Samstag, 03. Dezember 2022

Tina Pruschmann „Bittere Wasser“
Ida und die Elefanten

Ida, Kind zweier Artisten des DDR-Staatszirkus, wächst im Erzgebirge auf. Nach dem Fall der Mauer folgt sie zwei Zirkus-Elefanten in die Ukraine. Ein eindringlicher Roman über die Generation, die sich zwischen altem und neuem System verorten muss.

Von Bettina Baltschev | 22.11.2022

Tina Pruschmann: "Bittere Wasser"
Zu sehen sind die Autorin und das Buchcover
Tina Pruschmann entführt die Leser in ihrem zweiten Roman "Bittere Wasser" in die eigentümlich glitzernde Show-Welt der DDR. Zwei mächtige Stars mit Elefantengedächtnis müssen sich mit dem Ende dieses Staates ebenso arrangieren wie die Heldin. (Buchcover: Rowohlt Verlag / Foto: Robin Kunz)
Judy und Hollerbusch heißen die beiden Elefanten, die im Staatszirkus der DDR auftreten. Das Mädchen Ida ist gerade ein halbes Jahr, als ihr Vater Georg sie über das Zirkusgelände trägt und ihr die beiden Tiere vorstellt. Es ist das Jahr 1975, Idas Mutter eine gefeierte Trapezkünstlerin, wäre lieber kinderlos geblieben, um ihre internationale Karriere nicht zu gefährden. Doch nun verbringt Ida die ersten Jahre ihres Lebens in einer glitzernden Welt, in der wenig an den realistischen Sozialismus erinnert, der jenseits des Zirkuszelts das Leben bestimmt.
„Das Gelände versinkt im Schlamm, nur eine Reihe aufgebockter Sattelschlepper mit dem Schriftzügen Busch, Aeros, Berolina leuchtet gleißend weiß aus dem verwaschenen Braun, Grau und Schmutzgrün des Novembernachmittags. Überhaupt ist der Zirkus der wohl einzige Ort in einem Land, dass optisch nicht viel hergibt, an dem all das sein darf: strassbesetzte Kostüme mit Silberfransen, Galawagen und Goldräder, bunte Drachen aus Pappmaschee …“

Die stärkste Radonquelle der Welt

Und weil ein Zirkus immer auf Wanderschaft ist, reist Ida mit den Eltern auch in die Ukraine und freundet sich dort mit der Familie eines Tierarztes an. Doch dann muss sie allein ins Erzgebirge zurückkehren, um zur Schule zu gehen. Sie lebt bei der Großmutter im fiktiven Ort Tann, der auch einmal glitzernden Jahre kannte.
Doch die liegen lange zurück, auch wenn die Großmutter sie in ihren Erzählungen immer noch gern heraufbeschwört.
„Das modernste Kurhaus im Land gab es in Tann an der Aach, stell dir vor, und die Bahn, die fuhr von Berlin und Hamburg direkt nach Tann. Die Leute sind morgens in Berlin in den Zug gestiegen, haben sich hier ins Bad gelegt, saßen dann beim Trültzsch im Café Trutilo, tranken ihren Verlängerten zu Linzer Torte und Strudel, und weil die Frau vom Trültzsch aus der Ostmark war, gab es das alles mit Wiener Schmäh, das kam wahnsinnig gut an. Jeder wusste wo Tann war. Die stärkste Radonquelle der Welt.“
Sehr ausführlich erzählt Tina Pruschmann die Geschichte von Tann nach, das an Bad Schlema erinnert, wo heute wieder mit der Radontherapie geworben wird, nachdem hier zu DDR-Zeiten vor allem Uranerz für die Sowjetunion abgebaut wurde. Ende der 1980er Jahre jedenfalls scheint die Zukunft von dort aus nur noch eine Himmelsrichtung zu kennen. Doch als Ida auf einem Punkkonzert das Mädchen Jacke kennenlernt, kommen ihr Zweifel.
„‘Warum willst du in die Tundra und nicht in den Westen wie die andern?‘
‚Durchn Zaun? Wat jibt det denn da? Modern Talking, Jacobs Krönung und Helmut Kohl? Kick mich doch mal an‘, sagt sie und ihre Pupillen flackern.
Ida starrt auf die Plaketten und die Klokette, die sie um den Hals trägt.

Mit den Elefanten nach Kiew

Statt ihr Glück im Westen zu suchen, geht Ida in die Ukraine, denn dorthin sind Judy und Hollerbusch, die beiden Zirkus-Elefanten, verkauft worden. Im Zoo von Kiew wird Ida ihre Pflegerin und lebt lange Jahre beim Tierarzt Jewhen. Der hat seine Frau nach dem Reaktorunglück in Tschernobyl an den Krebs verloren. Jewhen wird Idas Liebhaber, fragt sie aber auch, was sie eigentlich vom Leben will. Als sie darüber nachdenkt, ist sie bereits nach Tann zurückgekehrt, denn der Vater ist krank und in ihrem Bauch rührt sich ein ungeborenes Leben. An Kiew erinnert sie sich als einen Raum des Übergangs.
„Und alle in diesem Transitraum schienen gewusst zu haben, welcher Ausgang der richtige wäre. Außer Ida. Ida war wie gemacht für dieses Dazwischen.“
Tina Pruschmann schlägt in ihrem Roman „Bittere Wasser“ einen weiten Bogen, sowohl zeitlich als auch räumlich. Vom 19. Jahrhundert bis in die ostdeutsche Gegenwart, vom Erzgebirge bis in die Ukraine. Da wird sehr viel Stoff verhandelt, um nicht zu sagen zu viel. Die Geschichte des Staatszirkus der DDR, die Vergangenheit und Gegenwart des Kurortes Tann, die nach Geborgenheit suchende Ida mit ihren abwesenden Artisteneltern. Und schließlich die Ukraine im Umbruch, ein Thema, das durch die aktuellen Ereignisse unverhofft eine besondere Wirkung entfaltet. Hier hätte man sich etwas mehr Konzentration auf ein oder zwei Erzählstränge gewünscht. Dennoch ist Tina Pruschmann mit „Bittere Wasser“ ein eindringlicher Roman gelungen, der in seiner Balance zwischen Gesagtem und Nichtgesagtem auch sprachlich überzeugt.

Ostdeutsche Geschichte in all ihrer Komplexität

Die Autorin erzählt ostdeutsche Geschichte aus der Perspektive einer Generation, die in das wiedervereinigte Deutschland hineingewachsen und trotz aller Verheißungen von einer gewissen Verlorenheit geprägt ist. Weil das Land ihrer Herkunft nicht mehr da ist, weil die Eltern mit ihren erschütterten Biografien keinen Halt bieten können, weil die Zukunft unsicher ist.
„Bittere Wasser“ schließt damit an Romane jüngerer Autoren wie denen von Lukas Rietzschel oder Matthias Jügler an. Wie sie wartet allerdings auch Tina Pruschmann nicht mit endgültigen Erklärungen auf, sondern beschreibt ostdeutsche Biografien in all ihrer Komplexität und Widersprüchlichkeit. Genau darin liegt die literarische Kraft ihres Romans.
Tina Pruschmann: „Bittere Wasser“
Rowohlt Verlag, Hamburg
288 Seiten, 22 Euro.