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StartseiteKultur heute"Das Bauhaus war eine ästhetische Revolution"23.03.2018

Internationales Projekt "Bauhaus Imaginista""Das Bauhaus war eine ästhetische Revolution"

Die Geschichte des Bauhauses hat vor 99 Jahren in Weimar begonnen. Weltweit wirken die Ideen von Walter Gropius und seinen Mitstreitern bis heute nach. "Das Bauhaus war kein originäres, beziehungsloses Projekt", erklärt "Bauhaus Imaginista"-Kuratorin Marion von Osten im Dlf.

Marion von Osten im Gespräch mit Anja Reinhardt

Blick auf das historische Bauhaus-Ensemble in Dessau (Sachsen-Anhalt), aufgenommen am 07.09.2015. (picture alliance / dpa / Hendrik Schmidt)
Das Bauhaus-Gebäude ist Sitz der Stiftung Bauhaus Dessau (picture alliance / dpa / Hendrik Schmidt)
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Anja Reinhardt: Nächstes Jahr wird das Bauhaus 100. Am 1. April 1919 wurde das "Staatliche Bauhaus" von Walter Gropius ins Leben gerufen. Hundert Jahre nach der Entstehung dieser über das 20. Jahrhundert hinaus zukunftsweisenden Institution kann man trotzdem versuchen, "das Bauhaus neu zu denken", wie es Kulturstaatsministerin Monika Grütters forderte. Zum Beispiel die Frauen endlich einmal zu berücksichtigen, die neben Walter Gropius, Paul Klee, Lyonel Feininger oder Wassily Kandinsky das Bauhaus prägten. Gunta Stölzl zum Beispiel oder Grete Stern.

Neu denken heißt ja vielleicht auch: mal umgekehrt denken. Denn das Bauhaus war nicht nur Ideengeber, sondern nahm auch viele Anregungen auf. Das Ausstellungs- und Forschungsobjekt "Bauhaus Imaginista" schaut sich diese Einflüsse von außen genauer an und untersucht die wechselseitigen internationalen Beziehungen. Heute startet eine Tagung in Marokko, im April wird im chinesischen Hangzhou eine Designschau zu sehen sein.

Mitverantwortlich für das Projekt ist Marion von Osten. Ich habe sie vor der Sendung zunächst gefragt, was es mit dem Begriff "Imaginista" auf sich hat.

"Eine radikal neue Institution"

Marion von Osten: Der Begriff "Bauhaus Imaginista" ist in zwei Richtungen zu verstehen. Tatsächlich gab es eine Rezeptionsgeschichte des Bauhauses in der Nachkriegszeit durch die Situationisten, und da vor allem Asger Jorn. Das war das "Imaginist Bauhaus", also das imaginäre Bauhaus. Die wünschten sich nach dem Zweiten Weltkrieg eine andere Form der Kulturproduktion, die wegging von den Kunstakademien und den bestehenden Ausbildungsgängen. Das war eine ganz kurze Geschichte.

Gleichzeitig ist "Imaginista" tatsächlich eine romanische Sprache, aber es klingt auch so, als wäre es ein gemachtes Wort. Was bedeutet die Imaginationskraft, die das Bauhaus vor 100 Jahren eine neue, eine radikal neue Institution ins Leben zu rufen? Welche Imaginationskraft war da nötig 1919? Und wie war das für andere Institutionen gleichzeitig, beispielsweise in Indien oder später auch in Japan, die sich ähnlich eine neue Gesellschaft und damit auch eine neue Rolle von Kunst und Gesellschaft denken mussten?

"Abwendung vom Erbe der Väter"

Reinhardt: Sie haben schon angedeutet: Das Bauhaus war ja in seiner ästhetischen Vorstellung oder das, was es vorgestellt hat an ästhetischer Konzeption, dann doch ein sehr radikaler Bruch. Möglicherweise ist nicht ganz so bekannt, wie viele Einflüsse von außen zum Bauhaus kamen und welche internationalen Einflüsse das Bauhaus auch geprägt haben. Darum geht es ja auch bei Ihnen, oder?

von Osten: Ja, das ist ein ganz wichtiger Ansicht, eben zu sagen, dass es sich hier nicht um ein originäres, einmaliges, beziehungsloses Projekt handelte, sondern im Gegenteil um eines, das in vielfältigem Austausch stand. Also einerseits, wenn man sich das Manifest von Gropius 1919 anschaut, ist dies schon ein Dokument unterschiedlicher Einflüsse und Debatten. Da ist einerseits die Arts&Crafts-Bewegung, die ja schon im 19. Jahrhundert in England begonnen hatte: eine Kritik an der Industrieproduktion und der Massenproduktion, die aber im Bauhaus dann später anders übersetzt wird.

Es geht nicht darum, nur zu sagen, das sind ja alles nur Referenzen, sondern auch zu schauen: Was macht denn dann Gropius und das ganze Team von Lehrenden und Studierenden mit diesen Erben und Einflüssen? Und unter anderem darf man natürlich nicht vergessen, was 1919 auch im Hintergrund steht, ist das Ende des Ersten Weltkrieges und eine radikale Abwendung vom Erbe der Väter. Das sagt Gropius, das sagt die Novembergruppe, der Arbeiterrat der Künste. Dass die Inhalte, die die Gesellschaft vorher zerstört hat, auch eine patriarchale Gesellschaft, dass man die hinter sich lassen muss. Und man eine neue erfinden und damit auch eine neue gesellschaftliche Rolle der Künste. Man könnte auch sagen: Gropius erfindet eine ästhetische Revolution, während die politische gescheitert ist.

Ein Schwarz-Weiß-Porträt des Architekten Walter Gropius (imago / United Archives International)Der Architekt und Bauhaus-Pionier Walter Gropius (imago / United Archives International)

"Neue Austauschbeziehungen"

Reinhardt: Es ist immer schwierig mit historischen Vergleichen, aber möglicherweise gibt es doch Parallelen zur Situation heute, wo wir ja auch das Gefühl haben, dass sich die Gesellschaft  oder die Gesellschaften international im Umbruch befinden. Inwiefern spielt das bei den Projekten in Japan, in Marokko, in Nigeria auch eine Rolle?

von Osten: Das ist das Spannende an dem Projekt, das wir die Chance hatten, auch schon über längere Zeit mit einem internationalen Team von jungen Forschenden - darauf haben wir auch sehr viel Rücksicht genommen, dass wir nur mit bestehendem Wissen umgehen, sondern auch mit lokalen, jungen Menschen, die sich Gedanken darüber machen, wie eigentlich der Modernismus eine internationale Bewegung war und unterschiedliche Bewegungen und Vorstellungen entwickelte.

Das heißt, was wir nicht machen, ist, zu schauen: Welchen Einfluss hatte das Bauhaus in Japan? Sondern wir schauen eigentlich eher von Japan zurück auf das Bauhaus. Was wurde zum Beispiel in Japan aufgegriffen, was gar nicht zum Bauhaus passt? Welche Überschüsse hier produziert worden sind, von denen wir heute auch lernen können? Was bedeutet das, wenn wir in einer transkulturellen Situation sind, in Aushandlungsprozessen? Was bedeutet das für unsere Institutionen heute? Wie müssen wir uns dezentrieren, zuhören und in neue Austauschbeziehungen eintreten?

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