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StartseiteBüchermarktSelbstausplünderung fürs literarische Tagesgeschäft26.05.2019

Isaac Bashevis Singer: "Jarmy und Keila"Selbstausplünderung fürs literarische Tagesgeschäft

Ein neues Buch des einzigen Literaturnobelpreis­trägers der jiddischen Sprache, Isaac Bashevis Singer, ist jetzt erschienen. 28 Jahre nach seinem Tod liegt von ihm nun erstmals der Roman "Jarmy und Keila" vor. Warum so spät?

Von Florian Felix Weyh

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Der Vizevorsitzende der schwedischen Bank (Svenska Handelsbanken), Tore Browald (l), beobachtet den Literatur-Nobelpreisträger Isaac Bashevis Singer (r, "Mein Vater der Rabbi") beim Unterschreiben des Nobelpreis-Schecks am 11. Dezember 1978 in Stockholm.  (A0001_UPI)
Isaac Bashevis Singer beim Unterschreiben des Nobelpreis-Schecks am 11. Dezember 1978 in Stockholm (A0001_UPI)
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Seit Jahrtausenden, vielleicht seit Anbeginn der Menschheit, begegnet man immer wieder einem Manne: "Er hatte Schwestern, Brüder und Kinder, die er nie gesehen hatte. Er hat­te Ehefrauen in Polen, Argentinien und Kanada verlassen. Er war schon in Me­xiko, Bolivien, Uruguay und Trinidad gewesen, hatte in den Kasinos von Monte Carlo, Mar del Plata, Zapata gespielt."

Ein unstetes Leben, wie es nur polyglotte Menschen führen können: "Außer Jiddisch sprach Max Polnisch, Russisch, Deutsch, Spanisch, Por­tugiesisch und Englisch. In einem Zug von Kiew nach Odessa hatte ihn eine Generalsgattin in ein separates Abteil der ersten Klasse geführt und sich ihm hingegeben."

Anziehend scheint er zu sein, dieser Mann – ein Weiberheld: "Jahrelang hatte er als Schlepper fungiert, Mädchen fachmännisch ver­führt und aufs Bordell vorbereitet. Er gab häufig damit an, dass er die weib­liche Psyche kenne, wisse, wie man Frauen überredete, sie so um­garnte, dass ihnen nichts anderes übrigblieb, als sich verkaufen zu las­sen."

Aber das ist nur die halbe Wahrheit: "Obwohl er alle diese Frauen erobert hatte, zog es ihn nur zu Männern hin. In den Gefängnissen, in denen er Strafen abgesessen hatte, war ihm immer ein Homosexueller zu Willen gewesen."

Zum Beispiel Jarmy Stachel, ein Kleinkrimineller, der mit dem "Lahmen Max", um den handelt es sich nämlich beim geschilderten Manne, eine Zelle geteilt hat. Wie er lahmt, dieser Max, wird in Isaac Bashevis Singers Roman "Jarmy und Keila" – der wechselhaften Beziehungsgeschichte zwischen einem Kleingauner und einer Prostituierten ­– nie ganz genau beschrieben, doch der Kontext und vor allem des Lahmenden Aura verraten es deutlich: Max wird wohl hinken! 

Der Teufel ist ein Kleinkrimineller mit verführerischem Charme

Hinken wie der abgefallene Engel Gottes, den man schon in vorbiblischer Zeit als Luzifer, später als Satan oder Teufel bezeichnete. Und Max gibt sich alle Mühe, sein Anforderungsprofil – Verkörperung des Bösen in Gestalt verlockender Geschäftsmodelle – perfekt auszufüllen. Er wirft mit Geld um sich, sprudelt nur so vor Ideen, wie man weiteres verdienen könne, kommt weltmännisch daher und passt sein Verhalten opportun der jeweiligen Situa­tion an: mal charmant-verführerisch, mal zuschnappend-brutal.

Bei klei­nen Leuten, die kaum je über ihren Stadtteil hinausgekommen sind, müssen seine Pläne Eindruck machen. So bei Jarmy: "Wie lange können wir hier in der Krochmalna Nummer 8 sitzen und je­den Groschen dreimal umdrehen? Irgendwann wird man sogar die Knö­del leid. Auch Birnenkompott wird langweilig. Warschau ist eine kleine Stadt. Immer wieder die Krochmalna-Straße und immer wieder die Smocza. Die Stawka, die Niska. Es steht mir bis hier ... Amerika ist eine neue Welt. Schon mancher hat Polen als armer Schlucker ver­las­sen und ist in Amerika Millionär geworden. Man muss nur die ersten paar Tausender ergattern, danach geht alles wie geschmiert ..."

Wir sind in Warschau 1911. Leser von Isaac Bashevis Singer kennen natürlich jene Straße mit dem Namen "Krochmalna"; der Dichter ist in Nummer 10 aufgewachsen, wo sein Vater in der Wohnung chassidische Gerichtsbarkeit ausübte. In fast jedem von Singers Romanen – ganz besonders aber in der autobiographischen Schrift "Mein Vater der Rabbi" – kommt die Krochmalna vor, als Verkörperung des osteuropäischen Judentums, dessen mittelalterlich anmutende Kultur den Nobelpreisträger auch im amerikanischen Exil nie losgelassen hat. 

So liegt es auf der Hand, dass "Jarmy und Keila" vielleicht wenig Neues erzählen, dann aber wenigstens den Singer’schen Sound wiederaufleben lassen kann: "Alle waren da – Schmul Schmand, der Lange Leibusch, Mordkele Feuer­brand, Shaya Schläger und die Dicke Reitzele, die jetzt mit einem Lastwagenfahrer zusammenlebte, der fünfzehn Jahre jünger war als sie. Sogar ein Polizist aus dem 7. Bezirk machte einen Krankenbesuch bei Itsche, der mit der Polizei auf gutem Fuß stand. Die suchte jetzt nach Berele Fettwanst, dem Ganoven, der Itsche das Messer in den Hals gerammt hatte. (…) Nicht nur die Polizei, auch Itsches Kumpel kämmten ganz Warschau auf der Suche nach Berele Fettwanst durch. Er war schon so gut wie tot, denn es war beschlossene Sache, dass er umgelegt würde, sobald man ihn hatte."

Das klingt beinahe satirisch, weil es fast zu perfekt die Klischeevorstellung einer jüdischen Unterwelt bedient, der Isaac Bashevis Singer literarisch eher fernstand. Der Zuhälter Jarmy und seine Geliebte, die auffallend rothaarige Hure Keila, gehören nicht zu seinem gewohnten Personal, jedenfalls kaum als Hauptfiguren ­– ganz anders als der mit der Religion hadernde Sohn aus chassidischem Hause: Er taucht in fast jeden Roman auf, was biographisch auf den Autor selbst und seinen älteren Schriftstellerbruder Israel Joschua Singer zielt. In "Jarmi und Keila" spielt eine solche Figur ebenfalls prominent mit, und oh­ne große Akzentverschiebung könnte der vorliegende Roman auch "Bunem und Keila" heißen. 

Typisch für Singer: Der Held ist ein entwurzelter Rabbinersohn

Als typische Rab­bi­sohnes­gestalt voller theologischer und weltlicher Zweifel droht dieser Bunem, dem Vater zu entgleiten: "Der Junge blieb nicht auf dem rechten Pfad. Er fragte zu viel, kürzte sich offensichtlich den Bart und hatte keine nennenswerten Schläfen­locken mehr. (…) Dieser schlaksige Junge mit dem blassen Gesicht, den eingefallenen Wangen und den großen blauen Augen war der Feind im Haus geworden, widerspenstig und rebellisch, ein fremdes Wesen. Freilich, er war ein kluger Torastudent. Als er noch jünger war, hätte man ihn für ein Wunderkind halten kön­nen. Aber das Torastudium musste Hand in Hand mit Gottesfurcht gehen, und der Junge führte sich auf wie ein Gottloser."

Dabei weiß Reb Menachem Mendel zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal, wie abtrünnig sein Sohn bereits geworden ist: Er hat sich in Keila verliebt – sich mit ihr verleibt, wäre vielleicht der präzisere Ausdruck –, und marschiert in Siebenmeilenstiefeln weg von den religiösen Quellen, hin zu einem Nihilismus, der körperliche Lust an die Stelle metaphysischer Versprechungen setzt. Dass er in seiner geschützten Welt Keila überhaupt kennenzulernen vermag, liegt am umgekehrten Begehren der Prostituierten nach geistlichem Rat, den sie bei Bunems Vater sucht. Ihr teils verrohtes, teils schlichtes Gemüt hat sich den Grundsatz bewahrt, wenigstens an hohen Feiertagen wie Jom Kippur nicht zu sündigen. 

Ausgerechnet an diesem Tag aber vergewaltigt der Lahme Max Keila, und das inkorporierte Böse verbindet mit der Tat eine sinistere Absicht: "Von heute an wirst du mich lieben, solange noch ein Tropfen Blut in dir ist. Wenn ich dir sage, lebe, dann wirst du leben, und wenn ich sage, kratz ab, wirst du abkratzen. Du hast jetzt zwei Ehemänner, mich und Jarmy. Mach die Augen auf", kommandierte er, "oder ich schlitz dir den Bauch auf."

Die Figuren sind gesetzt: Keila, die mit Bunem zusammen ihrem Vorleben und des Teufels Zugriff entkom­men will; Jarmy, der in einer seltsamen inneren Abhängigkeit zum Lahmen Max steht und sich von ihm Reichtum und Glück verspricht; Bunem, der Keilas sexuellen Fertigkeiten völlig verfällt, dennoch aber ahnt, dass er mit einer – ihm auch noch so ergebenen – Analphabetin auf Dauer nicht leben kann; und Max, der als dämonischer Regisseur im Hintergrund die Strippen zieht. 

Sein Hauptplan ist so zynisch wie gewinnversprechend: "In Buenos Aires, Rio de Janeiro und überall in Südamerika waren Frauen knapp und mussten aus Europa importiert werden. Die Zei­tungen schrieben, wie Mädchenhändler in Autos herumkurvten, Mäd­chen entführten, vergewaltigten und in Fesseln an ferne Orte ver­schiff­ten. (…) Blödsinn, Quatsch ... dummes Zeug! Die Weiber mussten doch ganz offensichtlich freiwillig gehen. Ein geschickter Zuhälter konnte Mäd­chen verfüh­ren, so viele er wollte. Manche warteten nur darauf, so­zusagen verführt zu werden. Die Zeiten hätten sich geändert. Frauen hätten den gleichen Appetit wie Männer. Sie wollten keine Nullen heira­ten, schwanger werden, Gören aufziehen und ihre besten Jahre mit Ba­by­windeln, Kinderhüten und Schnullern vergeuden. Man musste nur wissen, wie man mit ihnen zu reden hatte."

Kann ein Fortsetzungsroman aus der Zeitung gut konstruiert sein? 

Reden ist freilich ein dehnbarer Begriff in dieser brutalen Welt, der Keila zu entkommen sucht. Entgegen aller widrigen Umstände gelingt ihr mit Bunem zusammen die Flucht aus Warschau nach New York. Dort leben beide bitterarm in wilder Ehe zusammen, den chassi­dischen Zwängen ebenso entronnen wie Jarmys und Maxens Zuhältergriff. Dennoch bleibt Keila Jarmys amtliche Gattin, sprich: dessen Quasi-Eigen­tum, und natürlich spürt der diabolische Vergewaltiger Max die beiden Flüchtigen auf und versucht, Keila in ihre alte Hurenexistenz zurückzupressen.

Das alles klingt trivial … und ist es auch, allein schon aus konstruktiven Gründen: Man merkt diesem nie überarbeiteten Roman an, dass er episodenweise für die Zeitung geschrieben wurde, und der Autor wohl keinen Plan besaß, welchen Erzählungsbogen er von A nach B schlagen will. Selbst Hauptfiguren wie Max oder Jar­my verschwinden über lange Kapitelfolgen hinweg, und Nebenfiguren tauchen nach Belieben auf und ab. Der Stoff lebt also nicht von kontinuierlicher Entwicklung, sondern präsentiert ein Patchworkmuster aus Versatzstücken, die Singer-Leser aus anderen Büchern kennen, malerische Schilderungen einerseits, Reflexionen andererseits:

"Je mehr Keila trank, desto mehr verfiel sie in ihren Bordelljargon. Sie spuckte Wörter aus, die Bunem noch nie gehört hatte. (…) Ihr wildes, farbiges Jid­disch hallte in ihm nach. Die Aufklärer, denen er sich ange­schlossen hatte, lehnten das Jiddische ab. (…) Jetzt ging Bu­nem auf, dass das Jiddische war wie Keila – es weckte Verachtung, aber auch Begehren."

Das Jiddische eine Hure, der Isaac Bashevis Singer als einziger jiddisch schreibender Nobelpreisträger mit Haut und Haaren verfällt … das wäre indes schon zuviel Interpretation für einen vermutlich kommerziell motivierten Gelegenheitstext, der fast zeitgleich mit Weltliteratur wie dem Roman "Schoscha" entstand, aber bei weitem nicht dessen Tiefe erreicht. 

Auf kurzzeitige Effekte hin geschrieben, stolpert man bei "Jarmy und Keila" immer wieder über Versatzstücke, die einem bekannt vorkommen; nicht wörtlich übernommen, doch thematisch so eng verwandt, dass die Plünderung des Autors durch sich selbst ins Auge springt. Schildert Singer Bu­nem als "Wunderkind" in Sachen religiöser Expertise, so findet sich diese Charakterisierung ebenfalls beim Ich-Erzähler in "Scho­scha". Bevor Bunems Keila begegnet, ist er mit der linksradikalen Intellektuellen Solcha befreun­det; in "Scho­scha" heißt eine ähnliche Figur Dora Stolnitz. 

Figuren und Themen kennt man aus den bedeutenden Romanen Singers

Auch die geistigen Referenzen aller intellektuellen Helden Singers sind stets identisch: Spinoza, Scho­penhauer und das naturwissenschaftliche Wissen der Moderne. Dieses tritt an die Stel­le religiöser Irrationalität, von der sich die Protagonisten aber nie vollkommen freimachen können. Spätestens bei psychischen Problemen tritt die vorne aus dem Haus geworfene Religion wieder durch die Hintertür ein: "Er, Bunem, hatte von Neurologen verfasste Bücher gelesen und lauter gute Ratschläge gehört, wie man zu geistiger Ruhe kam, aber Substanz hatte er nirgends gefunden. Die Selbstmordrate bei Neurologen und Psy­­chiatern war hoch. Das hatte er in einem Artikel mit Zahlen und Sta­ti­stiken im Warschauer Kurier gelesen. Die bittere Wahrheit war, dass es für keine Krankheit Heilung gab, so wahr, wie es war, dass kein Mensch Gott übertrumpfen konnte: "Es hilft keine Weisheit, kein Ver­stand, kein Rat wider den Herrn." 

Je länger Isaac Bashevis Singer an diesem Fortsetzungsroman für den jiddischen "Forverts" in New York saß, desto mehr näherte er sich dem altvertrauten Muster der übrigen Romane an: Zugunsten der Liason zwischen einer sexuell aktiven Frau und einem ent­wur­zel­ten, jungen jüdischen Intellektuellen tritt das sensationserheischende Unterwelts-Mi­lieu in den Hintergrund. Es dominiert, farbig geschildert, noch das erste Drittel der Geschichte, verblasst im zweiten und verschwindet im dritten völlig.

Der titelgeben­de Kleingauner Jarmy verkommt zur zerrütteten Randfigur im Schlepptau des Lahmen Max, die kaum mehr Schrecken verbreitet. Auch der teuflische Strippenzieher verliert an dämonischer Kraft und wirkt im New-York-Teil wie ein unmotivierter Deus ex machina, der bloß verlorengegangenes Spannungspotenzial künstlich anfachen soll. Spätestens ab Hälfte des Romans sind nur noch die beiden so unterschiedlichen Figuren Bunem und Keila interessant. Was hält sie zusammen?

"Sie legten sich in ihren Kleidern auf das schmale Sofa. Es war kalt, und sie deckten sich mit seiner Jacke, ihrem Mantel und ihrem Schal zu. Zu­vor waren sie in Nummer 8 schon etliche Stunden zusammen ge­wesen, aber sein Verlangen regte sich aufs Neue. Ihr Fleisch war heiß und er­regte ihn. Sie flüsterte ihm Koseworte ins Ohr, die er noch nie ge­hört hatte. Sie gab ihm komische Namen, wiederholte, sie würde gern für ihn sterben, wenn sie seinen kleinsten Fingernagel damit retten könnte, sie wolle sein Fußabtreter sein."

Sex kann den Riss zwischen einer Analphabetin und einem Intellektuellen nicht kitten

Der Leib hält sie zusammen, jenes biologische Fundament allen Lebens, dem die Philosophie wie die Religion eine transzendente Verheißung entgegensetzen muss, um dessen steten Verfall zu wehren: "Der Leib ist wie ein Kleidungsstück. Stark, stark. Aber auf einmal fängt er an, überall am Saum einzureißen. Man flickt einen Riss, und schon stellen sich drei neue ein."

Dem Rabbinersohn Bunem und der Hure Keila fehlt allerdings ein geistiges Band, das zwei so unterschiedliche Menschen jenseits der Extase einer Amour fou dauerhaft zusammenhalten könnte. Bei Bunem schleicht sich daher immer mehr Verächtlichkeit ein, wenn er über seine ihm hingebungsvoll unterworfene Freundin nachgrübelt: "Die Nächte mit Keila waren schön, aber eine Lebensgefährtin für ihn war sie nicht und würde sie nie werden. Er konnte sich bei keiner Ver­samm­lung mit ihr sehen lassen. Er konnte sie nicht zu einem Vortrag oder ins Theater mitnehmen. (…) Durch die Straßen gehen und Brötchen verkaufen genügte ihr. Sie interessierte sich nur für zwei Dinge: für den Haushalt und für ihn, Bunem, seine Wäsche, seine Gesundheit, seine sexuellen Bedürf­nis­se."

Diese Verächtlichkeit treibt Bunem in einen verzweifelten Nihilismus, denn er fühlt sich zunehmend als doppelter Verräter: Einerseits an seiner chassidischen Prägung, die er natürlich nicht abstreifen kann, andererseits an Keilas durchaus aufrichtiger Liebe, die er nicht erwidert. Es ist eben doch nur alles Sex – und wenn die zum einzigen Lebensinhalt gewordene Fleischeslust erlischt, erlischt auch der Lebenssinn. Keila spürt das. 

"Keila sagte: ‚Bunem, du hast gesagt, wenn wir uns einig sind, dass wir es machen, dann gehen wir irgendwohin fort und bleiben drei Tage zu­sam­men. Das wird dann unser Abschied von der Welt.‘

‚Das habe ich gesagt?‘ ‚Genau das waren deine Worte.‘ ‚Wohin sollen wir gehen? Ich habe keinen Penny mehr.‘

‚Ich hab ein paar Dollar. Du hast gesagt, wir gehen ans Meer und ma­chen da ein Ende.‘ ‚Gut, mal sehen. Ich möchte so gehen, dass niemand weiß, wohin ich ge­gangen bin.‘

‚Das wird keiner wissen«, sagte Keila. »Wir sind schon im Leben verlo­ren gegangen und nach dem Tod erst recht.‘"

Am Ende lässt der Autor Bunem allein ans Meer fahren, doch so wankelmütig, wie er seinen Protagonisten zuvor gezeichnet hat, bleibt zweifelhaft, ob Bunem in Coney Island nicht vielleicht die nächste, passendere Partnerin trifft, denn willige Frauen gibt es zuhauf. 

Die frauenverächtliche Haltung des Autors wirkt heute verstörend

Wir Leser im Jahr 2019 rezipieren Literatur in diesem Punkt vermutlich etwas anders als es Isaac Bashevis Singers Zeitungspublikum 1977 tat. Die Verächtlichkeit, die Bunem Keila gegenüber an den Tag legt, schimmert im Text immer wieder als ebenso starke Verächtlichkeit des Autors gegenüber seiner Figur durch, Keila ist eine Männerphantasie: "Als Neunjährige sah sie auf dem Marktplatz zu, wie ein Hengst eine Stute bestieg, und der An­blick hatte sofort ein Begehren in ihr geweckt, das nie gestillt worden war."

Wenn Lust am Sex Frauen zu Prostituierten bestimmt, muss man sich als männ­licher Kunde keine Gedanken über die eigene Rolle machen. Das ist eine so dominante Grundeinstellung aller Männerfiguren in diesem Roman, dass sich sogar der Rabbinersohn Bunem, eigentlich bis ins Mark durchtränkt von moralischen Geboten, am Vorleben Keilas bedient, als sei dieses ein Pornofilm: "Nach und nach entlockte er ihr die Namen aller Liebhaber, die ihren Hu­ren­lohn eingestrichen hatten. Bunem verlangte sogar, dass sie ihm von den Sünden erzählte, die sie begangen hatte, bevor sie nach Warschau ge­kommen und eine Hure geworden war. Wer war ihr Erster, Zweiter, Dritter gewesen? Er zwang sie, ihre Erinnerungen aufzufrischen. Nach und nach glitten sie mit diesen verfänglichen Reden in einen Morast aus Lust, der sie zwar nicht verschlang, aber auch nicht freigab. Ir­gend­wo in Keilas Hirn vergraben lagen all ihre Sünden, Abenteuer, Triebe."

Auch jenseits dieses nicht ganz unwichtigen Details bleibt nach 450 Seiten Lektüre ein zwiespältiges Gefühl. Man meint einerseits, ein echtes Isaac-Ba­she­vis-Sin­ger-Menue genossen zu haben, doch wirkt es andererseits auch so, als habe es der Sternekoch nur konzipiert und abgeschmeckt, die Hauptarbeit aber von Hilfsköchen erledigen lassen. Natürlich stimmt das nicht, geschrieben hat "Jarmy und Keila" der Nobelpreisträger selbst. Aber er hat es aus guten Gründen bei der einmaligen Zeitungspublikation belassen. Wer ins Universum dieses großen Meisters der jiddischen Literatur eintauchen will, sollte lieber mit etwas Meisterlichem beginnen. "Mein Vater der Rabbi" von 1966 wäre beispielsweise eine gute Wahl. 

Isaac Bashevis Singer: "Jarmy und Keila"
Aus dem amerikanischen Englisch von Christa Krüger 
Jüdischer Verlag bei Suhrkamp, 464 Seiten, 26 Euro

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