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In Höhlen vor Nazis versteckt

511 Tage versteckten sich mehrere jüdische Familien in ukrainischen Höhlen, um der Deportation zu entgehen. Die amerikanische Fernsehreporterin Janet Tobias machte daraus einen eindrucksvollen Film, auch wenn die Darstellungselemente nicht immer perfekt zueinanderpassen wollen.

Von Josef Schnelle | 04.05.2013
    "Vor langer Zeit glaubten die Menschen, dass die Höhlen von bösen Geistern bewohnt wären. Doch das ist ein Irrtum. Die Teufel und die bösen Geister leben über der Erde, nicht in der Höhle."

    Das sagt Sima Stermer, die sich 1942 bis 1944 mit ihrer und anderen jüdischen Familien in den Gipskarsthöhlen in der Westukraine 511 Tage lang versteckte, um der Deportation und Vernichtung durch die Nazis zu entgehen. In fast lichtloser Dunkelheit schafften es am Ende über 30 Menschen - angeführt von Simas Großmutter - zu überleben. Die amerikanische Fernsehreporterin Janet Tobias ließ sich für den Stoff begeistern. Die Höhle allein konnte natürlich nur wenig von den damaligen Ereignissen preisgeben. Sie fand aber zwei inzwischen sehr betagte Söhne der Patriarchin der Höhlensippe und eine Enkelin. Diese schildert den Aufenthalt in der spektakulären Tropfsteinhöhle, in die man nur durch ein unscheinbares Erdloch gelangt, zunächst aus Kindersicht - als Abenteuer.

    "Wir kamen nach Verteba. Ich fand das toll, so einen großen Spielplatz zu haben. Ich stellte mir vor, in einem Schloss zu wohnen. Es war traumhaft schön. Meine Großmutter hatte Angst, dass ich mich im Labyrinth der Höhle verirren würde. Einmal falsch abgebogen. Schon war es passiert und ich war noch sehr klein."

    Auf das Verweilen in der Verteba-Höhle, die eine Länge von fast acht Kilometern hat, war die Gruppe noch gut vorbereitet. Vorher waren Proviant, Holz, Lampen, Geschirr und sogar Bettzeug gebracht worden. Einige ältere Mitglieder der Familie blieben sogar oben im Dorf und versorgten die Höhlenbewohner weiterhin mit Lebensmitteln. Sam Stermer erinnert sich nach fast 70 Jahren besonders intensiv an diese Zeit. Die Filmemacherin hat ihn mitgenommen auf die Reise in die Ukraine. Er geht sogar mit hinunter in die Höhle und bittet das Filmteam für einen Moment das Licht auszuschalten. Erst dann in völliger Dunkelheit fühlt er sich so sicher wie damals.

    " Es war warm. Es war trocken. Wir hatten Kissen und Decken und zu essen."

    Neben Aufnahmen des Höhlensystems und Gesprächen mit einigen der Helden dieser unglaublichen Geschichte greift die Regisseurin zum im modernen Dokumentarfilm durchaus geläufigen Mittel des "Reenactments", bei dem mit Schauspielern Szenen nachgestellt werden. Das ist im Fernsehen üblicher als im Kino, aber dieser Geschichte durchaus zuträglich. Manche Situationen könnte man sich sonst kaum vorstellen. Archivmaterial rundet das Bild ab. Die relative Sicherheit des Refugiums unter der Erde bleibt über eine so lange Zeit nicht für immer bestehen. Nachts müssen immer einige der Flüchtlinge aus dem Untergrund rauskriechen, um die notwendigen Dinge des Alltags zu besorgen. Ein jeweils riskantes Unternehmen, das auch die kleine Schicksalsgemeinschaft gefährdet. Schließlich werden sie fast entdeckt. An dieser Stelle zieht die Regisseurin alle Register und schreckt auch vor drastischer Darstellung nicht zurück. Doch am stärksten wirkt - das kann man sogar im O-Ton hören - die Darstellung des Augenzeugen:

    "Als wir alle unten waren hör ich oben Schritte."

    "Aber wenn wir alle unten sind, wessen Schritte sind das denn?"

    "Peng, Peng. Sie schießen zu uns hinunter."

    "No place on Earth" ist ein eindrucksvoller Film, auch wenn die Darstellungselemente nicht immer perfekt zueinanderpassen wollen, besonders als nach der Entdeckung in der ersten Höhle, der aber die meisten entkommen können, eine neue Höhle erobert werden muss. Bis zur Befreiung 1944 ist es nicht mehr lange und wenigstens findet die Gemeinschaft in den jüdischen Gesängen und Ritualen auch tief im Bauch der Erde Trost.