Montag, 10.12.2018
 
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Islam auf dem Rückzug

Hamad Abdel-Samad: "Der Untergang der islamischen Welt". E Droemer Knaur

Der Politikwissenschaftler Hamed Abdel Samad sagt den Untergang des Morgenlandes voraus. Seine These: Der Islam hat sich mit seinem erstarrten Denken und der fehlenden Anpassung an die moderne Welt nicht nur gründlich diskreditiert, sondern ist dabei, sich schlicht abzuschaffen.

Von Sabine Pamperrien

Folgt man Abdel-Samad, sitzt der Islam in einer selbst gebauten Falle. Diese Falle ist der Koran. (AP)
Folgt man Abdel-Samad, sitzt der Islam in einer selbst gebauten Falle. Diese Falle ist der Koran. (AP)
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Der Titel des neuen Buchs von Hamed Abdel-Samad könnte auch anders lauten. Nämlich: "Der Islam schafft sich ab." Als Beruhigungspille für all jene, die das aggressive Streben des politischen Islam nach kultureller Dominanz im Westen fürchten, sind die Anmerkungen des in München lehrenden Politologen dennoch nicht geeignet. Flott geschriebene Sätze wie "Wäre der Islam eine Firma, wäre er längst pleitegegangen" sollten keinesfalls dazu verführen, den gebürtigen Ägypter vorschnell als vermeintlich weiteren anti-islamischen Zeugen zu vereinnahmen. Der 38-jährige Wissenschaftler bemüht sich um Äquidistanz zu sämtlichen Protagonisten der hierzulande geführten Debatte. Sein Blick ist ganz auf die zivilisatorischen Aspekte der Kultur gerichtet, aus der er selbst stammt. Und da kann er seit dem Mittelalter, als der Islam durch die Integration und Weiterverbreitung der großen Wissenskulturen seine Blütezeit erlebte, keinerlei positive Impulse mehr ausmachen.

Zum gegenwärtigen Zeitpunkt ist der Islam alles Mögliche, nur nicht mächtig. Er ist im Gegenteil schwer erkrankt und befindet sich sowohl kulturell als auch gesellschaftlich auf dem Rückzug. Die religiös motivierte Gewalt, die zunehmende Islamisierung des öffentlichen Raums und das krampfhafte Beharren auf der Sichtbarkeit der islamischen Symbole sind nervöse Reaktionen dieses Rückzugs.

Während viele Europäer die Islamisierung Europas und den Untergang des Abendlandes beschwören, sähen sich viele Muslime eher als Opfer eines westlichen Masterplans zur totalen Kontrolle ihrer Ressourcen und Unterwanderung ihrer Heiligtümer. Statt die eigene Verantwortlichkeit bei Umweltzerstörung, Klimawandel und Globalisierungsfolgen zu reflektieren und produktiv zu machen, würden andere beschuldigt. Die eigentliche Bedrohung gehe vom Wassermangel oder dem bevorstehenden Versiegen der Erdölvorkommen aus. Die bequeme Opferrolle, die eigenes Handeln obsolet macht, gehöre geradezu paradigmatisch zum Selbstbild des heutigen Islam, analysiert Abdel-Hamad. Die Konstruktion von Feindbildern sei inzwischen zwingend notwendig, um überhaupt so etwas wie Identität zu vermitteln. Folgt man Abdel-Samad, sitzt der Islam in einer selbst gebauten Falle. Diese Falle ist der Koran:

Je mehr sich die Muslime von der Zeit des Propheten entfernten, desto unantastbarer wurde der Koran und desto stärker hingen die Muslime an seinen Buchstaben fest; eine Haltung, die die Reform des Islam bis heute verhindert.

Mit dem Festhalten am Koran so Abdel-Samads These, bleibe eine Geisteshaltung unangetastet, die seit Jahrhunderten dafür verantwortlich ist, dass der Islam stagniert. Dieser Niedergang habe schon mit der Zerstörung der geistigen Zentren und der Zerschlagung der intellektuellen Eliten durch die Mongolen begonnen. Danach zerfiel das islamische Imperium in zahlreiche sich ständig bekriegende Reiche, in denen Bildung nur noch religiöse Indoktrination bedeutete. Abdel-Samad belegt mit vielen Beispielen das Fortwirken dieser obrigkeitlich gewollten Unwissenheit, die immer dazu benutzt wurde, die Stellung der Machthaber zu festigen. Am Beispiel aktueller ägyptischer Schulbücher zeigt er detailliert auf, wie hemmungslos Geschichtsfälschung und –klitterung betrieben werden. In diesem Kontext religiös ideologisierter Bildung kann es, so Abdel-Hamad, sogar gefährlich sein, muslimischen Kindern das Lesen beizubringen:

Die bloße Alphabetisierung ist keine Garantie für eine Veränderung. Im Gegenteil, die Halbgebildeten und die Indoktrinierten sind wesentlich gefährlicher als Analphabeten, denn sie glauben, im Besitz ewiger und absoluter Wahrheiten zu sein. Und solange die Bildung in der islamischen Welt sich nicht von der Religion und von den Ambitionen der politischen Autorität befreit, ist sie eher schädlich als nützlich.

Abdel-Samad zählt aber auch die Fehler des Westens auf. Thilo Sarrazin ist für ihn ein Symptom verkrampfter Streitkultur. Weder in Deutschland noch in Europa werde eine differenzierte Debatte über den Islam und die Migration geführt. Es fehle eine Atmosphäre, in der frei von Stimmungsmache, Apologetik und Überempfindlichkeit ehrliche Kritik geübt werden könne. Deshalb, so seine Erklärung, gelingt es Populisten auf beiden Seiten, das Thema zu besetzen und zu vergiften. Wenig dienlich sei auch die indifferente Haltung des Westens gegenüber den Herrschern der reichen Golfstaaten, die hofiert würden, um an billiges Öl zu kommen oder Waffen zu verkaufen. Leider kommt Abdel-Samads Kritik am Westen zuweilen etwas schablonenhaft daher. Den Begriff der "Amerikanisierung" benutzt er zum Beispiel als Synonym für Kulturlosigkeit. Und kann es stimmen, dass die Art und Weise, wie die Menschen im Westen leben, "automatisch", wie er sagt, die Diktaturen weltweit stützt? Das Buch vermittelt einen dritten Weg in der polarisierenden Debatte. Patentrezepte zur Konfliktlösung werden nicht angeboten, dafür aber eine umfassende Erklärung der Prozesse, die in Gang kommen müssen, um Muslimen den intellektuellen Anschluss an die Moderne zu ermöglichen. Abdel-Samads Schlussplädoyer lautet: "Es ist Zeit für Häretiker, die den Koran neutralisieren und eine neue Geisteshaltung einführen. Die Begriffe, die er nutzt, um das Notwendige zu beschreiben, sind dabei allerdings schon Teil des Problems: Der Begriff "Prozess" kommt im Arabischen gar nicht vor, schreibt der Autor. Ein Begriff wie " Integration" sei in der Übersetzung negativ konnotiert als "sich auflösen". Wie soll jemand von sich aus Veränderungen denken, wenn ihm die Begriffe fehlen? Deshalb sei Islamkritik so wichtig.

Wer Muslime tatsächlich ernst nimmt, muss Islamkritik üben. Wer mit ihnen auf gleicher Augenhöhe reden will, sollte mit ihnen ehrlich sein, statt sie als Menschen mit Mobilitätsstörungen zu behandeln.

Sabine Pamperrien über Hamad Abdel-Samad: "Der Untergang der islamischen Welt". Eine Prognose. Bei Droemer Knaur erschienen, 240 Seiten für 18 Euro, ISBN: 978-3-4262-7544-3.

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