Sonntag, 27. November 2022

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Islamistischer Terror
Offensive gegen IS langsamer als erhofft

Die Offensive der Anti-IS-Koalition ist nach den Erfolgen der vergangenen Monate ins Stocken geraten. Dabei gilt der Kampf um Tikrit als Nagelprobe für eine Großoffensive in Mossul. Militärisch könnte der IS dort sogar besiegt werden. Viel schwerer wiegt die Frage, wie er ideologisch zu schlagen ist.

Von Björn Blaschke | 09.03.2015

    Das irakische Militär bei der Großoffensive gegen die Terrormiliz Islamischer Staat mit Militärfahrzeugen und Raketen.
    Nagelprobe in Tikrit: Lässt sich die IS-Terrormiliz besiegen? (AFP / YOUNIS AL-BAYATI)
    Alles geschieht fast gleichzeitig. Eine Stichflamme erstrahlt. Kurz. Gleißend. Die Rakete fliegt aus dem Lauf. Dröhnend. Der schwere Lkw, auf den die Abschussvorrichtung installiert ist, schwankt. Und schon fliegt das nächste Geschoss. Und das nächste ...
    Minen bremsen den Vormarsch in Tikrit
    Die Rückstöße des Raketenwerfers sind enorm. Ungleich stärker als die Rückstöße, die die Anti-IS-Koalition bisher den islamistischen Terroristen versetzte. Seit einigen Tagen läuft die Offensive gegen den IS in Tikrit – aber langsamer als gehofft, weil - wie es heißt - Minen den Vormarsch bremsen. Die rund 30.000 Vorrückenden - irakische Soldaten und mit ihnen verbündete schiitische und sunnitische Milizionäre - haben mehrere kleinere Ortschaften rund um Tikrit eingenommen. Doch nun müssen Spezialisten jedes einzelne Haus auf Sprengfallen untersuchen - wie dieser Mann erklärt: "Wir gehören zum Ingenieur-Corps des bewaffneten Arms der Badr-Organisation. Wir haben das Haus gestürmt und durchsucht, um den Vormarsch unserer Kräfte zu sichern."
    Übermacht der Iraker und US-Angriffe haben IS geschwächt
    Der Plan: Die Einheiten der irakischen Regierung sollen die IS-Terroristen in Tikrit einkreisen, belagern, ihnen die Nachschubwege abschneiden. Über kurz oder lang ist ein Häuserkampf in der Stadt absehbar. Eine Auseinandersetzung, die lang und zermürbend werden kann. Aber: US-Militärs, die an der Schlacht um Tikrit nicht beteiligt sind, zeigen sich überzeugt, dass die irakischen Regierungseinheiten militärisch siegen werden. Ihr Argument: Die Übermacht der Iraker ist einfach zu groß, und die fortwährenden Luftangriffe US-amerikanischer und anderer ausländischer Kampfjets haben den IS geschwächt.
    Seit dem Sommer ist die US-Luftwaffe Tausende Angriffe gegen Stellungen der Militanten geflogen. Erstmals vergangenen August im Irak, als die Islamisten auf Erbil, die Hauptstadt des kurdischen Autonomiegebietes, marschierten. Der IS konnte von Erbil zurückgedrängt werden. Dann griffen unter anderem die US an der Seite kurdischer Kämpfer ein, als im Sinjar-Gebirge der Minderheit der Jeziden ein Blutbad drohte. In Syrien bombardierten US-Jets ebenfalls, womit sie wohl verhinderten, dass die kurdische Stadt Kobane in die Hände der Islamisten fiel. Und am zurückliegenden Wochenender konnten irakische Regierungseinheiten al-Baghdadi einnehmen - flankiert von Bombardements amerikanischer Jets. Der Ort liegt am Euphrat - ganz in der Nähe eines US-Ausbildungslagers für irakische Soldaten.
    IS hat Ruf der Unbesiegbarkeit längst verloren
    Erbil, Sinjar, Kobane, aber auch Beiji sowie einige andere Orte; und eben zuletzt al-Baghdadi - der IS hat auf verschiedenen Schlachtfeldern längst den Ruf der Unbesiegbarkeit verloren; seine Militanten konnten zurückgestoßen werden, sobald irakische oder syrische Bodeneinheiten von internationaler Seite aus der Luft Unterstützung erhielten. In Tikrit aber wollen die irakischen Regierungseinheiten - Soldaten wie Milizionäre - beweisen, dass sie auch ohne ausländische Hilfe stark sind gegen den IS. Der Kommandant einer schiitischen Miliz erklärte denn auch unlängst voller Stolz: "Bei keiner Operation rund um Tikrit haben wir die Hilfe der internationalen Koalition in Anspruch genommen. Brüder der irakischen Luftwaffe haben sich beteiligt und wir schulden ihnen Dank und Anerkennung."
    Der Kampf um Tikrit gilt als Nagelprobe für eine Großoffensive gegen den IS in Mossul. Militärisch ist der IS wohl selbst in der zweitgrößten Stadt des Irak zu besiegen. Die Frage ist nur, wie die Organisation ideologisch zu schlagen ist.