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StartseiteBücher für junge Leser"Ich hatte Lust auf Größe"11.02.2012

"Ich hatte Lust auf Größe"

Der französische Autor Timothée de Fombelle und sein Übersetzer Tobias Scheffel im Gespräch

Dem französischen Dramatiker Timothée de Fombelle gelang mit "Tobie Lolness" ein Debüt als Jugendbuchautor, das sich zu einem weltweiten Bestseller entwickelt. 2011 erschien der erste Band seiner neuen Saga "Vango" auf Deutsch, erneut übersetzt von Tobias Scheffel.

Mit Ute Wegmann

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Autor und Übersetzer sind diesmal zu Gast bei "Bücher für junge Leser" und sprechen mit Ute Wegmann über die Unterschiede von Theater und Jugendbuch, die Konstruktion glaubhafter fantastischer Welten und die Besonderheiten beim Übersetzen der komplexen Romane.

Ute Wegmann: Wir schauen heute nach Frankreich. Das tun wir öfter, wenn es um das Bilderbuch oder die Graphic Novel geht. Heute jedoch geht es um Abenteuerromane ganz unterschiedlicher Art. Mal handelt es sich um Fantasy und die Geschichte spielt in und auf einer alten Eiche, mal bereisen wir Europa und gehen zurück in die 30er-Jahre des letzten Jahrhunderts. Da es sich um komplexe und literarisch sehr anspruchsvolle Romane handelt, sprechen wir auch über die Besonderheiten beim Übersetzen.

Der Autor dieser unterschiedlichen Werke, die dennoch in stilistischer Hinsicht unverwechselbar sind, ist Timothée de Fombelle.

Ich begrüße sehr herzlich im Studio den Schöpfer von "Tobie Lolness" und "Vango" sowie seinen Übersetzer Tobias Scheffel, der im Oktober 2011 auf der Frankfurter Buchmesse mit dem Sonderpreis für seine Übersetzungen aus dem Französischen ausgezeichnet wurde.

Wegmann: Timothée de Fombelle, mit 17 Jahren gründeten Sie eine Theatergruppe und schrieben die ersten eigenen Stücke. Heute sind Sie Theaterautor und Dramatiker. "Tobie Lolness", mittlerweile in 26 Sprachen übersetzt, war Ihr Debüt als Jugendbuchautor. Wie kamen Sie auf die Idee und warum für Jugendliche und Kinder?

Timothée de Fombelle: Weil ich vom Theater komme, kannte ich die Zwänge des Theaters. Und plötzlich bekam ich Lust, mich den Regeln zu entziehen, also der Einheit des Ortes und einer Geschichte, die in eine Stunde passt.

Ich hatte Lust auf Größe. Und in diesem Zusammenhang bedeutet ein Roman Freiheit, und Jugendliteratur bedeutet noch größere Freiheit.

Geschichten zu erzählen, die sich auf 15 Jahre erstrecken, mit winzigen Figuren, all das konnte ich im Theater nicht machen. Deshalb suchte ich nach der größtmöglichen Freiheit, um meine Figuren dieser Freiheit auszusetzen.

Wegmann: "Tobie Lolness" ist ein groß angelegtes Abenteuer, zwei Bände, jeder umfasst etwa 400 Seiten. War das nicht eine immense Umstellung vom abendfüllenden Theaterstück zu einem solchen Epos?

de Fombelle: Ja, es stimmt, dass man sich in der Freiheit verlieren kann. Als ich mit "Tobie" anfing, und schrieb, dass er 1,5 Millimeter misst, was für sein Alter nicht groß ist, spürte ich, dass alles möglich wurde.

Ich hätte mich verlieren können, aber ich habe bei all dem die Regeln des Theaters bedacht, das bedeutet, ich habe eine solide Geschichte mit einem Anfang, einem Ende und mit einer tragfähigen Handlung konstruiert.

Mein Vater war Architekt und früher, wenn ich Baumhäuser gebaut habe, dann hat er mich darauf hingewiesen, dass alles halten muss. Das habe ich beim Schreiben auch beachtet. Und ich hoffe, dass die Geschichte auf den 700 Seiten hält.

Wegmann: Tobie, der Protagonist, lebt mit seiner Familie und vielen anderen Wesen in einem alten Baum. Der 13-Jährige ist Sohn eines Gelehrten und Philosophen, der eine Erfindung nicht preisgeben will, die zwar sehr fortschrittlich zu sein scheint, jedoch den Lebensraum ausbeuten und allmählich zerstören würde. Die alte Eiche, die Sie als Schauplatz gewählt haben, ist ein Modell unserer Gesellschaft, ein Mikrokosmus, der unsere Welt spiegelt.

Eine solche Geschichte, die auf zwei Bände angelegt ist, spannend zu erzählen, bedarf eines gewissen dramaturgischen Geschicks.

Wie haben Sie strukturell gearbeitet? Wie haben Sie die Geschichte gebaut.

de Fombelle: Die Architektur muss auf allen Ebenen erkennbar sein. Es gibt eine grobe Architektur für das ganze Buch, aber sie muss sich in jedem Teil wiederfinden, in jedem Kapitel, auf jeder Seite, in jedem Absatz , in jedem Satz. Ich denke immer an die Leser, besonders an die jungen, die ständig abgelenkt sind. Von Freunden, von Anrufen, von Videospielen, von SMS. Das alles sind Verlockungen, die ständig vorhanden sind, und da muss ich die Leser packen und mitnehmen. Deshalb muss meine Geschichte gut gebaut sein. Die Konstruktion habe ich, bevor ich mit dem Schreiben beginne. Aber dann lasse ich mir auch eine gewisse Freiheit: Die Freiheit Umwege zu gehen, eine Geschichte zu erzählen, die ich nicht vorgesehen hatte, eine Geschichte in der Geschichte in der Geschichte wie bei einer russischen Puppe, das mag ich sehr. Dabei muss ich immer auf den Haupthandlungsfaden zurückkommen. Diese Konstruktion ist für mich ein Handwerk, wie das Tischlern ein Handwerk ist, was ich ein bisschen beherrsche.

Wie bei einem schönen Möbelstück muss die Sache auch funktionieren. Das Werk muss schön, poetisch sein, damit der Leser vom Abenteuer gebannt ist, aber es muss auch handwerklich gut gearbeitet sein.

Wegmann: Tobias Scheffel, Sie haben Romanistik studiert. Gustave Flaubert, Fred Vargas, Jacques LeGoff, Catherine Clement und die Jugendliteraturpreisträgerin Marie-Aude Murail übersetzt. Diese kleine Auswahl zeigt schon reichlich Vielfalt. Betrachtet man die Schriftsteller, die sie übersetzen, so bewegen sich die Geschichten ja überwiegend im Genre der realistischen Literatur.

Tobie Lolness ist Fantasy. Auch wenn die "FAZ" im Jahr 2008 schrieb: Endlich gute Fantasy! Was war für Sie reizvoll?

Scheffel: Reizvoll war für mich diese Geschichte auf dem Baum, die so Fantasy, wie sie dargestellt wird, ja eigentlich gar nicht ist.

Ich finde "Tobie Lolness" hat den ungeheueren Reiz, dass es eine sehr fantasievolle Geschichte ist, die sich mit dem Etikett Fantasy nicht schmücken muss. Denn im Grunde ist es eine Fabel, eine Abenteuergeschichte, die in unserer Welt spielt, nur dass diese Welt, die Menschen, die Gesellschaft dieser Welt, geschrumpft wurden und das, was bei uns 40.000 Kilometer im Umfang hat, alles auf die Größe eines Baumes reduziert wurde.

Wegmann: Spannend, sehr differenziert und poetisch erzählt .Timothée de Fombelle von Freuden und vom Elend einer Welt, die unsere sein könnte. Von Diktatur, Umweltzerstörung, Zweiklassengesellschaft, Fremdenhass. Aber auch von Familie, Freundschaft und Liebe.

Was unterscheidet de Fombelle von anderen Schriftstellern, die Sie übersetzt haben?

Scheffel: Auf stilistischer Ebene durch sein ungeheuer mitreißendes Erzähltempo. Ich kenne kaum jemanden, der vielleicht vom Theater oder vom Film geschult, so sehr mit Schnitten arbeitet und ich bin beeindruckt, wie junge Leser ihm folgen können. Und auf der erzählerischen Ebene ist das Besondere bei gerade bei "Tobie Lolness" Band 1 und 2, diese fantasievolle Erzählung, das Transponieren von Alltagsproblemen nicht in eine Familie aus dem Jahre 2005 oder 2010, sondern in eine Familie, die uns gut bekannt sein könnte, die aber nur 1,5 Millimeter groß ist und die damit zu kämpfen hat, dass Wassertropfen in ihrer Welt so groß sind wie Elefanten, die uns auf den Kopf fallen.

Wegmann: Gibt es einen Unterschied beim Übersetzen zwischen Erwachsenenroman und Jugendroman?

Scheffel: Ja und nein, es gibt sicher Unterschiede, wobei ich sagen würde, dass der Unterschied zwischen den einzelnen Autoren und einzelnen Büchern fast größer ist, als der Unterschied zwischen Erwachsenen - und Kinder und -Jugendliteratur. Beim Übersetzen für Kinder und Jugendliche hat man als Übersetzer schon öfter im Hinterkopf, was verstehen sie in diesem und jenem Alter schon sprachlich, muss ich auf bestimmte Dinge achten, werden bestimmte französische Realitäten vorausgesetzt, die ich beim deutschen Leser nicht voraussetzen kann. Das sind so Fragen, die bei der Erwachsenenliteratur keine Rolle spielen.

Wegmann: Was war Ihr größtes Vergnügen beim Übersetzen von Timothée de Fombelle? Das Ganze, diese immer wieder überraschenden Wendungen, die Farbigkeit der Atmosphäre, der ungeheuere Witz, es gibt ja immer wieder slapstickartige Szenen. Und dass er so verschiedenartig ist. Das ist ein Autor, der es einem leicht macht, ihm zu folgen, weil er jedes Mal anders ist. Vango zum Beispiel ist sehr realistisch erzählt, angesiedelt in den 30er-Jahren, mit Rückblenden, führt uns durch ganz Europa und nach Amerika und noch an andere Orte. Das mache ich, der gerne reist und noch lieber über Reisen liest, sehr gerne .

Wegmann: Es geht in "Tobie Lolness" um die machthungrige eigennützige Zerstörung eines Lebensraums. Es geht auch um Gesellschaftssysteme. Mut und Willenskraft sind herausragende Tugenden Ihrer Protagonisten. Bei aller Dramatik und Spannung einer Geschichte, die von dem Kampf des Guten gegen das Böse erzählt, geht es ja auch um eine Haltung. Was steht für Sie im Vordergrund: die Sensibilisierung für die Gefährdung unseres Planeten? Oder: die Sensibilisierung für gefährliche, diktatorische Systeme?

de Fombelle: Als ich anfing zu schreiben, war ich auf der Flucht vor der Wirklichkeit. Ich wollte mich der Gegenwart, den Problemen, den Ängsten von heute entziehen und ins Imaginäre aufbrechen, auf einen Baum, wie ein Kind, das sich sein Baumhaus baut. Und als ich in meiner Geschichte, in meinem Baum saß, stellte ich fest, dass ich die Probleme mitgenommen hatte, dass die Welt des Baumes plötzlich unserer Welt überaus ähnlich sah. Weil sich beim Schreiben vieles wiederfindet, was man erlebt: die Sorgen, die Epoche, in der man lebt, alles, was einen ausmacht.

All das hat mich eingeholt. Ich habe begonnen, von unserer Welt zu erzählen. So gibt es die ein oder andere Botschaft, die sich aber im Fluss der Erzählung mitteilt. Ich denke, dass ich diese Botschaften nicht vor mir hertrage, wie schwere Steine. Im Gegenteil, ich lasse sie im Wirbel des Abenteuers treiben: Das Problem der Demokratie und die Anregung, sich für die Natur einzusetzen, all das vermittelt sich über Gefühle und Handlung und nie über eine theoretische Ausführung.

Wegmann: Um die Erde geht es auch in dem schmalen Bändchen "Celeste ma planete", im Deutschen: "Celeste oder Die Welt der gläsernen Türme". Der Ich-Erzähler erinnert sich an seine Liebe, das Mädchen Celeste, der er in seinem futuristisch gezeichneten Lebensraum begegnet. Er erfährt, dass sie krank ist. Ihre Haut gibt die ökologischen Katastrophen der Welt wieder. Ist das eine Dystopie?

de Fombelle: Ich glaube, ich habe den Roman geschrieben, ohne zu wissen, was eine Dystopie ist. Aber es stimmt. Jetzt, wo ich dieses Wort kenne, stelle ich fest, dass davon oft die Rede ist in der Jugendliteratur. Interessant, dass in der Jugendliteratur Dystopien so häufig vorkommen. Es deutet vielleicht auf die Sorgen hin. Mein Ausgangspunkt war vor allem die Liebesgeschichte zwischen den beiden Figuren, und die junge Celeste trägt in und auf ihrem Körper alle Verletzungen der Erde. Im Grunde spreche ich aber von meiner Liebesgeschichte mit der Welt der Natur, mit den Wäldern, den Wiesen, den Orten meiner Kindheit. Es ist eine Metapher. Und ich wollte vor allem einen kurzen Roman schreiben, nach dem langen Tobie-Abenteuer.

Wegmann: Sprechen wir über das neue Buch, das nächste große Abenteuer: "Vango". Ein fantastischer, brillant geschriebener, humorvoller und über alle Maßen spannender Jugendroman. Ein Krimi. Eine Zeitreise. Ein Entwicklungsroman. Wir finden starke Figuren, lebendige Dialoge, tolle Schauplätze in ganz Europa und über seine Grenzen hinaus. Paris 1934 - hier beginnt das Abenteuer des Protagonisten Vango. 17 Jahre alt soll er gerade mit anderen die Priesterweihe erhalten. Da taucht die Polizei auf, um ihn zu verhaften. Nicht wissend, welcher Tat er verdächtigt wird, flieht er, beobachtet von einer jungen Frau und jemandem, der versucht, ihn zu erschießen. Knisternde Spannung. Sogwirkung. Wer ist dieser Vango? Wer ist die Frau? Wer will ihn töten und warum? Wie entstand die Idee zu dieser großartigen Geschichte?

de Fombelle: Die Hauptfigur ist die Geschichte selber, damit meine ich die Historie, die Geschichte der Welt, die Geschichte Europas. Ich wollte eine Figur in diese unglaubliche, abenteuerliche, schwierige Epoche setzen, und zwar in die 30er-Jahre, in dieses Jahrhundert zweier Weltkriege. Von dem Augenblick an, als ich die Figur in diesem Zeitalter etabliert hatte, ist die Handlung in Fahrt gekommen, begann der Roman wie von selber, wie eine Waschmaschine, die sich immer weiter dreht. Ich habe bewusst diese Zeit als Schauplatz eines Abenteuers gewählt.

Wegmann: Welche Bedeutung hat für Sie das Jahr 1934? Es ist das Jahr der antifaschistischen Aufstände in Paris, hatte das eine Bedeutung?

TF Sprecher: Meine Geschichte beginnt im Jahr 1934, weil ich die Geschichte Vangos von der Mitte her erzählen wollte. Mein Held wurde 1915 geboren. Das ist das Geburtsdatum von drei meiner Großeltern, und ich wusste, dass ich Vango bis 1945 begleiten wollte. Die Mitte war der Augenblick, in dem sich alles verhärtete: Die Lage in Deutschland war seit 1933 extrem angespannt, ebenso in Italien. Auch in Frankreich wurde die Demokratie brüchig. So habe ich dieses Jahr für den Anfang gewählt. Von da aus bin ich vorwärts und rückwärts gegangen. Und so webte ich den Stoff meiner Geschichte.

Wegmann: Sie kombinieren fiktive mit historischen Figuren. Hitler und Stalin tauchen auf. Hugo Eckener, der Kommandant des Grafen Zeppelin, erhält eine Rolle. Er hilft Vango zu fliehen. Eckener symbolisiert auch den Widerstand gegen die Nazis und welcher großen Gefahr sich die Widerständler aussetzten. War das für Sie ein wichtiger Aspekt, diesen Menschen eine Plattform zu bieten?

de Fombelle: Es war eine sehr delikate Angelegenheit, fiktive und historische Figuren zu kombinieren. Das hätte lächerlich werden können. Aber dann habe ich mich an einen Satz von Virginia Wolf erinnert, die sagte: Man kann keinen guten Roman schreiben, ohne das Risiko einzugehen, sich lächerlich zu machen. Und was Eckener betrifft, ich wollte eine Figur haben, die für eine Art Widerstand in Deutschland steht und so habe ich mich mit Hugo Eckeners Leben beschäftigt. Ich merkte, das ist die Figur, die ich brauchte. Außerdem konnte man über Hugo Eckener den Zeppelin als Gefährt einführen, der es mir ermöglichte, die ganze Welt als Schauplatz bereisen.

Wegmann: Tobias Scheffel, wie viel muss man als Übersetzer noch recherchieren? Was das Überprüfen angeht, ist das Schöne, dass wir jedes Mal (wir übersetzen übrigens zusammen, mit Sabine Grebing), wenn wir etwas überprüft haben, festgestellt haben, der Autor ist sehr sorgfältig. Übrigens auch ein Grund warum es Spaß macht, ihn zu übersetzen. Immer wenn man sich bei ihm über etwas wunderte, lag es daran, dass es eine wunderbare Sache war und nicht, weil der Autor sich geirrt hat. Trotzdem muss man recherchieren, weil er im Französischen Begriffe verwendet, die man nicht einfach übersetzen kann, wo wir schauen müssen, wie hieß das auf diesem Zeppelin. Nun gibt es erfreulicherweise nicht nur eine umfangreiche Zeppelinliteratur, sondern auch ein fantastisches Zeppelinmuseum in Friedrichshafen am Bodensee, wo wir waren. Was uns ermöglicht hat, uns die Welt im Kopf besser vorzustellen. Also das Recherchieren betraf vor allem die Zeppeline und die Welt der Zeppeline.

Wegmann: Sie springen in der Zeit zurück, führen uns in die Kindheit Vangos auf die Insel Salina, wo er auch die Fähigkeit des Kletterns erlangte. Für mich entstanden hier Bilder wie in einem Film. Ich liebe Salina. Warum Salina?

de Fombelle: Es war mir wichtig, den Ort von Vangos Kindheit zu kennen, dort selber gelebt zu haben, auch wenn es nur drei Monate waren. Deshalb war ich einen Herbst lang dort. Ich liebe die Inseln, ich liebe den Archipel. Weil zwei Kilometer weiter eine völlig fremde, dir unbekannte Welt auftauchen kann.

Wegmann: Sie beenden den ersten Band mit einem Cliffhanger. Vangos Flucht durch ein Europa im Vorkriegszustand ist auch eine Suche. Erst wenn er seine Herkunft kennt, wird Vango erfahren könne, wer ihm nach dem Leben trachtet. Für mich gab es nur einen kleinen Hinweis, den ich nicht zu deuten wusste. Habe ich etwas überlesen oder halten Sie den Leser in dieser Spannung?

de Fombelle: Mein Roman ist in der Tradition des Fortsetzungsromans geschrieben, das sind Romane, die Ende des 19. Jahrhunderts täglich in den Zeitungen erwartet wurden. Wie zum Beispiel die "Drei Musketiere" oder "Der Graf von Monte Christo". Ich liebe diese Spannung.

Stimmt, für den Leser ist es eine kleine Qual, aber die Qual macht auch das Vergnügen des Autors aus, weil sie Lust auf mehr schafft. Im Gegenzug muss man dem Leser gegenüber aufrichtig sein. Man muss im Roman Spuren legen, mal diskrete, manchmal offensichtliche - selbst wenn der Leser sie erst im Nachhinein entdeckt, wenn er die Fortsetzung liest. Die Ehrlichkeit des Autors besteht darin, den Leser nicht zu enttäuschen. Man darf im ersten Band keine Türen öffnen, ohne sie im zweiten Band zu schließen. Das ist sehr wichtig.

Wegmann: Tobias Scheffel, Sie kennen den Fortgang, verraten Sie uns etwas?

Scheffel: Nein. - Wir haben begonnen den zweiten Band zu übersetzen. In Deutschland im Sommer erhältlich bei Gerstenberg. Ich kann nur so viel verraten, dass wir noch durch einige Reisen gehen werden. Auch an Orte, wo wir noch nicht waren. Dass es teilweise sehr spannend wird, und dass es ein Ende geben wird, auf das wir sehr gespannt sein können.

Wegmann: Planen Sie bereits den nächsten Roman?

de Fombelle: Ja, es gibt schon deshalb ein neues Abenteuer, allein um dem vorangegangenen nicht nachzutrauern. Das neue Projekt wird eine Art Enzyklopädie des Imaginären, über Dinge, die mit den Märchen und Sagen Europas zu tun haben. Und ich möchte, dass man auf jeder beliebigen Seite in diese Welt eintreten kann und darin spazieren gehen kann wie in einem Labyrinth. Vielleicht möchte ich nach 60 Kapiteln Tobie und nach 60 Kapiteln Vango die Methode ändern, eine Pause einlegen und dieses geheimnisvolle Zauberbuch schreiben. Mehr erzähle ich nicht.

Ich danke meinen beiden Gästen für das Gespräch. Herzlichen Dank, Tobias Scheffel. Auch für die Lesungen. Herzlichen Dank an den Sprecher der deutschen Übersetzungen Yorck Dippe.

Wir sprachen über:

"Tobie Lolness". Bd. 1 + 2 , aus dem Französischen von Tobias Scheffel und Sabine Grebing, jeweils ca. 380 Seiten, ab 10 Jahre

"Celeste oder Die Welt der gläsernen Türme". Aus dem Französischen von Tobias Scheffel und Sabine Grebing, 96 Seiten, ab 12 Jahre

"Vango - zwischen Himmel und Erde". Bd. 1. Aus dem Französischen von Tobias Scheffel und Sabine Grebing, 390 Seiten, ab 12 Jahre

Alle Bücher erscheinen im Gerstenberg Verlag. Die Taschenbuchausgabe bei dtv.

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