Mittwoch, 29. Juni 2022

Archiv

Innovationen im Mittelalter
Impulse aus dem Kloster

Friedrich Barbarossa ernannte mit Arnold von Selenhofen einen Mainzer Erzbischof, der bei Bürgern und Klerus auf Widerstand stieß - und löste damit fast einen Bürgerkrieg aus. In der Folge konnten die Klöster unabhängiger agieren und sich zu Innovationstreibern des Hochmittelalters entwickeln.

Von Eva-Maria Götz | 12.02.2015

Wir stehen hier vor dem Marktportal des Mainzer Domes, vor dem ältesten noch erhaltenen Teil der Domanlage aus romanischer Zeit, hinter uns liegen Markt und Altstadt, vor uns sehen wir eine Bronzetüre, circa fünf Meter hoch, drei Meter breit und voller Inschriften, eine Sensation sei diese Türe, haben Sie gesagt, Prof. Weinfurter.
"Sie ist original, sie wurde von Erzbischof Wiliges angefertigt, er hat sie anfertigen lassen und er schreibt stolz auf diese Türe: Ich Williges, bin der Erste nach Karl dem Großen, der es gewagt hat, eine solche Bronzetüre gießen zu lassen. Also: Er weiß, was er damit geleistet hat, und in diese Türe wurde die Freiheitsurkunde eingraviert, die Zahl nennt das Jahr 1130, also wir sind in der Frühzeit des Arnold von Selenhofen; und in dieser Urkunde steht drin, dass die Mainzer Bürger verschiedene Rechte bekommen, Gerichtsrechte, vor allem aber müssen sie keine Abgaben zahlen, keine Steuern für Angelegenheiten außerhalb der Stadt."
Welche Stellung hatte denn das Mainzer Bistum in dieser Zeit?
"Mainz sieht sich als die Königin der Kirche im Heiligen Römischen Reich, Mainz ist über lange Zeit der Mittelpunkt in dem Sinne, dass der Mainzer Erzbischof Vorsitzender war bei den großen Reichskonzilien, Mainz war auch die größte Metropole, dessen war man sich sehr bewusst hier.
Der Mainzer Erzbischof sieht sich in einer Parallele zum Papst, so wie der Papst zuständig ist für den Kaiser, ist der Mainzer Erzbischof zuständig für den König, für die Königswahl, für die Beratungen am Hof, und aus diesem Grunde lässt Williges hier eine Kirchenanlage bauen, die eine Kopie der Petersdom- Anlage in Rom ist, ein Dom, der gewestet ist, dem Dom vorgelagert ein Atrium, und davor wieder eine Marienkirche, die hier in Mainz Mariengreden heißt."
Arnold von Selenhofen
Und in dieser prächtigen Anlage spielt sich 30 Jahre später ein dunkles Kapitel der Mainzer Geschichte ab, als nämlich Friedrich Barbarossa gegen den Willen von Volk und Klerus, auch gegen den Rat von so einflussreichen Klostervorständen wie der Äbtissin Hildegard von Bingen, einen Erzbischof einsetzt, der seine herrscherliche Autorität uneingeschränkt anerkennt und der selbst im Stile einer schon nicht mehr zeitgemäßen kirchlichen Autorität regiert: Arnold von Selenhofen.
"Arnold hat ein Problem, dass er aus einem der ministerialen Geschlechter stammt in Mainz, zugleich wird er von weiten Teilen des Mainzer Klerus nicht als standesgemäß angesehen, weil er eben ministerialer Abstammung ist, hinzu treten dann auch verschiedene charakterliche Prägungen, und Vorstellungen einer sehr harschen und asketischen Spiritualität, die dazu führen, dass Arnold nicht grade ein kompromissbereiter Charakter ist, und nicht integriert, sondern häufig polarisiert."
Stephan Burckhardt, Historiker an der Akademie der Wissenschaften in Heidelberg, hat die Lebensgeschichte des Arnold von Selenhofen, erstmals übersetzt und im Rahmen des Forschungsprojekts "Klöster als Innovationslabore" herausgegeben. Verfasst von einem anonymen Autor kurz nach dem gewaltsamen Tod des Erzbischofs ist es ein Einblick in eine Zeit, in der das Heilige Römische Reich Deutscher Nation vor einer Zerreißprobe stand: In Italien bekämpfen sich Papst, Gegenpapst und Kaiser, der in seiner Funktion als König nun auch im Reichsinneren auf Widerstand stößt. In einer Phase, in der die Klöster mächtiger und dadurch eigenständiger werden, in der auch Adel und Bürgerschaft an Selbstbewusstsein gewinnen, soll Arnold für Ruhe und die Durchsetzung seiner Interessen sorgen. Gegen die urkundlich verbrieften Bürgerrechte soll er Steuern eintreiben, mit denen Barbarossa seine Feldzüge südlich der Alpen finanzieren kann. Doch das geht nicht gut, es kommt immer wieder zum Aufstand und im Hochsommer 1163 fast zum Bürgerkrieg.
"Und er kann eigentlich keine so schweren Konflikte gebrauchen, wie sie jetzt in Mainz ausbrechen und dies führt dann auf Dauer auch dazu, dass die Geduld des Kaisers mit Arnold langsam zu Ende geht."
Denn alle Kompromissversuche scheitern, die Wut auf den Erzbischof wächst. Arnold, eigentlich nicht klösterlich gebunden und kein Freund der Klöster, versucht dennoch, sich im Kloster St. Jakob unweit des Mainzer Domes in Sicherheit zu bringen und von hier aus weiter zu verhandeln, doch es ist zu spät.
"Es ist das Johannisfest, also es ist schon sehr heiß, die Stimmung ist aufgeheizt, die Mainzer kommen zum Kloster, zünden das Kloster an, hauen die Verbündeten Arnolds nieder, nehmen sie gefangen und der Erzbischof wird in das Kloster zunächst reingetrieben, kann dort nicht mehr bleiben, weil die Türme auch brennen, in die er sich flüchtet, er kommt raus und wird mehrfach durchstochen, niedergeschlagen, umgebracht."
Die Entstehung der Innovationslabore
Ein bestialisches Gemetzel, dessen Verlauf in der "Vita Arnoldi" im Detail nachzulesen ist. Der Volkszorn entlädt sich an einem der ranghöchsten Vertreter von Kirche und Politik und danach ist in Mainz nichts mehr, wie es war. Friedrich Barbarossa lässt die Stadtmauern niederreißen, die für den Mord verantwortlichen Adeligen verbannen, wenn auch aus gutem Grund nicht hinrichten. Allen Seiten ist an einer schnellen Befriedung des Konflikts gelegen. Das Erzbistum Mainz verliert an Macht und Bedeutung, dafür werden die Bistümer Köln und Aachen noch wichtiger. Doch in Zukunft scheuen Barbarossa und seine Nachfolger so weitgehende Konflikte im Reichsinneren und lassen Adel, Bürgern und vor allem den Klöstern größere Freiheiten und Entwicklungschancen. Und die nutzen ihre neue Macht, um quasi im Kleinen neue Modelle gesellschaftlichen Lebens zu entwickeln, sie werden zu "Innovationslaboren". Prof. Stefan Weinfurter, einer der Leiter des Heidelberger Forschungsprojekts:
"Labore verstehen wir so, das wir davon ausgehen, dass diese Gruppen, die sich zu einem gemeinschaftlichen Leben, also in klösterlicher Gemeinschaft zusammenfinden, sich losgelöst haben von den Verpflichtungen und Bindungen an ihre Familien, an Herrschaftsstrukturen, die vorgegeben sind und damit in die Lage versetzt sind, ganz neue Dinge zu entwerfen und zu versuchen, also neue Konzeptionen."
Die Idee war: eine ideale Gemeinschaft aufzubauen. Wege dahin gab es viele: "Sie können Wert auf Bildung und Forschung legen, das haben wir zum Beispiel bei den Dominikanern, das führt dazu, dass manche deutsche Universitäten darauf zurückgehen. Oder es gibt Klöster, die versuchen, ganz bestimmte Wirtschaftsformen aufzubauen, weil das ihre Umgebung nahelegt. Eberbach im Rheingau ist ein gutes Beispiel oder Lorsch an der Weinstraße. Es gibt Klöster, die ganze Regionen kultivieren und urbar machen."
Auch für den Umgang miteinander, für das soziale Gefüge einer Gesellschaft, standen die Klöster Modell.
"In manchen Klöstern ist es das gemeinschaftliche Leben, man entwickelt verschiedene ganz neue Formen des gemeinschaftlichen Lebens, der vita communis, wie es so schön heißt. Oder es gibt die Möglichkeit, das Individuum, das Individuelle in den Vordergrund zu stellen und da neue Formen zu entwickeln. Also diese offene Situation und diese Möglichkeit, Neues auszuprobieren - das ist das Labor."
Durch den auch wirtschaftlich messbaren Erfolg der Orden vollzieht sich nach und nach ein religiöser und sozialer Wandel, der die europäische Kulturgeschichte bestimmt und der in Heidelberg vor allem anhand von Originaltexten erforscht wird, die die Wechselwirkung von Klöstern, Politik und gesellschaftlicher Ordnung zum Thema haben. Ein angegliedertes Projekt an der Sächsischen Akademie der Wissenschaften beschäftigt sich mit der innerklösterlichen Entwicklung dieser Zeit zwischen dem 11. und 13. Jahrhundert, der Zeit des Hochmittelalters.
Das glücklose Agieren des Arnold von Selenhofen war Endpunkt einer Epoche, sein gewaltsamer Tod führte zum Neubeginn. Sein verstümmelter Leichnam, den seine Mörder zunächst auf einem Feld liegengelassen hatten, wurde dann doch noch ordentlich bestattet, unter der dem Dom vorgelagerten und in der Zeit der napoleonischen Kriege abgetragenen Kirche Mariagreden. Vielleicht ruht er dort noch immer, ohne Grabmal oder Hinweistafel, einige Meter tief unter dem Markt, auf dem die Mainzer ihre Volksfeste feiern und in Sichtweite des Bronzeportals, in das sie einst ihre Rechte eingemeißelt hatten.