Mittwoch, 19.12.2018
 
Seit 00:05 Uhr Fazit
StartseiteForschung aktuellWas genau macht die Genschere Crispr/Cas?25.07.2018

Hintergründe zum EuGH-Urteil Was genau macht die Genschere Crispr/Cas?

Der Europäische Gerichtshof (EuGH) hat ein Grundsatzurteil gefällt: Pflanzen, die mit dem sogenannten Crispr-Verfahren gezüchtet wurden, fallen unter die geltenden EU-Regeln zur Gentechnik. Sie müssen also streng kontrolliert und die daraus entstehenden Produkte gekennzeichnet werden. Doch was genau macht die sogenannte Genschere?

Von Michael Lange

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
18.05.2018, Berlin: Benutzte Pipetten stecken in einem Behäälter im Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie, bevor sie deinfiziert und gereinigt werden. Im Fokus der Forschungsarbeit steht das Verständnis grundlegender Regulationsmechanismen von Infektion und Immunität bei Bakterien. Ein besonderes Interesse gilt der RNA und bestimmten Proteinen, die die zellulären Prozesse steuern. Ziel ist es, die Ergebnisse dieser Grundlagenforschung in neuartige Anwendung der Biotechnologie oder Biomedizin zu überführen - wie das z.B. bei CRISPR-Cas9 der Fall ist.(zu dpa-Story: "Wie Crispr unsere Welt verändert" vom 24.05.2018) Foto: Wolfgang Kumm/dpa | Verwendung weltweit (dpa)
Die Genschere Crispr/Cas stammt ursprünglich aus Bakterien und gehört seit einigen Jahren zum Handwerkszeug der Pflanzenzüchter (dpa)
  • E-Mail
  • Teilen
  • Tweet
  • Drucken
  • Podcast
Mehr zum Thema

Biologe zum Gentechnik-Urteil "Es gibt keine Gefahren, die nachgewiesen worden sind"

EuGH-Urteil zur Genschere Höhere Hürde für die Pflanzenzüchtung

Urteil zu Grüner Gentechnik Kontrolle ist besser

Biotechnologie EuGH urteilt über umstrittene Gentechnik-Methode

Genomforschung Mit Gentech gegen Alterskrankheiten

Molekulare Pflanzenzüchtung Debatte um CRISPR/Cas-Pflanzen

CRISPR und Krebs? Genschere könnte Tumorrisiko erhöhen

Im Gewächshaus am Max-Planck-Institut für Pflanzenzüchtungsforschung am Stadtrand von Köln wachsen Maispflanzen unterschiedlicher Herkunft. Es handelt sich um Produkte klassischer Pflanzenzüchtung und um solche, die mit Gentechnik artfremde Gene erhalten haben. Zusätzlich gibt es eine weitere Gruppe. Auch sie ist im Labor entstanden mit Hilfe einer Genschere namens Crispr/Cas9.

Alles Grundlagenforschung, erläutert die Wissenschaftlerin Franziska Turck: "Es geht hier um die Verschiebung des Blühzeitpunktes im Mais. Und das ist beim Mais sehr subtil, was man da verändern kann."

Erbgut in kleinsten Schritten gezielt verändern

Die Genschere Crispr/Cas stammt ursprünglich aus Bakterien und gehört seit einigen Jahren zum Handwerkszeug der Pflanzenzüchter. Mit ihr können sie das Erbgut in kleinsten Schritten gezielt verändern, ohne lange Kreuzungsexperimente wie bei der klassischen Züchtung, aber auch ohne das Einschleusen artfremder Gene.

Das Erbmaterial der so entstandenen Pflanzen kann dem Erbgut einer zufällig mutierten Pflanze gleichen. Dass sie dennoch als genmanipuliert gilt und besonders kontrolliert werden soll, versteht Bernd Müller-Röber nicht. Er ist Professor für Molekularbiologie an der Universität Potsdam: "Wir glauben, dass die Bewertung einer Kulturpflanze weniger danach gehen sollte, wie sie hergestellt wurde, wie die Erbinformation verändert wurde, sondern dass eher danach bewertet wird, was am Ende vor uns steht hinsichtlich der gesundheitlichen und ökologischen Bewertung dieser Pflanzen."

Nicht auf die Methodik sollte es ankommen, sondern auf das Produkt, so der Wunsch vieler Wissenschaftler. Schließlich werde auch bei der klassischen Züchtung nachgeholfen durch Bestrahlung oder Chemikalien. Diese Techniken erhöhen die Mutationsrate und beschleunigen die Züchtung. Sie sind aber nicht kennzeichnungspflichtig.

Anders ist dann beim Einsatz der Genschere Crispr/Cas. Hier entscheidet nicht der Zufall über die genetische Veränderung, sondern der Pflanzenzüchter. Nach Einschätzung des Europäischen Gerichtshofs handelt es sich deshalb um Gentechnik.

Genschere-Pflanzen fallen unter Gentechnik-Regeln

Margret Engelhard unterstützt diese Einschätzung. Die Biologin ist beim Bundesamt für Naturschutz in Bonn zuständig für die Überwachung der Gentechnik und für die Freisetzung gentechnisch veränderter Organismen: "Aus unserer Sicht ist es ganz klar auch Gentechnik. Auch kleine Veränderungen können größere Auswirkungen haben, und deshalb wollen wir die prüfen und sehen, ob sie Auswirkungen auf die Umwelt oder den Menschen haben."

Die Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs stellt sicher, dass Pflanzen, die mit der Genschere Crispr/Cas verändert wurden, weiterhin in jedem Fall als Gentechnik gelten und genauso kontrolliert und gekennzeichnet werden müssen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk