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Insel Riems
Hochsicherheitslabor für Tierseuchen nimmt Betrieb auf

Ob Ebola oder Lassa-Fieber: Nur unter den allerstrengsten Sicherheitsvorkehrungen dürfen Forscher mit den gefährlichen Erregern dieser Krankheiten hantieren. Auf der Ostsee-Insel Riems hat nun ein Labor für Tierseuchen mit der höchsten Schutzstufe den Betrieb aufgenommen - mit einem für Deutschland einzigartigen Bereich.

Von Joachim Budde | 12.09.2016

    Tierpfleger Matthias Jahn füttert ein Kalb im Hochsicherheitslabor am Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) auf der Insel Riems bei Greifswald.
    Der Stall macht das Labor in Riems einzigartig. Hochsicherheitslabore, in denen Forscher große Tiere infizieren können, gibt es sonst nur noch in Australien und Kanada. (Joachim Budde)
    Wer ins Hochsicherheitslabor des Friedrich-Loeffler-Instituts auf der Insel Riems gelangen will, muss mehrere Schleusen und Sicherheitskontrollen passieren. Das Labor mit der höchsten Schutzstufe Biosafety Level 4 dürfen nur zehn Menschen betreten. Denn ab heute arbeiten die Forscher dort mit gefährlichen Krankheitserregern. Vergangene Woche lief noch der Testbetrieb, darum konnten Besucher in den Umgang um das Labor gelangen. FLI-Präsident Thomas Mettenleiter wies den Weg:
    "Wir machen jetzt die Abkürzung, die später nur für Tiere gehen wird, also eigentlich die Tiereinstalltür, und gehen genau in diesen Umgang. Da, wo Sie jetzt reinkommen, da geht es später nicht mehr rein."
    Der rote Fußboden im Umgang glänzt wie Autolack: Durch Fenster ist zu sehen, wie Anne Balkema-Buschmann hinten im Vorraum in einen gelben Anzug steigt, der aussieht, wie ein Ganzkörpergummistiefel. Balkema-Buschmann über Funk:
    "Markus kannst Du mich hören?"
    Die Tierärztin nimmt Kontakt mit ihrem "Buddy" Markus Ball auf, der von seinem Büro aus für den Notfall in Verbindung steht:
    "Wir gehen jetzt zu zweit vom Anzugsraum ins Labor." - Markus Ball: "Alles klar, ich habe es verstanden."
    Einziges deutsches Hochsicherheitslabor mit Stall
    Anne Balkema-Buschmann betritt das Labor und verbindet den Anzug mit einem gekringelten blauen Schlauch. Er bläst Frischluft in den Anzug - zum Atmen, aber auch, damit keine Luft aus dem Labor hineingelangt. Ansonsten sieht das Labor ganz gewöhnlich aus: Arbeitsplätze mit Abzugshauben, Kühlschränke. Die Forscherin öffnet einen Brutschrank, in dem sie Erreger vermehrt, nimmt eine flache Schale mit roter Flüssigkeit heraus und stellt sie unter das Mikroskop:
    "Ich kontrolliere jetzt als erstes die Zellen, die für die Anzucht von Viren benötigt werden, schaue mir an, ob sie eine Virusinfektion überstehen würden, und dann bereite ich noch eine Zellinfektion vor, das ist eine Platte mit sechs Vertiefungen, die auch mit Zellen bewachsen ist und auf diese Zellen gebe ich eine Lösung, die nachher die Infektion mit Viren begünstigen wird."

    Was dieses Labor einzigartig macht, ist der Stall, der zum Hochsicherheitsbereich gehört. Dort stehen drei schwarzbunte Kälbchen in ziemlich kleinen Pferchen. Hochsicherheitslabore, in denen Forscher große Tiere infizieren können, gibt es sonst nur noch in Australien und Kanada.
    Tiermedizinerin Anne Balkema-Buschmann untersucht Zellproben. Über den blauen Schlauch erhalten die Wissenschaftler im Hochsicherheitslabor Frischluft
    Tiermedizinerin Anne Balkema-Buschmann untersucht Zellproben. Über den blauen Schlauch erhalten die Wissenschaftler im Hochsicherheitslabor Frischluft (Joachim Budde)
    Die Forscher auf Riems werden künftig testen, wie gefährlich neuartige Erreger sind und ob sie auch Nutztiere infizieren können. Denn dann könnten sie in Tieren überdauern und den Menschen immer wieder krank machen.
    Sicherheitsmaßnahmen: Instrumente desinfizieren, Abluft filtern, Abwasser reinigen
    Die Forscher testen auch bekannte Erreger, zum Beispiel das Hämorrhagische Krim-Kongo-Fieber-Virus. Es ist das einzige Virus, das in Europa vorkommt und für das die höchste Sicherheitsstufe vorgeschrieben ist, sagt Martin Groschup, der das Labor leitet:
    "Krim-Kongo-Hämorrhagisches Fiebervirus tritt derzeit nicht in Zentraleuropa auf, aber in der Türkei ist es ein großes Problem, ungefähr 1.000 Erkrankungsfälle pro Jahr, von denen dann 50 Personen mit einem Hämorrhagischen Fieber also dann tatsächlich auch sterben."
    Schildzecken übertragen das Virus. In Mitteleuropa kommen sie bislang nicht vor, so Groschup:
    "Die gibt es inzwischen schon in Spanien, die gibt es auch in Italien, die gibt es auch in weiten Bereichen des Balkans und es besteht durchaus die Möglichkeit, dass sie halt weiter nördlich nach Zentraleuropa weiterverbreitet werden."
    Tiere werden am Ende der Experimente eingeschläfert
    Diese Erreger sollen natürlich um jeden Preis im Labor bleiben. Über vier Etagen ziehen sich darum die Anlagen, die Instrumente desinfizieren, die Abluft filtern oder das Abwasser reinigen. Alle Tiere werden am Ende der Experimente eingeschläfert, um Gewebeproben zu entnehmen, sagt Martin Groschup:
    "Die Tierkörper werden anschließend in einen sogenannten Digester gegeben, und unter Kalibehandlung für neun Stunden bei 150 Grad, sodass sich der komplette Tierkörper auflöst und nur noch eine Flüssigkeit zurückbleibt, die dann vollständig unschädlich ist."