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StartseiteEuropa heuteDer Schreck der tschechischen Kredithaie23.04.2020

Hilfe bei ÜberschuldungDer Schreck der tschechischen Kredithaie

Anwalt Petr Nemec prozessiert gegen private Kreditanbieter und Gerichtsvollzieher in Tschechien. Nach eigenen Angaben hat er inzwischen mehr als 3.000 Zwangsvollstreckungen gestoppt. Viele Tschechen sind hoch verschuldet und haben sich auf dubiose Kreditverträge eingelassen.

Von Kilian Kirchgeßner

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Tschechische Kronen (Imago/Erwin Wodicka)
Wer sich in Tschechien Geld leihen will, kann sich an private Kreditanbieter wenden - die Rahmenbedingungen sind für Schuldner allerdings teilweise ungünstig (Imago/Erwin Wodicka)
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Tschechien Mit Vater Staat aus den Schulden

Nur ein dezentes Klingelschild unten an der Tür weist auf den Mann hin, der zurzeit die tschechische Kreditbranche durcheinanderwirbelt. An der Gegensprechanlage meldet sich ein Mitarbeiter. Im zweiten Stock des unscheinbaren Bürohauses in Prag öffnet der Mann am Empfangstresen die Tür zu einem kleinen Konferenzraum mit Sperrholztisch und weißen Wänden. 

"Möchten Sie Kaffee, Tee, Wasser? Der Herr Anwalt kommt gleich!"

Dieser Beitrag gehört zur fünfteiligen Reportagereihe Tschechen in der Schuldenfalle.

Der "Herr Anwalt" ist 35 Jahre alt, er heißt Petr Nemec und ist spezialisiert darauf, den Gerichtsvollziehern und windigen Kreditvermittlern einen Strich durch die Rechnung zu machen. Petr Nemec ist ein stämmiger Mann mit eleganter Brille und schwarzem Polo-Shirt, die Stimme energisch: 

"Mit den Mandanten treffen wir uns meistens nicht, der Kontakt läuft über das Internet. Wenn wir uns mit jedem treffen sollten – das würde gar nicht funktionieren."

Dubiose Kreditvermittler mit ihren eigenen Waffen schlagen

Petr Nemec hat eine Internetseite mit dem einprägsamen Namen "Der Gerichtsvollzieher hat Pech", und wer sich in Zwangsvollstreckung befindet, kann sich bei ihm melden. "Wir leben davon, dass wir Prozente nehmen in den Fällen, wo wir helfen können."

Petr Nemec macht sich die Instrumente der dubiosen Kreditvermittler zu eigen: So wie sie automatisiert und digitalisiert er seine Einsprüche und Klagen. Petr Nemec setzt vor allem bei Formfehlern in Verträgen an:

"Manchmal geht es aber auch darum, dass die Zwangsvollstreckung unangemessen ist und gegen grundlegende Prinzipien des Rechtsstaates verstößt. Stellen Sie sich vor, jemand nimmt einen Kredit von umgerechnet 800 Euro auf und der Gerichtsvollzieher fordert dafür jetzt mit allen Gebühren und Zinsen 12.000 Euro. Stellen Sie sich weiter vor, diese Schuld wächst jeden einzelnen Monat wegen vertraglich vereinbarter Strafzahlungen um 400 Euro an, also um die Hälfte der ursprünglichen Kreditsumme. Der Schuldner zahlt jeden Monat 250 Euro ab, weil er mehr von seinem Lohn nicht bezahlen kann. In dem Fall werden die Schulden nicht weniger, sondern sie wachsen immer weiter – das wäre eine endlose Sache.

Ein Schuldner, mehrere Gerichtsvollzieher

Dank der Effizienz seiner Arbeit ist Petr Nemec zum Schreck von vielen privaten Kreditanbietern und Gerichtsvollziehern geworden – nach eigenen Angaben hat er inzwischen mehr als 3.000 Zwangsvollstreckungen gestoppt, jede Woche kämen rund 100 neue Anfragen dazu. Er kämpft sich dafür durch ein Gestrüpp von Rahmenbedingungen, die spezifisch sind für Tschechien.

Dazu zählt zum Beispiel, dass Gerichtsvollzieher anders als in Deutschland nicht verbeamtet sind – es sind meistens Anwälte, die das als Konkurrenz-Geschäft auffassen. Deshalb hat ein Schuldner häufig gleich mit mehreren Gerichtsvollziehern zu tun, weil jeder Gläubiger für seine Ausstände einen anderen beauftragt hat – und jeder stellt dem Schuldner eigene Honorare, eigene Reisekosten und Aufwendungen in Rechnung.

Viele Zwangsvollstreckungen beruhen auf veralteten Urteilen

Und dann sind da noch private Schiedsgerichte, die in vielen Kreditverträgen als zuständige Instanzen genannt werden und die fast immer zu Gunsten der Gläubiger entscheiden, die sie auch bezahlen. 

"In den 1990er-Jahren war die tschechische Justiz nicht die schnellste und die Gläubiger hatten Probleme, an Urteile zu kommen. Also sagten sie: Wir gründen Schiedsgerichte, die machen das schneller und billiger. Und tatsächlich haben viele von denen 17 Entscheidungen pro Tag getroffen, inklusive Wochenende und Feiertage; das zeigt, dass die das einfach automatisiert ausgedruckt haben. Heute sind solche Verfahren verboten." 

Viele der Zwangsvollstreckungen beruhen aber immer noch auf den Urteilen dieser Schiedsgerichte – und das ist die Stelle, an der Petr Nemec ansetzt. Heute, sagt er, sei das ganze System schon besser eingestellt. Und dann sagt er einen überraschenden Satz: 

"Es ist gut, dass wir alle Angst vor dem Gerichtsvollzieher haben. Es wäre Unsinn, wenn wir diese Angst nicht hätten – das wäre genauso, als hätten Verbrecher keine Angst vor dem Gefängnis." 

"Wir bereinigen den Markt von schlechten Kreditgebern"

Was sich ändern müsse, sei vor allem die Tatsache, dass die Gerichtsvollzieher nicht wirtschaftlich unabhängig von den Gläubigern seien. Hilft er aber nicht mit, die Gläubiger um das Geld zu bringen, das ihnen von säumigen Schuldnern nun einmal zusteht? Petr Nemec schüttelt den Kopf:

"Wir helfen Schuldnern auf Kosten der unehrlichen Gläubiger, und das ist letztlich im Interesse der ehrlichen Gläubiger. Wenn eine obskure Firma aus 20.000 Kronen Schulden eine halbe Million macht, und der Schuldner sein ganzes Leben in der Zwangsvollstreckung verbringt, dann kommen die anständigen Banken, bei denen er auch Kredite aufgenommen hat, nie zum Zuge. Wir schießen (sic!) also diese Zwangsvollstreckung ab: Der Unehrliche kriegt nichts, und die Ehrlichen kommen an ihr Geld. Wir bereinigen also den Markt von den schlechten Kreditgebern." 

Wobei Petr Nemec, der Anwalt, die Kreditvergabe auch nicht auf die streng regulierten Banken beschränken würde. Private Darlehensanbieter hätten ihre Berechtigung, sagt er, und öfters höre er von seinen Mandanten auch Dankbarkeit: Etwa wenn sie beinahe ihre Wohnung verloren und nur noch von privaten Kreditfirmen Geld für die Miete bekommen hätten. 

"Für uns ist die Erfahrung aus der Slowakei interessant: Dort sind Nicht-Banken, also die privaten Kreditfirmen, nach einer strengen Regulation fast vom Markt verschwunden. Wer dort Geld braucht, der geht auf den Schwarzmarkt – und das sind echte Wucherer."

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