Freitag, 20. Mai 2022

Bernd Wagner: "Verlassene Werke"
Spiegel der Straße des Lebens

In der DDR galt Bernd Wagner als vielversprechender junger Autor, kollidierte aber mit Stasi-Chef Erich Mielke. Er ging in den Westen, ohne sein Misstrauen gegen staatliche Autorität abzulegen. Die intellektuelle Autobiographie "Verlassene Werke" zeigt, wie Wagner zu dem wurde, der er heute ist.

Cornelius Wüllenkemper | 17.04.2022

Bernd Wagner und seine Dokumentensammlung "Verlassene Werke".
Ruhe des Herzens bedeutet Stillstand des Hirns: Bernd Wagner blickt mit der Sammlung "Verlassene Werke" auf seine eigene deutsch-deutsche Geschichte, die eine des Antikonformismus ist. (Foto: © Nikolai Makarow, Buchcover: Faber & Faber Verlag)
Was sind “Verlassene Werke“? Bernd Wagner versteht darunter eine intime Autobiographie als Schriftsteller. Nicht im Sinne der entblößenden Autofiktion eines Karl Ove Knausgård. Eher geht es um ein stummes Selbstgespräch. Über fast ein Viertel Jahrhundert notiert Wagner in seine sogenannten “Sudelbücher“ Gedanken, Träume, Beobachtungen, literarische Einfälle und Aphorismen, erwähnt dagegen aber Weltgeschehen und Alltag nur am Rande. Als vielversprechender Jungautor zieht der gelernte Maurer und spätere Lehrer für Deutsch und Kunsterziehung 1976 aus der Provinz nach Ostberlin um. Dank seiner Mentorin Sarah Kirsch erhält Wagner die höheren Weihen der offiziellen DDR-Kulturszene, wird in den Schriftstellerverband aufgenommen und beginnt die Arbeit an seinem Gedankenarchiv. Im Gespräch blickt Wagner zurück:
"Das ist dann passiert, als ich meinen ersten Schub an Gedichten, an Erzählungen rausgelassen hatte und dann plötzlich kurze Fantasien, Traumprotokolle, Gedankensplitter auftauchten, die ich in den anderen Texten nicht verwenden konnte. Ich hatte das Gefühl, dass ich das sammeln muss, [um] es vielleicht mal herauszugeben. Und beim Durchlesen ist mir klar geworden, dass gewisse Dinge heute einfach nicht mehr verständlich sind. Und daraus ist etwas entstanden wie eine zweite Ebene, die das Ganze überwölben könnte und auch in die Zeit einordnen könnte, und merkwürdigerweise ist damit auch so etwas wie eine Einheit entstanden, also ein Art von innerer Autobiographie."
Den realhistorischen Begebenheiten setzt Wagner, so nennt er es, eine "innere Chronologie" entgegen – seine Notizen sind eine sechshundertseitige Spiegelung der Zeitgeschichte im subjektiven Bewusstsein eines Menschen und Autors.

Ein seelischer und schriftstellerischer Parcours

Die nachgereichten Selbstkommentare heben sich von den ursprünglichen Notizen durch vertikale Seitenlinien ab. Zwei Hauptteile umfasst das Konvolut, 1976 bis zu Wagners Ausbürgerung 1985 der erste Teil, ab 1985 bis zum Mauerfall, als er in Westberlin lebt, der zweite. Ein seelischer und schriftstellerischer Parcours, der es in sich hat. 1977 notiert Wagner:
"Ich habe keinen Stil. Ich bin vielleicht nicht einmal sonderlich talentiert. Aber ich habe einen starken Willen. Wenn ich will, kann ich sogar feinfühlig sein, wenn ich will, werde ich eines Tages zum Genie oder, was mir wichtiger ist, welches haben. Ich sehe es kommen: irgendwann will ich ein 500 Seiten starkes Buch schreiben und werde es tun, und es wird bedeutend sein, weil ich es will."
Bis zu Wagners erstem großen Roman, den er sich als einen in sich geschlossenen "Spiegel der Straße des Lebens" vorstellt, braucht es noch 20 Jahre, in denen er politische und emotionale Krisen durchlebt und sich als Autor fast aufgibt. Die Anerkennung als literarischer Chronist und kritischer Zeitzeuge, als einer der wichtigen Autoren der deutsch-deutschen Literaturgeschichte, lässt lange auf sich warten. Mit welchen Mühen, auch Qualen und Krisen Wagner sich diese Aufmerksamkeit erarbeitet, ist in seinen "Verlassen Werken" vielgestaltig nachzulesen. Unter anderem finden sich darin mal launisch hingeworfene, mal punktgenaue Aphorismen.
"Die Vorstellung von Gott benötigt man nur nicht, wenn man nichts oder selbst Gott ist."
"Ruhe des Herzens bedeutet in der Regel nichts anderes als Stillstand des Hirns."

Wand-Sprüche aus dem Sozialismus

Außerdem nimmt Wagner in den Band seine satirischen Zeitungskollagen aus dem Neuen Deutschland auf, dem medialen Zentralorgan der SED, daneben eine Auswahl an Zeichnungen, Landschaftsbeschreibungen oder aus der sozialistischen Wirklichkeit notierte Wand-Sprüche:
"Stimmst du bei der Wahl mit Ja, bleiben alle Russen da. Stimmst du bei der Wahl mit Nein, kommen noch mehr Russen rein."
Auch seelische oder familiäre Lageberichte finden sich in den "Verlassenen Werken", Traumprotokolle und nüchterne Szenenbeschreibungen:
"Im VEB Pharma sollte zum dreißigsten Jahrestag der Befreiung eine neue Produktionsanlage eingeweiht werden und der Direktor dabei aufs Knöpfchen drücken. Als der Jahrestag vor der Tür stand, war die Anlage noch nicht fertig. Zuerst riss man sämtliche Gerüste ab. Dann musste die Feuerwehr mit ihren Schläuchen her, weil die Wasserleitung noch nicht installiert war. Der Minister drückte auf das Knöpfchen, die Feuerwehr ließ hinter einer Mauer Wasser in die Kessel, alles klatschte Beifall. Dann fuhr der Minister ab, und man begann die Gerüste  wieder aufzubauen. Inzwischen ist die Anlage fertig. Natürlich funktioniert sie nicht."
Viele dieser Texte konnten in der DDR selbstverständlich nicht erscheinen. Einige Jahrzehnte nach ihrer Entstehung illustrieren sie Wagners immer kritische, manchmal mokante, nie politisch-agitatorische Auseinandersetzung mit der ihn umgebenden Wirklichkeit in Ost- und Westdeutschland.

Rückkehr zum ursprünglichen Chaos

In den "Verlassenen Werken" unternimmt Wagner jetzt den Versuch, wie er selbst schreibt, diese missglückte, weil von falscher Rücksicht auf Zensur und Leserschaft entstellte Schöpfung zurückzunehmen und das ursprüngliche, viel reichere Chaos seiner Aufzeichnungen wiederherzustellen. So will er seinem Anspruch als getreuer Chronist einer innerlichen Wirklichkeit gerecht werden. Dass Literatur für Wagner immer mehr war als ein rein ästhetisches Unternehmen, macht unter anderem sein handfester, unprätentiöser, deswegen nicht weniger sorgfältig gearbeiteter Stil deutlich, in dem sich nicht ein Wort zu viel findet - aber immer punktgenau formuliertes kritisches Bewusstsein. Sprache ist für Wagner ein Mittel, das Leben zu bewältigen. 1979 notiert er:
"Alles ist Mitte geworden. Keine Gegensätze mehr. An den Rändern etwas, das sich überflüssig fühlen muss: Künstler, Asoziale, einige Alte, einige Kinder. Kein Proletariat mehr, keine Bauern, alles Kleinbürgertum."
Zu Beginn der 1980er-Jahre wird Bernd Wagner zu einer wichtigen Figur des literarischen Untergrunds am Prenzlauer Berg in Ostberlin. Er nimmt an Wohnungslesungen und auch langen Kneipenabenden einer Autorenriege teil, die angeödet ist von den beengten Verhältnissen in der DDR. Auf einer Zeichnung mit dem Titel "Die Avantgarde marschiert" bildet Wagner den Kreis ab, in dem er sich damals bewegte: Karl Mickel, Elke Erb, Wolfgang Hilbig, Bernd Papenfuß und Katja Lange-Müller sind nur einige der Namen, von denen man später noch hören wird. Mit Uwe Kolbe und Lothar Trolle gründet Wagner "Mikado", die erste selbstverlegte Samisdat-Zeitschrift aus dem literarischen Untergrund der DDR.
"Es war die Möglichkeit, aus diesem Gespräch, das da in den Kneipen und in den Wohnungen waberte, endlich eine Substanz herauszufiltern, die irgendwie zur Verantwortung fähig war. Es war einfach erstmal das Bedürfnis von uns dreien speziell, Uwe Kolbe, Lothar Trolle und mir, etwas zu machen, was unserem Leben über die Herumgesitze und Gequatsche hinaus einen Sinn gab. Nämlich das, was da so viel, auch in Wohnungen gelesen wurde, oder von dem hörte, und gerüchteweise zugetragen, auch mal als kopiertes Manuskript in die Finger bekam, das zu sammeln und unter die Menschen zu bringen. Und das Tolle dabei war, dass das vom ersten bis zum letzten Handgriff unsere Arbeit war."

Virtuose des Träumens

Auf welchen obskuren Wegen die "Mikado"-Mitarbeiter an Papier und Druckmaschinen gelangten, um durch die Verbreitung von unautorisierten Texten ein alternatives Lesepublikum außerhalb der politisch verordneten Kanäle zu bedienen, gehört zu den eindrucksvollsten nachgereichten Kommentaren aus Wagners "geistiger Autobiographie". Abstrakter nehmen sich demgegenüber spontan hingeworfene Notate, burleske Fantasien, zum Teil mühsam zu lesende Traumprotokolle aus. Er sei zu einem "Virtuosen des Träumens" geworden, schreibt Wagner, er habe Fortsetzungen vorangegangener Szenen gezielt träumen und sich minutenlang in Halbschlafzuständen halten können, in denen nicht Bilder, sondern fertige Texte und Dialoge zu ihm kamen.
Wagners Traumprotokolle und später im Westen sein benebelt schwebendes, sogenanntes "Schit-Geschwafel", lesen sich wie ausufernde, assoziative Textkaskaden, die an André Brétons "écriture automatique" oder an Jack Kerouacs Spontanprosa auf Endlospapier erinnern. Intuitiv komponiert, forschen sie in den Tiefen des Inneren. Ein Gedankenfluss ohne Punkt und Komma.
"Jetzt habe ich das Licht an Auf meinem Tisch stehen Kaffee Kanne Tabak Löffel und Glas Darauf scheint die Lampe für irgendwas Ich war stehengeblieben und weiß nicht wobei Was es auch sei ich spreche weiter in den Kasten und hoffe dass dabei etwas rauskommt Es soll sozusagen unten etwas rauskommen ein Produkt aus meiner Blödheit und der Stumpfheit des Kastens"
Eine lebendige, fordernde Lektüre
Lange bevor Bernd Wagner in Westberlin diese Art des atemlosen Selbstgesprächs protokollierte, war die Aufnahme des Vorbewussten integraler Teil seines literarischen Programms. Der Wahrhaftigkeit des sprachlichen Ausdrucks gab Wagner stets den Vorrang vor der Erfüllung inhaltlicher oder genrespezifischer Erwartungen. Das macht die Lektüre der "Verlassenen Werke" zu einem ungemein lebendigen, abwechslungsreichen, streckenweise aber auch sehr fordernden Unterfangen. Die schiere Menge an Figuren, Beobachtungen und Assoziationen verlangt dem Lesepublikum Ausdauer ab. Die innere Unruhe des Autors ist seinen Notaten, die unvermittelt zwischen Zeitebenen, Genres und Themen hin- und herspringen, unbedingt anzumerken.
"Das ist ja der ursprüngliche und eigentliche schöpferische Akt dabei, dass man etwas, was sprachlos in einem ist, für sich selbst artikulieren muss und zum Leben bringen, um einigermaßen bewusst weiterleben zu können. Diese Ebene danach, wie es dem Leser nahebringen, die hat eigentlich für mich nie eine Rolle gespielt."
"Schreiben ist der ununterbrochene Versuch, erwachsen zu werden, der niemals von Erfolg gekrönt sein darf, da er sich sonst überflüssig macht. Keine billigen Identifikationsmöglichkeiten zulassen! Schwierig bleiben! Lieber vor den Kopf stoßen als an die Brust ziehen! Man schreibt nicht an Romanen, Erzählungen, Gedichten, sondern an nichts anderem als an seinem Leben. Auf keinem Fall das Schreiben zur Krücke machen, weil man nicht mehr laufen kann."
Das Bedürfnis, sich von formellen oder gar inhaltlichen Vorgaben zu befreien, prägt Wagners literarische Kompositionen ebenso wie seine Sicht auf die Beziehung zwischen Autor und Öffentlichkeit. Weder in der DDR noch im Vereinten Deutschland lässt er sich von der Erwartungshaltung des Publikums oder des Verlags einengen. Vielmehr reagiert er höchst sensibel auf jedweden Verdacht der Gängelung, bis heute.

Misstrauen gegen die Mehrheitsgesellschaft

Während sein autobiographischer Roman "Die Sintflut in Sachsen" 2019 im Schöffling-Verlag zum Erfolg bei Kritik und Publikum wurde, scheute sich Wagner nicht, in der Exil-Reihe der umstrittenen rechtskonservativen "edition buchhaus loschwitz" die Polit-Satire "Mao und die 72 Affen" samt einem provokant-mokanten Interview zur "Corona-Pandämonie" zu veröffentlichen.
"Also, diese Anmaßung, und das fällt in den Bereich der 'moralischen Gesellschaft', vor der ich 1980 in der DDR warne..... Das Schlimmste ist die moralische Gesellschaft, weil sie dir überhaupt keine Gegenargumente zulässt. Wenn eine Gesellschaft oder ein Staat beansprucht, das Gute zu verkörpern, und jeden, der davor vielleicht Angst kriegt, oder eine andere Vorstellung vom Guten hat, zum Abschaum erklärt, dann schrillen die Alarmglocken bei mir. Und dann veröffentliche ich auch da, wo es anderen nicht gefällt."
Die "Verlassenen Werke" sind die innere Chronik eines Autors, der in einem produktiven Spannungsverhältnis mit seiner Umwelt und mit sich selbst lebt. Mit offenherziger Zugewandtheit interessiert er sich für jeden einzelnen Menschen, gegen die Mehrheitsgesellschaft aber hegt er tiefes Misstrauen. Ein erster Kulminationspunkt dieser Widerspenstigkeit ist 1985 Wagners offizieller Antrag auf Ausreise aus der DDR, der sich heute liest, wie ein prophetisches Pamphlet gegen ein zum Untergang verurteiltes System:
"In einem bankrotten Land, das davon lebt, sein Proletariat zu Arbeitsknechten zu entmündigen; sich ein neureiches Kleinbürgertum zu züchten; [...]; seine Jugend durch Uniformen zu disziplinieren; [...] in solch einem Land können Bankrotteure, Komplizen der Macht und Opfer leben – ich nicht; ich will verkauft werden. Ich bin als Schriftsteller bewusster Zeuge und Beteiligter der kulturellen Entwicklung seit Beginn der siebziger Jahre, einer Entwicklung, die in ihrer Verödung und zunehmenden Verdorbenheit Zeichen eines gesamtgesellschaftlichen Verlaufes ist."

Ein offener Brief an Stasi-Chef Erich Mielke

Dieser provokativen Absage an die DDR geht eine traumatische Kollision voraus: diejenige zwischen Wagners schriftstellerischem Anspruch auf Wahrhaftigkeit mit dem Versuch der Staatssicherheit, ihn als Spitzel anzuwerben. Wagners Reaktion: ein offener Brief an Stasi-Chef Erich Mielke mit der dringenden Bitte um "Aussprache" und die Aufforderung an den Vorsitzenden des DDR-Schriftstellerverbandes, Hermann Kant, ihn zukünftig vor derartigen Übergriffen der Staatsorgane zu schützen.
"Ich war entsetzt, dass man mich nicht so observiert hatte, dass man über meine Gedankenwelt einigermaßen Bescheid wusste und mich da als Spitzel werben wollte. Diese Zumutung wollte ich nicht zu meinem Lebensalltag machen. Ich konnte in keinem Land mehr existieren, in dem ich solche sinnlosen Kämpfe zu führen hatte. In dem auch meine Wahrnehmung von der Welt auf diese Weise kanalisiert wurde, und diese Wahrnehmung auch immer begrenzt wurde, weil auch das Leben immer begrenzt wurde. Ich bin vor allen Dingen Chronist. Was will ich sonst? Wie will ich überhaupt noch die Chronik des Lebens weiterschreiben, wo sich dieses leben immer mehr verengt, immer mehr aufgelöst und verflüchtigt hat."

Lust an der Einsamkeit

Sein Weg führt Bernd Wagner aus der bleischweren DDR-Realität direkt in die, so der Autor, "galoppierende Verblödung der Konsumtionsgesellschaft". Seine Notizen zur Übersiedelung nach Westberlin 1985, seine Verlorenheit und Schaffenskrise als Autor gehören zum Eindringlichsten, was über die deutsch-deutsche Literatur- und Seelenlandschaft geschrieben wurde. Aus dem öffentlichen literarischen Diskurs hatte sich Wagner abgemeldet und eine "Lust an der Einsamkeit" entwickelt.
"Das Reden unter Schriftstellern habe ich als eine Form, also besonders wenn da Mikrophone in der Nähe waren, und das war fast ausschließlich der Fall, wenn man sie traf, als eine Form der Selbstdarstellung, des Marketings empfunden, nicht als eine Auseinandersetzung, als eine gemeinsames Ringen um Wahrheiten. Das habe ich versucht in den kleinen Aufsätzen auszudrücken. Als Dichter, als Erzähler gar dafür Worte zu finden, das war mir unmöglich."
"Ich benage tagelang den Schreibtisch, und abends stehen jeweils fünf nichtssagende Zeilen auf dem Papier. Der Zug findet sich auf immer denselben Gleisen: entweder die essayistische Stockfechterei mit einer ignoranten Gesellschaft oder die nicht minder mechanische Abschilderung der Irrläufe eines Ichs, das längst ein anderes geworden ist. Möchte mich heulend in die Arme der Poesie werfen, doch die dreht mir den Arsch zu."
Erst der Fall der Mauer und nicht minder das leidenschaftliche Verhältnis zu einer gut zwanzig Jahre jüngeren australischen Historikerin erlösen Bernd Wagner aus einer halb erlittenen, halb gewählten Isolation als Mensch und als Schriftsteller, der sich einmal fast zynisch darüber freut, "endlich keine Leser mehr" zu haben.

Glücksfall des literarischen Antikonformismus

1991 liefert er im Band "Die Wut im Koffer" eine geradezu prophetische, zwischen Essay, Fiktion und Groteske changierende Analyse der Schwierigkeiten im Einigungsprozess. "Paradies", Wagners 1997 erschienener erster großer Roman, gilt der Literaturwissenschaft heute zu Recht als einer der wichtigsten Wenderomane überhaupt. In den "Verlassenen Werken" zeichnet sich ab, wie ein Autor seine kritische Grundhaltung gegenüber jedem Konformismus in Öffentlichkeit und Literaturbetrieb entwickelt und stets aufrecht, manchmal bis über die Grenze der seelischen Unversehrtheit hinaus für seine künstlerische Autonomie eintritt. Wagners "Verlassene Werke" sind deswegen nicht nur ein wertvolles literarisches Zeugnis menschlicher Innerlichkeit. Dass der voluminöse Band im vierten Jahrzehnt nach dem Mauerfall endlich ungekürzt erscheinen kann, ist ein Glücksfall. Bernd Wagners Texte sind ein seltener Fundus der eigentlichen Geschichte hinter den politischen Slogans, gegenseitigen Schuldzuweisungen und larmoyanten Anklagen der deutsch-deutschen Wirklichkeit.
Bernd Wagner: “Verlassene Werke“
Faber & Faber, Leipzig
605 Seiten, 26 Euro