Donnerstag, 07. Juli 2022

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HSBC-Vorstandschef geht
Abruptes Ende für John Flint

Europas größte Bank, die britische HSBC, verkündet überraschend einen Führungswechsel. Ein Grund dafür könnte der Konflikt zwischen den USA und China um den Technologiekonzern Huawei sein. Dabei war der bisherige Vorstandsvorsitzende der Bank, John Flint, zwischen die Fronten geraten.

Von Korbinian Frenzel | 05.08.2019

Das Logo der britischen Großbank HSBC.
Für die britische Großbank HSBC tun sich derzeit viele Risiken auf: vom Handelsstreit zwischen den USA und China bis hin zum Brexit. (imago / Images)
Die Nachricht vom Rückzug des Vorstandschefs kommt überraschend. Vor allem vor dem Hintergrund guter Zahlen, die HSBC zum Halbjahr vorlegen kann. 12,4 Milliarden Dollar Gewinn vor Steuern und damit ein Plus von 16 Prozent. Auch die Einnahmen stiegen in den ersten sechs Monaten um acht Prozent auf 29,4 Milliarden Dollar.
Nichtsdestotrotz endet die gemeinsame Zeit von John Flint und Europas größter Bank abrupt - in beiderseitigem Einvernehmen zwar, wie es in einer Erklärung der Bank heißt, aber: Nach Einschätzung von Analysten dürften hinter der Entscheidung vor allem Unstimmigkeiten über den weiteren Kurs der Bank stecken. Offiziell klingt es so: Eine Veränderung an der Spitze seit nötig angesichts des "herausfordernden globalen Umfeldes". Das erklärte der Aufsichtsratschef der britischen Bank, Mark Tucker.
Handelskrieg USA-China als Risikofaktor
Er ist nicht mehr der Rchtige für diesen Job, zu dieser Erkenntnis sei man im Aufsichtsrat der HSBC offenbar gekommen, analysierte Russell Ward, Bloomberg-Finanzkorrespondent in Tokio. Der scheidende Chef hatte vor allem ins Asien-Geschäft investiert – ebenso wie in die USA. Zwei zunehmend riskante Spielfelder, sollte sich der Handelskrieg zwischen Washington und Peking zuspitzen. Gerade im chinesischen Geschäft könnte aber ein weiterer Faktor eine Rolle spielen für den überraschenden Wechsel. Es könnte mit Huawei zusammenhängen, so die Vermutung des Börsen-Experten der BBC, Dominic O'Connell:
"HSBC hatte die US-Behörden mit zentralen Informationen über den Konzern versorgt. Die sollen die Grundlage gewesen sein für die Verhaftung von Meng Wanzhou, der Tochter des Firmengründers von Huawei, mit dem Vorwurf, die Iran-Sanktionen unterlaufen zu haben. Ich vermute, dass Peking nicht begeistert war. Und China ist der wichtigste Markt für HSBC."
Spekulationen zum Ende einer Karriere: John Flint war erst im Februar 2018 an die Spitze der Bank gerückt. Ähnlich wie Deutsche Bank-Chef Sewing war der 51-Jährige eine Lösung aus den eigenen Reihen. Flint hatte vor 30 Jahren bei der HSBC angefangen und war dem Geldhaus ein Berufsleben lang treu geblieben. Jetzt also der Abschied, der ihm, so Flint in einer schrifltichen Erklärung, schwer falle. Es sei aber die "richtige Zeit" für eine Veränderung.
Vorbereitungen für No-Brexit-Deal laufen
Übergangsweise wird Noel Quinn, der Leiter des globalen Einlagen- und Kreditgeschäfts der HSBC, die Bank führen, bis ein neuer CEO gefunden ist. Dem drohen dann nicht nur Risiken in Fernost, sondern vor allem vor der eigenen Haustür: Wie chaotisch könnte der Brexit werden, wenn er – so wie von Premierminister Boris Johnson vorangetrieben – möglicherweise sogar ohne ein Abkommen mit der EU geschieht?
Es gibt eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass es zum Austritt ohne Deal kommt, erklärte Mark Carney, der Vorsitzende der Bank of England, der englische Zentralbank, Ende letzter Woche. In diesem Fall müssten sich die Briten auf einen Anstieg der Lebensmittelpreise und höhere Treibstoffkosten einstellen. Das Risiko, dass auch die Banken in Schieflage geraten könnten, hält der Zentralbankchef im Interview mit Radio 4 allerdings für gering:
"Wir arbeiten seit drei Jahren an den Vorbereitungen für einen No-Deal-Brexit. Insofern ist der Finanzsektor vorbereitet", sagte Mark Carney. Er rechnet allerdings damit, dass das britsche Pfund weiter an Wert verlieren wird. Das immerhin ist für die HSBC ein geringeres Problem, zumindest für die Bilanzen. Die Berichtswährung der britischen Bank ist der US-Dollar.