Donnerstag, 30. Juni 2022

Peter Handke: "Innere Dialoge an den Rändern"
Horizontzwitscherer im Weiden-Pappenblütenflaum

Peter Handkes neues Journal führt tief in seine ureigene Poetologie der verdichteten, verklarenden Rätselhaftigkeit und rechnet im Namen Homers mit aller "Journalistenprosa" ab. So zeigt sich der Schriftsteller als der wilde Romantiker, der er immer schon war.

Von Helmut Böttiger | 03.06.2022

Ein Portrait des Schriftstellers Peter Handke und das Buchcover von "Innere Dialoge an den Rändern 2016-2021"
Peter Handke führt seine Selbstgespräche, die bei ihm "Innere Dialoge" heißen, auf höchstem Sprachniveau fort. Etwas wortkarg fällt nur sein Blick auf den Nobelpreis aus. (Buchcover Jung und Jung / Autorenportrait picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Darko Vojinovic)
Peter Handke hat irgendwann einmal beschlossen, seine Wahrnehmung zu schärfen. In den siebziger Jahren begann er, seinen besonderen Schreiballtag genauer zu fassen, Privates oder Politisches findet sich in diesen Journalen programmatisch nicht. Aber dafür stößt man auch in den Aufzeichnungen der Jahre 2016 bis 2021 wieder zuverlässig auf poetische Fundstücke wie „Horizontzwitscherer“, „Tautropfenspektrum“ oder „Weiden-Pappenblütenflaum“. Die Notate sind sehr kurz, und sie kreisen oft um diese ganz eigene Poetik:
„Innehalten, immer wieder: Zeitraumerblühen.“
Handke arbeitet unbeirrbar an seiner Form von Literatur, die mit allgemeinen Zuweisungen nichts zu tun haben will. Seine Suchbewegungen in der Sprache, dazu ruft er sich selbst immer wieder auf, sind geleitet von Sinnlichkeit und Aufmerksamkeit. Es ist merkwürdig, wie sehr er genau dadurch provoziert – denn alles, was für ihn vorgestanzt, thesenhaft oder, was er selbst nie so formulieren würde, diskursiv wirkt, lehnt er vehement ab. Seit er seine Tagesaufzeichnungen veröffentlicht, ist er aus der Zeit gefallen.

Der eigene Raum der Sprache

Schon immer, gerade auch in den sechziger Jahren, hat Handke seine literarische Sprache strikt von der politischen abgesetzt und ihr einen ureigenen Raum zu erschreiben versucht. Deshalb galten seine Sympathien seit jeher den Außenseitern, den Randständigen und Sonderlingen, die sich von den Alltagsnormen und der Alltagsrede absetzen, den von ihm vielfältig beschworenen Kaspar Hauser-Figuren. Mit Rolf Dieter Brinkmann, den er als einen der wenigen Generationskollegen hochhält, erklärt er den „Dichter“ nicht für „zuständig“. Handke wendet sich polemisch gegen die landläufige Abnutzung der Sprache. Das „Journalistische“ ist für ihn eindeutig das Gegenteil der Literatur.
„Ohne die ‚homerische Quelle‘ (Antonio Machado) geht es nicht. Weg mit der Journalistenprosa!“

Die Genauigkeit des Vagen

Hinter Handkes Berufung auf Homer steckt etwas Grundsätzliches. Er reagiert äußerst allergisch auf das journalistische Prinzip der „Genauigkeit“, und er proklamiert, sich vor allem vor der „Ideologiefalle Genauigkeit“ hüten zu wollen. Stattdessen plädiert er für eine „Genauigkeit des Vagen“. Und brüsk richtet er sich gegen alle Anweisungen für ein zeitgemäßes Schreiben, die gleichermaßen für Romane wie für Reportagen gelten, und hält offensiv dagegen, was die Literatur ausmacht:
„Eine Klärung durch Rätselhaftigkeit, Rätselhaftwerden, ‚Schleierhaftwerden‘“

Die Suche nach den richtigen Zeitwörtern

Das „Schleierhaftwerden“ ist für Handke geradezu ein Gütesiegel. Dabei ist es gar nicht so, dass dieser Schreibende sich von seiner unmittelbaren Gegenwart abwenden möchte, ganz im Gegenteil. Handke will jedes Mal neue Wörter finden und nicht die alten wiederholen. Ein charakteristisches Leitmotiv ist die immerwährende Suche nach den richtigen Zeitwörtern, auch jetzt findet er wieder neue:
„Verb zur einen Schwalbe hoch im Himmel: sie ‚sichelt‘“.
Oder:
„Verb zu den Meisenflügeln beim Durchqueren der ersten Morgensonne: sie ‚glimmern‘“.

Ein Pathos der Überreizung

Der Schreiber Handke operiert aber auch mit schweren Gegengewichten. So heißt es über den alten Adalbert Stifter, es gebe keinen Autor sonst, der so spannend sei. Handke weiß wohl, wie das auf viele von ihm als solche konnotierte „Unerreichbare“ heute wirkt, aber er betont das so überzeugt wie theatralisch. Mit dem solcherart Theatralischen und Spielerischen geraten auch gewisse wunde Punkte seiner Autorschaft und seines Selbst in den Blick, um die er durchaus weiß. In manchen seiner aufs Empfindlichste gesteigerten Beobachtungsekstasen ist etwas davon spürbar. Im Pathos des vermeintlich Kleinen und Beiläufigen schwingt manchmal eine Überreizung mit, eine Hypersensibilität, die womöglich auch in etwas Aggressives kippen kann.
„Die Schlechten geraten nie in Zorn, daran erkennst du sie“.
Und in seiner ständigen Suche nach passenden Benennungen notiert Handke einmal auch:
„Verb zum Zorn: ‚sieht klar und farbig‘“.
Der „Zorn“ wird in Handkes Selbstwahrnehmung immer mitbedacht. Angesichts des Randgängers, des Streuners, des Bewohners von Zwischenräumen und Zwischenzeiten stellen die verachteten „Unerreichbaren“ zwangsläufig die Mehrheit dar, und das führt zu Erkenntnissen, die auch abgründige Selbsterkenntnisse sind:
„Gütige Menschen machen keine Revolution. Höchstens rebellieren sie, oder, eher noch, laufen Amok.“

Nobelpreis und Brudermord

In die Zeit dieser Aufzeichnungen fällt unter anderem auch die Verleihung des Nobelpreises an Handke 2019. Auch dieses Literaturbetriebsereignis findet fast keinen konkreten Eingang in sein Journal – nur ein einziges Mal. Man kann da eine Reaktion auf Vorwürfe nach dem Nobelpreis erkennen, als seine Parteinahme für Serbien im Mittelpunkt stand:
„‘Völkermord‘? – Nein, etwas Anderes, etwas anders Schreckliches: Brudermord. – Kain und Abel? – Kain und Kain“.
Peter Handke ist alles andere als ein nach innen gekehrter Dichter. Er ist ein wilder Romantiker, der Schreiben, Lesen und Wahrnehmen zu einer ungewöhnlichen poetischen Existenz verbindet. Dass er äußerst empfindlich reagiert, wenn in seinen Augen Ungleichheit und Ungerechtigkeit herrschen, gehört genauso dazu wie zärtliche Epiphanien des Alltags, von denen viele geeignet sind, in der Erinnerung nachzuhallen.
Peter Handke: "Innere Dialoge an den Rändern. 2016-2021"
Verlag Jung und Jung, Salzburg 2022.
371 Seiten, 26 Euro