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StartseiteCampus & KarriereLehrerpreis für das "umgedrehte Klassenzimmer"18.11.2019

Innovativer UnterrichtLehrerpreis für das "umgedrehte Klassenzimmer"

Videos schauen statt Hausaufgaben: Der Träger des Deutschen Lehrerpreises dreht den Unterricht um. Seine Schüler bereiten den Stoff zuhause vor und üben das Gelernte gemeinsam im Unterricht. Das Projekt kommt gut an - auch andere Schulen wollen sich im nächsten Jahr beteiligen.

Von Michael Watzke

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Lehrer hält einen Tablet-Computer vor einer Tafel, auf dem eine Tafel abgebildet ist.  (dpa / picture-alliance)
36 Lehrkräfte wollen sich künftig an der Produktion von erklärenden Videos beteiligen (dpa / picture-alliance)
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"Eigentlich gehört jeder Lehrer in die sozialen Medien rein. Entweder, um für sich selbst zu lernen oder um mitzukriegen, was das eigentlich mit uns macht. Und mit unseren Schülern macht."

Fordert Sebastian Schmidt, 37, Mathematiklehrer an der Inge-Aicher-Scholl-Realschule in Neu-Ulm. Der frischgebackene Träger des Deutschen Lehrerpreis sagt aber auch:

"Guter Unterricht geht nicht per Klick. Sondern mit durchdachten und wohlüberlegten didaktischen und pädagogischen Prinzipien. Und er geht immer nur über den Fleiß und die Arbeitswilligkeit von Schülern."

Sebastian Schmidt will die analoge und die digitale Welt im Klassenzimmer zusammenbringen. Deshalb hat er vor sieben Jahren begonnen, zusammen mit anderen Lehrern ein sogenanntes "Flipped Classroom"-Konzept auszuarbeiten. Das "umgedrehte Klassenzimmer" funktioniert so:

"Anstatt dass ich den Schülern im Unterricht was beibringe, und die Schüler kriegen dann eine schwere Hausaufgabe auf den Nachmittag auf - die sie nicht lösen können, von WhatsApp abschreiben oder sonst was machen – haben wir gedacht: Wir hauen das Ganze in den Unterricht rein. Also die Vertiefung, die Übung, das Auseinandersetzen, den Transfer. Und dafür setzen wir das, was die Schüler lernen müssen, nach Hause. Das heißt, die schauen sich das Video zu Hause an und kommen vorbereitet in den Unterricht."

Dazu, sagt Schmidt, braucht es neben motivierten Schülern die passende digitale Ausstattung: von Tablets über die richtige Software bis zur technischen Ausrüstung des Klassenraums:

"Wenn man ganz sauber Unterricht plant – guten Unterricht plant – dann muss man zuerst didaktisch und pädagogisch überlegen, was man will. Und dann schauen, was man dafür braucht. Momentan sind die Milliarden da. Jetzt wird natürlich wie wild Technik gekauft. Die große Gefahr dabei: es werden Ladenhüter, wenn wir uns nicht schleunigst auch didaktisch damit befassen."

Mathematik-Videos bereiten Unterricht vor

Das hat Schmidt getan. Er hat zusammen mit seinem schul-übergreifenden Team zum Beispiel Erklär-Videos produziert, die seinen Schülern bei schwierigen Mathe-Aufgaben helfen:

"Ein Video allein reicht aber natürlich nicht aus. Damit wir das zu einem ordentlichen Unterricht zusammenfassen, müssen wir differenziertes Material anbieten. Damit der durchkommt, der sagt: ein Vierer reicht mir aus. Aber auch der gefordert wird, der einen Einser schreiben will. Sodass jeder, der in die Unterrichtsstunde kommt, in seinem Tempo sein Material machen kann. Da sind unsere Videos der Anker, aber nicht zeitgleich. Denn 30 Schüler zeitgleich zu unterrichten, ist krass anstrengend."

Wer an der Klassentür von Schmidts Schülern lauscht, der hört keinen Lehrer im Frontal-Unterricht, sondern das Stimmengewirr mehrerer Teams, die an verschiedenen Aufgaben arbeiten. Mittendrin Sebastian Schmidt. Sind seine Schüler durch das "flipped classroom"-Konzept besser geworden? Das könne er zwar empirisch bisher nicht belegen, sagt er:

"Aber was wir auf jeden Fall messen, ist, dass die Sozialkompetenz steigt. Die Schüler können besser mit anderen zusammenarbeiten. Können besser selbstständig arbeiten. Das melden uns auch Lehrer aus anderen Klassen zurück. Das ist stark messbar."

Austauch, Effizienz – und Zeit sparen

Die steigende soziale Vernetzung habe noch einen positiven Nebeneffekt, sagt Schmidt. Als er sein Team für den Deutschen Lehrerpreis angemeldet habe, habe es aus Lehrern von zwei Schulen bestanden. Mittlerweile umfasse die Kooperation sieben Schulen:

"Sieben Schulen und 36 Lehrer, die unser Material mitverwenden. Aber sich auch verpflichtet haben, im nächsten Jahr selbst zu erstellen. Das heißt, wir haben nächstes Jahr eine Kooperation von 36 Lehrkräften. Und dann ist endlich das in der Digitalisierung erreicht, was auch erreicht werden soll: Effizienz und Professionalisierung untereinander. Der Austausch zum einen – aber sich auch endlich mal Zeit sparen. Denn alles ‚on top‘ geht bei der Digitalisierung eben auch nicht."

In der Planungsphase, sagt Schmidt, sei es viel Arbeit gewesen, das Konzept auf die Beine zu stellen. Aber er habe viele Unterstützer gehabt:

"Man braucht eine starke Schulleitung – die haben wir. Und man braucht einen starken Sachaufwands-Träger, der versteht, was wir wollen. Und uns dabei unterstützt. Da haben wir noch nie eine Bremse gespürt. Wir haben bekommen, was wir wollten. Wir haben ihnen aber auch gezeigt, was wir damit machen."

Der Lohn: viele zufriedene, sogar begeisterte Schüler, sagt Schmidt. Und natürlich die heutige Auszeichnung mit dem Deutschen Lehrerpreis. Nun hofft Mathelehrer Sebastian Schmidt, dass das "Flipped-Classroom"-Konzept seines Teams möglichst viele Nachahmer findet.

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