Mittwoch, 11.12.2019
 
Seit 16:10 Uhr Büchermarkt
StartseiteCorsoAus für die gedruckte „Juice“30.11.2019

Hip-HopAus für die gedruckte „Juice“

Nach 22 Jahren stellt das Hip-Hop-Magazin „Juice“ seine Printausgabe ein und erscheint nur noch online. Das Magazin hatte mal eine Schlüsselwächterrolle, viele Rapper haben davon geträumt, auf dem Cover zu erscheinen. Heute ist Hip-Hop Mainstream - und die Konkurrenz oftmals unkritischer Webformate groß.

Von Falk Schacht

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Vier Cover vom Juice Magazin (imago images / Manfred Segerer)
Das Hip-Hop-Magazin "Juice" auf Papier ist Geschichte (imago images / Manfred Segerer)
Mehr zum Thema

50 Jahre "Musikexpress" "Das Interesse an Tiefgang bleibt"

Popdiskurs "Deutschland hinkt hinterher"

"Spex" hört auf Ein Popdiskurs-Organ ist am Ende

Musik-Journalismus Print-Musikmagazin "Intro" am Ende

Kritik an der Musikkritik Musikbranche ist "ein fürchterliches Klüngel-Business"

Ohne Zweifel war die "Juice" eines der wichtigsten Hip-Hop-Medien in Deutschland. Man nehme nur das Wort Deutschrap, eine Erfindung der "Juice" Ende der 90er-Jahre. Für viele Rapper war es damals das höchste Ziel ihrer Karriere, auf dem Cover der "Juice" zu landen. Exemplarisch für diesen Wunsch sind Bushidos Zeilen im Song "Nie wieder" von 2004: "Was für ein Gefühl, mich in der 'Juice' zu sehen. Ich brauch' nur ein Blatt Papier, um in der 'Juice' zu stehen."

Status von Relevanz

Die "Juice" verlieh ihren Interviewgästen den Status von Relevanz. Damit erfüllte sie eine Art Schlüsselwächterrolle für die Hip-Hop-Szene. Das führte natürlich oft zu Streitigkeiten. Unzählige Rapper fühlten sich nicht genug wertgeschätzt. Diverse Disses in Songs, Verbaltattacken und Drohungen sowie Farbbeutel an der Redaktionstür zeugen von verletzen Eitelkeiten.

Die Wichtigkeit des Magazins hörte dort aber nicht auf. Für mehrere Generationen jugendlicher Hip-Hopper war die Juice eine Art Bibel der Hip-Hop-Kultur. Eine fundierte und kritische Berichterstattung grenzte sie zudem von den oft fehlerhaften und unreflektierten Artikeln über Rap in den konventionellen Medien ab.

Heutzutage ist die Situation anders. Hip-Hop ist Mainstream geworden. Es werden so viele Hip-Hop-Medien produziert, wie nie zuvor. Deutschrap ist so groß, dass es nicht nur eine Deutschrap-Szene gibt, wie in den 90er-Jahren, sondern viele unterschiedliche Szenen und Blasen, die alle ihre eigenen Informationskanäle haben.

Es gibt sicherlich auch noch heute Rapper, die davon träumen, in der "Juice" stattzufinden, aber es dürfte auch einen nicht unwesentlichen Teil von Jugendlichen geben, die gar nicht wissen, was die "Juice" ist. Ein analog gedrucktes Heft hat für sie im digitalen Zeitalter Altpapierstatus. Der Schlüsselwächter steht vor seiner farbbeutelverzierten Tür und hat den Schlüsselbund in der Hand, aber es gibt plötzlich hunderte weitere Türen.

Anbiedernder Pseudo-Journalismus

Hinter diesen Türen versteckt sich ein unkritisch-wiederkäuender und anbiedernder Pseudo-Journalismus, produziert von Trittbrettfahrern oder Fitness-YouTubern im Bromance-Style. Und während immer mehr Rapper es vorziehen, sich in diese unkritischen Plastik-Formate zu setzen, werden die klassischen Hip-Hop-Medien von ihnen gerne als zu kritisch gesehen und auch schon mal mit Abmahnungen von Anwälten bedacht.

Hoffen wir, dass sich der kritische Ton der "Juice" auch in ihrer Online-Variante fortsetzt.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk