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StartseiteEine WeltHashd al-Shaabi - Volksmilizen mit Loyalitätsproblem13.07.2019

IrakHashd al-Shaabi - Volksmilizen mit Loyalitätsproblem

Sie kämpften erfolgreich gegen den IS und haben daher Einfluss und ein gutes Image: Die Hashd al-Shaabi-Milizen im Irak. Doch nun steht die Loyalität einiger Einheiten der Hashd in Frage - denn die sollen nicht auf die Regierung in Bagdad, sondern auf den Iran hören.

Von Carsten Kühntopp

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Fünf Männer, Mitglieder der schiitischen "Hashd al-Shaabi"-Milizen auf einem Militär-Lkw. in West Mosul. (picture alliance / Sebastian Backhaus )
Etwa 150.000 Bewaffnete umfassen die "Volksmobilisierungseinheiten", die 2014 entstanden, um den IS zu bekämpfen - auch mit Hilfe des Iran (picture alliance / Sebastian Backhaus )
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Seit vierzig Jahren ist die Geschichte des Irak vor allem eine Geschichte von Krieg, Konflikt und Terror. Erst jetzt – wo das Kalifat des IS zerschlagen ist – sehen viele Iraker eine Chance, endlich ein friedliches, stabiles Land aufzubauen. Doch eine militärische Konfrontation zwischen den USA und dem Iran könnte diesen Traum platzen lassen.

Etwa 150.000 Bewaffnete

Vor dem Hintergrund der Krise verfolgt die irakische Regierung deshalb jetzt eine Politik der Äquidistanz, des gleichen Abstands zu Washington und zu Teheran. Ihsan Shemari, ein regierungsnaher Politologe in Bagdad:

"Die offizielle irakische Entscheidung ist, dass der Irak nicht Teil dieses Konflikts sein wird, weder auf der iranischen, noch auf der amerikanischen Seite. Der Irak wird sich nicht auf der Seite eines dieser Länder positionieren."

Doch ob diese Politik Erfolg haben wird, dürfte wesentlich von etwa 150.000 Bewaffneten abhängen – den Milizionären, die unter dem Namen Hashd al-Shaabi, zu deutsch etwa "Volksmobilisierungseinheiten", zusammengefasst sind. Sie wurden 2014 ins Leben gerufen, durch eine Fatwa, mit der Großayatollah Ali al-Sistani nach dem Fall von Mossul zu einer Offensive gegen den IS blies.

[*] Zivilisten, die gegen den IS kämpfen wollten, schlossen sich daraufhin zu paramilitärischen Verbänden zusammen. Und bereits bestehende Milizen, wie die bewaffneten Flügel der politischen Parteien, wurden in die Hashd eingegliedert. Schließlich erklärte die Regierung die Volksmobilisierungseinheiten zu einem Teil der regulären Streitkräfte und bezahlt sie seitdem auch so.

Milizen nun von Teheran unterwandert?

Während der vergangenen Jahre spielten die Hashd dann eine entscheidende Rolle im Kampf gegen den IS. Gegen Bezahlung aus Bagdad lieferte ihnen der Iran dabei Waffen und Munition. Und er schickte Militärberater. So wurde Qassem Suleimani, Kommandeur der Quds-Brigaden, einer Eliteeinheit der iranischen Revolutionsgarden, häufig an der Front gesichtet.

Jetzt steht die Loyalität einiger Einheiten der Hashd in Frage. Der irakische Analyst Watheq al-Hashimi sagt, einige von ihnen hörten nicht auf Bagdad, sondern auf Teheran:

"Es gibt einige Anführer der Hashd al-Shaabi, die im Fernsehen klar Position bezogen. Auf die Frage, wen sie bei einem Krieg gegen den Iran und den Irak zuerst verteidigen würden, sagten sie, zuerst den Iran. Ich habe die Hashd in zwei Gruppen geteilt. Die erste Gruppe sind die Kämpfer, die der Fatwa von Sistani folgten – das sind freiwillige, dem Irak treu ergebene Kämpfer. Die zweite Gruppe sind die religiös motivierten Einheiten. Sie gehören dem Iran, sind gut organisiert, und sie kann man kaum unter Kontrolle bringen."

Angriffe auf amerikanische Ziele im Irak

Auch in der Politik sind pro-iranische Milizen und ihre zivilen Vertreter einflussreich. So ist die Badr-Organisation mit 60 Abgeordneten im Parlament vertreten. Ihr Chef hat der irakischen Regierung zwar ausdrücklich Gefolgschaft geschworen; aber einer seiner Vize, Mouin al-Kazmi, warnt die USA:

"Wenn der Irak für einen Angriff auf den Iran benutzt wird, wird es eine heftige Reaktion unseres Volkes geben. Denn so etwas wäre gegen die irakische Verfassung und gegen den Kurs der irakischen Regierung. Das könnte sich zu einer Konfrontation gegen die US-Soldaten im Irak entwickeln."

Etwa 5.200 Armeeangehörige haben die USA derzeit im Land stationiert. Während der vergangenen Wochen gab es bereits mehrere Raketenangriffe auf amerikanische Ziele im Irak. Zwar weiß angeblich niemand, wer dafür verantwortlich war; aber die Angriffe wurden als Botschaft aus Teheran verstanden. Im Mai überbrachte der US-Außenminister in Bagdad deshalb eine klare Nachricht: Sollte Amerika im Irak attackiert werden, werden die USA ohne Rücksicht auf die irakische Regierung antworten. Kurz darauf erklärte der irakische Ministerpräsident Adel Abdel Mahdi:

"Wir können nicht zulassen, dass die Angriffe durch Mörser und Katjuscha-Raketen weitergehen. Ich habe unser Militär angewiesen, die Täter zu verfolgen und sie zur Verantwortung zu ziehen und alle nötigen Schritte zu veranlassen, um diese Angriffe zu stoppen."

Kraftprobe: Mahdi beschneidet die Macht der Milizen

Auch ihre wirtschaftliche Macht weiten einige Hashd-Einheiten aus. In den Regionen, in denen sie stationiert sind, betreiben sie – Mafia-ähnlich - einträgliche Geschäfte, darunter auch Ölschmuggel und Geldwäsche. Das kratzt zunehmend an ihrem Image, an dem Respekt, den sie sich während des Kampfes gegen den IS bei Irakern erarbeitet hatten. Mit den Hashd geht es so nicht weiter, sagt ein Passant in Bagdad:

"Wegen der prekären Sicherheitslage müssen die Hashd und andere Gruppen dringend unter die Führung der Armee gestellt werden, damit wir im Irak sicher sein können."

Jetzt riskiert Ministerpräsident Abdel Mahdi ein weiteres Mal eine Kraftprobe. Am 1. Juli erließ er einen Exekutivbefehl. Ohne Regierungserlaubnis dürfen die Hashd fortan keine Stützpunkte mehr unterhalten, keine Kontrollposten betreiben, keine Truppen bewegen, keine Waffen lagern. Ihre Handelsbüros werden geschlossen, die Namen ihrer Einheiten müssen sie aufgeben und die Verbindungen zur Politik kappen – all das, so Abdel Mahdi ultimativ – bis Ende Juli.

Doch im Parlament hat der Ministerpräsident keine eigene Hausmacht. Gut möglich also, dass einige der Volksmobilisierungseinheiten seine Anordnungen schlicht ignorieren werden.

[*] Anmerkung der Redaktion: An dieser Stelle wurde eine Passage fälschlicherweise als direkte Rede gekennzeichnet. Wir haben diesen Fehler korrigiert.

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