Hoimar von Ditfurth: vor 100 Jahren geboren Er warnte bereits 1978 vor dem menschengemachten Klimawandel

In Radio- und TV-Sendungen sowie Büchern warnte der Wissenschaftsjournalist Hoimar von Ditfurth schon in den 1970er-Jahren eindringlich nicht nur vor den Folgen der Erderwärmung. Später sah er die Menschheit auf unumkehrbarem Weg in den Abgrund. Heute wäre er 100 Jahre alt geworden.

Von Andrea Westhoff | 15.10.2021

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"Wir reden immer noch davon, dass die Umweltgefahren drohen. Sie drohen nicht, sondern wir stehen mit beiden Beinen knietief drin!" - was klingt wie ein Ausschnitt aus der aktuellen Klimadebatte, stammt tatsächlich aus einer Rede, die Hoimar von Ditfurth 1986 gehalten hat. Darin mahnte er weiter "Es bedarf radikaler Änderung der Struktur unserer Industriegesellschaft im Interesse des Überlebens unserer Gesellschaft."
Für die einen war er ein weitsichtiger Aufklärer, für andere ein Untergangsprophet, seine Gegner sahen in ihm gar einen "Systemfeind". Geboren wird Hoimar von Ditfurth am 15. Oktober 1921 in Berlin als Sohn eines nationalistisch-konservativen preußischen Offiziers. Er studiert Medizin, Psychologie und Philosophie, promoviert 1946, arbeitet zunächst an der Universitätsklinik Würzburg und wird später außerordentlicher Professor für Neurologie und Psychiatrie.

Absprung aus der Pharmaindustrie

Dort jedoch begegnen ihm vor allem Hierarchiegerangel und Konkurrenzdenken. Er geht in die Forschungsabteilung des Chemie- und Pharmakonzerns Boehringer Mannheim. Aber als er, 1969, zum Manager aufsteigen soll, steigt Hoimar von Ditfurth aus. Er sei durchaus ein "Getriebener", bekennt er in einem Gespräch, aber nicht vom Ehrgeiz: "Das Primäre war etwas, was mich auch heute noch beherrscht: eine nicht zu sättigende Neugier."

Unermüdlicher Wissenschaftsvermittler

Und er will die breite Öffentlichkeit teilhaben lassen an den Erkenntnissen der Wissenschaften, will Einblicke vermitteln in die Geheimnisse der Natur. " Die Sterne leuchten, auch wenn wir sie nicht sehen." st der Titel eines seiner populärsten Bücher.
Zunächst im Hörfunk, dann ab 1971 im ZDF mit seiner Fernsehsendung Querschnitte versteht es Hoimar von Ditfurth wie kaum ein anderer, komplexe Sachverhalte allgemeinverständlich darzustellen. Er veröffentlicht auch mehrere auflagenstarke populärwissenschaftliche Bücher und bekommt viele Preise. Er ist ein Aufklärer im klassischen Sinne, aber ohne sich dem Fortschrittsoptimismus zu ergeben:
"Als Naturwissenschaftler möchte ich daran erinnern, dass es kontinuierlich fortgesetztes Wachstum in der ganzen belebten Natur aus guten Gründen nicht gibt. Abgesehen von der bezeichnenden Ausnahme des lebenszerstörenden Wucherns einer Krebszelle!"

"Der Ast, auf dem wir sitzen"

Schon 1978 warnt Hoimar von Ditfurth vor dem menschengemachten Klimawandel: In einer seiner Querschnitte-Sendungen mit dem bezeichnenden Titel "Der Ast, auf dem wir sitzen" erklärt er mit Schautafeln und Modellen die wissenschaftlichen Berechnungen zum stetigen Anstieg des CO2 in der Atmosphäre seit der Industrialisierung und die damit einhergehende Erderwärmung mit ihren verheerenden Folgen:
"Die Wüstengebiete werden sich ausdehnen, die Polkappen werden abschmelzen, der Wasserspiegel wird ansteigen, all das wirkt jetzt noch wie ein Szenario aus einem Science-Fiction-Roman, unsere Kinder, spätestens unsere Enkelkinder werden erfahren, dass das mehr ist."

Anfangs glaubt er noch, dass es nicht zu spät sei für eine Umkehr, tritt 1983 sogar in einem Wahlwerbespot für die Partei der Grünen auf, die seine älteste Tochter Jutta Ditfurth 1980 mitgegründet hatte:
Moderator Hoimar von Ditfurth 1975 im Fernseh-Studio bei der Aufzeichnung der ZDF- Wissenschaftssendung "Querschnitt"
Hoimar von Ditfurth 1977 in einer "Querschnitt"-Aufzeichnung (picture alliance / United Archives )
"Ob wir wie bisher wie die Lemminge auf dem alten Weg weiterziehen, der die Zukunft unserer Kinder endgültig ruinieren wird, das hängt von der politischen Willensbildung ab."
 Gründungsparteitag der - Grünen - in der Stadthalle in Karlsruhe
40 Jahre - Die Grünen feiern ihre Gründung
Strickpullis, Vollbärte und radikale Ideen: Vor 40 Jahren wurden die Grünen gegründet. Sie begannen als "Antipartei-Partei" und als Zumutung für die etablierte Politik. Am Anfang ihrer Geschichte stand der Protest. Die Frage einer Regierungsbeteiligung war lange Zeit hoch umstritten.

Ditfurths Bestseller: "So lasst uns denn ein Apfelbäumchen pflanzen"

Aber 1985 erscheint Hoimar von Ditfurths berühmtestes Buch "So lasst uns denn ein Apfelbäumchen pflanzen". Es ist soweit, lautet der Untertitel des Bestsellers, in dem die Selbstvernichtung der Menschheit beschrieben wird: durch den atomaren Rüstungswahnsinn, die Bevölkerungsexplosion, Ressourcenverschwendung und Zerstörung der natürlichen Umwelt:
"Wir sind ganz sicher nicht mit naturgesetzlicher Notwendigkeit verloren. Nur: Ich sehe keine ausreichenden Anzeichen dafür, dass unsere Gesellschaft bereit ist, den Kurs, den sie marschiert, grundsätzlich zu korrigieren, und deswegen glaube ich, dass wir verloren sind."
Hoimar von Ditfurth stirbt am 1. November 1989. Seine Untergangsprophezeiung hat sich nicht bewahrheitet. Noch nicht. Aber wir stehen längst nicht mehr nur "knietief" in der Umweltkatastrophe: Hochwasserfluten und Hitzewellen zerstören jeden Tag Menschenleben und verwüsten ganze Landstriche auf allen Kontinenten – während die Erderwärmung noch schneller ansteigt, als bislang befürchtet.