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Imame in Tunesien drohen mit Hungerstreik

In Tunesien klagen Geistliche über die Regierung. Denn seit dem Sturz von Machthaber Ben Ali beherrschen radikale Salafisten in vielen Städten die Moscheen. Gemäßigtere Imame werden aus den Gotteshäusern gejagt. Jetzt wollen sie in Hungerstreik gehen.

Von Detlef Urban | 20.07.2013

In der Medina, der Altstadt von Tunis, herrscht Ruhe. Ein paar Touristen, die Händler gelangweilt, sie machen schlechte Umsätze. Die zahlreichen Cafés, sonst beliebter Treffpunkt für einen Kaffee oder eine Shisha, sind geschlossen. Es ist Ramadan: keine Wasserpfeifen, nichts zu essen, nichts zu trinken bis zum Sonnenuntergang. Der Staat hat es verfügt. So will es der Islam.

Der Muezzin ruft zum Gebet. Mitten in der Altstadt liegt die Zitouna-Moschee. An der Pforte ein Stoppschild mit der Aufforderung: Only for Muslims, nur für Muslime. Die Zitouna-Moschee mit ihren Lehreinrichtungen ist die älteste ihrer Art in Nordafrika, hier wird seit dem 13. Jahrhundert unterrichtet.

In der Zitouna treten die Widersprüche zutage, die den Islam in Tunesien und im gesamten revolutionären Maghreb prägen: gibt es eine Trennung von Staat und Religion? Werden islamistische Parteien und Gruppen ihre religiös-fundamentalistische Sicht dem Rest der Gesellschaft aufzwingen? Jetzt ringen die Gelehrten um Anerkennung und werden erneut angegriffen: Radikale Salafisten wollen mit ihren Imamen die Zitouna übernehmen. Bisher ohne Erfolg, sagt Sheikh Hoceini Laabidi.

"Viele Moscheen sind 2011 nach der Revolution von Salafisten besetzt worden. Wir haben von der Zitouna aus nicht die Autorität, etwas dagegen zu machen. Aber der Staat könnte etwas unternehmen. Doch leider bezieht die Regierung Position gegen uns und nicht gegen die salafistische Strömung, die sogar in die regierende En-Nahda -Partei hineinreicht. Sie lassen die Salafisten gewähren, weil die Regierung ihre konservative Interpretation des Islam verbreiten will.”"

Man dürfe die Salafisten nicht ausgrenzen, sagt Sheikh Laabidi, obwohl er selbst von ihnen angegriffen und sogar misshandelt worden ist, man müsse sie vielmehr "umerziehen”- Reeducation.

Wenige Tage nach diesem Interview ist Scheich Laabidi vom Religionsminister abgesetzt worden. Sicherheitskräfte wechselten die Schlösser in der Moschee aus. Es seien die Fetzen und Kandelaber geflogen, berichtet die Zeitung Anchourouk.
Draußen im Land, in den von Arbeitslosigkeit geprägten Dörfern nahe der algerischen Grenze, ticken die Uhren anders. In Ghar-Dmauo haben Salafisten in der Taqua Moschee das Regiment übernommen. Den alten Imam, Mohamed Bennouar Aloui, haben sie entmachtet.

""Seit 14 Jahren bin ich Imam. Es gab keine Probleme in der Taqua Moschee , bis mich im Mai 2012 eine Gruppe junger Salafisten aufforderte zu gehen, sie hätten einen anderen Imam. Ich sagte, dass ich vom Ministerium ernannt bin. Trotzdem, Du gehst jetzt, sagten sie. Dann haben sie ein Schreiben an die Lokalbehörden aufgesetzt, die dafür aber gar nicht zuständig sind. Mir wurde trotzdem das Gehalt gestrichen, ohne Vorankündigung. Ich war offenbar suspendiert."

Eine Gruppe junger Männer im Alter zwischen 14 und 30 Jahren hat es sich in der Moschee bequem gemacht, sie ist ihr Rückzugsort, die Gruppe ein Auffangbecken, das sozialen und emotionalen Halt verspricht, denn berufliche Perspektiven gibt es nicht für sie. Sie werfen Imam Aloui vor, er könne den Koran nicht rezitieren wie ihr Imam, er sei zu liberal. Nachfragen dazu weichen sie aus. Schnell kommt es zum Tumult. – Doch die Taqua Moschee ist nicht die einzige, auch in anderen Moscheen der Kleinstadt haben Salafisten inzwischen das Regiment übernommen.

Der Imam, wie alle Imame vom Religionsministerium ernannt, hat zum Gespräch in die Moschee gebeten. Sofort umzingeln ihn bärtige Kaftanträger, die deutlich zu verstehen geben, dass er und seine Gäste die Moschee verlassen müssten. Der Imam ist erbost.

""Mir sagten die Salafisten hier in der Moschee: ‘Du bist aus der Zeit von Diktator Ben-Alí. Jetzt ist Revolution, wir machen die Gesetze. Geh nach Hause’.”"

Nach der Revolution vor über zwei Jahren wurden in Tunesien weit über 1000 Moscheen von Salafisten wild besetzt. Imame wie Mohamed Bennouar Aloui wurden von der Gehaltsliste gestrichen. Keinem von ihnen hat man nachweisen können, dass er in die Diktatur Ben-Alís verwickelt gewesen ist. Die Union der Imame, die dem Gewerkschaftsverband angehört, hat jetzt vom Religionsminister gefordert, die Imame wieder einzusetzen und die Moscheen zu neutralisieren. 200 Imame drohen mit weiterem Protest und mit einem Hungerstreik.

Der Minister für Religiöse Angelegenheiten Nourdine el Khadmi, er ist selbst Vorbeter in einer Salafisten-Moschee, spielt das Problem herunter und halbiert die Zahl der knapp 200 besetzten Moscheen. Viele dieser Fälle seien doch gelöst. Durch das nach der Revolution novellierte Gesetz habe er weiterhin die Vollmacht, Imame zu ernennen. Nun dürfe er sie aber auch charakterlich beurteilen:

""Der Imam muss nicht nur ein Diplom haben. Er muss von seiner Gemeinde auch geliebt werden, er darf sie nicht spalten und darf keine Gewalt anwenden gegen Andersdenkende. Er muss eine gute islamische Moral vorleben.”"

Ein Gummiparagraph, den der Minister nach seiner eigenen Islam-Interpretation auslegen kann. Salafisten, die Sturm laufen gegen Theater-Vorstellungen oder Kunstausstellungen und Frauen das Kopftuch aufzwingen wollen, haben sicher andere Moralvorstellungen als liberale Muslime.

Gegen die wilde Übernahme von Mohammed Bennouar Aloui s Moschee haben über einhundert Bürger eine Petition unterzeichnet, in der sie fordern, ihren Imam wieder einzusetzen. "Eine Gruppe von Salafisten macht ihre eigenen Gesetze und fordert den Staat heraus”, heißt es in ihrem Schreiben, das der Imam an den Religionsminister geschickt hat. Eine Antwort gab es bisher noch nicht. Deshalb steht sein Entschluss fest:

""Auch ich werde in den Hungerstreik treten, wenn der Minister mir weiter meine Rechte verweigert, und die Salafisten mich nicht wieder als Vorbeter in die Moschee lassen.”"

Das Ultimatum an den Minister läuft. Nicht zuletzt seine Reaktion wird ein Hinweis sein, ob die Islamisten in Tunesiens Politik am Ende kompromissbereit sein wollen oder – wie in Ägypten – den Weg der Intoleranz vorziehen.