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StartseiteEssay und DiskursFarbe bekennen12.01.2020

Identitäten (6/7)Farbe bekennen

Jackie Thomaes Roman "Brüder", 2019 für den Deutschen Buchpreis nominiert, erzählt von zwei schwarzen deutschen Männern. Mahret Kupka zufolge wurde Thomae in Rezensionen vor allem dafür gelobt, mit ihrer eher unpolitischen Erzählung zu vermitteln, Deutschland habe kein Problem mit Rassismus.

Von Mahret Ifeoma Kupka

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Mahret Ifeoma Kupka (@CarlOdera)
"Das gemeinsame Ziel muss sein, Rassismus anzuerkennen und zu überwinden", sagt Autorin und Kuratorin Mahret Ifeoma Kupka (@CarlOdera)
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Die Geschichte schwarzer Deutscher ist weitgehend unbekannt, dabei leben heute schätzungsweise mehr als 500.000 Schwarze mit deutscher Staatsangehörigkeit in Deutschland. Schwarze deutsche Geschichte ist mehr als Migrationsgeschichte. Sie reicht bis ins 18. Jahrhundert zurück und findet ihren ersten Höhepunkt in den deutschen Kolonien. Um Rassismus in Deutschland heute begreifen zu können, ist es notwendig, über historische Kontinuitäten nicht zuletzt im Zusammenhang mit dem Nationalsozialismus zu sprechen.

Doch statt die eigene Geschichte aufzuarbeiten, weicht der deutsche Blick gerne in Länder wie die USA aus, entweder um rassistische Diskriminierung im Vergleich zu relativieren oder um antirassistische Diskurse unreflektiert zu übernehmen. Beides blendet Spezifika der deutschen Situation aus.

Mahret Ifeoma Kupka, geboren 1980 in der Nähe von Frankfurt am Main, studierte Kunstwissenschaft/Medientheorie, Philosophie, Ausstellungsdesign und VWL. Als Kuratorin und freie Autorin befasst sie sich mit Mode und Körperlichkeit als sozialen Konstrukten. Aktuell beschäftigt sie sich mit der Möglichkeit, die kulturellen Beziehungen zwischen Europa und Afrika postkolonial neu zu ordnen.

(Teil 7 am 19.1.2020)


Der Umschlag des neuesten Romans von Jackie Thomae ist gestreift in diversen Braun- und Beigetönen. Es könnte sich um Hautschattierungen handeln. Doch das bleibt so unklar wie das Thema des Buches, das von zwei sehr unterschiedlichen Männern erzählt. Um die Hautfarbe der beiden geht es auch, aber nicht im Speziellen. Sie ist dunkler als die Haut derer, mit denen sie aufwachsen und sie erklärt sich wie folgt: Der gemeinsame Schwarze Vater kam Ende der 1960er‑Jahre aus dem Senegal in die DDR um zu studieren. Nebenbei schwängerte er zwei weiße, deutsche Frauen. Voilà! Die beiden Jungs - Mick und Gabriel - wuchsen ohne Kontakt zu ihrem Vater auf und wissen zunächst nichts voneinander. Ihre Hautfarbe spielt im Roman nur eine geringe Rolle. Es geht um sehr viel mehr. Das ist von Thomae so beabsichtigt und ihre Erzählkunst macht daraus ein kurzweiliges Lesevergnügen.

Jackie Thomae entspannt verunsicherte Gemüter

Der Roman war nominiert für den Deutschen Buchpreis 2019 und wird fast durchweg positiv besprochen. "Berückend" und "informativ" sei es, schreibt Marie Schmidt in der "Süddeutschen Zeitung", wie es Thomae gelingt, "race, class and gender" Thema sein zu lassen und gleichzeitig nicht. Juliane Liebert, Journalistin bei "DIE ZEIT", sieht in "Brüder" einen "Kontrapunkt zu den oft überhitzt geführten Debatten über Identität und Rassismus". Der Roman beschreibe eine "Praxis kultureller Vieldeutigkeit und fluider Identitäten", die "aller politischen Abstraktion und Sprachkritik voraus" sei. Und im "Spiegel" heißt es gar, Thomaes Roman sei ein "Plädoyer gegen die Gefahr, farbfehlgeleitet durch die Welt zu gehen".

Das klingt alles groß für ein Buch, in dem die Hautfarbe der zwei Hauptfiguren nur ein Thema unter vielen ist. Es geht auch um Beziehungen, um alleinerziehende Frauen, die DDR, ums Erwachsenwerden, um die Sinnsuche. Es geht nicht um Rassismus, der sich als garstige, unbarmherzige Struktur durch alle Lebensbereiche hindurchzieht. Es gibt ihn in "Brüder" zwar auch, aber nur als unangenehmes, vereinzeltes Ereignis, das vorüberzieht oder woanders zu finden ist, in den akademisierten Diskursen Londons zum Beispiel, denen Gabriel später begegnet. Eine Lieblingsstelle der Kritikerinnen und Kritiker ist die, in der eine Ex-Freundin Gabriel mangelnden Aktivismus vorwirft. Sie, eine Schwarze Britin, erwartet von ihm, dem Schwarzen Deutschen, Haltung. Er ist eher genervt von Kategorien und Dramatisierung und scheint damit vielen aus der Seele zu sprechen.

Es liest sich eine gewisse Erleichterung aus den Rezensionen, so als hätte endlich jemand einem drückenden Thema die Schwere genommen. Jackie Thomae, eine Schwarze Frau, die nicht wütend ist, bestätigt scheinbar, dass nicht alle Menschen Rassisten sind und dass die klassischen Fragen nach der Herkunft oder der Beschaffenheit der Haare auch reine Neugier sein können: "Man muss auch vorsichtig sein, nicht bei jedem Scheiß beleidigt zu sein", sagt sie. Und entspannt damit verunsicherte Gemüter, die sich aus Angst vor der vermeintlichen Sprachpolizei nicht mehr sicher sind, was sie noch sagen dürfen und was nicht. Über Rassismus in Deutschland möchte Jackie Thomae nicht sprechen. Warum sollte sie das auch tun? Denn darum geht es in ihrem Buch nicht. Oder doch?

Magazine für Schwarze Frauen geben mir das Gefühl, auch schön und normal sein zu können

Während ich recherchiere, spült mir der Werbealgorithmus eine Collage auf den Bildschirm. Ein Interview mit der Journalistin Alice Hasters wird umspielt von einem Banner, das für Jackie Thomaes Roman wirbt. Hasters publizierte ihr Buch fast zeitgleich im gleichen Verlag wie Thomae, allerdings in einer anderen Abteilung. Ich lache laut auf. Vor allem, weil mir da zwei deutsche Autorinnen gleichzeitig vom Bildschirm entgegen lächeln, die so aussehen wie ich. Natürlich nicht, aber die meisten Menschen auf deutschen Straßen würden uns verwechseln oder für Schwestern halten. Tatsächlich passiert uns das auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse dauernd.

In meiner Wohnung liegen auf der Toilette einige Ausgaben eines US‑amerikanischen Mode- und Lifestyle-Magazins, das auf die Bedürfnisse und Interessen einer Schwarzen, US-amerikanischen Klientel abgestimmt ist. Weil es kein vergleichbares Magazin auf dem deutschen Markt gibt, kaufe ich mir gelegentlich eine Ausgabe in der Bahnhofsbuchhandlung.

Wenn mich auch nicht alle Themen direkt betreffen oder interessieren - schließlich bin ich keine Schwarze US-Amerikanerin - finde ich doch vor allem die Mode- und Beautytipps hilfreich. Ich bekomme Informationen über neue Produkte, Haarpflege- und Kosmetiktrends, die für mich funktionieren, anders als das der Fall ist bei deutschen Magazinen, die eine weiße Konsumentin im Blick haben. Magazine für Schwarze Frauen geben mir das Gefühl, auch schön und normal sein zu können und dass irgendwo auf der Welt Menschen sitzen, die ein Interesse an dieser Schönheit haben.

Eine weiße Bekannte kam mal lachend vom meinem Klo: "Dieses Magazin ist ja reine Satire!", sagte sie, "da sind sogar die Models in der Tamponwerbung schwarz!" - "Richtig, ebenso wie in deutschen Modemagazinen fast alle weiß sind", denke ich müde.

Viele sind das "Gedächtnistheater" leid

Alice Hasters und Jackie Thomae haben sehr unterschiedliche Bücher geschrieben. Während die eine ausführlich erklärt, "Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen aber wissen sollten" und sich um ihr künftiges Wohlergehen in einem politischen Klima sorgt, das sich zunehmend verschärft, schreibt die andere einen Roman, der beschwichtigt. Hasters definiert Rassismus als kulturell gewachsene Diskriminierungsstruktur mit System, die unser Handeln (zumeist unbewusst) beeinflusst. Thomae vertritt die in Deutschland weit verbreitete Ansicht, dass Rassismus eine deutliche rassistische Absicht zugrunde liegen muss und die Tat vereinzelter Rassistinnen und Rassisten beschreibt. Um zu verstehen, dass letzteres zu kurz greift, bedarf es eines Exkurses in die deutsche Geschichte:

In Deutschland wird seit 1945 jedes Jahr am 8. Mai der "Tag der Befreiung" gefeiert. Das klingt so, als hätte Deutschland an dem Tag nicht kapituliert, sondern sei von allen Ungeheuerlichkeiten, die davor passierten, erlöst worden - von den Verbrechen des Nationalsozialismus, des Kolonialismus und so weiter. Als ich in der Schule zum ersten Mal davon hörte, stellte ich mir einen besonderen Moment vor: Alles wurde still, die Zeit blieb für einen Moment stehen und die Überlebenden krochen aus den Bunkern, weinten vor Freude und amerikanische Soldaten verteilten Schokolade.

Natürlich ist es nicht so gewesen. Nach dem großen Rausch folgte das große Erwachen und mit ihm das große Schweigen. Die Trümmer wurden aufgeräumt, die Täter (sehr wenige) bestimmt und gerichtet, bis nur noch Opfer (sehr viele) übrig waren und der Mythos vom "Tag der Befreiung" perfekt. Ein Neuanfang. Belohnt wurde das - zumindest in Westdeutschland - mit einem "Wirtschaftswunder". Brüche in der Narration werden ignoriert, so lange, bis niemand mehr versteht, was da eigentlich verschwiegen wird und die erste Deutschlandflagge wieder aus dem Fenster hängt oder eine rechtsradikale Partei in den Bundestag gewählt wird und den Holocaust zum "Fliegenschiss" schrumpft. Und vielleicht sind sogar weitaus mehr Menschen tatsächlich ein wenig leid, was der Soziologe Y. Michal Bodemann das "Gedächtnistheater" nennt.

Der Blick auf die Geschichte ist wichtig, um zu verstehen

Bodemann glaubt, dass alles Gedenken und Erinnern allein den Zweck verfolgt, die Unschuld der nun Lebenden zu garantieren. Die Narration der Läuterung braucht bestätigende Rituale. Ein großes Schauspiel also, das möglicherweise den Blick verstellt, verstellen soll, auf das, was war und bis heute wirkt. Dieser Blick ist aber notwendig, um zu verstehen, was war und um wirklich Verantwortung übernehmen zu können für eine Zukunft, in der das Gewesene nicht mehr möglich sein wird.

"Es kann doch nicht sein, dass man sich als Deutscher jetzt für immer schlecht fühlt", sagte mir kürzlich ein Freund, den ich sonst für sehr reflektiert halte. Ich denke, ich bin auch Deutsche und ich fühle mich nicht schlecht, ich habe Angst. Uns unterscheidet viel. Relevant ist in diesem Moment vielleicht nur die Hautfarbe. Er ist weiß, ich bin Schwarz. Ich atme tief durch und sage ruhig: "Es geht dabei nicht um individuelle Gefühle, sondern um eine gesellschaftliche Haltung und Verantwortung für ungeheuerliche Verbrechen, die unlösbarer Teil der eigenen Geschichte sind." Er nickt. "Die viel wichtigere Frage ist doch", sage ich weiter, "in was für einer Welt wir leben wollen und was wir gemeinsam tun, um diese Welt zu schaffen." Er schaut mich nachdenklich an.

Deutschsein steckt historisch sehr wohl in den Genen

Ich verstehe, dass es schwierig ist, Dinge nachzuvollziehen, die mit der eigenen Lebensrealität nichts zu tun haben. Das Gedächtnistheater erfüllt nicht für alle den gleichen Zweck. Der Anschlag eines rechtsextremen Terroristen am 09. Oktober 2019 in Halle galt nicht "uns allen", wie viele schrieben. Der Täter war in seiner Opferauswahl sehr konkret und hierarchisierte deutlich. Hauptziel war eine Synagoge am höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur.

Es folgt: Entsetzen, ein Solidaritätskonzert, ein überragender Wahlerfolg einer deutlich rechtsextremen Partei in Thüringen und Titelthemen großer deutscher Zeitungen, die um die Meinungsfreiheit fürchten. Allerdings nicht um die Meinungsfreiheit aller Bürger, sondern vor allem um die derer, die eigentlich nichts zu befürchten haben.

"Wer thematisiert die Lebensgefahr für weibliche, nichtweiße und/oder Transmenschen, wenn diese ihre Meinung äußern", fragt Malcolm Ohanwe, Journalist und Schwarzer Deutscher. Das Gedächtnistheater spielt allein für die, die es sich leisten können, nicht so genau hinzusehen. Der erste Schritt besteht darin, ein paar Fakten anzuschauen:

In seiner Rezension von Thomaes "Brüder" im "Spiegel" fragt Tobias Becker, ob "Deutschsein in den Genen oder im Kopf" steckt. Während Becker und Thomae klar für den Kopf plädieren und sich einig sind, dass Deutsche auch Schwarz sein können oder Schwarze auch deutsch und die Hautfarbe damit nichts zu tun haben sollte - das wünsche ich mir übrigens auch -, sah man das einmal anders, wie der Blick in die deutsche Geschichte zeigt.

Beckers Feststellung, "man könnte meinen, schwarzes Blut sei dicker als weißes", offenbart eine eklatante Wissenslücke in Bezug auf nicht nur Schwarze deutscher, sondern Schwarze Geschichte generell. Denn historisch lautet die Antwort: Ja, Schwarzes Blut ist dicker als weißes. So galt der letzte Präsident der USA, Barack Obama, Sohn einer weißen Frau und eines Schwarzen Mannes, den Becker als Beispiel anführt, nicht als Schwarz, weil er sich das so ausgedacht hatte, sondern weil er nach der berühmten "One‑Drop‑Rule" in den USA so kategorisiert wird. Ein Tropfen "Schwarzen" Blutes führte zum Ausschluss aus der Kategorie weiß.

Das bedeutet auch, dass Menschen mit einer Haut wie Schnee als Schwarz kategorisiert werden können, wenn sie zum Beispiel einen Schwarzen Vorfahren in ihrer Ahnenreihe aufweisen. Eine Vorstellung von "Blutreinheit", die in ähnlicher Weise auch in Deutschland 1913 beim Erlass des Reichs- und Staatsangehörigkeitsgesetzes Anwendung fand, das bis heute Basis des geltenden deutschen Staatsangehörigkeitsrechts ist. Nach dem ius sanguinis, wörtlich, dem "Recht des Blutes", konnte nur deutsch sein, wer deutsches Blut in den Adern hatte und das am besten so rein wie möglich. Insofern steckt Deutschsein historisch sehr wohl in den Genen. Und Spuren dieser Sichtweise lassen sich bis heute in Zeiten der Passdeutschen mit Migrationshintergrund finden.

Rassismus wurde erfunden, um Mord und Ausbeutung rechtfertigen zu können

Die Historikerin Fatima El-Tayeb ist dem nachgegangen. In ihrer Forschungsarbeit "Schwarze Deutsche. Der Diskurs um 'Rasse' und nationale Identität 1890-1933" sieht sie einen klaren Zusammenhang zwischen dem Reichs- und Staatsangehörigkeitsgesetzes von 1913, dem "wissenschaftlichen Rassismus", wie er sich um 1900 etabliert, und der deutschen Kolonialpolitik. Laut El-Tayeb haben sich die europäischen Denkschulen auf der Basis Kants und Hegels eine rassistische Ideologie geschaffen, die koloniales Handeln rechtfertigen sollte. Kurz: Rassismus wurde erfunden, um Mord und Ausbeutung rechtfertigen zu können.

Während man heute glaubt, dass es nur eine menschliche Rasse gibt und damit der biologistische Rassebegriff überflüssig wird, ging man damals von unterschiedlichen Rassen aus. Ihnen wurden bestimmte Fähigkeiten und Eigenschaften nachgesagt. Die weiße Rasse galt dabei als am weitesten entwickelt. Europäisches Sein und Denken wurden zum Maßstab. Abweichende Lebenskonzepte wurden bis auf wenige Ausnahmen als minderwertig kategorisiert.

Das hielt die weißen europäischen Siedler in den Kolonien nicht davon ab, Beziehungen mit Afrikanerinnen einzugehen. In den deutschen Kolonien und zu Hause im Kaiserreich warf die sogenannte "Mischehe", die Frage nach der "Reinheit" der deutschen "Rasse" zum ersten Mal im großen Stile auf. Nach dem damals geltenden Recht waren die Kinder aus diesen Ehen deutsche Staatsbürgerinnen und Staatsbürger. Das bedrohte die imaginierte Reinheit der als überlegen geltenden, weißen Rasse. Die Mischehe wurde verboten.

Nach dem Ersten Weltkrieg kam es zu einer weiteren Bedrohung, französische Truppen besetzten das Rheinland. Unter den 85.000 Soldaten befanden sich rund 10.000 Schwarze aus den damaligen französischen Kolonien, die sich nun - so jedenfalls die Hetzkampagnen - über die weißen deutschen Frauen hermachten. Deren vermeintlich rassisch unreine Kinder lebten nun nicht mehr weit weg in Afrika, sondern waren ins Innerste des sogenannten Volkskörpers vorgedrungen. Der Versuch, die Kinder loszuwerden, brachte Probleme mit sich: Da die meisten unehelich waren und damit nach geltendem Recht automatisch deutsche Bürgerinnen und Bürger, konnten sie nicht einfach abgeschoben werden. Einige wurden zwangssterilisiert, der Rest zwangsläufig geduldet.

Besonders genau wurde das Staatsangehörigkeitsrecht im Dritten Reich ausgelegt. Es war dadurch möglich, deutschen Staatsbürgerinnen und -bürgern die Staatsbürgerschaft zu entziehen, sofern sie nicht den Reinheitsvorstellungen entsprachen. Das betraf vor allem Jüdinnen und Juden, unter anderem aber auch Schwarze Deutsche.

Jüdisches oder Schwarzes Blut war in Deutschland also dicker als weißes - und nicht im guten Sinne. Während die Lösung der Judenfrage klar geregelt war und deren Folgen hinlänglich bekannt sind, beschreibt die Historikerin Katharina Oguntoye die Politik des NS-Staates und seiner Behörden gegenüber Schwarzen Deutschen als "überaus widersprüchlich und irrational". Obwohl diese als rassig minderwertig kategorisiert wurden, fand keine systematische Verfolgung statt. Möglicherweise bewahrte sie laut Oguntoye der Traum von einem "Mittelafrikanischen Kolonialreich" vor der Ermordung. Denn dort sollten Schwarze Deutsche nach dem Endsieg als Mittlerinnen und Mittler sowie als Arbeitskräfte fungieren. Trotzdem starben mehrere Tausend in Konzentrationslagern. Andere, die nicht rechtzeitig hatten ausreisen können, wurden im Sport geduldet sowie in der Unterhaltungsindustrie oder in den so genannten "Völkerschauen" auf den Jahrmärkten und in den Zoos der Großstädte. Es gibt keine genauen Zahlen, die Forschungslage ist sehr dürftig.

Weder das, was ich in der Schule lernte, noch das, was meine Oma mir erzählte, war meine Geschichte

Wenn man bedenkt, dass es diese Erfahrungen und dieses Gedankengut waren, mit dem meine weiße Großmutter in Deutschland aufwuchs, wird auch ihr Entsetzen verständlicher, das sie empfand, als mein Vater plötzlich mit einer Afrikanerin vor der Tür stand. Es brauchte einiges an Überzeugungsarbeit, doch spätestens als sie ihr erstes braunes Enkelkind im Arm hielt, schien das Eis gebrochen.

Sie liebte mich innig und erzählte mir von den - wie sie sagte - schönen Seiten des Nationalsozialismus, denn es war ja nicht alles so schlecht gewesen, wie wir in der Schule lernten. Ich hörte Geschichten vom Arbeitsdienst auf dem Land und vom Bund Deutscher Mädel. Ihre Erzählungen vom Krieg, vom Feuersturm in Hamburg, den sie direkt miterlebte, klangen aufregend. Ich, kleines Mädchen, war beeindruckt von dem, was meine Omi erlebt hatte. "Und als die Juden abgeholt wurden, was habt ihr da gemacht?", fragte ich. "Davon wussten wir nichts", sagte meine Oma.

Ich fragte sie nie, ob sie nicht wisse, dass mein Bruder und ich und ihre Schwiegertochter damals in Deutschland vielleicht ermordet worden wären. Ich glaube, sie hat damals einfach nicht daran gedacht, genauso wenig wie ich.

Aber während meine Oma als junge Frau in Hamburg im Luftschutzbunker saß, wurde in der gleichen Stadt dem kleinen Hans-Jürgen-Massaquoi der Eintritt in den Bunker verwehrt. Dem N*kind, das mit seinen weißen Freunden zur Hitlerjugend gewollte hatte, weil das deutsche Jungs damals so wollten, und nicht durfte. Er sah aus wie ich. Kind mit einem weißen deutschen und einem Schwarzen afrikanischen Elternteil. Später wurde die Geschichte mit Veronica Ferres verfilmt und mein Bruder für die Rolle des jugendlichen Hans-Jürgen gecastet. Doch das ist eine andere Geschichte.

Irgendwann, sehr viel später, begriff ich, dass weder das, was ich in der Schule lernte, noch das, was meine Oma mir erzählte, meine Geschichte war. Von der erfuhr ich erst, als ich mich selbst auf die Suche nach den Schwarzen Deutschen im Nationalsozialismus begab.

Diskriminierung und systematische Ent‑Deutschung der Schwarzen

Von deren Verfolgung wurde weder 1945 noch später umfassend gesprochen. In der Zeit, in der Mick, einer der Brüder aus Jackie Thomaes Roman, eher unpolitisch durch das Berliner Nachtleben der 1990er taumelt, findet sich in Wirklichkeit eine Gruppe Schwarzer Studentinnen an der Freien Universität zusammen. Sie publizieren mit "Farbe bekennen" ein Buch, das Schwarze deutsche Bewegungen wie ADEFRA e.V. oder die "Initiative Schwarze Menschen in Deutschland", kurz ISD, begründet. "Farbe bekennen" liefert einen ersten Überblick über Schwarze deutsche Geschichte und die Basis für weitere Forschungsarbeit.

Bis heute wird die Erinnerung an die Diskriminierung und systematische Ent‑Deutschung der Schwarzen so gründlich aus dem Bewusstsein verdrängt, dass die Existenz Schwarzer Deutscher weiterhin wie ein Widerspruch erscheint. Dabei leben Schätzungen nach heute etwa 500.000 Schwarze Deutsche in Deutschland. Die Zahlen sind nicht genau, weil sie nicht statistisch erfasst werden.

2016 feierte die ISD 30-jähriges Bestehen. Zu den Feierlichkeiten war unter anderem der kürzlich verstorbene Theodor Wonja Michael geladen. In seiner Biografie "Deutsch sein und schwarz dazu" erzählt er nicht nur von seinem Aufwachsen und Leben in Deutschland, von seinem Überleben des Nationalsozialismus, sondern auch von seinem fortwährenden Schreiben und Sprechen gegen den sich hartnäckig haltenden Widerspruch des Schwarzseins und des Deutschseins.

Und er ist nicht allein: "Deutschland Schwarz Weiß", heißt zum Beispiel der Bestseller von Noah Sow, in dem sie gegen Rassismus schreibt und für die Wahrnehmung der Lebensrealitäten Schwarzer Menschen in Deutschland. Mit "Biskaya" erschien 2016 ein "afropolitaner Berlin-Roman", in dem Schwarz Rund über das Leben Schwarzer Menschen in Berlin schreibt. Darin geht es - ähnlich wie im Roman Jackie Thomaes - um spezifische Formen des Schwarzseins in einer weißen Mehrheitsgesellschaft und in einer Stadt wie Berlin. Sie malt darin ein ganz anderes Bild als Thomae. Denn die Erfahrungen Schwarzer Deutscher gleichen sich nicht unbedingt.

Es gilt als besonders weltoffene Tugend, keine Hautfarben zu sehen

Jackie Thomae würde es gelingen, so heißt es, über Rassismus zu schreiben, ohne darüber zu schreiben. Der Witz ist, dass sie wirklich nicht darüber schreibt und das auch nie ihre Absicht war. Warum das hinterher in zahlreichen Rezensionen hineininterpretiert wird, ist zumindest eine Frage wert.

Die in Berlin lebende Afro-Britin Sharon Dodua Otoo schreibt im Gegensatz zu Thomae wirklich über Rassismus. Die Ingeborg-Bachmann-Preisträgerin webt Themen wie Privilegien und die Komplexität von Machtstrukturen gekonnt in ihre Erzählungen. Die Geschichten spielen in Deutschland und beleuchten subtil blinde Flecken.

Es mag sein, dass es in Deutschland "bisher keine Entsprechung zu so etwas wie der afroamerikanischen Literaturtradition gibt", wie Marie Schmidt in der "Süddeutschen" schreibt. Aber das muss es auch gar nicht. Viel wesentlicher ist, dass Schmidt es in ihrer Kritik versäumt, auf die existierende, wenn auch anders gelagerte Schwarze deutsche Literaturtradition zu verweisen, in dessen Kontext sich Thomaes Roman vergleichend diskutieren ließe. Ihre Ignoranz trägt dazu bei, eine lebendige Tradition im Keim zu ersticken.

Schmidt begründet ihre Ignoranz im selben Absatz unmittelbar selbst und sagt, "es wäre fatal, eine Geschichte, deren Protagonisten Schwarz sind, zu lesen, als gehe es vor allem darum, dass sie es sind." Vermeintlich rhetorisch fragt sie hinterher: "Oder wird je ein Sterbenswörtchen darüber verloren, wie weiß die Figuren der deutschen Literaturgeschichte sind?" Die Antwort muss "Nein" lauten. Und ich frage zurück: Warum denn eigentlich nicht?

Es gilt als besonders weltoffene Tugend, keine Hautfarben zu sehen. 'Für mich sind alle Menschen gleich, ich sehe keine Farben', sagen viele. Das ist ein sehr löblicher Ansatz, allerdings ignoriert dieser bis heute wirksame rassistische Strukturen, die weiße Perspektiven und Lebensrealitäten als Norm setzen und alles nicht-weiße als anders, fremd oder exotisch markieren.

Der Schwarze Körper wird vor allem dort sichtbar, wo er vermeintlich nicht hingehört

Wie sehr Farben eben doch gesehen werden, zeigt sich besonders dann, wenn der Spieß einmal umgedreht wird, wenn etwa alle Menschen in einem Modemagazin Schwarz sind oder wenn ein Theaterstück ausschließlich mit Schwarzen Personen besetzt wird und Normalität für sich beansprucht.

Das hat Anta Helena Recke 2017 mit ihrer Re-Inszenierung des Stückes "Mittelreich" an den Münchner Kammerspielen getan. Sie übernahm alle Parameter der 2015er Inszenierung von Anna‑Sophie Mahler, nur tauschte sie den rein weißen Cast gegen einen rein Schwarzen aus. "Mittelreich", nach einem Roman von Josef Bierbichler, erzählt eine deutsche Geschichte in einem bayerischen Dorf. Und weil nicht ausgeschlossen ist, dass die Personen nicht auch genauso gut Schwarze Deutsche sein könnten, inszenierte Recke eine abweichende Wiederholung.

Das veränderte einiges, ohne dabei falsch zu werden. Dennoch sorgte es für Kritik. Es ergäbe keinen Sinn, heißt es beispielsweise in der "NZZ". Denn es ginge um eine rein deutsche Geschichte, die von Welt- und Nachkriegszeiten, von geplatzten deutschen Träumen, von in der BRD dumpf nachhallendem Nazismus, wachsenden Vorurteilen und sexuell übergriffigen Katholiken erzählt. Eine Schwarze deutsche Familie, die das alles ebenso betrifft? Für den Autor offenbar unvorstellbar.

Der Schwarze Körper wird für weiße Menschen vor allem dort sichtbar, wo er nicht erwartet wird, wo er vermeintlich nicht hingehört. Er existiert vor allem als armer, geflüchteter, fremder, exotischer Körper, bestenfalls als Sportlerin oder Sportler, singend oder tanzend, aber nicht als Teil deutscher Geschichte, in wirtschaftlichen oder gesellschaftlichen Führungspositionen oder auf dem Parkett der Hochkultur. Taucht er dort auf, bedarf er einer Erklärung, um nicht die weiße Norm herauszufordern.

"Schwarz" ist eine politische Selbstbezeichnung

Vor ein paar Tagen traf ich mich mit einer Freundin zum Kaffee. Sie ist Journalistin und erzählte mir von ihrer Schwierigkeit, in ihrer rein weißen Redaktion Themen zu platzieren, die sich mit Rassismus oder nicht-weißen Lebensrealitäten befassen. Meist seien sie zu speziell.

Es ist wahnsinnig frustrierend, die eigene Lebensrealität immer als exotischen, komplexen Sonderfall gespiegelt zu bekommen. Während wir in unserer Arbeit fortwährend nach einer allgemeinen Anschlussfähigkeit schauen - was bedeutet, weiße Personen nicht auszuschließen - ist das ständige Erklären oder die Unsichtbarkeit unseres Seins in der weißen Kulturpraxis Standard.

"Vielen Weißen ist es total unangenehm, wenn ich mich selbst als 'Schwarz' bezeichne", sagt meine Freundin. "'Du bist doch nicht 'Schwarz', sagen sie dann immer, 'sondern eigentlich eher braun. Ich bin ja auch nicht weiß.' Die verstehen gar nicht, was das bedeutet. Sie verstehen die strukturellen Zusammenhänge nicht und fühlen sich immer gleich persönlich angegriffen."

Der strukturelle Zusammenhang ist: Wenn etwas als "Schwarz" markiert wird, dann bedeutet das zugleich die Existenz des Nicht-Schwarzen. Das provoziert. Niemand möchte gerne in eine Schublade gesteckt werden. Dabei übersehen die meisten Menschen - egal welcher Hautfarbe - dass Menschen längst in mehreren Schubladen stecken, ob sie das möchten oder nicht.

Jede Schublade hält ihre eigenen Erfahrungen bereit. Das muss nicht unbedingt schlimm sein, vor allem dann nicht, wenn man sich die Schubladen selbst ausgesucht hat oder sie zufällig dem entsprechen, was man sich eh für das eigene Leben wünscht. Unangenehm wird es erst, wenn das Andere für einen tun und dann noch Aufkleber anbringen, die die eigenen Wünsche und Vorstellungen negativ beeinflussen sowie Diskriminierung und Sanktionierung bei Fehlverhalten hinzukommen.

Die Schublade "Schwarz" ist selbstgeschaffen. Sie beschreibt keine Hautfarbe, sondern ist eine politische Selbstbezeichnung. "Schwarz" beschreibt nicht ausschließlich die Zugehörigkeit zu einer bestimmten "ethnischen Gruppe", sondern eint vor allem Menschen, die die Erfahrung teilen, auf eine bestimmte Art und Weise gesellschaftlich wahrgenommen zu werden. Es ist keine neue stabile Kategorie, sondern Ausdruck eines emanzipativen Prozesses, der bestimmte Strukturen von Privilegien sichtbar macht und dadurch den Raum schafft, diese zu überwinden, um zu einer gleichberechtigten Gesellschaft, in der alle gleichwertig sein können, zu finden. Damit das umfassend funktioniert, müssen auch weiße Menschen diesen Prozess durchlaufen, damit Privilegien, die mit der Kategorie weiß einhergehen, deutlich werden. Die kritische Weißseinsforschung hält dafür das geeignete Werkzeug bereit.

Rassismus anerkennen und überwinden

Die Auseinandersetzung mit Rassismus steckt in Deutschland in den "Kinderschuhen", schreibt Alice Hasters. "Wir verhandeln darüber, ob Rassismus überhaupt existiert und wenn ja, ob und wie schlimm er ist." Und wenn eine Schwarze Autorin ein Buch schreibt, in dem es nicht um Rassismus geht, wird weniger ihre Erzählung gelobt als die Tatsache, dass es darin nicht um Rassismus geht. Ist das nicht eigentlich rassistisch, könnte man fragen? Vielleicht. Darüber zu diskutieren ist allerdings so ermüdend wie fruchtlos. Das gemeinsame Ziel muss sein, Rassismus anzuerkennen und zu überwinden. Dazu muss er aber aus den unbewussten Windungen an die Oberfläche gebracht und aus den Strukturen herausgekratzt werden. Individuell wegargumentieren oder totschweigen lässt er sich nicht.

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