Dienstag, 29. November 2022

Physiker über Extremwetter
"Unfassbare Hitzewelle" in der Antarktis

Der bisherige Antarktis-Wärmerekord von minus 33 Grad Celsius sei jetzt um 15 Grad übertroffen worden, sagte der Atmosphärenphysiker Markus Rex im Dlf. Diese Wetteranomalie müsse nicht direkt mit dem Klimawandel in Zusammenhang stehen. Man werde aber genau beobachten müssen, ob sich Extremereignisse häufen.

Markus Rex im Gespräch mit Lennart Pyritz | 22.03.2022

Mitternachtssonne auf dem Dotson-Schelfeis in der Antarktis am 31. Januar 2022
Mitternachtssonne auf dem Dotson-Schelfeis in der Antarktis am 31. Januar 2022 (picture alliance / ASSOCIATED PRESS | David Holland)
Der Osten der Antarktis erlebt nach Angaben der Weltwetterorganisation eine "außergewöhnliche und beispiellose Hitze": Üblicherweise fallen die Temperaturen in der Antarktis mit dem Ende des Sommers auf der Südhalbkugel. Jetzt ist von einer antarktischen „Hitzewelle“ die Rede, von einem „historischen Ereignis“.
"Das ist erst mal eine Wetteranomalie, die dadurch verursacht ist, dass ein Wettersystem warme Luftmassen aus niedrigeren Breiten herangeführt hat und auf dieses antarktische Eisschild geführt hat", sagte Markus Rex im Dlf. Er leitet den Bereich Atmosphärenphysik am Alfred-Wegener-Institut, an dem Polar- und Meeresforschung betrieben wird. Das Ganze sei verbunden mit "einem ganz großräumigen Schlenker im Jetstream". Einen möglichen Zusammenhang mit dem Klimawandel müsse man genau beobachten.
Markus Rex, Atmosphärenphysiker vom Alfred-Wegener-Institut
Markus Rex, Atmosphärenphysiker vom Alfred-Wegener-Institut (picture alliance/dpa | Felix Schröder)
Lennart Pyritz: Welche Temperaturen wurden in der Antarktis gerade gemessen?
Markus Rex: Ja, Herr Pyritz, da herrscht gerade eine unfassbare Hitzewelle auf diesem antarktischen Eisschild, mehrere Kilometer dick, die Region des Planeten, die normalerweise immer am kältesten ist. Normalerweise im März sollten da oben auf diesem Eisplateau minus 53 Grad herrschen, das ist so die März-Mitteltemperatur. Und der bisherige Wärme- oder Hitzerekord liegt bei minus 33 Grad Celsius. Das ist jetzt um unfassbare 15 Grad übertroffen worden und wir hören von der Station Wostok eine Temperaturmeldung von minus 17,7 Grad Celsius. Da stehen gerade weltweit einige Münder offen.

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Pyritz: Was sind denn die Ursachen für diese, ja, in Anführungsstrichen, „Hitzewelle“ zu dieser Jahreszeit, was lässt sich da zum jetzigen Zeitpunkt schon sagen?
Rex: Das ist erst mal eine Wetteranomalie, die dadurch verursacht ist, dass ein Wettersystem warme Luftmassen aus niedrigeren Breiten herangeführt hat und auf dieses antarktische Eisschild geführt hat. Das Ganze ist verbunden mit einem ganz großräumigen Schlenker im Jetstream. Den gibt es auch da unten. Sie kennen den vielleicht hier oben aus unseren Wetterfilmen, ein Jetstream, der um die Arktis herumweht, also unserem Vorgarten, um den Nordpol herum. Das passiert auch da unten in der Antarktis. Der Wind weht normalerweise in einem ausgeprägten Windband um die Antarktis herum, hat in den letzten Tagen aber einen ganz großen Schlenker ausgebildet und führt die Luftmasse, statt sie immer um die Antarktis herumzuschaufeln, bis tief auf das antarktische Eisfeld, bis zum Südpol. Und das ist natürlich die Ursache für die hohen Temperaturen, die wir da gerade messen.

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Nicht mehr "das kleine gallische Dorf der Klimaerwärmung"?

Pyritz: Lässt sich erklären, wieso der Jetstream sich da gerade so anders verhält als sonst?
Rex: Zunächst mal noch nicht wirklich. Eigentlich ist der Jetstream im Bereich der Antarktis im Laufe des Klimawandels stabiler geworden und hat dazu geneigt, weniger solche Schlenker zu machen. Und das ist ganz anders als in der Arktis, wo er schon langfristig instabil geworden ist, was bei uns zu vielen Wetterextremen geführt hat. Wir kennen das aus der Antarktis bislang nicht, denn die Antarktis ist tatsächlich der einzige Bereich unseres Planeten, der sich jetzt bislang in den letzten Jahrzehnten noch nicht erwärmt hat. Er ist eine große Ausnahme. Ich nenne es manchmal das kleine gallische Dorf der Klimaerwärmung. Irgendwie hat es die Antarktis geschafft, sich diesem globalen Erwärmungstrend entgegenzustemmen. Wir erwarten aber durchaus, dass mit einer zeitlichen Verzögerung die Erwärmung auch Einzug hält in der Antarktis.

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Und wir werden das ganz genau beobachten, ob jetzt diese zunächst mal Wetteranomalie, die für sich genommen nicht direkt im Zusammenhang sofort stehen muss mit Klimawandel, ob sich so etwas in der Zukunft häuft und das vielleicht der Start dafür ist, dass sich jetzt hier auch ein Trend in der Antarktis etabliert, der dann letztlich dazu führen wird, dass sich auch dieser Kontinent beginnt zu erwärmen.
Dazu muss man auch sagen: Es gibt einen anderen Bereich der Antarktis, diese Halbinsel, dieser Finger, der aus dem antarktischen Kontinent Richtung Südamerika herauszeigt - dort gibt es auch heute schon sehr starke Erwärmungsraten, sogar über dem globalen Mittelwert der Erwärmung, und das ist auch der Bereich, aus dem wir bisher Dinge wie Zusammenbruch von Eisschilden und Eisfelsen gehört haben. Das ist aber nicht charakteristisch für den Hauptteil des antarktischen Kontinents. Und der ist jetzt zum ersten Mal von so einer wirklich massiven Erwärmung betroffen. So ganz einordnen können wir es noch nicht, aber für sich genommen ist das erst mal eine Anomalie und ein einzelnes Extremereignis, es etabliert noch keinen Trend.

Mögliche Folgen eines Meeresspiegelanstiegs für Hamburg

Pyritz: Wenn sich jetzt diese Anomalie, dieses Wetterphänomen erst mal, wenn sich das jetzt über längere Zeit hinzieht oder regelmäßig auftauchen sollte, was würde das bedeuten für das Ökosystem der Antarktis und für die Eisschmelze und damit dann auch verbunden für das globale Klima?
Rex: So eine Hitzewelle in der Antarktis wirkt sich ja ganz anders aus als eine in der Arktis, wo im Moment in diesen Tagen im Übrigen auch eine sehr ausgeprägte Hitzewelle stattfindet. In der Arktis führt das dazu, weil die Temperaturen höher sind, dass sofort alles anfängt zu tauen und zu schmelzen und überall rinnt plötzlich das flüssige Wasser, wo wir Eis haben sollten. Aber wir sprachen gerade von Temperaturen auch in dieser Hitzewelle von minus 18 Grad Celsius: Da schmilzt und taut nichts. Es kommt hier also nicht zu großräumigem Schmelzen. Aber trotzdem: Die Dynamik dieses Eisschildes, dieser gewaltigen Eiskappe auf dem Kontinent, die kann durch solche erhöhten Temperaturen beeinflusst werden, nämlich insbesondere dann, wenn rings um die Antarktis herum die Ränder dieser Eiskappe anfangen zu bröckeln und die Eiskappe dann unter ihrem eigenen Gewicht beschleunigt Richtung Ozean rutschen kann. Das wäre ein Prozess, der so einen Eisschild instabil werden lassen kann, und da haben wir besonders große Sorgen um den Bereich der Westantarktis, gerade eben diesen Bereich der Halbinsel und dem Eisschild, welches dahinterliegt.
Die Hitzewelle jetzt betrifft die Ostantarktis, die wir bisher noch für recht stabil halten. Aber wenn sich so etwas häuft, dann kann das auch die Stabilität dieser Eisschilde unterminieren. Und wenn insbesondere dann die Westantarktis tatsächlich instabil werden sollte und ins Meer rutschen sollte im Laufe von einigen Jahrhunderten, das geht nicht schnell, aber im Laufe von einigen Jahrhunderten, dann hätte das weltweit einen Meeresspiegelanstieg von vielen Metern zur Folge und das betrifft dann natürlich auch die Küstenlinie an den norddeutschen Küsten. Und sie können sich vorstellen, was ein Mehrere-Meter-Meeresspiegelanstieg für zukünftige Generationen mit Hamburg machen würde.
Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.