Donnerstag, 01.10.2020
 
Seit 05:05 Uhr Informationen am Morgen
Startseite@mediasresImmer an die Leserinnen denken22.06.2020

Ippen-VerlagImmer an die Leserinnen denken

Die Ippen-Gruppe ist ein wenig bekannter deutscher Medien-Riese. Dabei gibt das Unternehmen viele Lokal- und Regionalzeitungen heraus und ist auch im Digitalen erfolgreich. Das liegt vor allem an der Fokussierung aufs Lokale.

Von Brigitte Baetz

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
ILLUSTRATION - 18.06.2018, Bayern, München: Eine Lokalzeitung wird über andere Zeitungen gehalten. An der Tagung "Forum Lokaljournalismus" der Bundeszentrale für politische Bildung vom 20. bis zum 22. Juni nehmen 180 Chefredakteure und leitende Redakteure deutscher Regional- und Lokalzeitungen teil. Es geht um Innovationen im Journalismus, die Herausforderungen von Digitalisierung und demografischem Wandel und wie sich ein moderner und leistungsstarker Lokaljournalismus in Zukunft positionieren muss. Foto: Lino Mirgeler/dpa | Verwendung weltweit (Lino Mirgeler / dpa)
Die Ippen-Gruppe setzt nach wie vor auf Lokaljournalismus (Lino Mirgeler / dpa)
Mehr zum Thema

Presse in der Coronakrise Lokalzeitung statt Amazon

Revival der Lokalzeitung in der Coronakrise Am Puls der Leserinnen und Leser

Neues von Nebenan Lokaljournalismus mit Zukunft

Auch mit 79 Jahren spielt Dirk Ippen in seinem Unternehmen noch eine entscheidende Rolle. Die Hälfte der Anteile an seiner Verlagsgruppe hat er abgegeben, unter anderem an seinen Neffen Daniel Schöningh und seinen Sohn Jan Ippen.

Doch der Senior vertritt das Konglomerat aus Tageszeitungen und deren Online-Auftritten, aus Radiostationen und zahlreichen Anzeigenblättern immer noch nach außen und gibt die Linien vor - ganz im Sinne der Erziehung seiner gutbürgerlichen Eltern.

Ippen sagt: "Wer den Marschallstab im Tornister hat, der ist verpflichtet, ihn auch auszupacken, will sagen, wer also eigentlich begabt ist, der muss auch mit seinen Kräften etwas machen. Man darf sich nicht auf die faule Haut legen."

Erste Schritte im Ruhrgebiet

Und das hat Dirk Ippen auch nie getan. Sein Vater, der unter anderem Minderheitsgesellschafter war bei der damals großen "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung", der WAZ, hatte ihm kurz vor seinem Tod Ende der 60er Jahre einen Anteil am "Westfälischen Anzeiger" in Hamm verschafft – einem Unternehmen mit Substanz, aber ohne große Zukunftsvision.

Der erst 28-jährige Dirk Ippen schaffte es als Juniorverleger und Chefredakteur in Personalunion, den Verlag zu restrukturieren und das Blatt publizistisch stärker in der Region zu verankern. Das kam ihm dann auch zugute, als die WAZ versuchte, den "Westfälischen Anzeiger" zu verdrängen. Doch David schlug Goliath.

"Viele große Dinge scheitern an Kleinigkeiten. Die WAZ ist in Hamm auch letzten Endes an Kleinigkeiten gescheitert, weil sie dachten: Wir sind die große WAZ. Uns liebt jeder. Aber die wussten gar nicht, wie genau die Befindlichkeiten der Leser in Hamm sind."

Lokales wichtiger als die große weite Welt

Dirk Ippen hatte für sich erkannt, dass die Leser sich in ihrer Zeitung wiederfinden wollen, sich im Zweifel eher für die Taubenzucht interessierten als für die Lage am Persischen Golf. Edelfedern und Großkommentatoren findet man in der Ippen-Presse daher bis heute eher selten, dafür viel von dem, was oft von überregional arbeitenden Journalisten belächelt wird: Lokalkolorit.

"Der Kern der Zeitung ist nämlich nicht, Nachrichten zu vermitteln. Das war immer nicht der Kern und heute schon erst recht nicht, wo ich bei Google und anderswo jede Nachricht beliebig finde, sondern der Kern der Zeitung ist, eine Gemeinschaft zu schaffen und sogar immer so etwas wie das gedruckte Facebook, wo man sich wiederfindet. Und das ist in der Tat in Großstädten immer schwieriger geworden", sagt Ippen.

Auch im Digitalen erfolgreich

Und deshalb hat die regional basierte Ippen-Gruppe weniger zu kämpfen als andere Verlage. Dirk Ippens Sohn Jan hat zudem als einer der ersten in der Branche ein System für die Verlagsgruppe entwickelt, das es erlaubt, redaktionelle und Werbe-Synergien für die inzwischen über 50 Newsportale zu nutzen. Es hilft auch, Artikel im Google-Ranking ganz nach oben zu bekommen.

Dirk Ippen steht mit gefalteten Händen in einem Restaurant. (imago/ B. Lindenthaler)Dirk Ippen mischt in seinem Verlag immer noch mit (imago/ B. Lindenthaler)

Die wichtige Lokalberichterstattung wird vor Ort koordiniert, Überregionales und Vermischtes hauptsächlich in den Zentralredaktionen in München und Frankfurt. Aber weiterhin gilt Ippens Vorgabe: nicht am Leser vorbeischreiben, auch nicht am Online-Leser.

"Sie können nicht in einer, wenn sie irgendwo streng katholisch und einer katholischen Landgegend sind - ich sage mal, wie wir in Oberbayern - da können Sie keine Zeitung machen, wo Landwirtschaft und Kirche und alles Mögliche verächtlich gemacht wird. Das passt einfach nicht. Umgekehrt, wenn Sie in Bremen eine Zeitung herausgeben, die muss auch ein bisschen anders sein", so Ippen.

Blick auf die Zahlen

Aus dem Verlag des "Westfälischen Anzeigers" heraus hatte Dirk Ippen über Jahre durch geschickte Zukäufe so genannter Kreisblätter, also Zeitungen, die einen Landkreis abdecken, ein deutschlandweites Netz von Regional- und Lokalblättern geschaffen – selten als Alleinverleger, sondern meistens in Kooperation.

"Es waren Familienunternehmen, die waren durch Generationen in der Familie gewesen. Und irgendwann lässt dann mal auch die unternehmerische Kraft nach. Irgendwann gibt es dann auch zu viele Miterben und Tanten und Nichten und Neffen, die alle vor allem Geld sehen wollen und keine innere Beziehung mehr haben zu dem Unternehmen und den aktiven Gesellschaftern das Leben nur schwer machen."

Dirk Ippen hat sich solche Unternehmen systematisch herausgesucht und wieder auf unternehmerische Linie gebracht. Genauso, wie er es mit dem "Münchner Merkur" und zuletzt mit der "Frankfurter Rundschau" gemacht hat.

Vom Massen- zum Nischenprodukt

Der Altverleger blieb immer in erster Linie Kaufmann – was sich nicht rechnet, wird auch nicht weiter finanziert. Das mussten jüngst die Mitarbeiter des "Siegerlandkuriers" erfahren, einem kleinen, aber publizistisch renommierten Anzeigenblatt, das vom Ippen-Verlag "Westfälischer Anzeiger" an die Konkurrenz verkauft und dann von dieser eingestellt wurde.

Dirk Ippen macht sich keine Illusionen über die Zukunft der gedruckten Presse. Das Produkt Zeitung werde durch die Digitalisierung vom Massen- zum Nischenmarkt. Wer zu klein sei, werde über kurz oder lang geschluckt. 

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk