Samstag, 25. Juni 2022

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Internationale Band Superorganism
Die X-Men der Popmusik

Vor einem Jahr ging ein Songdebüt sofort viral: "Something For Your M.I.N.D." der Band Superorgansim. Der Song war so einfach wie genial mit einer leicht psychedelischen Soundästhetik. Die Band blieb anonym, was den Hype noch verstärkte. Mit ihrem Album lüften sie nun auch ihr Geheimnis.

Von Florian Fricke | 03.03.2018

Die Mitglieder der Band Superorganism - vier Frauen und vier Männer in trashigen Klamotten
Die Mitglieder von Superorganism kommen aus aller Welt - und leben gemeinsam in London (Domino Records / Jordan Hughes)
"Wir waren alle Außenseiter. Jede Stadt besitzt doch eine coole Musikszene, aber niemand von uns war Teil von so was. Ich bin in Großbritannien aufgewachsen, bevor ich mit 13 nach Neuseeland gezogen bin. Orono war auch 13, als sie von Japan in die USA gezogen ist, und Emily von Australien nach Neuseeland."
Die Geschichte der achtköpfigen Band Superorganism ist eng mit dem Internet verknüpft, denn was die Mitglieder eint, ist ihre geografische Heimatlosigkeit. Über einen Zeitraum von zehn Jahren trafen sie sich zunächst in Foren, tauschten sich aus und gründeten kleinere musikalische Projekte. Einer davon war Christopher Young, aber wie alle anderen in der Band hat er sich einen einfachen Künstlernamen zugelegt: Harry.
"Das ist das Tolle am Internet. Du fühlst dich nicht wirklich heimisch in deiner Stadt, niemand teilt deinen Geschmack und deine Ansichten - aber vielleicht findet sich ja jemand in Japan."
Das Netz drehte durch
Allmählich reifte der Entschluss, ein größeres Projekt zu gründen und Musik aufzunehmen. Alle, die sich in den letzten zehn Jahren gefunden hatten, sollten dabei sein. Man zog in ein Reihenhaus in London, die Gründe dafür waren rein praktischer Natur. Hat man zum Beispiel britische Großeltern, bekommt man ein Visum für fünf Jahre. Harry sagt:
"Im Januar 2017 nahmen wir ein paar Demos auf. Eins davon war 'Something For Your M.I.N.D.' Wir kannten Orono in den USA, die ihre eigenen Demos ins Netz stellte, Coverversionen von Weezer und Neutral Milk Hotel. Und ich dachte, Orono hat doch eine tolle Stimme. Sie stellt auch viel Kunst von sich auf Facebook, sie ist also eine interessante Künstlerin. Vielleicht mag sie ja singen."
Die Band schickte ihr das Demo und eine Stunde später war es zurück - mit einem Text, den sie bereits mit ihrem Laptop eingesungen hatte. Sie stellten den Song ins Netz. Und das Netz drehte durch, inklusive Frank Ocean. Nun war allen Beteiligten klar – das hier hat Potenzial.
Orono brach die High School ab und folgte der Band ins Londoner Haus, das langsam aus allen Nähten platzte. Und so hatte der letzte, der nachzog, Soul aus Sydney, keinen Platz mehr. Harry sagt:
"Oronos Schlafzimmer war vorher unser Wohnzimmer. Soul lebt nun in der Nachbarschaft bei einem Freund im Keller. Ich war noch nicht da, aber ich stelle ihn mir immer als ein mysteriöses Tier in einem dunklen Kellerloch vor."
"Wir haben unterbewusst ein Konzeptalbum aufgenommen"
Es begann eine sehr fruchtbare Zeit. Das Kollektiv nutzte das Momentum, das durch den Erfolg von "Something For Your M.I.N.D." entstanden war und explodierte förmlich vor Kreativität. Das selbstbetitelte Album wurde in sieben Monaten geschrieben und aufgenommen. Was auffällt ist der sehr kohärente Grundsound. Superorganism machen Weird Pop, wie sie es nennen, also etwas seltsamen und verspielten Pop mit psychedelischen Elementen, vielen enorm drückenden Synthie-Basslines und einprägsamen Gesangsmelodien. Field Recordings und viele kleine Samples runden das Bild ab. Und es klingt verdammt gut, aber das ist auch kein Wunder, wenn acht Bedroom-Producer in einem Projekt zusammenfinden. Harry, der live Gitarre spielt und auf dem Album alle möglichen Instrumente, hält mit seiner Begeisterung jedenfalls nicht hinterm Berg.
"Das Album beginnt damit, dass Orono vom Wecker erzählt wird, dass sie jetzt aufwachen muss. Der letzte Song heißt 'Nighttime', der uns durch die Nacht führt und ebenfalls mit einem Wecker endet. Es geht also um 24 Stunden im Leben von Superorganism. Darüber haben wir uns eigentlich keine Gedanken gemacht, aber anscheinend haben wir unterbewusst ein Konzeptalbum aufgenommen."
Das Album klingt sehr stilsicher, wenn man es kritisch betrachten will, könnte man auch sagen, es klingt etwas monothematisch. Aber wir reden hier von einem Debüt. Superorganism, die Band der nerdigen Außenseiter, die X-Men des Pop – hoffentlich vertragen sie sich in ihrer Riesen-WG.