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StartseiteInterview"Bildungsmonitor ist zu einseitig"20.08.2014

IDW-Studie"Bildungsmonitor ist zu einseitig"

Inklusion oder die allgemeine Weiterbildung kommen im Bildungsmonitor des Instituts der Deutschen Wirtschaft überhaupt nicht vor, kritisierte Rosemarie Hein (Die Linke) im Deutschlandfunk. Auch die Schulqualität und Förderkompetenz würden sehr einseitig bewertet, sagte die Bildungsexpertin.

Rosemarie Hein im Gespräch mit Gerd Breker

In einer Schul-Klasse sitzt ein Junge im Rollstuhl. (dpa picture-alliance / Armin Weigel)
Inklusion wird im Bildungsmonitor 2014 nicht thematisiert (dpa picture-alliance / Armin Weigel)
Weiterführende Information

Bildungsmonitor 2014 - G8, G9 und die Versuchskaninchen der Politik (Deutschlandfunk, Campus & Karriere, 19.08.2014)

Bildungsmonitor 2014 - Ansporn für die Falschen (Deutschlandfunk, Kommentar, 19.08.2014)

Bessere Schulqualität, Förderinfrastruktur und Betreuungsbedingungen (Deutschlandradio Kultur, Fazit, 16.08.2014)

Dirk Müller: Sachsen, Thüringen, Bayern und Baden-Württemberg, das sind – wie gewohnt – die Spitzenreiter beim Bildungsmonitor 2014, eine Vergleichsstudie des arbeitgebernahen Instituts der Deutschen Wirtschaft. Ganz hinten im Ranking: Nordrhein-Westfalen und Berlin, auch wie gewohnt. Die Studie sieht aber in allen Bundesländern positive Entwicklungen. Mein Kollege Gerd Breker hat darüber mit Rosemarie Hein gesprochen, bildungspolitische Sprecherin der Linksfraktion.

Gerd Breker: Wie wichtig ist denn aus Ihrer Sicht dieses Bildungsmonitoring, diese Hitliste der Bildungssysteme der Bundesländer aus ökonomischer Sicht? Denn Auftraggeber ist ja die deutsche Wirtschaft.

Rosemarie Hein: Ja. Ich kann das so verstehen, dass die deutsche Wirtschaft ein Interesse am Funktionieren des Bildungssystems hat, muss allerdings sagen, dass ich gerade diese Studie doch mit großer Skepsis betrachte, weil die Fragen, die wichtig sind im Bildungssystem, tatsächlich vor allem aus ökonomischer Sicht betrachtet werden und zu wenig aus der Sicht des Einzelnen und seinen Lebensperpektiven. Insofern kritisiere ich schon eine ganze Menge Sichtweisen daran, zumal sie auch vor allem Studien aufgreifen, die schon länger bekannt sind und nicht wirklich Neues zu berichten haben.

Breker: Anhand von zwölf Handlungsfeldern, lesen wir, wird bewertet, inwieweit ein Bundesland Bildungsarmut reduziert, zur Fachkräftesicherung beiträgt und Wachstumskräfte stärkt, anders gesagt, inwieweit dieses Bundesland den Interessen der Wirtschaft entgegenkommt.

Bildungsmonitor ist zu einseitig

Hein: Das ist richtig, aber ich glaube, dass das Bildungssystem vor allem Menschen notwendig ist, also für das, was sie sich in ihrem Leben aufbauen wollen, und da finde ich das, was der Bildungsmonitor abbildet, für meine Begriffe viel zu einseitig. Beispielsweise kommen solche Begriffe wie Inklusion oder die allgemeine Weiterbildung in diesem ganzen Bericht überhaupt nicht vor. Und was die Schulqualität betrifft oder die Förderkompetenz, die wird auch sehr einseitig bewertet an der Frage, wie viele Ganztagsschulen oder Ganztagsangebote es gibt. Und das ist für meine Begriffe überhaupt nicht hinreichend.

Breker: Man hat in manchen Bereichen das Gefühl, da werden Äpfel mit Birnen verglichen. Die ersten Plätze gehen eigentlich wie üblich an Sachsen, Thüringen, Bayern, Baden-Württemberg, und die letzten Plätze, die sind für Nordrhein-Westfalen und Berlin reserviert. Ihr Heimatland, Frau Hein, Sachsen-Anhalt, liegt auf Rang sechs, also eigentlich im vorderen Mittelfeld. Aber werden da nicht Äpfel und Birnen verglichen?

Hein: Ja, natürlich. Ich mache das mal am Beispiel Sachsen. Sachsen wird zum Beispiel die beste Förderinfrastruktur bescheinigt. Aber Sachsen hat Platz 14 in dem gleichen Monitor bei der Schulabbrecherquote, die immerhin auch in Sachsen bei fast neun Prozent noch liegt, und das bei einem sehr geringen Anteil von Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund. Ganz anders ist das in Nordrhein-Westfalen oder Berlin.

Also ich glaube, hier kann man wirklich nicht einfach so Vergleiche ziehen. Sie stimmen schon in sich nicht, denn wenn ich von einer Förderinfrastruktur rede, muss ich auch darüber reden, wie sie denn wirkt und wenn sie zu neun Prozent Schulabbrechern führt, ist das sicherlich wenig hilfreich und wenig erfolgversprechend. Also das funktioniert hinten und vorn nicht, was in vielen Stellen in dieser Studie ausgesagt wird.

Ostdeutschland hat Finanzierungsschwierigkeiten

Breker: In Ostdeutschland – Sie wissen das, Frau Hein – war die frühkindliche Betreuung eigentlich traditionell immer schon gut ausgebaut gewesen. Dafür kritisiert man an den ostdeutschen Ländern die Defizite bei der Forschungsorientierung und der Integration – ist ja kein Wunder, es gibt wenig Arbeitsplätze und es gibt wenig Ausländer, die es zu integrieren gilt.

Hein: Das ist richtig. Und was die Forschung betrifft, muss man auch sehen, dass natürlich nach 1990 gerade im Osten Forschungspotenziale in starkem Maße abgebaut wurden, und dass das jetzt noch nicht so weit wieder aufgebaut ist, das ist doch klar. Außerdem muss man auch sehen, dass die ostdeutschen Länder, was die Finanzierung betrifft, immer noch ganz starke Schwierigkeiten haben, eine eigenständige Finanzierung hinzubekommen, und ich weiß das auch aus meinem Bundesland, dass gerade die Hochschulen darunter in den letzten Jahren durchaus zu leiden hatten. Und das ist durchaus noch nicht ausgestanden, wenn man auch im Moment einen Kompromiss gefunden hat.

Verständnis von Abitur muss geklärt werden

Breker: Die Gymnasiumzeit von neun auf acht Jahre zu reduzieren, das ist eine Reform, an der die Wirtschaft festhalten will. Konstanz in der Bildung sei wichtig, ist da das Argument. Sie waren ja selbst Lehrerin, Frau Hein. Kann denn das Ziel der Bildungspolitik sein: Schneller Durchlauf für den Arbeitsmarkt?

Hein: Ja, also so würde ich das auf jeden Fall auch nicht sehen, aber Sie haben es angesprochen: Ich bin Lehrerin gewesen und ich habe Schülerinnen und Schüler auch zum Abitur geführt. Also ich weiß auch, was es bedeutet, mit einer Schulzeit von zwölf Jahren ein Abitur zu machen. Nur: Es sind in den letzten Jahren die Lehrpläne vollgestopft worden mit jeder Menge Faktenwissen, und wenn man die Frage G8 oder G9 entscheiden will, dann muss man darüber reden, was denn überhaupt das Verständnis von einem Abitur ist. Was soll denn ein junger Mensch, der ein Studium aufnehmen will, tatsächlich können und wozu soll er befähigt sein? Oder soll sein Kopf noch vollgepfropft sein mit Faktenwissen? Ich glaube, hier liegt ein wesentlicher Punkt.

Müller: Mein Kollege Gerd Breker hier in Deutschlandfunk im Gespräch mit der Politikerin Rosemarie Hein, Bildungsexpertin der Linksfraktion.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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