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StartseiteKalenderblattEinzelgänger unter den Widerstandskämpfern09.04.2020

Hitler-Attentäter Georg Elser Einzelgänger unter den Widerstandskämpfern

Kein hoher Offizier, Intellektueller, Kirchenmann, adelig oder von einer Résistance-Gruppe: Georg Elser war einfacher Arbeiter und Einzeltäter, der aus persönlicher Überzeugung handelte. Wegen des Attentats auf Hitler 1939 im Münchner Bürgerbräukeller wurde er vor 75 Jahren im KZ Dachau ermordet.

Von Peter Hölzle

Das Bild zeigt den Kopf des von Friedrich Frankowitsch geschaffenen Denkmals am Bahnhof Königsbronn. (imago images / Arnulf Hettrich)
In Georg Elsers Heimatstadt Königsbronn gibt es nicht nur eine Gedenkstätte, sondern seit 2010 auch ein Denkmal (imago images / Arnulf Hettrich)
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"Bei einem der nächsten Terrorangriffe auf München beziehungsweise auf die Umgebung von Dachau ist angeblich ‚Eller‘ tödlich (!) verunglückt. Ich bitte, zu diesem Zweck ‚Eller‘ in absolut unauffälliger Weise nach Eintritt einer solchen Situation zu liquidieren."

Dieser Hinrichtungsbefehl ging  am 9. April 1945 im Konzentrationslager Dachau ein. Gegeben hatte ihn der "Führer" persönlich. Betroffen war der Hitler-Attentäter Georg Elser, der unter dem Decknamen ‚Eller‘ in Dachau einsaß. Noch in der Nacht dieses 9. April vollstreckte der SS-Oberscharführer Theodor Bongartz gegen 23 Uhr den Hitlerbefehl. Elser wurde per Genickschuss ohne Urteil und unter Vortäuschung einer falschen Todesursache umgebracht.

Hitler vermutete ausländische Drahtzieher

Das Täuschungsmanöver und die heimliche Hinrichtung waren ursprünglich nicht vorgesehen. Hitler hatte mit dem Tischlergesellen aus dem schwäbischen Königsbronn, dessen Attentatsversuch er am 8. November 1939 im Münchner Bürgerbräukeller nur knapp entgangen war, andere Pläne. In welche Richtung die gingen, ließ der "Großdeutsche Rundfunk" schon einen Tag nach dem Anschlag verlauten:

"Die Anstifter, die Geldgeber, diejenigen, die eines so niederträchtigen, verabscheuungswürdigen Gedankens fähig sind, das sind dieselben, die schon immer mit Meuchelmord in der Politik gearbeitet haben. Es sind die Agenten des englischen Geheimdienstes."

Da für Hitler unvorstellbar war, dass ein Einzeltäter hinter dem Sprengstoffanschlag stecken konnte, verbreitete sein Propagandaapparat von Anfang an die Mär von den Drahtziehern aus dem Ausland. Das Kalkül war, Elser nach dem sogenannten Endsieg in einem Schauprozess als Werkzeug der Engländer abzuurteilen. Der "Sonderhäftling des Führers" genoss folglich eine Komfortbehandlung. Dabei hatte er laut Vernehmungsprotokoll der Geheimen Staatspolizei gegen Ende November 1939 zugegeben, allein gehandelt zu haben.

Schlechte Lebensverhältnisse und Kriegsängste als Auslöser

Aber was trieb den einfachen Arbeiter Georg Elser zum Hitler-Attentat? Im Protokoll vom 21. November 1939 sagt er aus

"So zum Beispiel habe ich festgestellt, dass die Löhne niedriger und die Abzüge höher wurden. Der Stundenlohn eines Schreiners hat im Jahr 1929 eine Reichsmark betragen, heute wird nur noch ein Stundenlohn von 68 Pfennigen bezahlt."

Neben der Verschlechterung der Lebensverhältnisse trieben den entschiedenen Nazigegner seit 1937 wachsende Kriegsängste um.

Im Vernehmungsprotokoll hält er fest, "(...), dass die Verhältnisse in Deutschland nur durch Beseitigung der augenblicklichen Führung geändert werden können. (…) Ich meine damit Hitler, Göring und Goebbels. Durch meine Überlegungen kam ich zu der Überzeugung, dass durch die Beseitigung dieser drei Männer andere Männer an die Regierung kommen, die an das Ausland keine untragbaren Forderungen stellen."

In dieser Erkenntnis begann Elser eine an Perfektion kaum zu übertreffende Attentatsplanung. Im Münchner Bürgerbräukeller, in dem Hitler alljährlich am 8. November vor den "alten Kämpfern" an seinen am 9. November 1923 am selben Ort gescheiterten Putschversuch erinnerte, platzierte er in riskanter Nachtarbeit eine Bombe, die pünktlich zur vorgegebenen Zeit explodierte - Hitler und die Parteigranden aber verfehlte, weil die vorzeitig das Lokal verlassen hatten.

Kein ideologischer Mensch

Elser war zu diesem Zeitpunkt bereits in Haft. Beim Versuch, in Konstanz über die Grenze in die Schweiz zu gelangen, war er vom deutschen Zollgrenzschutz aufgegriffen worden.

"Er war also ein sehr genauer Mensch, sehr präzise in seinen Arbeiten. Aber er war ein Mensch, der an sich konkret politisch dachte. Er war kein Mensch der politisch, ideologisch ausgebildet war oder sich für Ideologien interessierte, sondern er kam einfach aus der Beobachtung des Lebens zu dem Entschluss, dass hier die oberste Führung beseitigt werden muss."

Diese Würdigung stammt von dem Historiker und Elser-Experten Lothar Gruchmann. Der hatte Elsers Verhörprotokoll durch die Gestapo, die wichtigste Quelle zu seiner Person und seiner Alleintäterschaft beim Hitler-Attentat, schon in den sechziger Jahren entdeckt. Doch von der Gedenkkultur der Bundesrepublik wurde Georg Elser, der Einzelgänger unter den Widerstandskämpfern, erst in den neunziger Jahren zur Kenntnis genommen.

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