Burkhard Birke: Steht der Irak an der Schwelle zum Bürgerkrieg?
Hussein Al-Mozany: Ja, offensichtlich schon, wenn man – wir haben gerade die Berichte gehört, da sind gestern 130 Menschen ums Leben gekommen, das sind natürlich beunruhigende Nachrichten. Allerdings, das war auch zu erwarten.
Birke: Weshalb?
Al-Mozany: Also, man gönnt offensichtlich den Irakern überhaupt keine Atempause. Wir erleben seit Jahren - eigentlich seit der Besatzung Iraks durch die amerikanischen, britischen Truppen - tagtäglich blutige Anschläge. Und da hat sich vorgestern natürlich die Lage eskaliert, weil man hat das als letzten Versuch unternommen, um überhaupt diesen Bürgerkrieg zu schüren, und hat man natürlich jetzt Erfolg damit.
Birke: Sie halten das also für eine bewusste Provokation, diese Bombardierung des heiligen Schreins von Samarra?
Al-Mozany: Das ist eindeutig. Also das ist natürlich klar: Wer traut sich, so etwas zu machen? Selbst die, also die Leute, die in Samarra, die sind mehrheitlich Sunniten, die werden auch diesen Schritt gar nicht unternehmen. Die haben sogar dagegen demonstriert, als sie davon erfuhren.
Birke: Heißt das, dass jetzt Sunniten gegen Schiiten, Muslime gegen Muslime, zu Feld ziehen?
Al-Mozany: Wenn man überhaupt die gesamtarabische Lage, islamische Lage betrachtet, da gab es natürlich diese Tendenzen. Es gibt Leute, die versuchen - also zum Beispiel Nachbarstaaten Iraks wie Iran, wie Saudi-Arabien, wie Syrien -, das so genannte amerikanische Projekt im Irak zum Scheitern zu bringen. Und die versuchen natürlich, die politische Lage im Irak zu beeinflussen. Und wiederum die politische Führung im Irak ist nicht einheitlich, sie arbeiten nicht im Sinne des Landes, sondern in deren Sinne. Und das ist natürlich auch sehr schwer und sehr problematisch für das Land.
Birke: Erklären Sie doch noch mal einem Nichtmoslem, weshalb dieser Schrein für die Schiiten so bedeutend ist oder ob hier wirklich eher die Politik der maßgebende Faktor für die Konflikte ist oder die Religion.
Al-Mozany: Ja also die sind zwei schiitische, der zehnte und elfte schiitische Imam, das sind die Nachfolger des Propheten Mohammed, und zwei davon sind dort begraben. Und das ist natürlich ein Heiligtum nicht nur für die Schiiten, sondern auch für die Gesamtmuslime, weil da sind die Sprösslinge der Familie des Propheten Mohammed. Und das ist natürlich auch ein Wallfahrtsort im Grunde genommen für alle Muslime.
Birke: Für alle Muslime. Das heißt, es müsste doch eigentlich auch Sunniten und Schiiten irgendwo verbinden?
Al-Mozany: Das sollte eigentlich ein Verbindungsglied sein. Aber die politische Lage im Irak hat das natürlich nicht erlaubt, mehr oder weniger. Weil jeder verfolgt, es gibt natürlich nicht in diesem Sinne den Iraker, es gibt auch den Schiiten und den Sunniten und versuchte natürlich dadurch auch politisch zu gewinnen, also an Boden zu gewinnen. Und es geht ihnen nicht in erster Linie um das Gesamtinteresse Iraks und seiner Bevölkerung, sondern deren Interesse.
Birke: Herr Al-Mozany, wie groß schätzen Sie die Gefahr ein, dass jetzt die andere große schiitische Nation, der Nachbar Iran, eingreift, um die Glaubensbrüder im Irak vermeintlicherweise zu schützen?
Al-Mozany: Also, wenn wir wiederum auch die Gesamtlage betrachten, die gesamtarabische, islamische Lage, dann werden wir feststellen, dass Schiiten sind erst mal die Minderheit, die machen wahrscheinlich 10 bis 15 Prozent der Gesamtbevölkerung aus, und die sind letztendlich angewiesen auf die Unterstützung Irans. Also wenn die Sunniten weiteren Druck auf die Schiiten ausüben, dann gehen die automatisch, also die Fahnen in die Hände Irans. Und das ist willkommen für die Iraner, weil die Iraner, die haben vitale Interessen, den Irak zu destabilisieren, damit das gesamte amerikanische Projekt zu torpedieren. Und natürlich es gibt andere Kräfte, angenommen, dass die Amerikaner irgendwann dann sich zurückziehen, dann würden wahrscheinlich die Iraner in diesem Sinne den Irak besitzen oder den Irak beeinflussen, und da kommt von der anderen Seite natürlich Saudi-Arabien.
Birke: Wie kann denn sichergestellt werden, dass es eine innerirakische Lösung gibt? Die größte Sunnitenpartei, die Front Irakischer Eintracht, hat ja gestern jede Verhandlungen mit der schiitisch geführten Regierung jetzt abgelehnt, auch um eine endgültige Regierungsbildung. Wie kann es denn da gelingen, überhaupt die Wogen der Entrüstung zu glätten?
Al-Mozany: Es kann nur dann gelingen, wenn die Leute aufhören, schiitisch oder sunnitisch oder überhaupt, also islamisch vielleicht zu denken, sondern ein bisschen patriotisch wie die Kurden es jetzt also gerade tun. Sie machen eigentlich ganz vernünftige Politik, meine ich. Und die hätten auch die Araber als Vorbild zu nehmen, weil in Wirklichkeit, also steht zum Beispiel - im Gegensatz zum Libanon - steht auf dem irakischen Ausweis kein Wort, also Schiit oder Sunnit, sondern alle sind Muslim, mehr oder weniger. Und alle, die haben eine gewisse Verwandtschaft, also die arabisch-irakischen Stämme. Und wenn sie das wirklich also in Betracht ziehen, dass sie alle Iraker sind und sie müssen dem Land dienen. Aber die politische Führung dient sich selbst. Und das ist natürlich das Problem.
Birke: Haben Sie denn noch Hoffnung, dass es eine Einheitsregierung geben wird? Oder wird das Land zersplittern?
Al-Mozany: Ich glaube, nicht, also in dieser kurzen Zeit nicht, weil es gibt Kräfte, die - also im Inland als auch im Ausland -, die versuchen, die Lage so instabil aufrechtzuerhalten, bis vielleicht irgendwann, also dass die tatsächlich als die Gewinner aus diesem Wirrwarr hervorgehen.
Birke: Was bedeutet das für die Besatzungsmacht USA?
Al-Mozany: Das ist eine schwierige Aufgabe. Die Amerikaner, die haben bis jetzt nicht geschafft, weil die haben offensichtlich auch keine Pläne, die hatten eigentlich, die tragen auch Schuld mit, im Sinne von, dass sie auch das nicht genügend geschützt haben, also diese Heiligtümer. Die wissen genau, dass sie auch Ziele terroristischer Aktionen sein könnten, aber trotzdem die haben die irakische Armee nicht ausreichend bewaffnet und ausgerüstet. Und die haben auch den politischen Druck gegen die Schiiten nicht also gut gemacht oder gemanagt. Und die haben natürlich überhaupt keine Glaubwürdigkeit seitens der Sunniten im Irak.
Birke: Man kann aus Fehlern lernen. Was würden Sie den Amerikanern empfehlen?
Al-Mozany: Ich würde den Amerikanern empfehlen, vielleicht mit den Europäern zusammenzuarbeiten, mit den arabischen und islamischen Staaten, vielleicht versuchen, Kontakt zu Iran hin, weil Iran beeinflusst die Lage. Wir wissen genau, dass die schiitische politische Führung im Irak, die ist zum Teil von Iran ausgebildet und finanziell unterstützt, und bis heute ist das immer noch der Fall. Also Iran spielt eine entscheidende Rolle. Wenn Iran boykottiert wird und außer Acht gelassen, dann die werden natürlich ihr Spiel spielen und die kooperieren jetzt auch mit Hamas und mit anderen radikalen Kräften der arabischen Welt, um weiteren Einfluss zu gewinnen.
Hussein Al-Mozany: Ja, offensichtlich schon, wenn man – wir haben gerade die Berichte gehört, da sind gestern 130 Menschen ums Leben gekommen, das sind natürlich beunruhigende Nachrichten. Allerdings, das war auch zu erwarten.
Birke: Weshalb?
Al-Mozany: Also, man gönnt offensichtlich den Irakern überhaupt keine Atempause. Wir erleben seit Jahren - eigentlich seit der Besatzung Iraks durch die amerikanischen, britischen Truppen - tagtäglich blutige Anschläge. Und da hat sich vorgestern natürlich die Lage eskaliert, weil man hat das als letzten Versuch unternommen, um überhaupt diesen Bürgerkrieg zu schüren, und hat man natürlich jetzt Erfolg damit.
Birke: Sie halten das also für eine bewusste Provokation, diese Bombardierung des heiligen Schreins von Samarra?
Al-Mozany: Das ist eindeutig. Also das ist natürlich klar: Wer traut sich, so etwas zu machen? Selbst die, also die Leute, die in Samarra, die sind mehrheitlich Sunniten, die werden auch diesen Schritt gar nicht unternehmen. Die haben sogar dagegen demonstriert, als sie davon erfuhren.
Birke: Heißt das, dass jetzt Sunniten gegen Schiiten, Muslime gegen Muslime, zu Feld ziehen?
Al-Mozany: Wenn man überhaupt die gesamtarabische Lage, islamische Lage betrachtet, da gab es natürlich diese Tendenzen. Es gibt Leute, die versuchen - also zum Beispiel Nachbarstaaten Iraks wie Iran, wie Saudi-Arabien, wie Syrien -, das so genannte amerikanische Projekt im Irak zum Scheitern zu bringen. Und die versuchen natürlich, die politische Lage im Irak zu beeinflussen. Und wiederum die politische Führung im Irak ist nicht einheitlich, sie arbeiten nicht im Sinne des Landes, sondern in deren Sinne. Und das ist natürlich auch sehr schwer und sehr problematisch für das Land.
Birke: Erklären Sie doch noch mal einem Nichtmoslem, weshalb dieser Schrein für die Schiiten so bedeutend ist oder ob hier wirklich eher die Politik der maßgebende Faktor für die Konflikte ist oder die Religion.
Al-Mozany: Ja also die sind zwei schiitische, der zehnte und elfte schiitische Imam, das sind die Nachfolger des Propheten Mohammed, und zwei davon sind dort begraben. Und das ist natürlich ein Heiligtum nicht nur für die Schiiten, sondern auch für die Gesamtmuslime, weil da sind die Sprösslinge der Familie des Propheten Mohammed. Und das ist natürlich auch ein Wallfahrtsort im Grunde genommen für alle Muslime.
Birke: Für alle Muslime. Das heißt, es müsste doch eigentlich auch Sunniten und Schiiten irgendwo verbinden?
Al-Mozany: Das sollte eigentlich ein Verbindungsglied sein. Aber die politische Lage im Irak hat das natürlich nicht erlaubt, mehr oder weniger. Weil jeder verfolgt, es gibt natürlich nicht in diesem Sinne den Iraker, es gibt auch den Schiiten und den Sunniten und versuchte natürlich dadurch auch politisch zu gewinnen, also an Boden zu gewinnen. Und es geht ihnen nicht in erster Linie um das Gesamtinteresse Iraks und seiner Bevölkerung, sondern deren Interesse.
Birke: Herr Al-Mozany, wie groß schätzen Sie die Gefahr ein, dass jetzt die andere große schiitische Nation, der Nachbar Iran, eingreift, um die Glaubensbrüder im Irak vermeintlicherweise zu schützen?
Al-Mozany: Also, wenn wir wiederum auch die Gesamtlage betrachten, die gesamtarabische, islamische Lage, dann werden wir feststellen, dass Schiiten sind erst mal die Minderheit, die machen wahrscheinlich 10 bis 15 Prozent der Gesamtbevölkerung aus, und die sind letztendlich angewiesen auf die Unterstützung Irans. Also wenn die Sunniten weiteren Druck auf die Schiiten ausüben, dann gehen die automatisch, also die Fahnen in die Hände Irans. Und das ist willkommen für die Iraner, weil die Iraner, die haben vitale Interessen, den Irak zu destabilisieren, damit das gesamte amerikanische Projekt zu torpedieren. Und natürlich es gibt andere Kräfte, angenommen, dass die Amerikaner irgendwann dann sich zurückziehen, dann würden wahrscheinlich die Iraner in diesem Sinne den Irak besitzen oder den Irak beeinflussen, und da kommt von der anderen Seite natürlich Saudi-Arabien.
Birke: Wie kann denn sichergestellt werden, dass es eine innerirakische Lösung gibt? Die größte Sunnitenpartei, die Front Irakischer Eintracht, hat ja gestern jede Verhandlungen mit der schiitisch geführten Regierung jetzt abgelehnt, auch um eine endgültige Regierungsbildung. Wie kann es denn da gelingen, überhaupt die Wogen der Entrüstung zu glätten?
Al-Mozany: Es kann nur dann gelingen, wenn die Leute aufhören, schiitisch oder sunnitisch oder überhaupt, also islamisch vielleicht zu denken, sondern ein bisschen patriotisch wie die Kurden es jetzt also gerade tun. Sie machen eigentlich ganz vernünftige Politik, meine ich. Und die hätten auch die Araber als Vorbild zu nehmen, weil in Wirklichkeit, also steht zum Beispiel - im Gegensatz zum Libanon - steht auf dem irakischen Ausweis kein Wort, also Schiit oder Sunnit, sondern alle sind Muslim, mehr oder weniger. Und alle, die haben eine gewisse Verwandtschaft, also die arabisch-irakischen Stämme. Und wenn sie das wirklich also in Betracht ziehen, dass sie alle Iraker sind und sie müssen dem Land dienen. Aber die politische Führung dient sich selbst. Und das ist natürlich das Problem.
Birke: Haben Sie denn noch Hoffnung, dass es eine Einheitsregierung geben wird? Oder wird das Land zersplittern?
Al-Mozany: Ich glaube, nicht, also in dieser kurzen Zeit nicht, weil es gibt Kräfte, die - also im Inland als auch im Ausland -, die versuchen, die Lage so instabil aufrechtzuerhalten, bis vielleicht irgendwann, also dass die tatsächlich als die Gewinner aus diesem Wirrwarr hervorgehen.
Birke: Was bedeutet das für die Besatzungsmacht USA?
Al-Mozany: Das ist eine schwierige Aufgabe. Die Amerikaner, die haben bis jetzt nicht geschafft, weil die haben offensichtlich auch keine Pläne, die hatten eigentlich, die tragen auch Schuld mit, im Sinne von, dass sie auch das nicht genügend geschützt haben, also diese Heiligtümer. Die wissen genau, dass sie auch Ziele terroristischer Aktionen sein könnten, aber trotzdem die haben die irakische Armee nicht ausreichend bewaffnet und ausgerüstet. Und die haben auch den politischen Druck gegen die Schiiten nicht also gut gemacht oder gemanagt. Und die haben natürlich überhaupt keine Glaubwürdigkeit seitens der Sunniten im Irak.
Birke: Man kann aus Fehlern lernen. Was würden Sie den Amerikanern empfehlen?
Al-Mozany: Ich würde den Amerikanern empfehlen, vielleicht mit den Europäern zusammenzuarbeiten, mit den arabischen und islamischen Staaten, vielleicht versuchen, Kontakt zu Iran hin, weil Iran beeinflusst die Lage. Wir wissen genau, dass die schiitische politische Führung im Irak, die ist zum Teil von Iran ausgebildet und finanziell unterstützt, und bis heute ist das immer noch der Fall. Also Iran spielt eine entscheidende Rolle. Wenn Iran boykottiert wird und außer Acht gelassen, dann die werden natürlich ihr Spiel spielen und die kooperieren jetzt auch mit Hamas und mit anderen radikalen Kräften der arabischen Welt, um weiteren Einfluss zu gewinnen.
