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StartseiteInterviewÄrztepräsident Montgomery: Masern viel ansteckender als Ebola24.02.2015

ImpfpflichtÄrztepräsident Montgomery: Masern viel ansteckender als Ebola

Der Präsident der Bundesärztekammer Frank Ulrich Montgomery hat sich für eine Impfpflicht bei Masern ausgesprochen. "Wir haben eine wirklich epochale Chance, die Masern auszurotten", sagte Montgomery im DLF. Deshalb müsse man nicht nur bei Kindern, sondern auch bei Erwachsenen den Impfschutz prüfen.

Frank Ulrich Montgomery im Gespräch mit Carsten Schroeder

Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer (imago / Müller-Stauffenberg)
Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer (imago / Müller-Stauffenberg)
Weiterführende Information

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Christoph Heinemann: Ein Kleinkind ist in Berlin in der vergangenen Woche an Masern verstorben. Nicht erst seither wird über eine verpflichtende Impfung gegen die Krankheit gestritten. Die Bundesregierung setzt vorerst auf Beratung; die Impflücke müsse durch eine gemeinsame Kraftanstrengung von Ärzten, Kitas, Schulen und anderen Verantwortlichen geschlossen werden. Das sagte Hermann Gröhe. Und der Bundesgesundheitsminister wörtlich: "Wenn das nicht gelingt, ist eine Impfpflicht kein Tabu, aber sie steht jetzt nicht an." - In unserer Sendung "Sprechstunde" sprach mein Kollege Carsten Schroeder am Vormittag mit dem Präsidenten der Bundesärztekammer, mit Frank Ulrich Montgomery.

Carsten Schroeder: Sollte man eine Impfpflicht gegen Masern einführen?

Frank Ulrich Montgomery: Wir haben eine wirklich epochale Chance, die Masern ein für alle Mal auszurotten. Das geht nur, wenn in der Bevölkerung ein ganz globaler, allumfassender Impfschutz, eine Immunitätslage da ist. Deswegen bin ich dafür, dass man die Impfung verpflichtend für Kinder macht, aber dass man auch bei Erwachsenen feststellt, ob der Impfschutz noch hält und eventuell die vergessene zweite Impfung nachholt.

Schroeder: Die Impfung verpflichtend machen, können Sie das ein bisschen genauer beschreiben? Ist das sozusagen eine Anregung, die Bitte, es zu tun, oder soll das auch wirklich geregelt werden und klar geregelt werden?

Montgomery: Wir wären als Ärzte - und das ist jetzt ein rein medizinisches und kein juristisches Argument - sehr dafür, dass dieses verpflichtend für alle Kinder gemacht würde. Das wird juristisch schwer durchsetzbar sein; deswegen ist der Ansatz von Herrn Bundesgesundheitsminister Gröhe durchaus richtig, dass man es mit einer Beratung erst mal intensiviert und versucht, die Menschen auf der Vernunftsebene zu erreichen. Aber Sie haben nur eine Chance, die Masern auszurotten, wenn wir mehr als 95 Prozent der Bevölkerung durchimpfen können, und deswegen bin ich schon für eine Pflicht, wenn ich auch nicht weiß, als Arzt, wie man das juristisch durchsetzen kann.

"Mit der Masernimpfung übernimmt man nicht nur Verantwortung für sein Kind"

Schroeder: Die Bundesregierung plant ja so ein Präventionsgesetz. Das haben Sie angesprochen. Darin soll festgelegt werden, dass bei der Aufnahme eines Kindes in eine Kita zum Beispiel ein Nachweis über eine ärztliche Impfberatung vorgelegt werden soll. Nun ist eine Impfberatung ja noch keine Impfung. Ist das aus Ihrer Sicht nicht vielleicht ein bisschen zu schwammig?

Montgomery: Das ist in meinen Augen ein sehr liebevoller Versuch. Aber Sie sagen schwammig. Ich halte ihn auf Dauer auch nicht für ausreichend. Die Amerikaner sind da sehr viel konsequenter, sehr viel härter. Dort heißt es sogar "No Shots, No School". Wer nicht geimpft ist, dem werden Schwierigkeiten gemacht, in die Schule zu gehen. Ich halte das für im Grunde genommen richtig. Denn mit der Masernimpfung übernimmt man nicht nur Verantwortung für sein Kind und für sich selber, sondern auch für die gesamte Gesellschaft. Denn die Masern sind wahnsinnig ansteckend, viel ansteckender als Ebola, viel ansteckender als die Influenza, und Sie können andere Menschen durch Ihre Ansteckung umbringen. Deswegen meine ich, wir brauchen eine Impfpflicht, damit alle Menschen auch die Gesellschaft insgesamt schützen.

Schroeder: Gilt das dann eher für Kinder, oder wollen Sie das auch auf Erwachsene ausweiten?

Montgomery: Wir wissen heute, dass 92,6 Prozent, ist, glaube ich, die aktuelle Zahl, der Kinder geimpft werden gegen Masern mit der ersten Impfung. Allerdings die zweite Impfung ein paar Jahre später, da sehen die Zahlen dann schon sehr viel schlechter aus. Es gibt aber vor allem eine große Kohorte von Menschen, die in meinem Alter sind, die zwischen 40 und 60 sind, bei denen man den Impfschutz vernachlässigt hat, weil es ja in der Zeit dazwischen doch eine heftige Kampagne von Impfgegnern gab, die bar jedes wissenschaftlichen Inhalts die Menschen abgehalten hat, zu dieser wichtigen Impfung zu gehen. Wir müssen also nicht nur um die Kinder kümmern; wir müssen auch bei den Erwachsenen den Impfschutz prüfen und auffrischen.

Heinemann: Frank Ulrich Montgomery, der Präsident der Bundesärztekammer. Die Fragen stellte mein Kollege Carsten Schroeder.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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