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StartseiteEssay und DiskursZwischen Himmel und Erde16.12.2018

Hochhäuser, Megahäuser, High RisesZwischen Himmel und Erde

Die weltweite Entwicklung der Urbanität führt zu der alten Erkenntnis: Unsere Städte werden dichter und damit zwangsläufig auch höher bebaut. Die Debatte um Hoch- und Megahäuser, die neudeutsch auch als High Rises bezeichnet werden, wird seit Babylon geführt. Der Mensch will hoch hinaus und in einem "metaphysischen Transitraum" dem Himmel nahe sein.

Von Dirk Meyhöfer

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Die Skyline von Schanghai am Huangpu Fluss - gesehen vom Shanghai Tower.  (imago / ZUMA Press)
Die Skyline von Schanghai mit dem Shanghai World Financial Center - gesehen vom Shanghai Tower (imago / ZUMA Press)
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Sind Hochhäuser in Zeiten von Globalität und Klimawandel unverzichtbar? Die Argumente der Debatte wechseln von rational nach emotional, ihr Austausch wirkt zwangsneurotisch. Ganz abgesehen von der rein baulichen Zwangslage durch die Grundstückspreise in den Großstädten wird ein Hochhaus auch heute noch als Symbol für Macht, Sex und Besitz verstanden. Natürlich macht es auch Sinn, höher zu bauen und weniger Fläche zu verbrauchen. Auch konstruktiv sind Hochhäuser inzwischen ziemlich sicher, allerdings stellen Katastrophen wie bei 9/11 oder beim Grenfell Tower in London immer wieder die Sicherheitsgarantie-Frage.

Dirk Meyhöfer ist Architekturkritiker, Publizist und Ausstellungsmacher. Bis 1987 war er Redakteur der Zeitschrift "Architektur und Wohnen". Er gibt das Architekturjahrbuch "Hamburg" heraus und hält seit 2000 Lehraufträge über das Verhältnis von Schreiben und Baukunst.


Jeder Architekt möchte einmal eine Kirche, ein Theater oder eine High‑Rise‑Skulptur entwerfen. Ich habe eigentlich noch nie auf die Frage an einen Architekten, ob er mal ein Hochhaus bauen möchte, ein "Nein" gehört.

"Das Hochhaus war eine gewaltige Maschine, die nicht dafür bestimmt war, dem kollektiven Ganzen der Bewohner zu Diensten zu stehen, sondern dem individuellen, isolierten Wohnungsinsassen. Sein aus Rohren von Klimaanlagen, Fahrstühlen und elektrischen Schaltsystemen bestehendes Personal sorgte für eine nie nachlassende Betreuung und Bedienung, für die man vor einem Jahrhundert ein ganzes Heer von unermüdlichen Dienstboten gebraucht hätte."

In seinem Weltuntergangsepos "High-Rise" aus dem Jahr 1975 macht der amerikanische Schriftsteller J. G. Ballard ein Hochhaus zum Horrorszenario mit tödlichem Ausgang für die Bewohner. In dem modernistischen Hochhaus des Architekten Anthony Royal leben die Bewohner als isolierte Gemeinde, vom Rest der Gesellschaft abgeschnitten. Dieses High Rise soll eine ganz neue Form des Luxus ermöglichen. Es bietet seinen Bewohnern alle Annehmlichkeiten des modernen Lebens, vom Supermarkt bis zum Fitnessstudio; ein Verlassen des Hochhauses ist eigentlich nicht mehr nötig. Bald aber funktionieren der Hauskörper und seine Lebensadern nicht mehr - weil Menschen das logistische Versorgungsystem aus Heizung, Fahrstühlen oder Wasserversorgung willkürlich verletzen und außer Kraft setzen.

"Eine offenkundig homogene Ansammlung von Akademikern und Freiberuflern mit hohem Einkommen hat sich in drei verschiedenartige und feindliche Lager aufgespalten. Die alten sozialen Unterteilungen, beruhend auf Macht, Kapital und Eigennutz, hatten sich hier wie überall sonst erneut geltend gemacht. Tatsächlich hatte sich das Hochhaus in die drei klassischen sozialen Gruppen - Unter-, Mittel- und Oberschicht - aufgeteilt."

Alles endet mit Totalzerstörung

J. G. Ballard beschreibt zunächst leise den schleichenden Verfall und den dann rasant sich beschleunigenden Zerstörungsprozess. Zunächst erklärt er die Phänomene der Zerstörung mit einem mangelnden emotionalen Zusammenhalt der Bewohnerinnen und Bewohner. Er lässt die Lust an Zerstörung und Vandalismus harmlos mit abgerissenen Türklinken beginnen, dann aber fliegen menschliche Körper aus dem 35. Stockwerk und alles endet mit Totalzerstörung. Das High Rise wird zur blutroten Metapher einer scheiternden kapitalistischen Gesellschaft.

Ich habe diesen Science-Fiction-Roman von Ballard über die drastische Entfremdung des modernen Menschen von seiner Hamsterkäfig-Umwelt erst 40 Jahre nach seiner Veröffentlichung gelesen. Der Roman ist allerdings zeitlos, vielleicht eben so lange aktuell, wie in unseren Hirnen und Herzen die Faszination für die Idee einer Hochhauswelt weiter besteht. Doch wann begann der Turmbau  des Menschen?

"Unter Zikkurat verstehen wir einen altmesopotamischen Monumentalbau, der aus mehreren übereinander liegenden, nach oben kleiner werdenden Plattformen besteht und einen Tempel auf der Spitze trägt. Der Aufstieg erfolgt über Treppen und Rampen; der Bautypus ist seit der damaligen dritten Dynastie belegt - bekannt ist die Zikkurat in der abendländischen Malerei und Literatur vor allem als Turmbau zu Babel!", heißt es im Weltlexikon der Architektur. Eine Zikkurat gilt als die Mutter aller Türme. Die bekannteste Abbildung einer Zikkurat stammt vermutlich von Pieter Breughel dem Älteren. Das Motiv ist die Verzahnung mit der Welt. Ein eigener Topos, eine Landmarke. Für Architekten, Städtebauer und heutige Landschaftsplaner üben die Nachfolger dieser Zikkurate einen ganz eigenen Reiz aus; aber eigentlich sind sie gar nicht planbar - schon gar nicht von einzelnen.

Der Begriff High Rise erinnert heute weniger an den Roman Ballards. Hochhäuser werden international so bezeichnet. Alle zwei Jahre verleiht die Stadt Frankfurt mit dem Frankfurter Architekturmuseum den Internationalen Highrise Award und zeigt in einer begleitenden Ausstellung die Best High‑Rises der Welt. 2018 ging der Internationale Hochhauspreis an den mexikanischen Architekten Benjamin Romano für den "Torre Reforma", ein Büro- und Wohngebäude mit 57 Stockwerken in Mexiko-Stadt. Bezeichnend ist, dass im Jahr 2018 keiner der fünf vorgeschlagenen Bauriesen auf der Short List in Europa zu finden ist: Asien ist jetzt der High‑Rise-Kontinent.

Der Burj Khalifa in Dubai ist das höchste Gebäude der Welt

Der Burj Khalifa in Dubai ist zur Zeit das höchste Gebäude der Welt, in dem Menschen wohnen und arbeiten - ein 828 Meter hoher Wolkenkratzer mit Aussichtsplattform, Restaurant, Hotel, Büros und einem 11 Hektar großen Park - das Wahrzeichen der Vereinigten Arabischen Emirate.

Dieser Weltmeisterturm wurde von Adrian Smith aus dem US‑amerikanischen Architekturbüro SOM entworfen. Die Gründer des Büros, Skidmore, Owings und Merril, gelten seit über 80 Jahren als Hohepriester des Wolkenkratzerbaus. 1974 haben sie den Sears Tower entwickelt und gebaut, mit 442 Metern Höhe der höchste Skyscraper Chicagos.

Burj Khalifa hatte diese Höhe verdoppelt, das Bauwerk besitzt weltweit die meisten Stockwerke und auf dem 163. auch die höchstgelegene nutzbare Etage. Diese Aussage ist sehr wichtig, denn bei vielen Hochhäusern bildet letztlich eine unbewohnbare Antennenspitze den Griff nach dem Superlativ. Die Bauarbeiten für Burj Khalifa begannen im Jahr 2004, das Gebäude wurde Anfang 2010 eingeweiht.

Ich war noch nicht im höchsten Gebäude der Welt. Dafür bin ich schon einmal direkt darüber geflogen, ein Erlebnis, das die oft irrationale Euphorie über Burj Khalifa verklärt. 1975 hatte ich als junger Architekturstudent Gelegenheit, den Sears Tower und den benachbarten Hancock Tower an der Magnificent Mile in Chicago zu besichtigen. Alle nannten den 1969 fertig gebauten Hancock Tower "little sweet Hancock", weil er "nur" 344 Meter hoch war.

Dieses High Rise mit insgesamt 100 Stockwerken stellt eine beachtliche Ingenieursleistung dar, dokumentiert in einer diagonal versteiften Stahlkonstruktion, mit denen die Fenster durch breite Profile wenn nicht versperrt, dann doch den Blick durch diese beeinträchtigten. Die Stockwerke 45 bis 93 bilden die sogenannte "Resident Area", bewohnt von Privatpersonen. Das Betreten ist nur ihnen und ihren Gästen erlaubt. Die Bewohner hat die beeinträchtigte Aussicht nicht gestört. Ihre Apartments waren damals sehr beliebt, weil sie bauliche Stärke demonstrierten und Sicherheit versprachen.

"Eventually, I think Chicago will be the most beautiful great city left in the world!"

... ist ein Zitat des weltberühmten amerikanischen Architekten Frank Lloyd Wright. Chicago war immer ein "place to be" für Hochhausarchitekten. 1922 revolutionierte ein Architekturwettbewerb für das neue Verlagsgebäude des "Chicago Tribune" die damalige Architekturszene. 260 Einsendungen zum Wettbewerb gab es, letztlich gewann ein neugotischer Entwurf. Aber andere Entwürfe nahmen das kommende Jahrhundert stilistisch vorweg, darunter der Entwurf des finnischen Architekten Eliel Saarinen für einen radikal vereinfachten, heute als klassisch modern zu bezeichnenden Turm. Oder der von Adolf Loos, der den Zeitungsverlag in die Kulisse einer griechischen Hochhaussäule steckte. Dieser Vorschlag geisterte 50 Jahre später immer noch als Vorbild der Postmoderne herum.

Chicagos Hochhäuser haben Architekturgeschichte geschrieben. Zwei wunderbare Hochhausrundlinge aus dem Jahr 1968, die Marina Towers von Bertrand Goldberg, wirken effektvoll wie die Doppeltürme einer gotischen Kathedrale. Doch ihr eigentliches Kunstwerk ist das schönste Parkhaus der Welt: Es integriert in den unteren 19 Stockwerken hinter eleganten Brüstungsscheiben bald 900 Parkplätze pro Turm!

Erleuchtete Wohnungen am Kölner Unicenter. (imago / Future Image)Erleuchtete Wohnungen am Kölner Uni-Center. (imago / Future Image)

Hochhaus-Center: Das ganze Leben unter ein Dach

Zurück nach Europa: 1975 war das Europäische Denkmalschutzjahr, das für städtebauliche Überlegungen in Deutschland und Europa einen Paradigmenwechsel einleitete. Was bedeutete: Man ging wieder denkmalpflegerisch mit deutschen Städten um, einschließlich historischer Stadtkulissen.

1975 besuchte ich in Köln das kurz vorher eröffnete Uni-Center: 45 Stockwerke, 135 Meter Höhe, 968 Wohnungen in Gebäudeteilen, die ein Ypsilon bilden, wurden eines der größten Wohnhäuser Europas. Hier bekam der Dom Konkurrenz, blieb jedoch mit 157 Metern das höchste Bauwerk der Stadt, weshalb sich damals niemand daran stieß. Das äußerst ambitionierte städtebauliche Projekt aus Beton und Glas hat Werner Ingendaay entworfen.

Ein Artikel über das Kölner Uni-Center, den ich für die schöne Serie "Welt im Beton" in der "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung" schrieb, und eine NDR‑WDR‑Hörfunksendung mit dem Titel "Alles unter einem Dach - Leben im Wohn-Center" fand großes Interesse bei Lesern und Hörern:

"Wie ein behäbiger Lindwurm kriecht ein Basement drei bis viergeschossig am Erdboden entlang und verschlingt parkende Autos, Supermärkte und Büros. Darüber schlagen sich die Wohntürme in der Gestalt eines riesigen Dreizacks in die Höhe. Sie bieten Bewohnern Licht, Luft und den Ausblick auf die Stadt, die tief unter ihnen liegt."

 (hieß es in der Sendung.) Uni-Center Architekt Ingendaay legitimierte den Turm aus städtebaulicher Sicht:

 "Wir wollten in erster Linie ein Hochhaus in der Nähe der Stadt und nicht auf der grünen Wiese schaffen."

Nicht nur in Köln, auch Hannover oder Westberlin huldigten der Idee eines Hochhaus-Centers. Das gesamte Leben unter einem Dach zusammenzufassen, dahinter steckte die Idee des städtebaulichen Werks von Le Corbusier. Der Schweizer Architekt, der vornehmlich in Frankreich arbeitete, war Vorbild, ja Held einer ganzen Architektengeneration. Er hat den Urtypus einer modernen Zikkurrat geschaffen, die "Unité d´Habitation". Seine Idee war das Haus als geschlossene Stadt, als geschlossener Kreislauf; Flure waren wie Straßen und Wohnungen wie Häuser gestaltet, mit sozialen Einrichtungen für Kinder und Erwachsene auf dem Dach. Seine Projekte in Marseille, Nancy oder Berlin sind heute Lieblingsbauten des engagierten Denkmalschutzes. Doch leider hat das Engagement sie nicht davor bewahren können, hier zu sozialen Brennpunkten zu verkommen, dort leer zu stehen oder zu verfallen.

Auch das Kölner Uni-Center wurde kein richtiger urbaner Erfolg.

"Mit einer Familie kann man hier nicht glücklich werden, das Haus ist extrem kinderfeindlich, gefährlich sind die Fahrstühle, mickrig die Spielmöglichkeiten",

kommentierte ein damaliger Medizinstudent, der in einer 11,89 Quadratmeter großen "Butze" mit Balkon und Dusche für 151 D‑Mark wohnte. Und ein Bewohner der herausgehobenen oberen Maisonette-Wohnungen schob es auf die damalige Rezession, die solvente Käufer und Mieter verhinderte:

"Man schaute nicht ganz genau auf den Taufschein, nicht auf den Background, die Belegung des Hauses wurde in der Masse spekulativ!"

Diese soziale Arroganz erinnert an Ballards Roman "High-Rise", der just zu dieser Zeit herauskam, 1982 unter dem Titel "Der Block" und 1992 unter dem Titel "Hochhaus" in Deutschland erschien. 2015 wurde der Roman als Verfilmung beim Toronto International Film Festival vorgestellt. Die literarische Dystopie Ballards ist eine haltbare.

"Als erster Bewohner und Eigentümer des besten und höchst gelegenen Apartments fühlte er sich wie der Gutsherr [...] Sein Gefühl physischer Überlegenheit als ehemaliger Amateurtennis-Champion hatte im Laufe der Jahre nachgelassen, war aber in gewisser Hinsicht durch Anwesenheit so vieler Menschen unter ihm, auf deren weit bescheideneren Behausungen seine eigene sicher ruhte, neu belebt worden."

Mr. Royal, der Architekt des fiktiven High Rise in J. G. Ballards Roman, ist ein kreativer Machtmensch. Nun mag das Persönlichkeitsprofil der Architekten in der Wirklichkeit anders gesteckt sein - es wohnen ja viele immer noch im Gründerzeit‑Altbau oder in der selbstentworfenen Villa. Doch der Reiz immer höher, kühner, ausgedrehter zu bauen, prägt auch heute die architektonische Vision. Jeder Architekt möchte einmal eine Kirche, ein Theater oder eine High-Rise-Skulptur entwerfen. Ich habe eigentlich noch nie auf die Frage an einen Architekten, ob er mal ein Hochhaus bauen möchte, ein Nein gehört.

Der Tokyo Skytree  ist ein 634 Meter hoher Fernseh- und Rundfunksendeturm in der japanischen Hauptstadt Tokio. (Deutschlandradio / Frank Barknecht)Der Tokyo Skytree ist ein 634 Meter hoher Fernseh- und Rundfunksendeturm in der japanischen Hauptstadt Tokio. (Deutschlandradio / Frank Barknecht)Neue Eisen- und Betonkonstruktionen erweitern den Horizont der Ideen

Mit der Industrialisierung wurde ein neues Kapitel aufgeschlagen: Neue Eisen- und Betonkonstruktionen erweitern buchstäblich den Horizont der Ideen. Ein Meilenstein war der Turm des genialen Ingenieurs Gustave Eiffel, eröffnet am 31. März 1889 als Eingangstor zur Weltausstellung in Paris. Damals maß der Eiffelturm eine Höhe von 300 Metern und war das höchste Bauwerk der Welt. Seit 2000 bringt eine zusätzliche Antenne eine Gesamthöhe von knapp 325 Metern mit sich. Trotzdem steht der Eiffelturm nur noch auf Platz 27 der Rekordliste für Fernmelde- und Fernsehtürme. Der Berliner Fernsehturm, einst Leuchtturm des sozialistischen Deutschlands, nimmt auf dieser Liste Platz 16 ein, Moskau Platz vier, Tokio Platz eins.

Der wohl am häufigsten fotografierte Fernsehturm in Asien ist der "Oriental Pearl Tower" im Retortenvorort Pudong bei Shanghai.

Dort stehen in einem geordneten Rudel gleich mehrere prächtige Exemplare der Wolkenkratzer-Generation "Millennium". Auch das im August 2008 eröffnete höchste Bürogebäude in China steht dort, das 632 Meter hohe Shanghai World Financial Center. Es wird auch gern ob seiner provokanten Öffnung ganz oben mit einem Flaschenöffner verglichen. Die Stahl- und Stahlbetonkonstruktion der amerikanischen Architekten Kohn Pedersen Fox gilt als ein frühes Beispiel für ein Green House. Green House steht dafür, dass die für den Bau benötigte Energie optimiert und der Materialverbrauch auf das Wesentliche minimiert wurde. Auf die Verwendung zwielichtiger Baustoffe wie Asbest wurde verzichtet. Nebenan steht der 1998 fertiggestellte Jin Mao Tower mit 88 Stockwerken. Eine seiner Aussichtsplattformen zeigt nach außen und eine nach innen, ins Atrium des Turmhotels.

"Als die ersten Aufzüge blockieren, die Müllschlucker ihren Dienst versagen und es zu Konflikten zwischen den Bewohnern kommt, verwandelt sich das Hochhaus unaufhaltsam in eine Zone permanenter Orgien und enthemmter Gewalt",

warnte Ballard 1975. Solcherart technische und konstruktive Probleme waren ein Vierteljahrhundert später weitgehend gelöst. Doch im neuen Jahrtausend geht es längst nicht mehr nur um die Höhe eines Hauses allein, vielmehr um die Idee, um architektonische Narrative und Einzigartigkeit der Architektur. In der Sprache der Ökonomen und Marketingleute geht es um Branding: Eine Idee, eine Vision kann man auch mit Bauwerken ausdrücken - mit denen, die nach oben streben besonders eindrücklich. Mit den neuen Möglichkeiten des digitalen Entwerfens haben Designer und Architekten biomorphe, fließende Formen für sich entdeckt. Die Architektur-Avantgarde stellte Entwürfe vor, die natürliche Formen annahmen, der Natur selbst zu entstammen schienen. Schon immer standen Hochhäuser - zumindest bei bewundernden Kritikern - auch für ein Zeichen männlicher Potenz.

Der tschechische Architekt Jan Kaplický, besser bekannt unter dem Firmennamen "Future Systems", hat in den 1990er-Jahren daraus eine formale Konsequenz gezogen und für London ein Haus namens "Greenbird" entworfen. Sein High-Rise-Entwurf mit 442 Metern Höhe mit Kuppe und leichter Krümmung zeigte eindeutig ein männliches Geschlechtsorgan. Und Kaplický entwickelte auch das Gegenstück: ein Gebäude, dessen zwei Hochhausbögen mit Schlitz eine übergroße Vagina darstellte.

Beide Entwürfe blieben digitale Utopie. Der Biomorphismus, umgangssprachlich Blob- oder Bubble-Architektur genannt, hat sich nicht im großen Stil durchgesetzt. Allerdings beherrschen gemäßigte Variationen so manche großsprecherische Skyline. Darunter das liebevoll Gewürzgurke genannte "The Gherkin" in London, 2004 von Architekt Sir Norman Foster mit 180 Metern Höhe in den Finanzdistrikt gesetzt. Der gurkenförmige Sitz des Rückversicherers Swiss Re ist eine Stilblüte des Hochhausbaus, die zur Satire auf die Finanzkraft der City of London geworden ist.

"Wenn man unsere Architektur nur als eine neue formale Welt betrachtet, dann bleibt sie bedeutungslos. Aber wenn man sie als eine sich ständig verändernde, wachsende und mutierende Struktur begreift, dann wird es interessant. Wir erkennen mehr und mehr, dass die formalen Aspekte der Architektur nicht mehr so wichtig sind, dass das Formale in der Architektur an Signifikanz verliert - nicht mehr so signifikant ist, wie es einmal war. Denn schon allein historisch betrachtet, hat Architektur immer auch mit der Polis zu tun, also mit den Menschen und mit der Politik", hatte der New Yorker Architekt Hani Rashid von der Gruppe Asymptote auf der Höhe des Blobismus 2001 im Deutschlandfunk gewarnt. Wie gewaltig der Wille zum Hochhaus stranden kann, zeigte sich kurz danach bei Nine/Eleven. Die 417 und 415 Meter hohen Doppeltürme des New Yorker World Trade Center, nach Entwürfen des Architekten Minoru Yamasaki zwischen 1966 bis 1973 erbaut, wurden als Machtsymbole des kapitalistischen Westens von Terroristen mit entführten Flugzeugen zerstört.

Brennenden Türme des World Trade Centers nach den Anschlägen vom 11. September 2001 in New York (imago/GranAngular)Die brennenden Türme des World Trade Centers nach den Anschlägen vom 11. September 2001 in New York (imago/GranAngular)

9/11 - Eine Hour Zero des High-Rise-Bauens

Hani Rashid, der in der Nachbarschaft des World Trade Center sein Büro hatte, berichtete später verstört von seinen Wegen durch stille schneeweiße Landschaften in Manhattan zur fürchterlichen Ruine am Ground Zero. Es war eine Hour Zero für das extreme Bauen und damit des High-Rise-Bauens.

"Der neue Wolkenkratzer soll eine architektonische Geste sein und als Symbol zur Welt sprechen", hatte der New Yorker Architekt Daniel Libeskind nach 9/11 für den Neubau des World Trade Centers gefordert. Es kam dann doch ein wenig anders.

"Architekten sind diejenigen, die das Bauwerk gestalten und die Planung koordinieren. Gerade bei Hochhäusern beeinflussen die Ingenieure aber die Planung sehr deutlich. Oberhalb der 300-Meter-Marke kann ein Architekt die komplexen Probleme nicht mehr allein bewältigen", äußerte sich schon kurz nach dem Anschlag in New York der Architekt und Ingenieur Werner Sobek aus Stuttgart in einem Interview. Weil er auch in den USA Büros unterhält, galt er als ein Kronzeuge für einen pragmatischen, vernünftigen technisch innovativen Hochhausbau nach dem 11. September. Werner Sobek sagte der "Zeit":

"Wie pumpt man Wasser auf 800 Meter Höhe? Denken Sie nur an den Wasserdruck! Und wie bekomme ich mit besonders effektiver Aufzugsanordnung Hunderte und Tausende von Menschen ohne lange Wartezeiten in diejenige Etage, in die sie gerade wollen? Wie ist es mit Wind? Da bieten Wolkenkratzer die größere Angriffsfläche! Schwere Stürme versetzen das Gebäude in Schwingungen, da kann ein 800 Meter hohes Haus an seiner Spitze schon einmal eine horizontale Auslenkung von einem Meter und mehr haben. Damit das Bauwerk das aushält, müssen die Ingenieure Gebäudeform, Konstruktionsweisen und Baustoffe entsprechend aufeinander abstimmen."

Superlative benötigen extrem gute Kenntnisse der Materialien und der Bauprozesse. Letztere müssen präzise aufeinander abgestimmt und vernetzt werden. Es geht immer mehr um safety und security. Und der Architekt rückt in den Hintergrund.

Mehr und mehr wird das High Rise jetzt zur Aufgabe von Ökonomen, Juristen und anderen Berufen. Und für die Architekten kommt es nicht mehr so sehr auf den großen Wurf an, sondern auf Nachhaltigkeit. Für Architekten wie Werner Sobek ist Nachhaltigkeit heute auch eine moralische Verpflichtung:

"Wie viel Energie ein Gebäude verbraucht und ob man mit so einem Haus vielleicht auch Energie erzeugen kann, sind wichtige Aspekte. Das Bauwesen ist heute für 35 Prozent des Energieverbrauchs verantwortlich, außerdem für 60 Prozent des Müllaufkommens und 35 Prozent der Emissionen. Man muss diese Zahlen auch in der Verantwortung gegenüber den uns folgenden Generationen drastisch senken."

Mit alternativer Energienutzung oder Photovoltaik oder dem Urban Gardening auf der Etage zeigt das Bauen von Hochhäusern neue Horizonte. Auch erlauben Konstruktion und Vorschriften höhere Häuser aus dem nachwachsenden Rohstoff Holz. Ob aber Megabauten zu Null‑Energie‑Häusern werden können, wo die Hausmaschine ständig mit Elektrizität gefüttert werden muss, scheint noch ein Rätsel ohne Lösung.

Feuerwehrmänner und Ermittler in dem ausgebrannten Grenfell Tower in London.  (AFP / Chris J. Ratcliffe)Feuerwehrmänner und Ermittler in dem ausgebrannten Grenfell Tower in London. (AFP / Chris J. Ratcliffe)

Grundsätzlich aber haben Architekten und Ingenieure die energetischen und konstruktiven Aspekte des Hochhausbaus unter Kontrolle, auch wenn Katastrophen wie der Terroranschlag 9/11 oder der Brand des Grenfell Towers in London immer neue Sicherheitsfragen an den Hochhausbau stellen. Rein theoretisch sind selbst Häuser mit einer Höhe von 2.000 Metern kein Problem. Kaum verwunderlich also, dass der High‑Rise-Bau boomt?

"Es wird ja gesagt, dass Hochhäuser Prestige und Identität mit sich bringen, sie drücken Energie und Ehrgeiz aus. Es gibt aber gar keinen richtigen Beweis für angeblichen Glanz. Was vielleicht für die 1920er‑Jahre in Manhattan zutraf, spricht heute, wenn es von jeder beliebigen Stadt kopiert wird, eher für einen Mangel an Vorstellungskraft. Unsere gewachsenen Städte brauchen eigentlich keine Landmarken mehr, sie besitzen ja Kathedralen", schreibt der Architektur-Kritiker Rowan Moore vom englischen "Observer". Aber eigentlich sind die europäischen Städte auf einen guten Weg, solcher Skepsis mit neuen Konzepten zu begegnen - ob nun in Metropolen wie Paris, London oder Wien oder in Großstädten wie Ingolstadt oder Köln. Der Hochschulprofessor und Stadtforscher Stefan Rettich aus Kassel schreibt:

"Städte beginnen das Hochhaus proaktiv als Impulsgeber der Stadtentwicklung zu benutzen. Geschieht dies, sind es in der Regel gut erschlossene Konversionsareale, die sich für hochwertige und stark verdichtete Entwicklungen besonders eignen und entsprechendes Baurecht einfacher zu schaffen ist."

Konversionsflächen, auch "brownfields" genannt, sind für viele Städte eine willkommene Reserve für ihre neue Innenentwicklung: Fabriken, Krankenhäuser und Gefängnisse verschwinden, Neues kommt - wie die Hochhäuser. Sie können zentrale Punkte der Stadt und Knotenpunkte der Infrastruktur abbilden und weitere Entwicklungen anstoßen. Die Städte gehen zielgerichtet, dabei aber sehr unterschiedlich mit der Hochhausentwicklung um. Frankfurt versteht sich seit Jahren als Hochhausstadt und setzt Stück für Stück Mainhattan um. Für Köln bleibt der Dom sakrosankt. Kirchtürme als Maß aller Dinge stehen auch in Hamburg und München im Vordergrund. Was die Hansestädter jedoch nicht davon abhält, eine 235 Meter hohe Landmarke am Endpunkt der Südautobahn zu setzen: Der Elbtower wird bei vielen Hamburger Kaufleuten als Kampfansage und als Zeichen wirtschaftlicher Macht gegenüber Frankfurt oder Berlin geschätzt.

Für viele Menschen ist Wohnen in einem Hochhaus unbeliebt

Grundsätzlich stellt sich auch die Frage, wem die Wertsteigerung der Grundstücke zusteht, die sich aus der höheren Auslastung ergeben. In vielen Städten wird diese anteilig abgeschöpft und zweckgebunden in die Aufwertung des öffentlichen Raums reinvestiert. Doch der Investor profitiert am meisten. Laut Stefan Rettich werden die Städte deswegen immer vorsichtiger, ihre Potenzialflächen frühzeitig zu veröffentlichen und versuchen, auch durch grundsätzliche Vorgaben den öffentlichen Raum und die Wünsche der Mieter zu stärken:

"Es setzt sich die Auffassung durch, dass der Sockelbereich von Hochhäusern und seine Nutzungen sich mit der städtischen Umgebung verzahnen müssen und das oberste Geschoss oder die Dachterrasse mit einer öffentlichen Funktion besetzt sein sollten. Diese multiplen Mehrwerte stellen sich als neue Prinzipien für eine gelungene Integration von Hochhäusern in die europäischen Städte und zur Akzentuierung ihrer besonderen Lagen heraus."

Ob das Hochhaus wirklich eine verantwortungsvolle bauliche Option für die Zukunft wird, bleibt offen. Können sie wirklich helfen, in den Städten die Wohnungsnot zu lindern? Es ist den Forschern bis heute nicht gelungen nachzuweisen, ob eine Hochhausbebauung mit den entsprechenden Abstandsflächen wirklich eine dichtere Bebauung ist, als ein Teppich von Reihenhäusern.

Für viele Menschen in Europa ist Wohnen in einem Hochhaus nur ein ungeliebter Plan B, weil sie entweder das urbane Leben mit Gründerzeitkulisse oder das Einfamilienhaus in der Vorstadt oder auf dem Land vorziehen.

Und ob dann ausgerechnet das Hochhaus die anthropologischen Ansprüche an eine Wohnung als Heimatort erfüllen kann?

J. G. Ballards High-Rise-Dystopie bleibt als ein virtueller Alptraum im Hinterkopf. Inzwischen hat sich allerdings eine andere Horrorvision in der Vordergrund gespielt, dokumentiert in Philip Kerrs "Game Over", bei dem ein HighTech-Hochhaus mit der künstlichen Intelligenz des Hauscomputersystems zu einer Mordmaschine an Bewohner und Erbauer wird.

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