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StartseiteInterview der Woche"Hochgeachteter Politiker, geschätzter Mensch und geliebter Freund"23.05.2004

"Hochgeachteter Politiker, geschätzter Mensch und geliebter Freund"

Paul Spiegel über den scheidenden Bundespräsidenten Johhannes Rau

<strong> Limberg: </strong> Herr Spiegel, die Berichte über folternde amerikanische Soldaten im Irak haben hier zu Lande Entsetzen und Empörung ausgelöst, aber auch eine Auseinandersetzung anderer Art. Michael Wolffsohn, Professor der Geschichte an der Bundeswehruniversität in München, hat in einem Interview die Folter bei Terroristen für legitim erklärt, weil in diesen Fällen die herkömmlichen Methoden versagten. Er sieht sich nun heftigster Kritik ausgesetzt. Können Sie nachempfinden, was er gesagt hat oder andersherum: Kann es überhaupt eine Rechtfertigung für Folter geben, zum Beispiel wenn es darum geht, Menschenleben zu retten, oder muss Folter immer und unter allen Umständen tabu bleiben?

Paul Spiegel, Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland (AP)
Paul Spiegel, Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland (AP)

Spiegel: Also, Ihre letzte Frage würde ich durchaus mit ja beantworten. Ich möchte aber darauf hinweisen, dass Professor Wolffsohn unmittelbar nachdem er diese Äußerungen in einem Live-Interview gesagt hat, das relativiert hat und auch quasi sich entschuldigt hat für diese Worte, dass sie wirklich heutzutage nicht in eine Diskussion passen, diese Worte. Das ist unmissverständlich von ihm klargestellt worden und somit ist auch klar, dass auch wir jede Art von Folter, sei es für etwas oder gegen etwas ablehnen. Es geht um Menschen, auch wenn es Menschen gibt, die sich schlimmer als Tiere benehmen, die Terroristen sind. Es gibt keine Rechtfertigung für Folter.

Limberg: Aber diese Diskussion ist ja doch im Gange unter dem Begriff "Rettungsfolter". Das würden Sie also auch ausschließen?

Spiegel: Ich schließe jede Art von Folter aus! Aber ich muss auch sagen, die Reaktion auf den Ausrutscher - und ich möchte das als Ausrutscher bezeichnen von Michael Wolffsohn - ist wirklich deprimierend. Da werden alte Rechnungen abgerechnet und die Reaktion, die er bekommen hat, dass man ihm sagt, man solle ihn aufhängen - ich will das gar nicht mal zitieren - ist in einer Art und Weise, wie ich sie wirklich heute nicht mehr für möglich gehalten habe. Man muss jedem Menschen mal zugestehen, einen Fehler zu machen. Michael Wolffsohn ist ein sehr intelligenter, kluger Mann, und er hat sich in einer Diskussion vergaloppiert. Das muss man so zur Kenntnis nehmen, und man muss ihm auch die Möglichkeit geben, sich zu rechtfertigen oder sich zu entschuldigen. Und er hat sich unmissverständlich entschuldigt!

Limberg: Er hat in einem weiteren Interview gesagt, dass er hasserfüllte Post bekomme. Post, die zum Teil krass antisemitisch ist. Wie erklären Sie sich dieses? Es geht ja bei dieser Diskussion eigentlich um die Menschenwürde, um den Artikel 1 des Grundgesetztes, um die Freiheit von Lehre und Forschung, vielleicht auch um die Politik der USA im Irak. Das ist ja eine Auseinandersetzung, die mit der Religionszugehörigkeit gar nichts zu tun hat.

Spiegel: Überhaupt nichts. Aber, wie gesagt: Da werden alte Rechnungen aufgezogen. Da wird gesagt: Aha, hier ist ein Jude - er ist ja bekannt als Jude, er hat das nie verleugnet -, und der hat solche Äußerungen gemacht, und jetzt wollen wir ihn mal angreifen, in dem Bewusstsein, dass man uns nicht angreifen kann, uns nicht Antisemitismus vorwerfen kann. Und das ist falsch! Hier äußern sich Antisemiten in einer entwürdigenden und schlimmen, entsetzlichen Art und Weise, und ich verurteile das zutiefst.

Limberg: Ist denn Herr Wolffsohn, obwohl er seine Anmerkungen relativiert hat, tragbar als Hochschullehrer, der mit jungen Leuten zu arbeiten hat?

Spiegel: Also, das muss die Hochschule und die Aufsichtsgremien der Hochschule entscheiden. Das habe ich nicht zu entscheiden.

Limberg: Die amerikanische Anti-Defamation-League hat in einer Untersuchung festgestellt, dass die Zahl derer, die antisemitischen Stereotypen anhängen, in Europa und auch in Deutschland leicht gesunken ist. Gleichzeitig stellt das Bundesinnenministerium für das vergangene Jahr einen Anstieg antisemitisch motivierter Gewalttaten fest. Sie nahmen um 25 Prozent zu. Auch die Schändung jüdischer Einrichtungen hat zugenommen. Welches Bild haben Sie vom Ausmaß des Antisemitismus in Deutschland?

Spiegel: Vor wenigen Tagen fand in Berlin eine Konferenz statt, an der 55 Länder teilgenommen haben, um sich darüber zu unterhalten: Was kann man gegen Antisemitismus tun? Vor kaum 60 Jahren ging hier das größte Menschheitsverbrechen zu Ende, und wir haben gedacht, Antisemitismus wird nie wieder ein Thema sein! Jetzt, 60 Jahre danach treffen sich eben 55 Länder, um sich mit dieser Frage zu beschäftigen. Das ist deprimierend. Besonders für jemanden, der den Holocaust überlebt hat, dessen Familie umgekommen ist. Und das Positive, wenn es überhaupt etwas gibt, dann ist es das, dass eben die Länder das jetzt nicht mehr auf sich zukommen lassen wollen, undiskutiert und ohne Reaktion. Und das war das Positive, dass sich wirklich sehr ernsthaft mehrere Tage Politiker aus aller Welt mit der Frage befasst haben: Wie können wir diese Pest, wirklich diese Pest, bearbeiten, verarbeiten und vor allen Dingen verhindern? Es bleibt die Frage: Wieso kommt es, dass es heute wieder so etwas gibt? Die Zahlen, die Sie genannt haben, sind ja erschreckend und nicht nachvollziehbar. Erklären kann ich nicht, wieso es dazu gekommen ist. Ich sage: Man kann Antisemitismus nicht erklären, man muss ihn bekämpfen! Aber nicht nur um ihn zu bekämpfen, weil er gegen eine Minderheit gerichtet ist, sondern bekämpfen, weil er insgesamt gegen das demokratische Grundgefüge gerichtet ist. Es kann doch niemandem, auch nicht in Deutschland, besonders in Deutschland, daran gelegen sein, Zustände wieder in Deutschland zu haben, wie sie zwischen 1933 und 1945 waren. Es sind ja nicht nur sechs Millionen Menschen, Juden umgebracht worden. Es haben ja Millionen andere Menschen unter dem Nationalsozialismus gelitten. Also, man muss sich da vor Augen führen, dass dieser Antisemitismus, diese Menschenfeindlichkeit, eben gegen auch den anderen Teil der Menschheit gerichtet ist, die eben in Frieden miteinander leben wollen. Und für mich - ich wiederhole noch einmal - ist es überhaupt unverständlich, dass sich vor allen Dingen auch junge Menschen bereit finden, Rassenwahn ähnliche Parolen zu äußern, sich zu einer Gewalt bereit erklären gegen Minderheiten, egal ob das gegen Juden oder andere Minderheiten ist. Das ist für mich eine Frage, die ich nicht beantworten kann, wie das kommt. Ich weiss nur, man muss es bekämpfen!

Limberg: Die Frage ist ja wie? Es hat auf dieser Konferenz viele Erklärungen der Entschlossenheit gegeben. Aber die Frage ist ja, wie man praktisch vorgeht?

Spiegel: Gut, das ist die nächste Konsequenz. Erst mal hat man festgestellt: Es gibt den Antisemitismus. Es hat Berichte gegeben, wie der Antisemitismus aussieht in Europa, besonders in Frankreich und in anderen Ländern. Und wenn man das weiss, dann kann man erst dazu übergehen und Reaktionen prüfen. Eines der schlimmsten Mittel, womit der Rechtsradikalismus, der Antisemitismus auch sich äußert, ist das Internet. Es gibt über 1000 Internetseiten, die zum Hass aufwiegeln. Da muss die Völkergemeinschaft sich einig sein, um das zu verhindern. Gott sei Dank ist ja die Kinderpornografie weitestgehend - auch noch nicht ganz - aus dem Internet herausgehalten worden. So müsste es doch möglich sein, die Länder dazu zu veranlassen, sich auch Gedanken zu machen, wie man aus dem Internet, aus dem öffentlich zugänglichen Internet, diese Hassparolen entfernen kann.

Limberg: Vor allem in Frankreich haben antijüdische Angriffe seit Beginn der Al-Aksa-Intifada im Jahre 2000 enorm zugenommen. Täter sind in den meisten Fällen arabischstämmige Jugendliche. Ist das eine Entwicklung, die Ihnen auch hier in Deutschland Sorgen bereitet?

Spiegel: Jede Form von Antisemitismus bereitet uns Sorgen. Unabhängig davon, ob das nun in Frankreich, bei uns vor der Tür oder in Deutschland stattfindet. Natürlich besorgt uns die Zahl, die vor einigen Tagen der Bundesinnenminister gesagt hat, wie viel Tausende islamistische Terroristen er in Deutschland vermutet, die gewaltbereit sind. Natürlich bereitet uns das Sorgen. Das kann man nicht einfach so zur Kenntnis nehmen und sagen: Ach, es wird schon nichts passieren! Der Terrorismus, der seinen Höhepunkt erreicht hat am 11. September 2001 in den USA und bis nach Madrid seine blutige Spur gezogen hat - wir wissen gar nicht, was in den nächsten Tagen irgendwo anders passiert. In Israel weiss man, was Terrorismus bedeutet. Da lebt man damit, jeden Tag, fast jeden Tag . Und ich möchte einmal wissen, wie hier die Menschen in Deutschland reagieren würden, wenn man sich vor Augen führen müsste, dass jeden Tag irgendwo in Deutschland ein Attentat gegen unschuldige Kinder, Frauen und Männer verübt werden könnte. Wir müssen also, egal von welcher Seite er kommt, den Terrorismus bekämpfen. Nicht nur verhindern, sondern auch bekämpfen, wo er auch nur seine Fratze zeigt.

Limberg: Herr Spiegel, man spricht ja von einem neuen islamistisch begründeten Antisemitismus, der seine Wurzeln im Hass auf Israel hat, der sich aber zum Teil uralter europäischer Stereotypen der Judenfeindschaft bedient. Die "Protokolle der Weisen von Zion" werden in der arabischen Welt verbreitet. Antisemitische Karikaturen im Stürmerstil füllen arabische, vor allem palästinensische Presseerzeugnisse. Kann man wirklich von einem neuen Antisemitismus sprechen? Und gibt es Tendenzen, dass sich dieser mit dem alten in Europa verbündet , nicht nur von dort seine Argumente bezieht, sondern sich auch mit ihm verbündet?

Spiegel: Also, ich weiss nicht, ob es ein neuer Antisemitismus ist. Ich glaube, die Diskussion darüber ist obsolet. Antisemitismus ist Menschenfeindlichkeit, ist gegen eine Gruppe gerichtet, aus welchen Gründen auch immer. Deswegen noch einmal:
Ob dieser Antisemitismus neu, ob er alt ist, ob er uralt ist, ob er seit Generationen da ist, spielt meiner Meinung nach für uns, die wir unmittelbar betroffen sind, überhaupt keine Rolle. Natürlich, die Institutionen und Behörden in den einzelnen Ländern, die sich dieser Aufgabe stellen, dieses zu bekämpfen, müssen natürlich ganz genau abwägen: Woher kommt der, wo ist seine Wurzel? Wir beobachten schon seit einigen Jahren, dass es Schnittstellen gibt, wo sich islamistische Terroristen und Rechtsradikale treffen in dem gemeinsamen Bestreben, gegen Juden etwas zu unternehmen. Sie differenzieren dabei überhaupt nicht, ob es sich um Juden handelt in der Diaspora oder die Menschen in Israel, also jüdische Menschen in Israel. Hier wird es vermischt. Die Hauptsache ist, es geht ihnen darum, gegen Juden vorzugehen.

Limberg: Eine Diskussion, die immer wieder geführt wird, die auch jetzt wieder geführt wird, ist, wann schlägt Kritik an Israel und seiner Regierung um in Antisemitismus, offenen oder versteckten? Können Sie diese Grenze definieren?

Spiegel: Ja. Die Grenze bei der Kritik an Israel zwischen Antisemitismus und berechtigter Kritik ist darin, wenn es sich nicht mehr um Kritik, sondern um einseitige Verurteilung handelt. Es ist ein Unterschied, ob ich die Politik der israelischen Regierung kritisiere. Und Kritik ist angesagt: Die größte Kritik an der israelischen Politik zur Zeit gibt es in Israel selber. Es hat vor wenigen Tagen eine Demonstration in Israel gegeben für Friedenspolitik, für den Abzug aus Gaza usw., an der mehr als 150.000 Menschen teilgenommen haben. Bei einer Bevölkerung von sechs Millionen, wenn man das in Relation setzt, frage ich – ich bin nicht so gut im Kopfrechnen - : Wie viele Menschen in Deutschland z. B. auf die Straße gehen müssten bei 81Millionen? Ich glaube, es sind 1,5 Millionen in etwa. So eine Demonstration habe ich hier noch nicht erlebt. Kurz gesagt: Deutschland ist nach Aussage der israelischen Politiker - und ich war vor wenigen Tagen in Israel, hab mit Politikern gesprochen -, der zweitwichtigste und verlässlichste Partner für Israel, nach den USA. Und wenn ich einen Partner habe, einen Freund habe, so erwarte ich auch Kritik, konstruktive Kritik und nicht nur Ja sagen. Aber es ist ein Unterschied, ob ich wirklich verurteile und in diese Verurteilung antisemitische Klischees einbaue. Da ist die Grenze zu ziehen. Noch einmal: Wenn sie Juden kritisieren, wenn sie Israel kritisieren, ist es kein Antisemitismus per se. Es kommt auf die Form an, auf die Inhalte an, auf die Emotionen, die damit hochgeladen werden.

Limberg: Herr Spiegel, Amnesty International hat das, was sich derzeit im Gaza-Streifen zuträgt - die Zerstörung von Häusern, die Vertreibung der Bewohner -, als Kriegsverbrechen bezeichnet. Würden Sie diesen Ausdruck für legitim halten?

Spiegel: Ich will Amnesty International nicht kritisieren. Sie haben ihre Aussagen gemacht. Aber ich würde es begrüßen, wenn ich die Stimme von Amnesty International auch öfter hören würde, wenn in Israel Kinder, Schulkinder ermordet werden, wenn in Israel eine schwangere Frau mit ihren vier kleinen Kindern abgeschlachtet werden. Da hab ich schon die Stimme von Amnesty International vermisst. Ich will das nicht aufrechnen. Amnesty International hat ihre Meinung, andere haben eine andere Meinung. Das ist nun so in der Welt, das ist unterschiedlich. Ich bin kein israelischer Staatsbürger. Ich habe der israelischen Regierung keine Vorschriften zu machen. Ich habe dem Militär nicht zu sagen, was es zu machen und was es nicht zu machen hat. Israel steht in einem Kampf, um sich zu verteidigen.Und das will ich auch sagen und das kann ich auch sagen und das ist auch meine tief begründete Meinung: Israel befindet sich im Krieg, befindet sich im Krieg mit den Terroristen. Der Unterschied ist nur, dass sie mit Terroristen nicht wie in einem Krieg zwischen zwei Armeen, mit den Führern einer anderen Armee Diskussionen oder Abmachungen machen können, sondern Terroristen wollen nicht diskutieren. Terroristen wollen morden, und Israel muss sich verteidigen. Israel muss seine Bürger schützen. Wie es das macht, da kann ich Israel keine Vorschriften machen . Und ich kann nur appellieren, das nicht einfach auf eine kurze Formel zu bringen, sondern auch den Bau des Schutzzaunes unter dem Aspekt zu sehen, dass das kleine Land Israel sich davor schützen muss, vernichtet zu werden. Denn über eins müssen wir uns klar sein: Ein besiegtes Israel wird es nie geben. Dann ist es nämlich ein vernichtetes Israel, und Israel muss sich verteidigen.

Limberg: Der scheidende Bundespräsident Johannes Rau, der ja sicher kein Verharmloser ist, hat kürzlich davor gewarnt, mit dem Vorwurf des Antisemitismus leichtfertig umzugehen. Hatte er Anlass für diese Warnung, für diese Mahnung?

Spiegel: Nein, ich sehe das nicht. Aber dazu müssen Sie ihn selber fragen, was er damit gemeint hat. Ich jedenfalls, der Zentralrat nimmt dieses nie leicht, wenn wir jemandem vorwerfen, dass er sich antisemitisch geäußert hat oder antisemitischer Klischees bedient hat. Das hat sich im Laufe der letzten Jahre immer so bewahrheitet und das ist auch nachvollziehbar.

Limberg: Herr Spiegel, die Erweiterung der EU bringt eine Reihe von neuen Mitgliedern aus Osteuropa, die sich schwer tun mit der Aufarbeitung der NS-Vergangenheit, d.h., mit ihrer Rolle bei der Ermordung der Juden, ihrer Kollaboration, die stattdessen vor allem die Erinnerung an die eigene Unterdrückung durch den Kommunismus betonen und ihre Rolle als Opfer. Bedeutet dies, dass dort der Antisemitismus verharmlost wird?

Spiegel: Ich will nicht sagen verharmlost. Aber er wird nicht so zur Kenntnis genommen, nicht so verarbeitet, wie das zum Beispiel in Deutschland getan wird. In Deutschland hat man sehr ernsthaft diese Frage bearbeitet, sich mit dieser Frage auseinander gesetzt. Diese Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit hinsichtlich von Antisemitismus beobachten wir in diesen Ländern noch nicht. Vielleicht - das ist meine Hoffnung – wird das durch den Zusammenschluss mit anderen europäischen Staaten etwas zügiger vorgenommen. Denn es gehört dazu, wenn man zu seiner eigenen Geschichte steht, nicht nur zu seinen positiven Dingen, sondern auch zu seinen negativen. Es hat grausame antisemitische Exzesse gegeben in Ostblockstaaten, und ich kann nur appellieren an die Ostblockstaaten, sich ihrer Verantwortung für ihre Geschichte und der Verantwortung für ihre lebenden Bürger und für die Zukunft auch gerecht zu werden, indem man sich ganz klar mit diesen Dingen der Vergangenheit auseinander setzt.

Limberg: Könnte von dort eine neue Welle des Antisemitismus nach Europa schwappen?

Spiegel: Also, es gibt Antisemitismus in Europa, in einem erheblichen Maße, und das hat stattgefunden ohne irgendwelche Einflüsse aus Osteuropa. Ich glaube nicht, dass dieses aus Osteuropa Einfluss haben kann, dass es hier noch mehr Antisemitismus geben kann. Im Gegenteil. Ich bin der Auffassung, dass sich die EU- Länder, die bisherigen, ohne die Einordnung der neuen, ihrer Verantwortung bewusst sind. Die Aussage von Staatspräsident Chirac ist ganz eindeutig, dass er den Antisemitismus mit allen Mitteln bekämpfen will in Frankreich. Ich habe den Eindruck auch von den anderen Ländern. Ich glaube nicht, dass die anderen Länder und auch die Menschen in anderen Ländern, sich davon beeinflussen lassen wollen, wie der Antisemitismus in Osteuropa bearbeitet, verarbeitet oder zur Kenntnis genommen wird.

Limberg: Eine Untersuchung des Moses-Mendelssohn-Zentrums in Potsdam hat ergeben, dass seit 2002 Deutschland das beliebteste Ziel jüdischer Auswanderer aus der ehemaligen Sowjetunion ist. Weshalb nicht mehr Israel? Spielt da die Angst vor Terror eine Rolle?

Spiegel: Das mag keine Rolle spielen. Aber das hängt auch damit zusammen, dass viele ihre Verwandten schon in Deutschland haben und dass auch die Behandlung der sogenannten Kontingentflüchtlinge hier von den deutschen Behörden relativ großzügig durchgeführt wird und sie dann natürlich lieber nach Deutschland gehen, wo sie wissen, dass es den Terrorismus nicht in dem Maße gibt wie in Israel. Im letzten Jahr – in der Tat – sind mehr Menschen nach Deutschland gekommen aus den ehemaligen sowjetischen Ländern , also Juden, als nach Israel. Aber gerade in den letzten Wochen haben wir beobachtet, dass die Tendenz wieder anders geht, dass mehr nach Israel gehen als nach Deutschland kommen.

Limberg: Sie haben mal von einem Vertrauensbeweis in die deutsche Demokratie gesprochen im Zusammenhang mit der sehr rasch wachsenden jüdischen Gemeinschaft in Deutschland.

Spiegel: Dazu stehe ich nach wie vor. Wenn mehr als 70.000 Juden sich entschieden haben, nach Deutschland zu kommen und auch hier zu leben und hier zu bleiben, so ist das wirklich ein Vertrauensbeweis, und ich hoffe, dass dieses Vertrauen gerechtfertigt ist. Ich jedenfalls glaube daran.

Limberg: Sie waren auch mal, oder klangen auch schon mal sehr viel pessimistischer. Das war nach dem Anschlag auf die Düsseldorfer Synagoge. Da haben Sie öffentlich gefragt,ob man wirklich als Jude im Land der Täter leben könne.

Spiegel: Das war eine Frage, die ich gestellt habe. Die Beantwortung ist: Man kann hier leben. Wir wollen hier leben, wir als Juden wollen hier leben, sonst wären wir nicht hier. Keiner zwingt uns, hier zu leben, und wir glauben einfach daran, dass die Mehrheit der deutschen Bevölkerung es begrüßt, dass es wieder jüdisches Leben in Deutschland gibt. Das beweisen Zuschriften, das beweisen Besuche in unseren Gemeinden, das beweist, dass von meinem Buch , wo ich etwas über das Judentum erzählt hab , 40.000 Exemplare verkauft worden sind, von einem Sachbuch. Also, ich glaube daran. Natürlich gibt es immer wieder Dinge, die uns erschrecken, die uns entsetzen. Aber wir geben nicht auf, dass wir an dieses Land glauben, an die Menschen in diesem Land und vor allen Dingen auch an die Politiker dieses Landes, eben unabhängig davon, welche Koalition oder welche Regierung gerade an der Macht ist in Deutschland. Und wir bekommen dies auch bestätigt aus anderen Ländern, die uns beobachten hier in Deutschland - bei allem Antisemitismus den es hier gibt. Es gibt Antisemitismus! Wir wissen aufgrund von wissenschaftlichen Untersuchungen, es gibt einen Prozentsatz von ca. 15 – 20 % Menschen in Deutschland, die zumindest latent antisemitisch eingestellt sind. Aber das ist nicht die Mehrheit, und wir hoffen, dass auch diese Menschen eines Tages von ihrem Vorurteil ablassen.

Limberg: Es gibt ja zwischen dem Zentralrat und der Union progressiver Juden heftige Auseinandersetzungen. Diese Union beansprucht einen Teil der drei Millionen Euro, die dem Zentralrat laut Staatsvertrag vom Bund pro Jahr zustehen. Und sie wirft ihm außerdem vor, die Liberalen zu benachteiligen. Das ist ein Streit, der ist ja schwer verständlich. Wie konnte es dazu kommen?

Spiegel: Also, ich glaube nicht, dass wir soviel Sendezeit haben. Ich wäre dankbar, wenn ich ausführlich Gelegenheit hätte, dazu Stellung zu nehmen, denn in den Medien strotzt die Berichterstattung von Unkenntnis. Das ist auch sehr kompliziert. Ich kann hier nur versuchen, ganz kurz zu klären: Es gibt keinen Streit. Es gibt keinen Streit mit einem sogenannten orthodoxen Zentralrat. Der Zentralrat ist keine religiöse Organisation. Er ist die politische Interessenvertretung der Juden in Deutschland und der jüdischen Gemeinden, und ich glaube auch nicht - wer mich kennt -, dass ich den Eindruck eines orthodoxen Juden mache. In unserem Direktorium ist keiner orthodox. Es geht auch nicht um die Verteilung der Gelder. Der Zentralrat hat diese Gelder, die er jährlich bekommt aufgrund des Vertrages, für die Bundesarbeit, aber auch für die Dienstleistungen zur Verfügung, die er für die jüdischen Gemeinden macht, und er verteilt keine Gelder, weder an Gemeinden, die dem Zentralrat angehören, noch an andere. Im Gegenteil. Alle Gemeinden, die bei uns Mitglied sind und das ist 95 % aller Gemeinden, zahlen Mitgliedsbeiträge pro Kopf ihrer Mitglieder an den Zentralrat. Aber um es auf einen kurzen Nenner zu bringen: Wir sind im Gespräch mit diesen Gemeinden. Wir wollen, dass sie unsere Mitglieder werden. Sie müssen natürlich einige Voraussetzungen erfüllen. Sie müssen nachweisen, dass in ihren Gemeinden ausschließlich Juden ihre Mitglieder sind und sie müssen einen Status als Körperschaft des öffentlichen Rechts haben. Da ist ein Riegel vorgeschoben seit einigen Jahrzehnten, sonst kann sich jeder, ob Jude oder nicht, jüdische Gemeinde nennen und dann einen Antrag stellen zum Zentralrat. Wenn diese Gemeinden diese Voraussetzungen erfüllt haben, werden sie auch Mitglieder im Zentralrat werden. Wir sind interessiert, alle Juden in Deutschland zu vertreten. Uns interessiert da nicht, ob sie liberal oder orthodox sind. Es gehören schon zum Zentralrat einige Gemeinden, die sogenannt "liberal" sind. Die Gemeinde Oldenburg hat eine Rabbinerin als Seelsorgerin. Die jüdische Gemeinde Weiden in der Oberpfalz hat eine Rabbinerin. Da kann man doch nicht von Orthodoxie sprechen. Also, es wird hochgekocht die ganze Sache, besonders von Medien, die sich nicht die Mühe machen, in die Tiefe einzugehen.

Limberg: Herr Spiegel, heute wird ein neuer Bundespräsident gewählt. Eine Frage zum Wirken Johannes Raus, gerade im Blick auch auf das Verhältnis zwischen Juden und Nichtjuden in unserem Land.

Spiegel: Johannes Rau hat nicht nur erst in seiner Zeit als Bundespräsident viel für die Aussöhnung getan zwischen Juden und Nichtjuden, zwischen Deutschland und Israel. Das ist eine historische Leistung, die er nicht aus politischen Gründen erbracht hat, sondern das war ihm ein Herzensanliegen. Ich kenne keinen anderen deutschen Politiker, der wie Rau 40mal Israel besucht hat und nicht einfach besucht hat, sondern er hat Freunde dort. Er ist in Israel ein hochgeachteter Politiker, ein hochgeschätzter Mensch und ein geliebter Freund. Und das ist das große Verdienst von Johannes Rau. Ich hoffe, dass auch daran der nächste Bundespräsident oder die nächste Bundespräsidentin gemessen wird, dass auch er oder sie, die Brücken weiter betreten werden, die Johannes Rau geschlagen hat.

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