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StartseiteKalenderblatt"Ich war nichts Besonderes"04.08.2009

"Ich war nichts Besonderes"

Heute vor 150 Jahren wurde der norwegische Schriftsteller und Nobelpreisträger Knut Hamsun geboren

Obwohl Knut Hamsun aus einfachen Verhältnissen stammte, wurde er zum gefeierten Dichter. Zeit seines Lebens rief er Widerstände hervor: nicht nur wegen seiner Position als Neuerer der Literatur, sondern auch wegen seiner politischen Gesinnung.

Von Florian Ehrich

Knut Hamsuns (1859-1952) Heimat Norwegen (Stock.XCHNG)
Knut Hamsuns (1859-1952) Heimat Norwegen (Stock.XCHNG)

"Plötzlich knipste ich mehrmals mit den Fingern und lachte. Zum Teufel auch! Ich bildete mir ein, ein neues Wort gefunden zu haben. Ich richtete mich im Bett auf und sagte: 'Das gibt es in der Sprache noch nicht, ich habe es erfunden: Kubooa.' Es hatte Buchstaben wie ein Wort. Beim süßesten Gott, Mensch, du hast ein Wort gefunden, Kubooa!"

Mit Knut Hamsuns 1890 erschienenem Roman "Hunger", hier gelesen von Oskar Werner, hielt ein völlig neuer Ton Einzug in die Literatur. Die Studie über einen hungernden Künstler in Norwegens alter Hauptstadt Kristiania brach radikal mit dem vorherrschenden Naturalismus der Zeit. Stattdessen spürte der Autor den feinsten Bewegungen einer Seele im Grenzland zwischen Leben und Tod nach. Hamsuns Technik des inneren Monologs, welche ungeahnte Einblicke in die Psyche eines Menschen ermöglichte, wurde wegweisend für die moderne Literatur. Dabei deutete wenig auf diese Karriere hin als Hamsun am 4. August 1859 in Lom im Gudbrandstal unter dem Namen Knud Pedersen geboren wurde:

"Mein Zuhause war arm, aber mir unendlich lieb. Ich weinte und dankte Gott jedes Mal, wenn ich von meinem Onkel, der mich hungern ließ und mich tyrannisierte, fort und nach Hause kommen konnte. Ich drängte darauf, das Vieh draußen auf der Weide zu hüten. Ich lag und saß herum, sprach mit mir selbst, schnitzte Flöten, schrieb Gereimtes auf Papierfetzen, wie andere Bauernjungen auch. Ich war nichts Besonderes, vielleicht etwas aufgeweckter als meine Altersgenossen."

Hamsun war ein Autodidakt ohne höhere Schulbildung. Sein tiefes Wissen über die Natur des Menschen erwarb er sich nicht in Hörsälen und gelehrten Zirkeln, sondern durch seine Erfahrungen als fahrender Händler, Straßenbauer und Ladengehilfe. Auch als er sich aus drückender Not gezwungen sah, für einige Zeit in die USA auszuwandern, verlor er sein Ziel, Schriftsteller zu werden, nicht aus den Augen. Er lernte von Dostojewski wie von Mark Twain, aber vergaß auch die altnordische Saga-Tradition seiner Heimat nicht. Seine epische Dichtung verband pantheistisches Naturgefühl mit lakonischer und treffender Menschenschilderung. Hamsuns Kunst wurde besonders in Deutschland geschätzt, wie Joachim Kaiser erklärt:

"Deutschland entdeckte ihn dann, und Knut Hamsun, der Autor des "Hunger", des "Pan", der "Victoria", der "Mysterien", der große, überwältigend ironische Verfasser des gedämpften Seitenspiels, des Segens der Erde, des letzten Kapitels, dieser Knut Hamsun wurde zu einem in Deutschland heiß geliebten Dichter. Er hat diese Liebe der Deutschen sein Leben mit einer heftigen Zuneigung zur deutschen Lebensart, zur germanischen Kultur erwidert."

Seine naive und gänzlich unreflektierte Deutschfreundlichkeit wurde ihm schließlich zum Verhängnis. Der Nobelpreisträger von 1920 hatte die liberale Öffentlichkeit wiederholt provoziert, etwa mit seiner Verteidigung der Todesstrafe oder der Verhöhnung des Frauenrechts in Zeitungsartikeln. In den dreißiger Jahren aber sympathisierte der leidenschaftliche Reaktionär offen mit den Nationalsozialisten. Als die Deutschen 1940 Norwegen besetzten, rief der Dichter seine Landsleute dazu auf, keinen Widerstand zu leisten. Der große Menschenkenner und Ironiker vermochte es nicht, die grobschlächtige Ideologie der Nazis zu durchschauen. Tragischer Höhepunkt seiner Verirrung war ein Nachruf auf Hitler, in dem er den Tyrannen als "reformatorische Gestalt von höchstem Rang" pries. Widerspruch und Warnungen schlug der greise und fast Taube in den Wind, wie sein ältester Sohn Tore Hamsun erinnert:

"Er wollte die Wahrheit einfach nicht hören, so stur ist er geworden während des Krieges, in diesen unglücklichen Jahren."

Nach dem Krieg wurde Hamsun in seiner Heimat wegen der Mitgliedschaft in der norwegischen Nazipartei zu einer hohen Geldbuße verurteilt. Die Entlastung durch einen Psychiater, der Hamsun nachhaltig geschwächte geistige Fähigkeiten attestierte, schob der nunmehr 90-Jährige souverän mit seinem letzten Buch "Auf überwachsenen Pfaden" beiseite. Dieser tagebuchartige Bericht über die Zeit seiner Haft ist eine letzte Demonstration von Hamsuns hinreißend subtiler Kunst, aber auch Zeugnis seiner Selbstgerechtigkeit. Knut Hamsun starb am 19. Februar 1952 auf seinem Gut Nörholm bei Grimstad.

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