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StartseiteSport am WochenendeEin Instrument der Machtelite13.12.2020

Irans Vorzeigeklub PersepolisEin Instrument der Machtelite

Am kommenden Samstag findet in Katar das Finale der asiatischen Champions League statt. Ein Team steht bereits fest: Persepolis aus Teheran. Seit seiner Gründung 1963 ist der Klub ein Symbol für die Geschichte des Iran. Für das durch US-Sanktionen isolierte Regime wäre der Titel auch ein politischer Triumph.

Von Ronny Blaschke

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Drei Persepolis-Spieler laufen jubelnd über den Platz. (imago images / Xinhua)
Persepolis-Spieler bejubeln einen Sieg im Elfmeterschießen im Halbfinale der asiatischen Champions League (imago images / Xinhua)
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Im Jahr 1971 feiert der Schah sich und seine Familie. Etliche Veranstaltungen erinnern an 2.500 Jahre iranische Monarchie. Im selben Jahr geht der Fußballtitel erstmals an den jungen Verein Persepolis, benannt nach einer Hauptstadt des antiken Perserreiches. Nach der Islamischen Revolution 1979 wird der Klub umbenannt in Pirouzi, Sieg, berichtet der freie Journalist Behrang Samsami.

"Damit waren die Fans auf jeden Fall nicht zufrieden. Sie haben ihn weiter so genannt, entweder Persepolis oder ,Die Roten‘. Und 2012 wurde er wieder umbenannt in Persepolis, auch offiziell. Damit wird signalisiert, dass diese persisch-nationalistische Linie im Iran der Islamischen Republik auch offiziell salonfähig ist."

Der iranische Fußballprofi Vorya Ghafouri wurde ins Sportministerium bestellt - nachdem er sich kritisch gegenüber der Regierung geäußert hatte.  (imago images / AFLOSPORT) (imago images / AFLOSPORT)Fußball im Iran - Spielfeld des Protests
Die Lage im Verhältnis des Iran zu anderen Staaten eskalierte nach der Tötung des iranischen Generals Soleimani durch eine US-Drohne. Welche Folgen hat das für die Alltagskultur? Besonders deutlich werden die politischen Spannungen im Iran schon seit Jahrzehnten im Fußball.

Rassismus gegen nicht-persische Iraner

Mit zwölf Meistertiteln steigt Persepolis zum Rekordmeister auf. Der Verein gilt als seltenes Symbol, mit dem sich religiöse und säkulare Iraner identifizieren können. Und er spricht persisch-sprachige Minderheiten in Afghanistan und Zentralasien an. Für andere Bevölkerungsgruppen verkörpert Persepolis dagegen den Zentralismus, der von der Hauptstadt Teheran ausgeht. Das bekommen die Fans des Klubs Tractor in Täbris zu spüren, im aserbaidschanisch geprägten Nordwesten des Iran. Behrang Samsami, auch Mitarbeiter im Bundestag, beschreibt die Realität in der Fankultur:

"Es ist so, dass die nicht-persischen Ethnien nicht die Möglichkeit haben, ihre Sprachen und Kultur auszuleben. Und wenn man das beansprucht, so wie die turkstämmigen Iraner, wie sie das auf dem Wege des Fußballs mit Tractor machen, dann wird halt massiv angegriffen von Fans von Persepolis. Es gibt seit Jahrzehnten schon die Beleidigung der Aserbaidschaner als Esel."

Mit den meisten Fans in Asien

Persepolis versammelt die Machtelite hinter sich: Politiker, Religionsgelehrte, Militär. Bereits 2002 übernahm ein Kommandeur der einflussreichen Revolutionsgarden den Vereinsvorsitz. Viele iranische Klubs stehen unter der Kontrolle von Ministerien und Staatsbetrieben. Aber Persepolis werde vom Sportminister bevorzugt, betonen Fans des Teheraner Rivalen Esteghlal. Christoph Becker, Sportredakteur der FAZ, ist Spezialist für den Iran:

"Das würde sich niederschlagen zum Beispiel in so ganz einfachen Dingen wie, das irgendjemand entscheidet, dass Esteghlal zum Auswärtsspiel nach Isfahan nicht mit dem Flugzeug fliegt, sondern mit dem Bus fahren muss. In dem Wissen, dass man zwei, drei Tage später schon das nächste Spiel hat. Und so die Mannschaft müde und mürbe macht."

Die Mannschaft ist in zwei Reihen aufgestellt, wie es bei Mannschaftsfotos üblich ist. (AmirHossein Kheirkhah/imago)Persepolis-Mannschaftsfoto zum iranischen Saisonbeginn im November (AmirHossein Kheirkhah/imago)

Laut dem Asiatischen Fußballverband ist Persepolis der Verein mit den meisten Anhängern in Asien. Auch unter den mehr als zwei Millionen Iranern im Ausland ist die Unterstützung groß. Persepolis besitzt Immobilien in Teheran und knüpft ein verzweigtes Mediennetzwerk. Mehrfach hat das Sportministerium eine Privatisierung von Persepolis in Aussicht gestellt, aber stets verschoben. Es sind die iranischen Machtstrukturen, sagt Christoph Becker, die das enorme Wachstumspotenzial blockieren.

"Erstens aufgrund dieser undurchsichtigen Strukturen. Zweitens aufgrund dieser zum Himmel schreienden Vetternwirtschaft. Selbst wenn die Leute Geld hätten, um sich viele Fanartikel zu kaufen, haben die Vereine über diese Vermarktungsschiene kaum das Potenzial, weil das Recht am geistigen Eigentum kaum geschützt ist. Es gibt kaum Fernsehgeld. Und dann kommt noch dazu, dass die Vereine nicht mal eigene Stadien haben, mit denen sie Geld verdienen könnten. Die Stadien gehören dem Staat."

Kritische Spieler werden vorgeladen

Vor einem Jahr protestierten Zehntausende gegen das Regime. Die wenigen Nationalspieler, die sich kritisch äußern, werden mitunter ins Sportministerium vorgeladen, etwa Voria Ghafouri von Esteghlal. Führende Politiker sahen die Schuld bei "fremden Mächten". Erst recht, nachdem im Januar der iranische Kommandeur Qasem Soleimani von einer US-Drohne getötet wurde. Omid Nouripour, außenpolitischer Sprecher der grünen Bundestagsfraktion:

"Es gibt Druck auf die Spieler, nicht nur von Persepolis, sondern auch von anderen Vereinen, die – in Anführungsstrichen – den ,nationalen Helden‘ und den ,Verteidiger der Nation‘ Soleimani betrauert haben. Wir haben das gerade genauso im Übrigen mit dem Atomwissenschaftler, der umgebracht wurde. Aber auf der anderen Seite ist es auch ein Stück rituell. Alle wissen, dass es da Druck dahinter gibt. Das ist ja das Alltagsleben aller."

Die iranische Wirtschaft ist seit Jahren in der Krise, die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei fast dreißig Prozent. Offiziell macht das Regime die Wirtschaftssanktionen der USA dafür verantwortlich. Nun könnte Persepolis zum ersten Mal die asiatische Champions League gewinnen. Auch die Religionsführer könnten das für sich nutzen. Obwohl der Vereinsname an eine Zeit erinnert, in der es den Islam noch gar nicht gab.

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