Dienstag, 05. Juli 2022

Micaela Chirif: "Das Meer"
Himmel und Erde sind eins

Eintauchen in Verse und Bilder, rhythmisch, humorvoll, farbig und – in jeder Hinsicht - tief. Eine Autorin und drei Illustratoren aus Lateinamerika haben ein Gesamtkunstwerk über das Meer geschaffen. Und feiern damit das Leben.

Von Maria Riederer | 21.05.2022

Ein Portrait der Autorin Micaela Chirif das Buchcover von "Das Meer"
Die peruanische Autorin Micaela Chirif hat poetische Texte über das Meer geschrieben. (Buchcover Baobob Books 7 Autorenportrait © zVg)
"Der Himmel -
Wenn du nach oben schaust,
kannst du den Himmel sehen.
Der Himmel ist weiß
Der Himmel ist lila
Der Himmel ist grau
Der Himmel ist gelb
Der Himmel ist schwarz
Der Himmel ist rot
Der Himmel ist grün
Der Himmel ist manchmal blau
Der Himmel ist voller Wolken und Sterne
Hinter dem Himmel ist nichts
Die Wolken ziehen schnell
Die Sterne stehen still
Und der Himmel strahlt, strahlt, strahlt…
über dem Meer."

Rhythmisch, humorvoll, poetisch

Die peruanische Autorin Micaela Chirif schreibt als Prolog für "Das Meer" Verse über den Himmel. Das wechselnde Licht am Himmel gibt dem Meer seine Farbe und zieht die Blicke zum Wasser. Und dann geht es hinunter in die Tiefe. Rhythmisch, humorvoll, poetisch.

"Der Oktopus -
Der Oktopus schläft, wenn er müde ist
wie die Menschen und die Wale und die Krebse
Der Himmel schläft nicht
Die Sterne schlafen nicht
Die Wolken schlafen nicht
Die Wellen schlafen nicht
Die Meerjungfrau schläft und singt im Schlaf
Der Oktopus singt nicht im Schlaf
Der Oktopus schnarcht nicht
Der Oktopus braucht kein Kissen, keinen Pyjama, kein Schlaflied."

Eins fließt ins andere

Es ist wohltuend, dass Micaela Chirif nicht reimt, sondern der Sprache ihren Lauf lässt, sie atmen lässt und fließen lässt ohne (einen) formalen Rahmen. Frei wie die Gedankenwellen laufen die Verse dahin und sind doch gehalten von der Idee, eines ins andere hineinfließen zu lassen: Das Wasser, das Tier, den Menschen, die Gedanken des Menschen.

"Der Fischer -
Woran denkt der Fischer?
Man weiß es nicht.
Der Fischer betrachtet den Himmel
Der Himmel betrachtet den Fischer nicht und denkt nicht an ihn
Der Himmel hat keine Augen, keine Stimme und keinen Kopf
(…)
Der Fischer erinnert sich an den Duft seiner Mutter
Der Fischer singt ein Schlaflied
Der Fischer kann nicht auf den Wolken schlafen
Die Wolken sind kein Kissen
Die Wolken haben keine Federn
Die Pelikane haben Federn
Die Pelikane haben Federn, sind aber keine Kissen
(…) Der Fischer ist allein auf dem Meer
Das Meer schläft im Herzen des Fischers"

Tinte als Linie, Wolke oder Stern

Die Bilder hat ein Trio aus drei mexikanischen Illustratorinnen und Illustratoren gemalt, gezeichnet, gedruckt und gekleckst. Armando Fonseca, Amanda Mijangos und Juan Palomino. Eine prominente Rolle unter ihren Materialien und Farben erhält darin – meistens tiefblaue - Tinte. Sie zieht eine ausgefranste Linie durch die Buchseiten hindurch – mal als schmaler Horizont, mal breit verlaufen als riesige Wasseroberfläche, die unter oder über allem liegt. Mal als Wolke oder als Stern. Dazwischen tummeln sich Lebewesen, die im Wasser oder auf dem Land leben. Fische, Korallen, Gräser, der riesige Wal, der winzige Seestern, Vögel, Insekten, die Meerjungfrau – der Tiger…

"Der Tiger kennt das Meer nicht
Der Tiger streift durch die Blumen
Die Blumen sind keine Fische
Die Blumen haben keine Schuppen
Die Blumen heißen nicht Seeteufel
nicht Sägebarsch, nicht Schwertfisch
und nicht Stachelkopf
Der Tiger heißt nicht Hai
Der Tiger hat keine Flosse auf dem Rücken"

Und doch ist auch der Tiger, weit davon entfernt, eins mit dem Meer.

"Der Tiger hat Durst
Der Tiger nähert sich dem Fluss
Der Fluss fließt zwischen den Blumen hindurch
Der Tiger trinkt
und fragt sich
wo der Fluss anhalten wird."

Gesamtkunstwerk über das Leben

"Das Meer" ist weit mehr als ein Buch über das Meer. Es ist ein Gesamtkunstwerk über das Leben im Wasser und auf dem Land, über die Schönheit und die unfassbare Tiefe und Vielfalt des Ozeans. Dieses Buch tut gut, es macht lebendig, und es macht Hoffnung, weil es – völlig unpädagogisch, allein durch die poetische Verbindung von Wort und Bild – vermittelt: Alle Lebewesen sind miteinander verbunden, Himmel und Erde sind eins.

"Das Meer-
Das Meer ist eine nicht endende Linie
Das Meer ist schwer und gekrümmt
Für den Oktopus hat das Meer acht Arme
Für die Kühe ist das Meer grün und essbar
Für den Tiger hat das Meer nicht die geringste Bedeutung
Das Meer ist kein Fluss
Das Meer schläft nicht
Das Meer hat keine Krallen und verliert keine Blätter, wenn es kalt ist
Das Meer hat keine Federn
Das Meer kämmt sich nicht und steigt keine Treppen
Das Meer verreist nicht
Das Meer stirbt nicht
Das Meer rauscht, rauscht, rauscht
Das Meer hat am Tag und in der Nacht die gleiche Form
Das Meer ist groß wie das Meer
Wenn du alles verbindest, kannst du seine Form sehen
Wenn du nichts siehst, bist du im Meer."

Der Epilog bringt Ruhe in den aufgewühlten und durchgewirbelten Ozean. Auf den letzten Bildern: spielende Kinder am Strand, jedes für sich und bei sich. Tief versunken in den Augenblick. So endet das prickelnd lebendige, poetisch künstlerische und eben auch meditative Bilderbuch über das Meer.
Micaela Chirif: "Das Meer"
Illustriert von Armando Fonseca, Amanda Mijangos, Juan Palomino
Aus dem Spanischen von Jochen Weber
Baobab Books, Basel. 40 Seiten, 18,50 Euro, ab 5 Jahren.