welt sei schlecht, wenn es um den Nahost-Konflikt geht. Und extrem gut, wenn es um Innovation geht. Indien, China, Afrika und später auch die arabische Welt - Saul Singer hofft, dass Israels Tech-Branche neue Allianzen schmiedet. 

"Dass all diese Länder mit uns zusammenarbeiten wollen, das ist eine große Gelegenheit für uns. Wir sind schneller und flexibler als das Silicon Valley in Kalifornien. Ich wünsche mir, dass wir das Silicon Valley für den Rest der Welt werden." 

Das kleine Israel will es also mit der wichtigsten Start-Up-Region der Welt aufnehmen. Es gibt auch schon einen Spitznamen für die Start-Up-Nation Israel, mit ihren Wüsten und Tälern: Silicon Wadi.

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