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Homi K. Bhabha: Die Verortung der Kultur

Das 'hybride Subjekt' ist unser nächstes Thema. Hybriden kannte man zunächst aus der Pflanzenbiologie, es sind Mischpflanzen, Kreuzungen verschiedener Sorten. In dem, was man heute etwas unscharf, Kulturwissenschaften nennt, hat sich dieser Begriff auch für den Menschen etabliert. Dabei geht es allerdings nicht so sehr um ein biologisches Phänomen als um die Vermischung von Kulturen.

Leo Kreutzer | 22.01.2001

Zu den bedeutendsten Theoretikern des ‘hybriden Subjekts’ zählt der anglo-indische Wissenschaftler Homi K. Bhabha. In der englischsprachigen Welt erregte sein Buch 'Location of Culture' 1994 einiges Aufsehen. Die afro-amerikanische Schriftstellerin Toni Morrison hat einmal gesagt, eine ernstzunehmende Beschäftigung mit postkolonialen und multikulturellen Fragen sei ohne Bhabas Werk schlicht undenkbar. Der gegenwärtig in Chicago lehrende Bhabha charakterisiert sich selbst als 'anglisierten postkolonialen Migranten, der zufällig ein Literaturwissenschaftler mit französischem Einfluss' ist. Bhabhas These ist, dass in den Zeiten nach dem Ende der europäischen Kolonisation das Wesen oder der Ort der Kultur nicht mehr geschlossen, einheitlich verstanden werden kann. Er setzt diesen Vorstellungen seine Theorie des 'Dritten Raumes' entgegen. Sein Hauptwerk, eine Sammlung von elf Aufsätzen und einer Schlussbemerkung, ist nun unter dem Titel ‘Verortung der Kultur’ im Stauffenburg Verlag erschienen. Leo Kreutzer hat dieses schwierige Buch für uns gelesen:

Die deutsche Übersetzung einer Auswahl seiner Essays, die Homi K. Bhabha 1994 in London und New York unter dem Titel "The Location of Culture" veröffentlicht hat, kommt gerade rechtzeitig, um als Kommentar und Schlusswort zur Diskussion um den Begriff "Leitkultur" gelesen werden zu können. Soll doch mit diesem Begriff die deutsche Kultur gegenüber den kulturellen Mitbringseln von Zuwanderern als führend verortet werden.

Im Lichte der Überlegungen über eine "Verortung der Kultur", die der anglo-indische Kultur- und Literaturwissenschaftler in den zwölf Aufsätzen des Buches anstellt, lässt sich der problematische Effekt kulturtheoretisch präzisieren, der eintritt, wenn bei einem Aufeinandertreffen mehrerer Kulturen und bei ihrer wechselseitigen "Verortung" eine der beiden Kulturen entschlossen ist und auch über die Mittel verfügt, sich als "Leitkultur" aufzuspielen. Keineswegs unverfänglicher Ausdruck eines sich von selbst verstehenden Heimrechts, als den ihn seine Verfechter ausgeben, definiert ein Begriff wie "Leitkultur" kulturelle Diversität als kulturelle Differenz, und er tut das auf bedenkliche Weise.

Bei der Unterscheidung von kultureller Diversität und kultureller Differenz handelt es sich um die wichtigste Lektion, die der Theorie von Homi Bhabha zu entnehmen ist. Was es mit diesem Unterschied auf sich habe, wird in einem glänzenden Essay über das Verhältnis von "theoretischem Engagement" und politischer Arbeit dargelegt, dem grundlegenden Aufsatz des Buches.

"Von kultureller Diversität zu sprechen, beinhaltet die Anerkennung vorgegebener kultureller Inhalte und Bräuche, und als Position in einem zeitlichen Rahmen des Relativismus führt diese Anerkennung dann zu liberalen Begriffen wie Multikulturalismus, kultureller Austausch oder der Kultur der Menschheit. Ferner repräsentiert die Rede von der kulturellen Diversität eine radikale Rhetorik der Trennung von Kulturen, die als Totalität gesehen werden und so, nicht besudelt von der Intertextualität ihrer historischen Orte, in der Sicherheit der Utopie einer mythischen Erinnerung an eine einzigartige kollektive Identität ihr Leben fristen."

Weil mit dem Konzept einer "kulturellen Diversität" Kulturen als in sich geschlossene und homogene Einheiten definiert werden, erteilt Homi Bhabha ihm eine entschiedene Absage. Er arbeitet stattdessen mit dem Konzept einer "kulturellen Differenz". Diese werde, mitsamt allen aus ihr resultierenden Problemen, erst durch Prozesse kultureller Interaktion produziert, wie sie heute allenthalben zwischen aufeinander vielfältig einwirkenden Kulturen stattfinden.

" Kultur entwickelt sich nur dort zu einer Problematik, wo die wechselseitige Infragestellung und Artikulation des Alltagslebens von Klassen, Geschlechtern, Ethnien, Nationen zu einem Verlust an Bedeutung führen."

"Kulturelle Differenz" bedeutet mithin nicht bloße Unterschiedlichkeit kultureller Inhalte und Gepflogenheiten. Sie entsteht vielmehr im Grenzverkehr zwischen Kulturen, und sie entfaltet sich dort in Prozessen wechselseitiger Infragestellung. Zur "Verortung" derartiger Prozesse führt Homi Bhabha den Begriff eines "Dritten Raumes" ein. Soll die wechselseitige Infragestellung auf der einen wie auf der anderen Seite der Grenze zu einer Erneuerung kultureller Produktion führen, müssen Kulturen einen zwischen ihnen liegenden Raum durchqueren, in dem ein wechselseitiges "Übersetzen" der einander fremd gegenüberstehenden Inhalte stattfinden kann. Solche Austauschprozesse nennt Homi Bhabha auch gern "Verhandlungen". Diese führen in allen Kulturen seit langem zu Hybrid-Bildungen, zu Vermischungen, welche die Vorstellung von Geschlossenheit und ursprünglicher "Reinheit" als frommen Wunsch erscheinen lassen.

In derartigen Überlegungen wird der Schaden deutlich erkennbar, den jegliche Programmatik "leitkultureller" Dominanz anrichtet: Sie verstellt die Zugänge zu einem zwischen Kulturen sich eröffnenden "Dritten Raum", einem für Verhandlungen und "Übersetzungen" notwendigen Spielraum.

In Homi Bhabhas Analysen liefert der Kolonialismus dafür das Belegmaterial. Die Befunde sind übertragbar. Mit einem Pochen darauf, als Leitkultur gegenüber den Kulturen von Zuwanderern habe hierzulande die deutsche Kultur zu gelten, wird nicht nur dieser, es wird allen beteiligten Kulturen der Zugang zu Zwischenräumen erschwert, in denen allein sich das interkulturelle "Spiel der Differenz" entfalten kann. Nur indem wir, so beschließt Homi Bhabha sein Plädoyer für ein Verständnis theoretischer als politischer Arbeit, nur indem wir den "Dritten Raum" zwischen Kulturen erkunden, können wir einer "Politik der Polarisierung von Eigenem und Fremdem entkommen und zu den anderen unserer selbst werden".

Leider wird das Buch die ihm zu wünschende breite Wirkung hierzulande kaum haben können. Dass sie nun endlich auch auf Deutsch vorliegen, macht diese Essays nämlich nicht unbedingt leichter zugänglich. Das liegt nicht an den beiden Übersetzern, die alles Mögliche und Notwendige getan haben. Es hängt vielmehr damit zusammen, dass der Autor sich methodisch an einer poststrukturalistischen Dekonstruktion herkömmlicher Identitätskonzepte orientiert.

Leser, die mit dergleichen hinreichend vertraut sind, werden auch in der Lage gewesen sein, sich bereits mit dem englischen Originaltext zu beschäftigen. Wem jedoch ein poststrukturalistischer Sprachgebrauch gänzlich fremd ist, dem wird selbst die deutsche Übersetzung des Buches streckenweise immer noch wie eine Fremdsprache vorkommen. Den englischen Originaltext gleichzeitig aus dem Poststrukturalistischen ins Deutsche zu übersetzen, wäre jedoch gar nicht möglich gewesen. Denn in Homi Bhabhas Essays tritt uns der Poststrukturalismus kaum als aufgesetzt modisches Sprachspiel entgegen. Zwar gibt es in dem Buch Passagen, in denen der Autor einer poststrukturalistischen Manier distanzlos zu verfallen scheint. Ihnen stehen jedoch genügend andere Texte gegenüber, die deutlich machen, dass ein nicht unkritisches Anknüpfen an den Differenz-Begriff von Jacques Derrida und an die Diskurstheorie von Michel Foucault die methodische Grundlage von Homi Bhabhas Sicht der Dinge bildet.

Im englischsprachigen Raum und bei den Auguren hierzulande gelten die zuerst in den späten 80er und frühen 90er Jahren in verschiedenen Zeitschriften und Sammelwerken erschienenen Aufsätze des Buches längst als Gründungsdokumente eines sich auf postkoloniale Konstellationen beziehenden Diskurses. In der Tat handelt es sich bei der Kulturtheorie Homi Bhabhas um einen besonders engagierten Versuch, kulturelle Hybridität aus einer postkolonialen Perspektive und damit vorrangig als ein Erbe des Kolonialismus wahrzunehmen.

Hinsichtlich des in der anglo-amerikanischen Kulturdebatte vorherrschenden postkolonialen Paradigmas besteht hierzulande großer Nachholbedarf. Man kann den Eindruck haben, als ob man in Deutschland meine, man habe mit dem Erbe des Kolonialismus einfach deshalb nichts zu tun, weil das Land mit dem Ausgang des Ersten Weltkriegs seine Kolonien verloren habe.

Aber das andernorts längst vertraute Phänomen einer Migration aus den ehemaligen Kolonien, das zum Erbe des Kolonialismus gehört, wird Deutschland nicht deshalb aussparen, weil es nicht bis zum bitteren Ende Kolonialmacht gewesen ist. Und es kommen ja nicht nur indische EDV-Spezialisten und bundesligataugliche Afrikaner. Die Globalisierung, in den Machtzentren des Westens frenetisch betrieben, sorgt im Gegenzug auch dafür, dass eine Politik der systematischen Eindämmung der Migration in Richtung Europa nicht länger möglich ist. Diese Entwicklung wird auch hierzulande die Diskussion um Bedingungen und Möglichkeiten des Zusammenlebens von Angehörigen verschiedener Völker mit unterschiedlichen Kulturen entschieden beleben.

Die mühsam in Gang kommende Einwanderungsdebatte wird zu einer umfassenden Kenntnisnahme der Voraussetzungen und Folgen postkolonialer Mobilität führen müssen. Trotz seiner methodischen und sprachlichen Esoterik, die seiner unmittelbaren Wirkung enge Grenzen setzt, kann das Buch von Homi Bhabha dabei eine wichtige Rolle spielen. So ist sehr zu begrüßen, dass es jetzt in deutscher Übersetzung und damit in einer einheimischen Artikulation vorliegt. Dass wir das theoretische Engagement einer postkolonialen Verortung der Kultur nicht an die englische Sprache delegieren können, hat spätestens die Bedenkenlosigkeit gezeigt, mit der man hierzulande mit einem Begriff wie "Leitkultur" meint hantieren zu können.

Leo Kreutzer besprach: Homi K. Bhabha, Die Verortung der Kultur, erschienen im Stauffenburg Verlag, übersetzt von Michael Schiffmann und Jürgen Freudl. Es hat 416 Seiten und kostet 64 DM.