Human-Challenge-Studie Großbritannien infiziert Freiwillige mit Corona

In Großbritannien hat die sogenannte Human-Challenge-Studie begonnen, bei der junge gesunde Freiwillige gezielt mit dem Corona-Virus infiziert werden. Damit soll die Entwicklung von Impfstoffen und Behandlungen gegen Covid-19 verbessert und beschleunigt werden. Doch die Studie ist ethisch umstritten.

Von Maximilian Brose | 08.03.2021

Großbritannien, Blackburn: Mitarbeiterinnen arbeiten in einem Impfzentrum in der Kathedrale von Blackburn. Das Impfzentrum wurde als eines von zehn weiteren Massenimpfzentren eröffnet.
Für eine Human-Challenge-Studie werden in Großbritannien Freiwillige mit Corona infiziert und beobachtet, um Erkenntnisse über das Virus zu verbessern - den Nutzen halten viele für fraglich. (Peter Byrne/PA Wire/dpa)
Danica Marcos ist sich sicher, dass sie sich freiwillig mit SARS-CoV-2 infizieren lassen will:
"So viele Menschen leiden an dieser Pandemie. Und auch wenn ich helfen könnte, sie nur einen Tag früher beenden könnte, wüsste ich, dass ich viele Leben retten und Schicksalsschläge verhindern könnte."
Sie weiß, wovon sie spricht. In London konnte die junge Frau nur im Videochat bei der Beerdigung ihres Großvaters dabei sein. Sie hofft, dass die Studien auch die Entwicklungen von Impfstoffen für Länder vorantreiben, die bisher keinen Zugang dazu haben. Angst vor tödlichen Krankheitsverläufen oder Langzeitfolgen hat sie nicht:
"Das wahrscheinlichste bei mir wäre, dass ich entweder gar nichts merke, es ähnlich wird wie bei einer Grippe oder ich für eine Weile wirklich krank werden würde, aber das wär´s dann auch. Die Vorteile wiegen das auf."

Probanden werden kontrolliert dem Virus ausgesetzt

Danica arbeitet bei der Organisation 1DaySooner, die Menschen unterstützt, die an den Infektionsversuchen teilnehmen wollen. Sie konnten sich im Netz für eine erste Human Challenge Studie anmelden. Wer teilnehmen darf, entscheidet das Unternehmen hVIVO. Und zwar vor allem danach, für wen die Studie am sichersten sei, erklärt der wissenschaftliche Leiter Andrew Catchpole:
"Darum wählen wir nur 18- bis 30-Jährige für die Studie aus. Sie müssen außerdem gesundheitlich sehr fit sein."
Deshalb werden unter anderem die Lunge und das Blut der Teilnehmenden auf mögliche Risikofaktoren untersucht. Insgesamt 90 Freiwillige hat hVIVO für die erste Studie gefunden, die sie mit Partnern wie dem Londoner Imperial College und der britischen Impfstoff-Taskforce durchführt.
"Diese erste Studie ist eine Machbarkeitsstudie. Es geht darum, das Versuchsdesign für Human Challenge Studien mit Covid-19 zu entwickeln. Daher sind die Probanden in dieser ersten Studie nicht geimpft. Wir wollen verstehen, was die kleinste nötige Menge Virus ist, um eine Infektion hervorzurufen."
Dafür wolle man einige der Teilnehmenden mit einer sehr geringen Dosis SARS-CoV-2 infizieren und sie eventuell bei weiteren Personen schrittweise steigern, sagt Catchpole. Zweimal am Tag sollen die Forschenden Abstriche nehmen. Wenn PCR-Tests auf Virusspuren anspringen, sei die Mindest-Dosis für eine Infektion gefunden. Mit ihr würden auch die restlichen Teilnehmenden infiziert. Wer einen positiven PCR-Test hat, solle in den ersten Studienschritten das Medikament Remdesivir erhalten.
"Die Probanden werden alle in Quarantäne sein, in speziell designten Krankenhauszimmern mit Unterdruck und medizinischer Betreuung rund um die Uhr."
Coronavirus
Übersicht zum Thema Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)

Studien-Ergebnisse sollen bei der Impfstoffentwicklung helfen

Die Forschenden wollen auch verstehen, wie sich das Immunsystem bei asymptomatischen Verläufen verhält. Sobald sie die Mindest-Dosis für eine Infektion kennen, wollen sie mit ihr in weiteren Studien auch geimpfte Teilnehmende infizieren.
"Man kann mit nur 100 Teilnehmenden Daten darüber erhalten, ob ein Impfstoff wirkt oder nicht. Bei klassischen Feldversuchen müsste man darauf warten, dass Geimpfte zufällig mit dem Virus in Kontakt kommen, um zu sagen, ob der Impfstoff wirkt."
Ähnliche Versuche, etwa zu Malaria, lieferten in den vergangenen Jahren wichtige medizinische Erkenntnisse. Doch Menschen mit einem potenziell tödlichen Virus zu infizieren, ist ethisch hoch umstritten. Bei solchen Menschenversuchen müssten Ethikkommissionen erstens darauf achten, die Risiken der Teilnehmenden zu minimieren, sagt Dirk Lanzerath. Der Bonner Philosophieprofessor ist Generalsekretär des europäischen Netzwerks der Forschungsethikkomissionen.
"Zweitens, es ist notwendig, dass die Probanden umfassend aufgeklärt werden über diese Risiken, aber auch den gesamten Zweck der Studie und die medizinischen Umstände. Und sie müssen dann entsprechend freiwillig zustimmen."

Human-Challenge-Studien ist unethisch und überflüssig

Bei den Human Challenge Studien sollen Dokumente in einfacher Sprache und Gespräche mit medizinischem Personal aufklären. Danach müssen die Teilnehmenden in Tests beweisen, dass sie alles Wichtige verstanden haben.
"Schließlich müssen Ethikkommission mit darauf achten, dass zu hohe monetäre Anreize geschaffen werden. Denn das würde dazu führen, dass bei zu hohen Anreizen möglicherweise zu hohe Risiken eingegangen würden. Und das wollen wir unbedingt vermeiden".

Umgerechnet mehr als 5.000 Euro Aufwandsentschädigung für die Quarantänezeit hat die britische Ethikkommission für die erste Machbarkeitsstudie angesetzt. Kürzlich gab sie für die Durchführung grünes Licht. Der Bioethiker Lanzerath betont hingegen, dass man zu wenig über Krankheitsverläufe bei Covid-19 wisse.
"Insofern halte ich es immer noch für zu gefährlich und aus ethischer Perspektive derzeit für nicht angeraten, denn wir haben ja auch noch keine Standardtherapie um Covid-19-Schwerverläufe zu verhindern."
Dass auch zufällige Infektionen in der Bevölkerung genügend Daten für die Impfstoffforschung lieferten, betont Siegfried Throm. Er ist Geschäftsführer des deutschen Verbands forschender Arzneimittelhersteller.
"Wir sehen nicht, dass es diese Studien bräuchte und dass sie uns wirklich helfen könnte. Wir haben bereits einige zugelassene Impfstoffe und auch die Anpassung dann an neue Varianten. Auch dafür braucht man diese Studie nicht."
Zudem glaubt Throm nicht, dass sie auch Erkenntnisse für ältere und damit vulnerable Menschen liefern könnte. In Deutschland wird wohl niemand für die Wissenschaft mit SARS-CoV-2 angesteckt.