Montag, 26. September 2022

Daniela Dröscher: "Lügen über meine Mutter"
Im Korsett der Ehe

Daniela Dröscher erzählt in "Lügen über meine Mutter" von einer Frau, die sich dagegen wehrt, den Schönheitsidealen ihres Mannes ausgeliefert zu sein. Ein beeindruckender Roman über die fatale Dynamik einer Ehe und gesellschaftliche Zuschreibungen und Zurichtungen.

Von Wiebke Porombka | 24.08.2022

Daniela Dröscher: "Lügen über meine Mutter"
Zu sehen sind die Autorin und das Buchcover
Daniela Dröscher glückt in "Lügen über meine Mutter" das Wagnis, über einen Körper zu schreiben, ohne ihn auszustellen. (Buchcover: Verlag Kiepenheuier & Witsch / Foto: imago / Thomas Frey)
Der Titel dieses Romans lässt sich - mindestens – in drei Variationen verstehen. Zum einen als poetologische Selbstbeschreibung. Denn wenngleich Daniela Dröscher in „Lügen über meine Mutter“ offenkundig von ihrer eigenen Mutter erzählt, bedeutet jede Fiktionalisierung einer Biographie natürlich: Verschiebung, Erfindung, Auslassung. Eben: Lüge, allerdings um der Erkenntnis willen:
„Die Geschichte, die mir vorschwebt, ist eine Geschichte mit viel Schminke, blonden Perücken, Trapez und doppeltem Boden. Eine in vielerlei Hinsicht absolut fiktive Geschichte. In der Philosophie beschreibt die Fiktion ein ‚methodisches Hilfsmittel bei der Lösung eines Problems.‘“
„Lügen. Über meine Mutter“, so ließe der Titel sich ebenfalls lesen. Denn eingeklemmt in das Korsett ihrer Ehe und das rheinlandpfälzische Dorfleben der 1980er Jahre, die Schwiegereltern nur eine Treppe tiefer, der Briefkasten ein gemeinsamer – biegt die Mutter, von der Dröscher erzählt, die Wahrheit immer einmal wieder ein wenig zurecht. Aus Not: um den notorischen Schikanen durch den Ehemann zu entgehen.
„Die beiden stritten fast täglich, genauer gesagt stritt er, meine Mutter wehrte sich nur. Meist begann der Streit am Abend, wenn mein Vater aus dem Büro kam und sich darüber beklagte, dass er seine Frau ‚zu dick‘ fand. Heute hatte er schon beim Frühstück damit angefangen.“

Die Verunsicherung des Kindes

Es bleibt nicht allein bei Vorwürfen. Der Vater nötigt die Mutter zu Diäten und Kuren, führt ein regelrechtes privates Überwachungssystem ein.
„Lange hatte sie unsichtbar in der Kammer geruht, jetzt thronte die fürchterliche gläserne Waage im Badezimmer neben dem Korb für die Schmutzwäsche. Jeden Samstagmorgen musste meine Mutter pünktlich vor seinen Augen ihr Gewicht kontrollieren. Anschließend trug mein Vater die Zahlen in ein dafür vorgesehenes Notizbuch ein.“
Dass der Vater sogar für das Stagnieren der eigenen Karriere den seiner Auffassung nach unpassenden Körper seiner Frau verantwortlich macht – ist die eigentliche, die heillose Lüge, die der Titel des Romans meint. Eine Ungeheuerlichkeit, die - wie könnte es anders sein - auch die anfangs sechsjährige Erzählerin immerzu verunsichert. Mal wird das Urteil des Vaters mit den Reaktionen anderer abgeglichen:
Der Blick des Tankwarts verfing sich im Nu in der Gestalt meiner Mutter. Ich mochte nicht, wie der Mann sie betrachtete. Seine Augen wanderten erst ihren wadenlangen Jeansrock und dann den dünnen Pullover entlang. ‚Zu dick‘ schien er sie nicht zu finden.“

Berufstätigkeit bleibt ein leeres Versprechen

Mal wirkt das Gift, das der Vater immerzu versprüht, und die Erzählerin beginnt selbst, sich in der Öffentlichkeit für die Mutter zu schämen.
„Den ganzen Nachmittag über schwamm ich so weit entfernt von meiner Mutter wie möglich, also ausschließlich im Schwimmerbecken. Ich tauchte und tauchte und tauchte, damit mein Kopf unter Wasser blieb. Irgendwann aber legte sich mein Herzklopfen. Bisher war alles gut gegangen. Niemand hatte meine Mutter offen beleidigt oder beschimpft.“
Ebenso eigenwillig wie überzeugend ist die Form, die Daniela Dröscher für „Lügen über meine Mutter“ gewählt hat. Die Jahre 1983 bis 1985, die sie aus der Perspektive ihres kindlichen Alter Egos erzählt, werden unterbrochen von essayistischen Passagen. In ihnen werden aus der Gegenwartsperspektive das Schreiben selbst und jene Aspekte reflektiert, die die Wahrnehmungsmöglichkeiten des Kindes übersteigen. Etwa die privaten und gesellschaftlichen Umstände, innerhalb derer sich die fatale familiäre Dynamik entfaltet: Erst seit 1977, dem Geburtsjahr Dröschers, durften Frauen ohne die Erlaubnis des Ehemanns berufstätig sein. Finanziell abhängig blieben sie in der Regel dennoch, weil Berufstätigkeit ein leeres Versprechen bleibt, wo es keine Kinderbetreuung gibt. Wie die Mutter in Dröschers Roman sich mit immer neuer Energie nicht nur gegen die Fremdbestimmtheit ihres Körpers wehrt, sondern auch versucht, sich beruflich zu emanzipieren, Fremdsprachen lernt, um ihr Portfolio zu erweitern, ist bewundernswert und zugleich symptomatisch für Frauen dieser Generation.
Wie wiederum der Vater das Haushaltsgeld rationiert und sich selbst mit neuen Autos schmückt, vorzugsweise Cabrios, offenbart ein typisches Verhaltensmuster jener Männer, die im Fahrtwind des Wirtschaftswunders schwanken zwischen Aufstiegs- und Repräsentationswillen und Sparsamkeitsdiktat. Letzteres mag aus der Kriegserfahrung der Eltern rühren, ähnlich wie das vom Vater aggressiv eingeforderte Körperideal seine Ursprünge offenkundig in der NS-Ideologie asketischer, gestählter Körper hat.

Erzählen, ohne den Körper auszustellen

Ihr Körper passt nicht. Sie hat berufliche Ambitionen. Und noch durch einen dritten Aspekt fällt die Mutter aus der kleinbürgerlichen Hunsrück-Welt hinaus, in der Konformität unausgesprochenes Gebot ist: Ihre Eltern stammen aus Schlesien, sie selbst ist als sechsjährige nach Rheinland-Pfalz gezogen. Dem Stigma der Fremden, der Nicht-Passenden, ist schwerlich zu entkommen.
Zu erzählen, ohne den Körper der Mutter auszustellen oder über ihre Biographie zu verfügen – das ist das Wagnis, das Daniela Dröscher mit diesem Roman eingeht. Und das ist ihr auf beeindruckende Weise glückt. Womöglich auch deshalb, weil Dröscher in ihren bisherigen Romanen wie „Pola“ oder „Die Lichter des Georges Psalmanazar“ oder auch in ihrem Essay „Zeige deine Klasse“ aus dem Jahr 2018 die entscheidenden Aspekte bereits literarisch und intellektuell erprobt hat: die Bedingtheit durch die soziale Herkunft. Das erzwungene Schwindeln als Mittel zur Emanzipation. Hochstapelei, wie sie der Vater im Rahmen seiner Möglichkeiten mit immer protzigeren Autos und Mitgliedschaft im Tennisverein betreibt. Und natürlich: das Ausscheren aus Körperidealen, für Frauen weitaus stärker als Männer sanktioniert werden.
Und so erzählt „Lügen über meine Mutter“ nicht nur eine unerhörte familiäre Tragödie, sondern weit über das Private hinaus ein immer noch unterbelichtetes Kapitel weiblicher Alltags- und Sozialgeschichte. Daniela Dröscher in einem Atemzug mit Annie Ernaux zu nennen, ist unbedingt angemessen.
Daniela Dröscher: „Lügen über meine Mutter“.
Kiepenheuer & Witsch, Köln.
448 S., 24 Euro.