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Internetabhängigkeit
WWW wie Wirklichkeit

Internetsucht ist eine junge Krankheit, die Suchtforscher zunehmend beschäftigt. Dabei ist der krankhafte Kontrollverlust über die Aktivitäten im Netz in Deutschland bislang weder als Sucht noch als psychische Störung offiziell anerkannt. Auf dem Deutschen Suchtkongress in Hamburg haben Experten die neuen Erkenntnisse über die Krankheit diskutiert.

Von Anneke Meyer | 24.09.2015

    Ein Spieler sitzt mit Kopfhörer und Mikrofon vor einem Monitor.
    Internetsucht ist eine junge Krankheit. (dpa / Marius Becker)
    Es ist die Welt der unbegrenzten Möglichkeiten. Wer will kann als Held Abenteuer bestehen, Freunde treffen ohne sie je gesehen zu haben, die große Liebe finden oder einkaufen. Das Internet kann alles – auch süchtig machen. Dabei geht es nicht um regelmäßiges E-Mail checken oder ein paar durchzockte Nächte. Kritisch ist nicht, wie viel Zeit man im Netz verbringt, sondern wie sehr es das Leben beeinflusst, erklärt Kai Müller, Psychologe an der Uniklinik in Mainz:
    "Das sind Personen, wo sich im Leben manchmal komplett zwei, drei Jahre nichts getan hat. Die nur für die nötigsten Besorgungen mal das Haus verlassen haben. Wo man wirklich, auch wenn man die Wohnungen von den Leuten sieht, erkennt: Das Leben spielt sich nur noch vor dem Bildschirm ab. Die haben sich komplett darin geistig zurückgezogen."
    Etwa ein Prozent der deutschen Bevölkerung hat einen suchtartigen Internetgebrauch. Dabei sind diejenigen, die das Internet am aktivsten nutzen, am häufigsten betroffen: Rund vier Prozent der Jugendlichen zwischen 14 und 16 haben die Kontrolle über ihre Netzaktivität verloren. Das zeigt eine aktuelle Studie, die im Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit durchgeführt wurde.
    Teenager empfinden Stress besonders stark
    Ein möglicher Auslöser für den Kontrollverlust scheint Stress zu sein, so Michael Kaess von der Uniklinik Heidelberg:
    "Jugendliche, die durch Mobbingerfahrungen, durch Eltern-Kind Konflikte, vielleicht aber auch durch individuelle Merkmale wie Schüchternheit oder auch eine Hyperaktivität mehr Stress erleben, ziehen sich häufig in die Online-Welt zurück und erleben dadurch erstmal eine Entspannung oder eine Reduktion ihres Stresses."
    Dass manche Teenager so besonders empfänglich für die entspannende Wirkung von Online-Spielen, Facebookposts und Katzenvideos sind, liegt möglicherweise nicht nur daran, dass sie Stress haben, sondern auch daran, dass sie ihn besonders stark empfinden. Hinweise darauf gibt eine Studie, für die Michael Kaess Jugendliche gezielt einer unangenehmen Situation aussetzte.
    "Wir haben einfach Jugendliche mit pathologischer Internetnutzung und gesunde Kontrollen standardisiert gestresst. Da werden die vor ein Auditorium geführt und müssen ein gefaktes Job-Interview durchmachen, werden dabei gefilmt, auf Tonband aufgenommen, müssen schwierige Rechenaufgaben lösen, die eigentlich unlösbar sind, kriegen negatives Feedback - also ein sehr starker sozialer Stressor. Und haben dann die Stressreaktion gemessen."
    Obwohl alle den gleichen Test durchlaufen hatten, litten die Jugendlichen mit suchtartigem Internetgebrauch stärker unter dem Druck. Die Folge einer Fehlregulation des Gehirns: Vorher-Nachher-Messungen der Konzentration des "Stresshormons" Kortisol zeigten einen im Vergleich geringen Anstieg des Hormonspiegels. Das Gehirn scheint dem Stress nicht ausreichend entgegen zu steuern.
    Forscher fürchten eine deutliche Verschärfung des Problems
    Häufige Begleiter von geringer Stresstoleranz, die als Risikofaktor für Internetsucht gelten, sind Ziellosigkeit und ein introvertierter Charakter. Aber auch das Geschlecht galt bis vor kurzem als relevant.
    "Es war lange Zeit so, dass ein großer Risikofaktor internetsüchtig zu sein, war männlich zu sein. Vor ein paar Jahren war es noch so, dass alle Prävalenzstudien darauf hingedeutet haben, dass es so gut wie keine weiblichen Betroffenen gibt. Also hat sich jetzt ein bisschen geändert, da sind Frauen im negativsten Sinne auf dem Vormarsch."
    Eine Folge der neuen Angebote, die das Netz bereit hält: Männer werden am häufigsten von Online-Spielen abhängig, die schon sehr früh das www bevölkerten. Frauen gefallen soziale Netzwerke, die erst seit ein paar Jahren allgemein verfügbar sind.
    Weil jede Entwicklung im Netz ein neues Suchtpotential entfalten kann, befürchten Forscher in den kommenden Jahren eine deutliche Verschärfung des Problems. Hans-Jürgen Rumpf, Vorsitzender der Deutschen Gemeinschaft für Suchttherapie, fordert dementsprechend den Ausbau von Präventionsprogrammen.
    "Wenn man sich das anschaut bei anderen Suchterkrankungen, ist das immer so gewesen, dass zunächst die behandelt werden, die die schwerste Problematik haben, und dann manchmal hat man sich 20 Jahre später um Frühinterventionen gekümmert. Vielleicht sollte man da an dem Punkt etwas schneller sein."
    Krankhafter Internetgebrauch ist in Deutschland bislang weder als Sucht noch als psychische Störung offiziell anerkannt. Eine Behandlung muss von den Krankenkassen dementsprechend nicht übernommen werden. Um das zu ändern, hat die Deutsche Gesellschaft für Suchtforschung einen Antrag an die Weltgesundheitsorganisation gestellt, Internetsucht bei einer Überarbeitung des diagnostischen Verzeichnisses mit aufzunehmen.