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StartseiteBüchermarktEin kleines Buch über eine große Reise und eine große Liebe21.02.2019

Honoré de Balzac: "Ein Abglanz meines Begehrens"Ein kleines Buch über eine große Reise und eine große Liebe

Eigentlich enthält "Ein Abglanz meines Begehrens" alles, was ein gutes Buch braucht: Liebe, Erotik, eine Reise in ein fernes Land und einen berühmten Schriftsteller: Honoré de Balzac. Dennoch wird der Leser gleich an mehreren Stellen enttäuscht. Ein Grund: Das Buch ist unvollendet.

Von Uli Hufen

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Buchcover: Honoré de Balzac: „Ein Abglanz meines Begehrens. Bericht einer Reise nach Russland 1847" (Buchcover: Friedenauer Presse, Bild: picture alliance / dpa / Heinz-Dieter Falkenstein)
Der Pariser Großschriftsteller unterwegs auf Brautwerbung (Buchcover: Friedenauer Presse, Bild: picture alliance / dpa / Heinz-Dieter Falkenstein)
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Wenn ein großer Schriftsteller im Vollbesitz seiner Fähigkeiten in ein fernes Land aufbricht, um eine schöne Frau zu erobern, und wenn er dann über dieses Abenteuer schreibt, dann darf man als Leser wohl mit recht bedenkenswerte Auskünfte zu gleich drei Themen erhoffen: erstens Liebe und Erotik, zweitens das ferne Land und drittens der Schriftsteller selbst. Honoré de Balzacs Bericht "Ein Abglanz meines Begehrens" über eine Reise, die den damals knapp 50-jährigen Maestro 1847 nach Russland führte, enttäuscht zumindest die ersten beiden dieser Hoffnungen mehr oder weniger auf ganzer Linie und ist doch ein überaus lesenswertes kleines Buch. Zu gleichen Teilen amüsant und ärgerlich.

Cherchez la femme

Der erste Grund für die Enttäuschung, die den von Titel und Klappentext des Buches geblendeten Leser ereilt, ist schnell benannt: Das Buch ist unvollendet. Nach achttägiger Eilreise durch Belgien, Deutschland, Polen und das habsburgische Galizien hat Balzac gerade russischen bzw. ukrainischen Boden betreten, hat einen ersten Blick auf die unendlichen Weizenfelder des Schwarzerde-Gürtels geworfen, da fällt er in einen tiefen Schlaf. Als der Kutscher ihn weckt, hat Balzac das gelobte Land erreicht:

"Ich erblickte, von der untergehenden Sonne vergoldet, eine Art Louvre oder griechischen Tempel, der sich über einem Tal erhob, dem dritten, das ich, seit der Grenze sah!"

Was Balzac erblickt, dürfte das überaus idyllisch gelegene Schloss Wierzchownia gewesen sein, knapp 150 Kilometer südwestlich von Kiew. Der Wohnsitz seiner Geliebten, der Gräfin Ewelina Hańska. Was hier passiert, was es mit dieser durchaus bizarren Liebesbeziehung zwischen dem ewig klammen französischen Lebemann und der polnisch-russischen Gräfin auf sich hat, all das erfahren wir leider nicht von Balzac selbst. Sein Bericht bricht genau in diesem Moment ab. Abhilfe schafft das kluge und umfangreiche Nachwort der Herausgeberin Brigitte van Kann, die die Vor- und Nachgeschichte von Balzacs Russland-Reise minutiös recherchiert hat. Die Kurzversion geht so: Die zunächst noch verheiratete, später verwitwete Gräfin hatte die Fantasie des verehrten Pariser Großkünstlers zunächst mit anonymen Briefen angeregt. Es entstand eine Brieffreundschaft, dann ging man gemeinsam auf Reisen. Je offensiver Balzac aber um das mit der Lösung aller finanziellen Sorgen verbundene Ja-Wort der Gräfin warb, umso spröder zeigte sich diese. Erst im Frühjahr 1850 gelang es dem todkranken Balzac, die Gräfin vor den Traualtar zu zerren.

Über Russland erfährt man aus "Bericht einer Reise nach Russland" aus demselben Grund wenig, wie über die Liebe. Kaum ist Balzac da, ist das Buch auch schon zu Ende. Das wenige was er über Russland schreibt, ist trotzdem erhellend: weniger in Bezug auf Russland allerdings, als vielmehr in Bezug auf Balzac selbst. Schon bevor die Reise überhaupt losgeht, hat Balzac klar gemacht, was er von Russland hält. Mit einem Wort: viel. Ganz im Gegensatz zu seinem Landsmann Astolphe de Custine, der einige Jahre zuvor einen der berühmtesten Reiseberichte überhaupt über das Zarenreich veröffentlicht hatte. Während de Custine Russland als durch und durch barbarische, zivilisationsferne Despotie beschrieb, war Balzac Monarchist und als solcher ein Fan des Zaren:

"Ich bin nicht scheinheilig, ich habe seit Langem meine Bewunderung für die absolute Macht zum Ausdruck gebracht, allerdings mit dem Vorbehalt, dass es auf Erden keine absolute Macht geben kann. … Die Regierung eines Menschen ist mir lieber als die der Menge."

Der reine Stuss

Diese Art von wortgewandt-halbgebildetem Salon-Geplauder ist Balzacs eigentliches Element. Er spricht kein Russisch, erzählt dafür aber gern Anekdoten, die er irgendwo gehört oder gelesen hat. Jedenfalls dann, wenn sie ein Weltbild untermauern, das im Wesentlichen aus Ressentiments gezimmert ist. Den deutschen Leser des 21. Jahrhunderts wird vor allem Balzacs Antisemitismus betreten stimmen: Die Juden, denen er auf seiner Reise in großer Zahl begegnet, sind diebisch, abergläubig, gerissen, verschlagen, unzivilisiert und genial. Balzac schreckt auch nicht davor zurück, sie als Nagewürmer zu verunglimpfen. Allerdings meint er das wohl nicht weiter böse. Er redet über jeden in solchen Klischees. Über Deutsche, über Polen, über Franzosen, über Bauern. Beispiele finden sich wie Sand am Meer:

"Der Deutsche treibt sein Phlegma bis zur Erhabenheit."

"Der typische Gehorsam bezeichnet den radikalen Unterschied zwischen Russland und Polen. Der Pole kann kein Kommando ertragen."

"Eine barbarische Unkenntnis - so ist das Wesen der Bauern. Sie sind geschickt und schlau, aber es wird Jahrhunderte brauchen, um sie aufzuklären. Ihnen von Freiheit zu erzählen, verleitet sie wie die Neger zu dem Glauben, sie müssten nicht mehr arbeiten."

Balzac kann - so seltsam das vielleicht nach diesen Zitaten klingen mag - gut schreiben. Nicht nur in seiner weltberühmten Comédie Humaine, sondern auch hier. Zuweilen streut er fabelhafte Naturbeschreibungen und gut beobachtete, kurze Szenen ein, die das belegen. Aber das ändert wenig daran, dass fast alles, was er über die Welt verbreitet, die er in so großer Eile durchreist, der reine Stuss ist. Wenige Jahre nach seinem Tod wird der Krimkrieg zeigen, dass die von Balzac bewunderte russische Autokratie auf tönernen Füßen stand. Kurz darauf wird die Leibeigenschaft abgeschafft, die Balzac aus Gründen, die selbst damals wohl nur ihm selbst plausibel waren, für das Glück der russischen Bauern hielt.

Warum aber schreibt Balzac solchen Stuss? Nun, zunächst mal ist er in höchster Eile: Wer 1847 in acht Tagen von Paris bis fast nach Kiew reiste, konnte außer Kutschen, Zügen, Gast- und Bahnhöfen nicht viel gesehen haben. Wichtiger aber ist etwas anderes: Balzac beschreibt nicht, was er erlebt. Er weiß alles schon vorher und sieht nur, was er ohnehin schon weiß. Oder zu wissen meint. Aus dem "Bericht einer Reise nach Russland 1847" erhebt sich ein bis zur Aufgeblasenheit selbstbewusster, jovialer alter Mann. Ein Mann, der äußersten Wert darauf legt, seine überaus starken Meinungen über fremde Länder, Sitten und Gebräuche in keinster Weise von der Realität durcheinanderbringen zu lassen.

Es gibt hier keine Neugier, kaum Aufmerksamkeit und im Grunde auch keinerlei Fragen an das Neue und Fremde, das ihm ja auf Schritt und Tritt begegnet. Honore de Balzac war leider ein weitgehend umnachteter Reisender. Gott sei Dank kannte er Paris und Frankreich besser.

Honoré de Balzac: "Ein Abglanz meines Begehrens: Bericht einer Reise nach Russland 1847"
Herausgegeben und mit einem Nachwort von Brigitte von Kann
aus dem Französischen von Nicola Denis
Friedenauer Presse, Berlin. 196 Seiten, 18 Euro.

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