Mittwoch, 05. Oktober 2022

Michael Krüger: „Das Strandbad“
Im Glanz der Erinnerung

Szenen einer Kindheit im Rückblick: Der Schriftsteller Michael Krüger erinnert sich an das Nachkriegs-Berlin der 1950er- und 60er-Jahre und den warmen, goldglänzenden Sand des Strandbades Wannsee.

Von Carsten Hueck | 21.09.2022

Michael Krüger: "Das Strandbad"
Michael Krüger schreibt über das Berliner Strandbad am Wannsee. (Portraitfoto: Peter-Andreas Hassiepen / Cover: Edition 5 Plus)
Berlin in den 1950er-Jahren ist eine noch vom Kriegssturm verwüstete Insel. Der Sand der Stadt und der Mark um sie herum, sei grau gewesen, schreibt Michael Krüger in seinen Erinnerungen, das Strandbad am Wannsee hingegen eine Verheißung. Zwar habe er lesend am matschigen Ufer des Schlachtensees die Amerikaner entdeckt, Faulkner, Hemingway, Tennessee Williams, aber, „der Wannsee war den großen Stunden vorbehalten.“

Verlockung eines anderen Lebens

Dort glänzte alles – auch jenseits literarischer Entdeckungen. Der Sand schien golden und das Leben verlockend.
„Timbuktu war in roten Sandstürmen untergegangen, Peking wurde von den Sandstürmen aus der chinesischen Steppe bedroht, nur im Strandbad Wannsee war der Sand in erträglichem Maße verfügbar. Dieser helle Sand war eines der großen Rätsel der an Rätseln arm gewordenen Stadt, die unter prekären politischen und wirtschaftlichen Bedingungen mehr schlecht als recht dahinvegetierte.“
Das Strandbad am Wannsee war für den Autor Verheißung und Sehnsuchtsort. Denkt man an Bilder des Fotografen Will McBride aus dieser Zeit, weiß man, dass dort ein Hotspot der Berliner Jugend war, an dem Eis geschleckt, geflirtet und unter preußischblauem Himmel alles Zwanghafte abgelegt wurde, mit dem der Alltag dieser Zeit die Menschen ansonsten befrachtete. Das Strandbad – ein utopischer Ort. Dort war ein anderes Leben vorstellbar: Man probierte sich aus, war frech, großkotzig oder schnippisch, taxierte einander und versuchte sich in der Kunst der Selbstdarstellung.
„Ich verfolgte zu jener Zeit das Projekt, mich als Fatalist und Existenzialist auszubilden (…) Ich hielt mich immer im Hintergrund, wenn die Reizschwellen getestet wurden und gab nur gelegentlich einen ironischen Kommentar von mir, etwa in dem Sinne: ‚Zungenküsse sind stark überschätzt.‘“
Die Verlockungen, das beschreibt Michael Krüger verschmitzt und wehmütig, altersmilde und dennoch die Aufregung seines jugendlichen Ichs vermittelnd, ohne chronologische Exaktheit. In kleinen Szenen, locker wie im Gespräch, aneinander anschließend. Und dann fällt ihm noch etwas ein, und noch etwas: beispielsweise die Frau mit dem langen schwarzen Haar, die auf der Ostseite der Glienicker Brücke ihr Pferd ausritt. Krüger schafft es, in wenigen Sätzen eindrückliche Bilder entstehen zu lassen. Alma hieß sie, war die Ehefrau des Schriftstellers Bodo Uhse, und aus dem mexikanischen Exil ihrem zweiten Mann in die DDR gefolgt. Mutter eines Kleist-Übersetzers, den Krüger als Erwachsener kennenlernen sollte, und der wiederum Sohn des ersten Ehemannes von Alma war, James Agee, welcher das Drehbuch für John Houstons Film „African Queen“ geschrieben hatte und später in einem Taxi gestorben war, wie übrigens auch der amerikanische Dichter Robert Lowell, und und und.
Das Wichtige und Unwichtige ist in diesem kleinen Erinnerungsbuch nicht geschieden, denn Krüger erzählt nicht teleologisch, sondern veräußert großzügig Schätze seiner Erfahrungen, Erlebnisse und seines Wissens. Auch Skurriles, zum Beispiel wenn er von der Pilzsuche mit seiner Mutter berichtet – dass auf dem Zehlendorfer Waldfriedhof besonders viele Täublinge um das Grab des ehemaligen Berliner Bürgermeisters Ernst Reuter wuchsen.

Skizzenhafte Episoden

Es macht dem Autor spürbar Freude, Verbindungen herzustellen, überraschende Bezüge zwischen Menschen, Dingen und dem eigenen Leben. Da schaut einer auf die anderen und erzählt von sich. So vereint „Das Strandbad“ mit leichtem Strich Elemente von Stadtgeschichte, Zeitgeschichte, Coming of Age Geschichte in skizzenhaften Episoden. Dabei entsteht auch das Porträt des Vaters, des Vizepräsidenten der Berliner Post. Die Vater-Sohn-Beziehung bleibt im Schatten, der Vater selbst erkennbar. Das erste der abgedruckten Fotos zeigt ihn als Sportsmann, der den Sohn bei Paddeltouren im Doppel-Klepper immer in Geographie und Geschichte abfragte. Mit dem Theologen Helmut Gollwitzer unterhielt er sich auf Latein, wenn er ihn zufällig beim Spaziergang traf. Und er war Fontaneverehrer.
„Meine Eltern lasen gerne. Mein Vater bevorzugte historische Studien (…) meine Mutter den historischen Roman, (…) auch ‚Joseph und seine Brüder‘ von Thomas Mann oder Gustav Freytags ‚Soll und Haben‘. Sie liebte das Schwartige, die Eselsohrbücher, mit denen man sich einen Monat lang beschäftigen konnte.“
Der Autor selbst entdeckte früh die Literatur. Er beschreibt eine Zeit der Neugier, der Entdeckerlust. Und er hatte Glück, Literaturkenner und -verführer wohnten in der Nachbarschaft: Hans Joachim Schoeps, der ihm das Werk Kafkas nahebrachte, Erhardt Klepper die Welt der französischen Klassiker und der Übersetzer und Herausgeber Gerd Henninger in den Gamba-Stuben, einer legendären Kneipe in Nikolassee, die Moderne.
„Er gab in dem sehr feinen Verlag Karl H. Henssel die Zeitschrift ‚Das Lot‘ heraus, in der ich zum ersten Mal Texte von Blanchot, Bachelard, Artaud, dem dunklen Klossowski oder Bataille las.“
Landwirt oder Förster
Michael Krüger konstruiert jedoch nicht nachträglich sein Leben als ein stringent auf Literatur ausgerichtetes. Ohnehin, das betont er, wäre er lieber Landwirt oder Förster geworden. In Berlin, fügt er aber sogleich hinzu, wurde man nicht Bauer. Und beim Gedanken an eine Existenz als Förster „gefiel mir die Vorstellung nicht, die ärmlichen Kiefern im Grunewald zu bewachen, und wenn die Alliierten ihre Manöver abhielten und den Wald verwüsteten, war man als deutscher Förster sowieso machtlos.“
So wurde Michael Krüger schließlich doch Schriftsteller. Und deswegen gibt es auch diese glänzenden Reminiszenzen an eine zurückliegende Zeit, in der sich beides berührte: die dunkle Last der Vergangenheit und der Aufbruch zu neuen, helleren Ufern.
Michael Krüger: „Das Strandbad“
Edition 5Plus, Hamburg
104 Seiten, 16,80 Euro.

Das Buch ist ausschließlich in den 5 plus-Buchhandlungen in Köln, Berlin, Regensburg, Hamburg, München, Wien, Innsbruck und Baden erhältlich.