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In eigener SacheWarum wir trotz allem von "Lockdown" sprechen"

Von Marco Bertolaso
Ein Duden der 27. Auflage (dpa / picture alliance / Britta Pedersen)
Ein Duden der 27. Auflage (dpa / picture alliance / Britta Pedersen)

"Lockdown", der Begriff ist derzeit allgegenwärtig - und er wird streng genommen meist falsch benutzt. Soviel steht fest. Dennoch kommt er weiter in unseren Nachrichten vor. Und das hat seine Gründe.

Die Corona-Pandemie hat die Zahl der Mails weiter in die Höhe schnellen lassen, die uns Hörerinnen und Nutzer schreiben. Auf diesem und auf anderen Wegen erreicht uns täglich ein gewisses Maß an Aggressivität unterschiedlicher Ausprägung, um es vorsichtig auszudrücken. Vor allem bekommen wir aber viele wertvolle Korrekturhinweise, Anmerkungen und Anregungen. Immer dabei ist das Thema Sprache.

"Lockdown" - der Begriff der Stunde

In den vergangenen Wochen ging es da oft um den "Lockdown", den Begriff der Stunde in Deutschland und der Welt. Uns wird entgegengehalten, dass es sich nicht nur um einen unnötigen Anglizismus handle. Der Begriff werde überdies nicht treffend verwendet. Diese Diskussion haben wir schon vor der ersten einschlägigen Mail unter uns geführt. Denn in Nachrichtenredaktion wird rund um die Uhr über Sprache gesprochen und gestritten.

Unser erster Impuls war, den "Lockdown" zu umgehen. Gemeint sind Einschränkungen des öffentlichen Lebens: Geschäfte dürfen nicht öffnen, Restaurants und Schwimmbäder ebenfalls, viele Firmen können nicht produzieren. Eine Ausgangssperre oder eine Abriegelung – so die Definition des Dudens -  haben wir aber bisher in Deutschland nicht gesehen, auch wenn es in einigen unserer Nachbarländer schon dazu gekommen ist.

Wir wollen verstanden werden

Wir haben dann aber nach und nach zur Kenntnis genommen, dass der Sprachgebrauch auch in diesem Fall mächtiger ist als das Wörterbuch. Fast alle sprechen vom "Lockdown", nachdem es im Frühjahr noch eher um den "Shutdown" ging, und wichtiger noch: Fast alle verstehen, was gemeint ist und was nicht. Eine zentrale Aufgabe einer Nachrichtenredaktion ist es, gelungen zu kommunizieren. Unsere oft sehr kurzen Botschaften müssen in eindeutiger Weise ankommen. Anders ausgedrückt: Wir wollen immer korrekt sein und meiden das "wegen dem" wie der Teufel das Weihwasser, rechthaberisch sind wir aber nicht.

Deshalb übernehmen wir bis auf Weiteres den "Lockdown", sofern wir nicht Gelegenheit haben, die einzelnen konkreten Einschränkungen zu benennen. Das ist präziser und daher vorzuziehen. Es ist aber eben oft auch zu lang – und zudem in ermüdender Weise wiederholend, wenn der Kontext eh als bekannt vorausgesetzt werden kann.

Die Sprachwissenschaft reagiert

Mit dieser Einschätzung stehen wir nicht alleine. Begriffe sind nicht statisch, ihre Bedeutungen verändern sich. Auch beim "Lockdown" erkennt die Sprachwissenschaft bereits eine derartige Begriffsausweitung. Das Leibniz-Institut für Deutsche Sprache etwa wartet mit folgender Definition auf: "Zeitraum, in dem fast alle wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Aktivitäten auf politische Anordnung hin stillgelegt sind (zum Beispiel zum Infektionsschutz)". 

Es würde mich nicht wundern, wenn der Duden eines Tages nachzöge. Bevor nun dieser Text seinen Shutdown findet, noch eine Empfehlung: Die Seiten des Leibniz-Instituts für Deutsche Sprache sind zu diesem Thema generell interessant. Hier findet man viel Anregendes zur "Sprache in der Coronakrise" sowie eine Auseinandersetzung mit den Neologoismen, die uns die Pandemie beschert hat.

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