Protestforscher über Klimabewegung"Fenster offen in Richtung Radikalisierung"

Manche Teile der Klimabewegung reden von "friedlicher Sabotage". Der Soziologe Dieter Rucht hält Gewalt und anonyme Aktionen für den falschen Weg. Aktivisten sollten sich aber mit dem Konzept des zivilen Ungehorsams beschäftigen, sagte Rucht im Dlf.

Dieter Rucht im Gespräch mit Manfred Götzke | 26.12.2021

Bei einer Kundgebung von Fridays for Future hält eine Aktivistin ein Plakat mit der Aufschrift "Fuck die Zeit brennt"
Es gehe um die Existenz der Menschheit, die Zeit dränge - solche Befunde erhöhten den Radikalisierungsdruck, sagt Dieter Rucht (picture alliance/dpa | Christophe Gateau)
Ist die Klimabewegung im Begriff, sich zu radikalisieren? Manche Gruppen sprechen von Aktionen zivilen Ungehorsams und Sabotageakten. Der Klimaaktivist Tadzio Müller sagte in einem Spiegel-Interview für den Sommer 2022 „zerdepperte Autoshowrooms, zerstörte Autos, Sabotage in Gaskraftwerken oder an Pipelines“ voraus.
Auch der Soziologe Dieter Rucht sieht bei der Teilen der Klimabewegung aktuell ein „Fenster offen in Richtung Radikalisierung“, mehr Druck und Drang. Er warnt Aktivisten allerdings vor gewaltsamer Eskalation. Das zentrale Mittel, um den Druck zu erhöhen, sei ziviler Ungehorsam, sagt der Experte für politischen Protest und soziale Bewegungen im Dlf. Er empfiehlt der Klimabewegung, sich mit zivilem Ungehorsam zu beschäftgen; „aber geht dabei überlegt, behutsam vor und achtet darauf, dass ihr nicht die Mehrheiten verliert, sondern dass die dabei bleiben und hinter euch stehen. Vielleicht nicht in der Aktion, aber zumindest in der Billigung, in der Befürwortung dieser Aktion“.
Ziviler Ungehorsam sei aber etwas anderes als Sabotage. Sabotage geschehe aus dem Schutz der Anonymität. Wohlverstandener ziviler Ungehorsam bedeute eine Regelverletzung unter der Bedingung strikter Gewaltfreiheit, etwa in Form einer Sitzblockade oder singenden Protests, Verzicht auf Eskalation, am besten nach Absolvieren eines „Gewaltfreiheitstrainings“. Nicht zuletzt setze ziviler Ungehorsam anders als Sabotage auch voraus, mit Gesicht und Namen zur Tat zu stehen.
Protestforscher Dieter Rucht vor Bücherregal
Protestforscher Dieter Rucht vor Bücherregal (picture alliance / dpa / Sophia Kembowski)
In Bezug auf das Klima von gebotener Notwehr zu sprechen, findet Rucht problematisch. Eine solche Rhetorik erwecke den Eindruck, es bleibe keine andere Handlungsoption als Gewalt.

Vorbild Anti-Atomkraft-Bewegung

Müller selbst war in den 1980er-Jahren in der Anti-Atomkraft-Bewegung aktiv. Deren Erfolg sei „Lohn des langen Atems einer insgesamt friedlich, besonnen agierenden Bewegung, die an allen Fronten erst mal aktiv war“. Mit Straßenprotesten, Besetzungen und nicht zuletzt juristischem Widerstand hätten die Protestierenden die Atomkraft immer teurer gemacht und ihr zusammen mit Tschernobyl und Fukushima hierzulande den Todesstoß versetzt.
Gewalt sei damals nicht erklärtes Konzept gewesen, sondern zum Teil auf ungewollte Eskalationen der Protestierenden oder der Polizei zurückzuführen gewesen.