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StartseiteHintergrundVon der Schwierigkeit, Sprachrohr zu sein14.05.2015

Islamische Verbände in DeutschlandVon der Schwierigkeit, Sprachrohr zu sein

In Deutschland leben vier Millionen Muslime. Je nach Konfession und Herkunftsland üben sie ihren Glauben allerdings sehr unterschiedlich aus. Wer also spricht für die Muslime hierzulande? In den Markt der konkurrierenden islamischen Verbände ist Bewegung geraten.

Von Ulrich Pick

Viele Muslime knien auf dem Boden und sprechen ein Friedensgebet gegen Extremismus in Kreuzberg, Berlin in Deutschland. Islamische Verbände halten Friedensgebet vor der Mevlana-Moschee ab, vor der vor einem Monat ein Brandanschlag verübt wurde. Eine Aktion des Zentralrats der Muslime, der Türkisch-Islamischen Union (Ditib), des Islamrates und dem Verband der Islamischen Kulturzentren (VIKZ). (imago/Mike Schmidt)
Gebet vor der Mevlana-Moschee in Kreuzberg (imago/Mike Schmidt)
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Donnerstagnachmittag in der Brüder-Grimm-Grundschule in Mainz-Kostheim, einem Stadtteil der hessischen Landeshauptstadt Wiesbaden. 18 Zweitklässler haben sich eingefunden. Sie alle kommen aus muslimischen Familien und erhalten hier islamischen Religionsunterricht – und zwar als ordentliches Lehrfach. Bundesweit ist dies eine Besonderheit, sagt Stefan Löwer, der Pressesprecher des hessischen Kultusministeriums.

"Hessen ist das erste Bundesland, in dem der islamische Religionsunterricht als bekenntnisorientierter Religionsunterricht nach dem Grundgesetz erteilt wird. Das heißt, dass wir hier auch Kooperationspartner aus dem religiösen Bereich haben, die praktisch die Lehrerlaubnis aus religiöser Sicht erteilen. Das Ganze findet aber unter staatlicher Aufsicht statt."

Die Grundlage des hessischen Islamunterrichts bildet Artikel 7, Absatz 3 des Grundgesetzes, der den Religionsunterricht als ordentliches Lehrfach bezeichnet. Seine Lehrinhalte werden - wie es dort heißt – "in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Religionsgemeinschaften erteilt". Diese sind auf christlicher Seite die evangelischen Landeskirchen sowie die katholischen Bistümer. Auf muslimischer Seite fehlte bislang ein solcher Ansprechpartner.

Das Land Hessen hat nun zwei islamische Moscheeverbände als Religionsgemeinschaft anerkannt: Erstens die "Türkisch Islamische Union der Anstalt für Religion", die besser bekannt ist unter ihrem Kürzel "Ditib". Sie ist der deutsche Arm des Amtes für religiöse Angelegenheiten in Ankara, vertritt also einen staatsoffiziellen sunnitischen Islam türkischer Prägung. Zweitens die "Ahmadiyya Muslim Jamaat". Sie ist eine sufisch geprägte islamische Reformbewegung, die aus Pakistan stammt, in ihrem Ursprungsland aber durch radikale Sunniten verfolgt wird.

Da sich beide Gruppierungen nicht auf einen gemeinsamen Lehrplan einigen konnten, gibt es zwei verschiedene Curricula. Das hessische Kultusministerium hätte lieber einen einheitlichen Lehrplan für alle Muslime gehabt. So ist man zwar stolz, das Projekt auf die Beine gestellt zu haben, befürchtet aber, dass künftig weitere islamische Gruppierungen die Anerkennung als Religionsgemeinschaft beantragen und einen eigenen offiziellen Religionsunterricht anbieten möchten.

Lamya Kaddor, die Vorsitzende des Liberal-Islamischen Bundes, sieht den hessischen Weg mit Skepsis. Die Islamwissenschaftlerin und Religionspädagogin gehört auch zu den Mitgliedern des jüngst unter dem Dach der Konrad-Adenauer-Stiftung gegründeten "Muslimischen Forum Deutschland", das eine neue Diskussion um das Selbstverständnis hiesiger muslimischer Verbände angestoßen hat.

"Das kann ein Weg sein. Ich glaube nur, auch da hat man dann später eben den türkischen Islam und einen Ahmadiyya-Islam, der ja insgesamt von den meisten Sunniten eher abgelehnt wird. Also, ich weiß nicht, ob das eine glückliche Lösung war, wenn man eine Gruppe quasi privilegiert, über den Islam und die Inhalte des islamischen Religionsunterrichts mitzuentscheiden, wenn mehrheitlich die meisten Muslime ein Problem mit Muslimen haben, die sich Ahmadiyya nennen. Ich glaube, man müsste diese Anerkennung sehr viel breiter aufstellen. Vielleicht müssten die Muslime davor mal zusammenkommen und selber überlegen, in welcher Organisationsform sie denn alle zusammenkommen können, also, welche Plattform uns diese Möglichkeit bietet. Um dann dem Staat gegenüber zu sagen, wir treten jetzt gemeinsam auf. Natürlich muss die Ahmadiyya da mitbeteiligt werden oder Schiiten, Liberale, mystische Muslime wie auch immer. Aber im Moment sehe ich das nicht."

Wer ist Muslim und wer nicht?

Obgleich alle vier Millionen Muslime hierzulande derselben Religion angehören, verstehen und leben sie diese oft sehr unterschiedlich je nach Glaubenspraxis und Herkunftsland. Zudem sind die Muslime nicht automatisch Mitglied einer festen religiösen Organisation. Zwar gibt es zahlreiche Moscheevereine und religiöse Verbände in Deutschland. Über die Anzahl derjenigen Muslime aber, die dort organisiert sind, herrscht Uneinigkeit, sagt Mathias Rohe, Islamwissenschaftler und Jurist an der Uni Erlangen:

"Es kursiert die Zahl, dass es 15 bis 25 Prozent seien. Es gibt aber die andere Zahl, dass es bis 80 Prozent der organisierten Moscheevereine sind, je nachdem, welchen Blickwinkel man da anlegt. Wir haben eine Unsicherheit, weil es im Islam ja - anders als bei christlichen Kirchen - keinen formellen Aufnahmeakt gibt. Das heißt, wir wissen schon nicht, wenn da jetzt ein Familienmitglied drin ist, zählt dann die ganze Familie mit oder ähnliches mehr. Wir können jedenfalls sagen, dass die Verbände, die Organisation einen großen Teil derjenigen Musliminnen und Muslime vertritt, die sich für religionspraktische Fragen interessieren."

Ein Teil der Moscheevereine und islamischen Gruppierungen in Deutschland hat sich im Laufe der Zeit in überregionalen Verbänden zusammengeschlossen. Vier von ihnen haben eine herausgehobene Position. Da ist als Erstes die bereits erwähnte DITIB. Sie ist der deutsche Arm des Religionsministeriums in Ankara, vertritt also den staatsoffiziellen Islam der Türkei und ist der zahlenmäßig größte Verband. Als Zweites ist der „Verband der Islamischen Kulturzentren" – VIKZ – zu nennen. Er organisiert ebenfalls türkisch-stämmige Muslime, ist aber eher sufisch ausgerichtet. Der "Islamrat" als dritte und der "Zentralrat der Muslime" als vierte große Organisation sind weiter gefächert. Sie vertreten nicht nur türkische Muslime, sondern auch arabische, afrikanische, bosnische, albanische und deutsche. Die islamischen Verbände verstehen sich als repräsentative Stimme der Muslime in Deutschland. Da aber nur ein Bruchteil von diesen organisiert ist, stellt sich unweigerlich die Frage, ob die Verbände den Islam in Deutschland auch wirklich angemessen vertreten. Mathias Rohe sagt:

"Sicher nicht! Sie sind wichtige Repräsentanten des Islam. Man soll's auch nicht kleinreden. Das ist schon eine ganze Menge. Sie repräsentieren einen breiten Teil des traditionelleren sunnitischen Islam insbesondere. Aber daneben gibt es natürlich viele andere Richtungen. Es gibt zum Beispiel den eher mystisch-sufischen orientierten Islam, die Schiiten haben sich begonnen zu organisieren, und dann gibt's die Aleviten, die selber noch am diskutieren sind, ob sie eigentlich ein Teil des Islam sind oder sich raus entwickelt haben. Also, es ist insgesamt schon ein buntes Spektrum auch weit jenseits dieser großen Verbände."

Schwierigkeiten mit dem Vertretungsanspruch

Dass die großen islamischen Verbände sich mit ihrem Vertretungsanspruch gewisse Schwierigkeiten einhandeln, räumen ihre führenden Vertreter nur zögerlich ein. Gleichwohl bekennt Aiman Mazyek, der Vorsitzende des "Zentralrats der Muslime": "Ein Großteil der Muslime kommt nicht regelmäßig in die Gemeinden und Moscheen. Ein ähnliches Phänomen kennen wir ja auch aus anderen Religionsgemeinschaften. Da ist die Frage an die sogenannte schweigende Mehrheit, da haben sie zwei Möglichkeiten: Sie organisieren sich selbst oder sie nehmen teil an den bestehenden Formaten und Angeboten der muslimischen Verbände. Ich hoffe nicht, dass sie die dritte Alternative wählen, nämlich nichts zu machen."

Seit 2007 haben sich die vier großen Verbände DITIB, VIKZ, Islamrat und Zentralrat zum "Koordinationsrat der Muslime" – kurz KRM – zusammengeschlossen. Er versteht sich als oberste islamische Dachorganisation in Deutschland. Der Vorsitz des Koordinationsrates wechselt halbjährlich von Verband zu Verband. Zurzeit ist Nurhan Soykan vom Zentralrat die Sprecherin. Die Rotation soll Gleichrangigkeit und Ausgewogenheit ausdrücken. Gleichwohl sorgt sie auch für Irritationen. Denn die Öffentlichkeit muss sich – anders als bei den Kirchen – alle sechs Monate an eine neue Person gewöhnen, die sich als Sprachrohr für die Muslime in Deutschland ausgibt. In Zeiten, da es um das Image des Islams nicht besonders gut bestellt ist, dürfte dieses Vorgehen eher für Unruhe sorgen als für dringend notwendiges Vertrauen. Unter den Verbandsvertretern ist man sich dieser Schwierigkeit durchaus bewusst, weshalb Bekir Alboga, der Dialogbeauftragte von DITIB, betont:

Bekir Alboga, Islamwissenschaftler und Sekretär der "Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion" (DITIB) (imago/Metodi Popow)Bekir Alboga, Islamwissenschaftler und Sekretär der "Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion" (DITIB) (imago/Metodi Popow)"Der Koordinationsrat ist verbesserungsbedürftig. Es hat leider in den letzten zwei, drei Jahren bestimmte Störungen seitens bestimmter Dachverbände gegeben, und das wollen wir abschaffen. Wir möchten die Struktur, die inhaltliche Arbeit und die Möglichkeit einer besseren Zusammenarbeit reformieren. Wir sind dabei, damit die Einheit schneller entsteht und damit auch die Zusammenarbeit besser funktioniert."

Doch das Problem ist nicht allein die Rotation der Sprecherposition. Hinter vorgehaltener Hand werden nämlich die von Alboga angesprochenen Störungen als handfeste innere Rivalitäten und Machtkämpfe bezeichnet. Der Koordinationsrat, so heißt es, sei deshalb momentan eigentlich gar nicht arbeitsfähig. Knackpunkt hierbei ist vor allem der Versuch von DITIB, einen Führungsanspruch durchzusetzen. Dies kommt beispielsweise zum Ausdruck, wenn Bekir Alboga sagt: "Demokratisch gesehen, könnte es so sein, dass DITIB als die größte ausschlaggebende muslimische Religionsgemeinschaft von den anderen Religionsgemeinschaften beauftragt wird, in Beratung, in Abstimmung mit uns für die Muslime zu sprechen."

Auch wenn Alboga gleichzeitig betont, die Muslime in Deutschland müssten gemeinsam vorgehen, ärgern solche Äußerung die anderen Mitglieder im Koordinationsrat. Kein Wunder, dass Aiman Mazyek, der Vorsitzende des Zentralrats, sich über den deutschen Arm des türkischen Religionsministeriums erbost zeigt - wenngleich er sich ebenso nachdrücklich für eine Reform des islamischen Verbandswesens in Deutschland ausspricht.

"Wir erleben teilweise auch, dass wir in der Tat türkische Konflikte hier dann mit austragen müssen und dass uns das durchaus erschwert im Prozess einer Normalisierung Islam und Muslime in Deutschland. Ich glaube nicht, dass wir die jetzigen bestehenden Verbändestrukturen in den nächsten Jahren oder Jahrzehnten so haben. Ich denke, das wird sich ändern. Ob es dann nur einen Absprechpartner gibt, weiß ich nicht. Aber es wird wahrscheinlich schon weniger geben."

Die nicht-muslimische Öffentlichkeit erfährt von den Streitigkeiten und Auseinandersetzungen unter den Muslimen in Deutschland meist wenig. Gleichwohl dürften sie die Position der Verbände schwächen. Denn die Bundesregierung wie auch die Landesregierungen wünschen sich seit Jahren – wie bei den beiden großen Kirchen – einen einheitlichen und verlässlichen Ansprechpartner im administrativen wie demokratischen Sinne. Davon aber ist man nach Ansicht von Lamya Kaddor, der Vorsitzenden des Liberal-Islamischen Bundes, momentan weit entfernt:

"Ja, gerade in letzter Zeit hat man ja den Eindruck, dass man sich nicht grün ist. Da wird ja der Zentralratsvorsitzende, Aiman Mazyek, sehr, sehr scharf kritisiert und angegangen seitens der DITIB beispielsweise. Wegen irgendwelcher Veranstaltungen oder Teilnahmen an Antisemitismus-Demonstrationen von Herrn Mazyek. Ich halte das für nicht nur peinlich - um ehrlich zu sein - und der Sache absolut undienlich. Ich muss auch sagen, dass das dem gängigen Muster entspricht und der Erfahrung, die ich bisher mit einigen Vertretern des KRM machen musste, dass es häufig einfach nur eine Frage von Macht ist. Also: Wer kann für sich die Deutungshoheit beanspruchen? Und das ist nicht förderlich. Im Grunde genommen, stellt man sich da ein Bein."

Der Liberal-islamische Bund gehört zu denjenigen Verbänden, die nicht im Koordinationsrat vertreten sind. Grund dafür ist, sagt Lamya Kaddor, dass die meisten der dort vertretenen Gruppierungen einen eher konservativen und von den Herkunftsländern geprägten Islam repräsentieren:

"Das entspricht nicht unserem Islamverständnis. Und bisher gab es auch keine Einladung seitens des KRM, uns denen anzuschließen. Das entspricht aus meiner Sicht auch einer allgemeinen Eischätzung: Dass die etablierten Verbände kein Interesse daran haben, mit einem kleinen Verein, den sie unbedeutend nennen, zu kooperieren. Im Moment ist es immer noch so, dass die vier großen Dachverbände ihre Vorrangstellung - ich will mal sagen - gezielt ausnutzen. Solange es eben geht. Wenn wir sagen: Wir verstehen uns als deutsche Muslime. Ich glaube viele Mitglieder der etablierten Verbände würden das so selbstverständlich nicht unbedingt sagen."

Generationenkonflikt

Kritik an den etablierten großen Verbänden kommt nicht nur von den Muslimen, die sich als liberal bezeichnen. Unzufriedenheit zeigt auch ein Teil der islamischen Jugend. So weist Esra Kücük, die Leiterin der Jungen Islamkonferenz Deutschland, einem Forum junger Menschen im Alter von 17 bis 25 Jahren, auf den Generationenkonflikt innerhalb des deutschen Islams hin.

"Von den vier Millionen Muslimen, die in Deutschland leben, sind etwa die Hälfte - also etwa zwei Millionen - unter 25 Jahre alt. Das heißt: Die Aussage, die wir sicher schon einmal über Muslime in Deutschland treffen können, ist, dass sie jung sind. Und wenn wir uns jetzt die Verbandslandschaft anschauen, sehen wir, dass meistens dort Menschen organisiert sind, die aus der ersten und zweiten Generation nach Deutschland gekommen sind und Interessen vertreten, die für diese Generation ihre Legitimität hat. Aber eine Generation, die hier aufgewachsen ist, hier ihren Sozialisations- und Lebensmittelpunkt hat, hat auf gewisse Themen einen anderen Blick.

Dazu zählt insbesondere die Verbindung vieler Verbände zu Organisationen und Geldgebern im Ausland. Denn während für die meisten jungen Muslime der Lebensmittelpunkt in Deutschland liegt, orientieren sich die älteren Muslime oft immer noch an ihren Herkunftsländern. Entsprechend sagt Bekir Alboga, der Dialogbeauftragte von DITIB:

"Jeder muslimische Dachverband hat eine gewisse theologische Autorität im Ausland: Bosnische Gemeinde, albanische Gemeinde, marokkanische Gemeinde, arabische Gemeinde und so weiter und so fort. Unsere theologische, spirituelle Autorität ist das Amt für Religionsangelegenheiten. Wir kooperieren mit Diyanet, mit dem Präsidium für Religionsangelegenheiten, damit wir unsere Gemeinden mit Imamen versorgen können."

So sind die Imame in den DITIB-Moscheen mehrheitlich türkische Staatsbeamte, die ihr Gehalt aus Ankara bekommen. Sie werden in der Regel nur zeitlich befristet nach Deutschland geschickt und haben oft wenig Einblick in die hiesige Gesellschaft. Für Bekir Alboga gibt es keinen Grund, diese Praxis zu ändern. Denn der staatsoffizielle türkische Islam, so sagt er, sei friedlich und ein Garant gegen jegliche Formen des Extremismus: "Ich möchte darauf hinweisen, dass die Bertelsmann-Stiftung festgestellt hat, dass 80 Prozent der hochreligiösen Sunniten sich an der Demokratie und an den Werten in der Verfassung orientieren. Das bedeutet, dass unsere Imame bis heute gute Arbeit geleistet haben."

Porträt von Lamya Kaddor im Studio der ARD-Sendung "Anne Will" (dpa / Karlheinz Schindler)Die Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor. (dpa / Karlheinz Schindler)Lamya Kaddor vom Liberal-Islamischen Bund kann Albogas Argumentation teils durchaus nachvollziehen. Was allerdings die Herkunft der Imame betrifft, so plädiert sie für einen deutlich anderen Weg: "Bis zu einem gewissen Grad hat er natürlich Recht, wenn er sagt, wir haben doch bisher auch relativ gute Arbeit geleistet. Das stimmt. Sie haben sehr gute Arbeit geleistet. Gerade auch für unsere Eltern- oder Großelterngeneration. Aber sie reichen nicht mehr aus, um jüngere Menschen, deutsche Muslime, zu erreichen, die in der dritten, vierten Generation schon geboren sind. Wenn wir Geistliche aus aller Herren Länder importieren, und die versuchen dann mit ihrem Duktus, mit ihrer Didaktik, mit ihrer Sprache an diese Jugendlichen zu kommen. Das werden sie nicht hinbekommen. Es müssen hier ausgebildete Imame sein, die auch die Verhältnisse hier kennen. Denn wir sehen auf der anderen Seite auch, warum Salafisten so erfolgreich sind. Doch sicherlich auch, weil die Arbeit der Moscheegemeinden ein stückweit versagt hat."

Immer wieder ist deshalb in den vergangenen Monaten darüber diskutiert worden, ausländische Hilfe für deutsche Moscheevereine zu stoppen. Es gebe inzwischen doch auch, so heißt es, islamische Theologen, die ihre Ausbildung in Deutschland erhalten hätten. Gleichwohl: Ihre Zahl ist noch sehr gering, und ohne die Zustimmung der Verbände können sie nicht als Imame arbeiten. Aiman Mazyek, der Vorsitzende des Zentralrats, macht noch auf eine andere Schwierigkeit aufmerksam.

"Wer A sagt, muss auch B sagen. Die DITIB beispielsweise organisiert ein Großteil der Imame aus der Türkei und finanziert sie. Wenn man sagt, okay, wir wollen dieses System so nicht mehr haben - und da gibt es durchaus Gründe dafür, das zu sagen - dann müssen wir uns auch die Frage gefallen lassen: Wie finanzieren wir die? Wie organisieren wir das hier in diesem Land? Und da ist der Zentralrat gerne bereit mitzumachen."

Die muslimischen Verbände vor einem Umbau

An dieser Stelle dürften wohl Bund und Länder gefordert sein. Denn, wenn die ausländische Unterstützung wegfällt, so sagt Aiman Mazyek, sind die finanziellen Möglichkeiten der deutschen Moscheegemeinden sehr gering: "Wir sind keine Kirche als Körperschaft und kriegen [keine] staatliche Zuwendungen zum Beispiel für die Präventionsarbeit in der Jugendarbeit. Das müssen die alles selber aus der eigenen Hüfte schneiden."

Die muslimischen Verbände, so scheint es also, steuern zurzeit auf einen Umbau zu. Hierbei geht es um neue Finanzierungsmodelle der Gemeinden und ihrer Dienste ebenso wie um Fragen nach der Anerkennung als Religionsgemeinschaft, der Beschaffenheit des islamischen Religionsunterrichts und nicht zuletzt der innermuslimischen Repräsentation. Kein Wunder, dass der Islamwissenschaftler und Jurist Mathias Rohe von der Uni Erlangen anmerkt:

"Im Moment sind wir in Deutschland, glaube ich, in der Situation, dass Claims abgesteckt werden, was so die Kooperation zwischen Staat und Organisation angeht. Und ich denke, da geht's da so unheilig zu, wie ich das von meiner Kirche kenne, wenn's um Geld und Posten geht."

Doch bevor unter Muslimen in Deutschland um Positionen, Finanzen und Einflüsse gerungen wird, sollte nach Ansicht von Lamya Kaddor noch eine andere Frage ins Visier genommen werden – eine Frage, die angesichts wachsender Islamkritik immer wichtiger wird: "Ich glaube, es wird kein Weg daran vorbeiführen, dass wir Muslime uns auch darüber streiten müssen, wie wir den Islam eigentlich verstehen."

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