Mittwoch, 08. Dezember 2021

Corona-ReinfektionenWenn SARS-CoV-2 zweimal krank macht

Eine erste Corona-Infektion hatte der Mann aus dem Schwarzwald überstanden, die zweite aber überlebte er nicht. Der Fall machte in den letzten Tagen Schlagzeilen. Wie häufig und wie gefährlich sind Corona-Reinfektionen? Die wichtigsten Antworten zum Thema.

Von Volkart Wildermuth | 27.01.2021

Medizinisches Personal legt auf einer Intensivstation des RKH Klinikum Ludwigsburg einem Covid-19-Patienten einen Zugang für die künstliche Beatmung. (Wischeffekt durch Langzeitbelichtung) In Baden-Württemberg wird die Belegung der Intensivstationen mit einem Clusterkonzept gesteuert. Zwischen den Kliniken der sechs Versorgungsgebiete können Intensivpatienten verlegt werden, um eine bessere Verteilung zwischen den Krankenhäusern zu erreichen.
Versorgung eines Corona-Patienten auf einer Intensivstation (picture alliance/dpa | Sebastian Gollnow)

Wie lang hält der Immunschutz nach einer Infektion an?

Es gab früh Nachrichten, dass die Antikörperspiegel vergleichsweise schnell absinken. Das sehen die Forscher inzwischen etwas positiver. In Langzeitauswertungen ein halbes Jahr nach der Infektion zeigt sich, dass die Antikörperspiegel tatsächlich absinken, aber nicht ins Bodenlose, sie stabilisieren sich nach einer Weile.
Vor allem aber bleiben die Gedächtniszellen und die T-Zellen aktiv und das heißt: Wenn man dem Virus ein weiteres Mal begegnet, dann infiziert man sich vielleicht kurz, aber bevor sich das Virus richtig vermehren und für Probleme sorgen kann, springt die Immunabwehr wieder an und entfernt den Erreger. Es scheint demnach nicht so zu sein, wie bei den Corona-Schnupfenviren, die man Jahr für Jahr aufs Neue bekommen kann.

Was hat es mit den Berichten über Reinfektionen auf sich?

Anfangs hat jeder Einzelfall einer klar dokumentierten sogenannten Reinfektion für Schlagzeilen gesorgt, aber inzwischen gibt es zwei verlässliche Studien. Eine stammt aus Qatar. In dem arabischen Land gab es eine große SARS-CoV-2 Epidemie. Ärzte haben dort das Schicksal von mehr als 130.000 Infizierten weiterverfolgt, von diesen steckten sich 54 später erneut an. Reinfektionen kommen also vor, sie sind aber sehr selten und vor allem verliefen die meisten Zweitinfektionen sehr milde.
Mehrere Injektionsnadeln liegen in einem Halbkreis, das Foto ist künstlerisch verfremdet.
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Die andere Studie stammt aus Großbritannien, dort wurde Krankenhauspersonal immer wieder getestet und 44 Fälle einer Zweitinfektion ermittelt. Das ist häufiger als in Qatar, aber in England wurde etwas andere Kriterien angelegt, so dass die Unterschiede nicht so relevant erscheinen. Die Autoren der englischen Studie gehen davon aus, dass der Immunschutz nach einer ersten Ansteckung doch sehr gut ist und zu 95 Prozent verhindert, dass man bei einer zweiten Begegnung mit dem Virus Symptome entwickelt. Quintessenz: Der Immunschutz greift, aber nicht absolut. Es ist also auch nach einer Infektion eine gute Idee, vorsichtig zu sein.

Verändern neue Virusvarianten das Bild?

Leider ja. Bei der englischen Variante B.1.1.7 scheint der Immunschutz zu greifen. Die breitet sich zwar schneller aus, aber eben nicht unter Menschen, die sich vorher bereits infiziert hatten. In Südafrika sieht das anders aus. Dass sich die Variante B.1.351 so schnell rund ums Kap ausbreitet, liegt zum Teil daran, dass sie offenbar ansteckender ist, aber zusätzlich ist sie eben zu Reinfektionen in der Lage und findet deshalb viel mehr empfängliche Personen vor.
Besonders problematisch erscheint aktuell die brasilianische Variante P.1. Diese ist in der Millionenmetropole Manaus mitten im Regenwald aufgetreten. Manaus hat während der ersten Welle Schlagzeilen gemacht, weil dort so viele Menschen gestorben sind, dass die Behörden neue Gräberfelder in der roten Erde ausheben mussten. Damals sollen sich drei Viertel der Bevölkerung angesteckt haben. Das reicht eigentlich aus, um für eine Gruppenimmuniät zu sorgen. Und die sollte eigentlich eine zweite Ansteckungswelle verhindern. Trotzdem kämpft die Stadt wieder mit der Epidemie, sterben wieder viele Menschen. Das zeigt: Hier schützt eine erste Ansteckung offenbar kaum. Entweder ist schon zu viel Zeit vergangen und die Immunreaktion hat sich zu weit abgeschwächt, oder P.1 kann den Immunschutz irgendwie unterlaufen.
Coronavirus
Übersicht zum Thema Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)
Besonders im Fokus steht eine Mutation im Spike-Eiweiß namens E484K. Sie hilft bestimmten Antikörpern auszuweichen und sowohl P.1 als auch B.1.351 haben diese Mutation neben weiteren Veränderungen. Dagegen tritt sie bei der englischen Variante nicht auf und die führt ja auch nicht zu Reinfektionen. Bei diesen Studien wurden einzelne Antikörper untersuchst. Die Immunabwehr im Körper beruht auf vielen Antikörpern und auch auf T-Zellen. Es ist also nicht klar, ob die Variante aus Südafrika und Brasilien die natürliche Immunabwehr nach einer SARS-CoV-2 Infektion wirklich unterlaufen können. Wenn aber zwei Virenvariante aus verschiedenen Regionen der Welt dieselbe Mutation aufweisen, zeigt das, dass diese Veränderung den Viren wohl irgendeinen Vorteil vermittelt. Und besonders die neue Epidemie in Manaus ist hier ein bedenkliches Zeichen.

Was heißt das alles für die Impfstoffe?

Sowohl Pfizer als auch Moderna konnten zeigen, dass die englische Variante wohl kein Problem für die Impfstoffe darstellt. Moderna hat sich auch die Variante aus Südafrika angesehen. Da wirkt der Impfschutz etwas schwächer, aber immer noch ziemlich gut. In der Praxis dürfte das kaum Auswirkungen haben, denn die mRNA Impfstoffe führen zu sehr hohen Antikörperspiegeln im Blut. Zu P.1 gibt es noch keine klaren Studien. Aber auch hier gilt, dass der Impfschutz sicher nicht komplett zusammenbricht. Andererseits gilt auch: Je mehr geimpft wird, desto höher wird der Druck auf das Virus, sich weiterzuentwickeln.
Aber selbst wenn die Impfstoffe mit der Zeit an Effekt verlieren, können die Unternehmen reagieren. Moderna plant bereits eine Phase eins Studie mit einer dritten Impfdosis, die auf die neuen Varianten maßgeschneidert ist. Und die Behörden überlegen, welche Studiengröße für eine angepasste Zulassung notwendig wäre, vielleicht in Anlehnung an die jährlich ebenfalls angepasste Influenzaimpfung. Aber das ist noch weit entfernt. Im Moment gilt: Reinfektionen kommen sehr selten vor, und bislang spricht alles dafür, dass die Impfstoffe auch vor den neuen Varianten schützen.