Mittwoch, 30. November 2022

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Islamkritik im Iran
Kyros der Große kehrt zurück

In der Islamischen Republik Iran sind viele Menschen enttäuscht vom Staatsislam. Aber Kritik daran kann schnell zu Problemen führen. Eine Möglichkeit ist jedoch die Rückbesinnung auf die iranische Geschichte – zum Beispiel auf Kyros den Großen, der zu einem anti-islamischen Symbol junger Iraner wird.

Von Reinhard Baumgarten | 03.01.2017

    Die Emamzadeh Saleh Moschee in Tehran.
    Die Emamzadeh Saleh Moschee in Tehran. (AFP / Atta Kenare)
    "Kyros ist unser Vater, der Iran ist unser Land", ruft die Menschenmenge. Zehntausende Menschen haben sich in Pāsārgād im südlichen Zagros-Gebirge versammelt. Am Grabmal von Kyros dem Großen huldigen sie dem König des altpersischen Achämenidenreiches. Es ist mehr als eine Huldigung.
    "Freiheit des Denkens ist mit Bart und Wolle nicht möglich", rufen die Menschen unter Anspielung auf die Herrschaft der Geistlichen in ihrem Land. Die Versammlung am Grab von Kyros habe viele im Herrschaftsapparat ins Grübeln gebracht, erklärt Sadegh Zibakalam. Der Politikwissenschaftler von der Uni Teheran ist einer der führenden liberalen Intellektuellen Irans.
    "Kyros ist unser Vater"
    "Die Herrschaft konnte sich nicht vorstellen, dass sich bis zu 50.000 Menschen dort versammeln", erklärt Zibakalam. "Sie kann auch keine ausländische Macht wie die USA oder die ‚Zionisten‘ dafür verantwortlich machen."
    "Kyros ist unser Vater, alle Völker Irans sind seine Soldaten", deklariert ein Kyros-Verehrer auf Arabisch. Dann fährt er auf Persisch fort: "Kurden aus Sanandaj und Kermanshah, Aseri aus der Provinz Azerbaidschan, Araber aus Khuzistan - sie alle verehren Kyros den Großen."

    "Wer hat denn für Kyros geworben?", fragt Zibakalam. "Es sind keine Bücher über ihn veröffentlicht und gelesen worden. Kyros ist zu einem Symbol der Ablehnung des Regimes geworden."
    Das Grab von Kyros dem Großen in Pasargard
    Das Grab von Kyros dem Großen in Pasargard (Stock.XCHNG / Mira Pavlakovic)
    Was am Grab des Achämenidenkönigs aus dem 6. Jahrhundert vor Christus zu hören war, lässt die Alarmglocken bei den Herrschenden der Islamischen Republik laut läuten. "Wir sind Arier und beten keine Araber an", rufen die Menschen am Grab von Kyros dem Großen.
    "Kyros und Islam haben keine Gemeinsamkeiten"
    Das neuspersische Reich der Sasaniden wurde in der ersten Hälfte des 7. Jahrhunderts nach und nach von arabischen Heeren unterworfen. Es folgten Jahrzehnte blutigen Widerstands mit drakonischen Strafmaßnahmen durch die muslimischen Eroberer. Persien wurde schließlich weitgehend islamisch. Seit der Revolution von 1979 ist der Islam stärker denn je Richtschnur für die Herrschenden des Landes.
    "Vor 37 Jahren, als die Revolution losging, hat man Kyros keine Bedeutung beigemessen", erklärt Zibakalam. "Die heutige Gesellschaft sollte eigentlich sehr islamisch und gläubig geworden sein, denn alles ist ja hier islamisch: Die Führung, der Präsident, das Parlament, die staatlichen Medien und die Universitäten – einfach alles. Wir wissen sehr genau, dass es zwischen Kyros und dem Islam keine Gemeinsamkeiten gibt."
    Shāh-e Shāhān – König der Könige wird Kyros der II. genannt. Direkt nach der Revolution sollte sein Grabmal geschleift, die Erinnerung an ihn gelöscht werden. Tausende Menschen stellten sich den Abrisstruppen damals in den Weg. Dann herrschte lange Schweigen. Die Erinnerung an alte Größe kommt nun in Zeiten wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Krise zurück.
    "Vom Islam enttäuscht"
    "Die zweite und dritte Generation nach der Islamischen Revolution – sie sind vom Islam enttäuscht", sagt Zibakalam. "Sie suchen nach Ersatz. Für meine Generation war der Islam die Antwort. Die jungen Menschen von heute werden wegen ihrer Islam-Enttäuschung so lange suchen, bis sie etwas Anderes gefunden haben."
    "Alles ist Gottes Wille, aber alles Unheil kommt von den Arabern", skandiert die Menschenmenge. Worte, die im Land der Velayat-e Faqih – der Herrschaft des Rechtsgelehrten – wie reinste Blasphemie klingen. Eine Minderheit äußere sie, räumt Sadegh Zibakalam ein. Aber diese Minderheit bringe Gefühle vieler vor allem junger Menschen zum Ausdruck:
    "Die Generationen nach der islamischen Revolution glauben nicht mehr an die Politik der Führung. Wenn die Herrschenden hier von Hizbollah-Chef Hassan Nasrallah sprechen, dann sagen sie, wer ist das überhaupt? Die Herrscher sprechen von Hamas und die anderen sagen: Hamas, was bitteschön ist das. Die Führung sagt, die USA sind unser Feind. Die andere Seite sagt, nein, das sehen wir nicht so."
    Die Kluft zwischen Herrschaft und Volk sei groß, sagen viele im Iran. Die Herrschaft folge den Vorgaben Gottes und diene dem Volk, das hingegen sagen die Herrschenden.