
Neben evangelischem oder katholischem Religionsunterricht gibt es in einigen Bundesländern auch islamischen, beispielsweise in Nordrhein-Westfalen. Idee und Hoffnung dahinter sind, dass dadurch weniger junge Muslime zu extremistischen oder islamistischen Weltbildern gelangen.
Eine neue Studie zeigt, dass das funktioniert. Doch um den Unterreicht zu organisieren, kooperiert der Staat auch mit Verbänden, die stark in der Kritik stehen.
An den meisten staatlichen Schulen gibt es keinen islamischen Religionsunterricht
Islamischer Religionsunterricht an öffentlichen Schulen soll Integration fördern und Radikalisierung verhindern. Es gibt ihn in elf Bundesländern. Doch trotz politischer Förderung ist er an deutschen Schulen noch eine Seltenheit. In Nordrhein Westfalen erreicht der islamische Religionsunterricht beispielsweise lediglich sechs Prozent der muslimischen Schülerinnen und Schüler. Angeboten wird er an 250 der rund 5400 Schulen.
Zudem sorgt er für Kontroversen: Kritiker befürchten, dass über den islamischen Religionsunterricht islamistische Religionsgemeinschaften Einfluss auf Schülerinnen und Schüler gewinnen könnten.
Der Hintergrund dieser Sorge: Der Staat muss sich – so verlangt es das Grundgesetz – über die Inhalte des Religionsunterrichtes mit den Religionsgemeinschaften abstimmen. Also nicht allein mit den Kirchen, sondern auch mit anderen Religionsgemeinschaften. Im Fall des islamischen Religionsunterrichts haben die Bundesländer in den vergangenen Jahren daher mit islamischen Verbänden verschiedene Kooperationen aufgebaut. Dies ist teilweise umstritten.
Denn: Für den islamischen Religionsunterricht hat der Staat keinen alleinigen Ansprechpartner, der der Kirche ähnelt. Eine vergleichbare Institution gibt es im Islam nicht. Außerdem sind die meisten Islamverbände keine Körperschaften des öffentlichen Rechts, so wie es die Kirchen sind. Für die Zusammenarbeit mit islamischen Religionsgemeinschaften gibt es unterschiedliche Modelle in den verschiedenen Bundesländern.
In einigen Ländern wurden Beiräte geschaffen, mit denen zusammen der islamische Religionsunterricht an staatlichen Schulen entwickelt wird. Nordrhein-Westfalen hat beispielsweise eine ständige Kommission eingerichtet, in der fünf islamische Verbände vertreten sind, darunter auch die umstrittene Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion (DITIB), die für ihre Nähe zur türkischen Regierung kritisiert wird.
Die SPD-Politikerin Lale Akgün oder die Journalistin und Publizistin Khola Maryam Hübsch kritisieren diese Kooperationsmodelle. Die DITIB sei personell, strukturell, finanziell, ideologisch und staatlich von der türkischen Religionsbehörde, der Diyanet, abhängig, sagt Hübsch. Das sei hochproblematisch.
Islamistischen Einflüssen entgegenwirken
In Nordrhein-Westfalen gibt es seit 2021 islamischen Religionsunterricht an staatlichen Schulen – mit positiven Effekten, so ein aktueller Bericht der Universität zu Münster über den Unterricht. Kinder und Jugendliche lernten demnach dadurch, einen reflektierten Umgang mit ihrem Glauben zu entwickeln und auch kritisch mit dem Islam umzugehen.
Mit dem Projekt war von Anfang an auch die Hoffnung verbunden, dass der islamische Religionsunterricht verhindert, dass junge Muslime extremistische oder islamistische Positionen übernehmen.
Im Religionsunterricht in staatlichen Schulen würden schließlich auch Themen angesprochen, die zum Teil in typisch religiöser Erziehung nicht vorkommen, wie das Verhältnis von Islam und Demokratie, Gleichberechtigung, Antisemitismus oder Homophobie, erklärt Mouhanad Khorchide, Professor für Islamische Religionspädagogik an der Universität Münster. Seine Untersuchung soll belegen, dass Kinder und Jugendliche weniger für Antisemitismus, Homophobie und Frauenfeindlichkeit empfänglich sind, je länger sie den Islamunterricht besuchen.
Im nordrhein-westfälischen Bildungsministerium wird der Evaluationsbericht als Werbung für den islamischen Religionsunterricht gewertet. Auch die derzeitige Bildungsministerin Dorothee Feller (CDU) befürwortet den Unterricht – besonders vor dem Hintergrund, dass religiöse Social-Media-Inhalte oft polarisierend, aufhetzend oder einfach nur falsch seien. Es sei wichtig, dass junge Menschen Religionsunterricht angeboten bekämen, der demokratische Werte vermittle, so Feller.
Mangel an Lehrkräften: Erste Islamisch-Theologische Fakultät bildet aus
Es fehlen jedoch Lehrkräfte für muslimischen Religionsunterricht. Die werden unter anderem im Zentrum für Islamische Theologie (ZIT) der Universität zu Münster ausgebildet.
Dort wird nun auch die erste Islamisch-Theologische Fakultät gegründet. Doch das Interesse an der Ausbildung übersteige die Ressourcen, so der Münsteraner Theologe Khorchide: Von 1000 Bewerbungen könnten an seinem Institut lediglich 100 pro Jahr berücksichtigt werden.
Ein mit Vertretern verschiedener muslimischer Organisationen besetzter Beirat soll die Fakultät religiös legitimieren. Der Rat ist unter anderem beteiligt, wenn Professoren berufen oder Studieninhalte festgelegt werden. Er kann aus religiösen Gründen ein Vetorecht ausüben. Auch hier sind Vertreter der umstrittenen Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion (DITIB) dabei, sowie Vertreter des Islamrats für die Bundesrepublik Deutschland und des Zentralrats der Muslime in Deutschland.
Onlinetext: Catherine Shelton















